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Ekkehard Martens (2000). Der Faden der Ariadne oder Warum alle Philosophen spinnen, Leipzig, Reclam, 119 S.Dietmar Osthus (osthus@uni-bonn.de) Eines vorweg: viel zu selten paart sich das Talent, sinnvoll über Metaphern zu schreiben, mit dem, in schönen Metaphern zu schreiben. Der Verfasser des als Taschenbuch erschienen Bändchens, Professor für Didaktik der Philosophie und der Alten Sprachen, beherrscht dies in außergewöhnlicher Weise. Freundinnen und Freunden schön geschmiedeter sprachlicher Bilder sei das Buch uneingeschränkt anempfohlen. Nun macht die Substanz eines Textes aber mehr aus als sprachliche Ästhetik: Dass Philosophen Metaphern gebrauchen, um im Rahmen einer philosophischen Doktrin die Welt, den Menschen und das, was alles zusammenhält, zusammenzubringen, ist nahezu selbstverständlich. Dass sich Philosophen über Metaphern Gedanken machen, sie hinterfragen, kritisieren, als Nebelwerk verdammen oder auch als unentbehrliches Handwerkszeug preisen, gehört ebenfalls zu den Traditionen der Geistesgeschichte. Weniger gewöhnlich ist es indes, die von Philosophen und Linguisten entwickelten Einsichten in die Bedeutung der Metapher für unseren nicht nur sprachlichen Alltag dergestalt anzuwenden, dass etwas so Umfassendes wie die Geschichte der Philosophie durch den Filter einer einzigen Leitmetapher - Pate für diesen Begriff stehen hier in erster Linie Blumenbergs Metaphorologie sowie Lakoff/Johnsons Metaphors We Live By - aufbereitet wird. In einem knappen einführenden Abschnitt (S.9-15) werden Grundbegrifflichkeiten der Metapherntheorie vorgestellt und gleichsam die gewählte Methodik sinnvoll begründet. Die für die Philosophiegeschichte vom Verf. gewählte Leitmetapher ist die des Spinnens, wobei hier innerhalb des Bildfeldes GEDANKEN SIND (ZU VERKNÜPFENDE UND FORTZUSPINNENDE) FÄDEN ein beeindruckender Muster- und Variantenreichtum deutlich wird. Natürlich wird - wie im Titel bereits angedeutet - mit der im Deutschen gängigen Alltagsmetapher des Spinnens gespielt. Dieser fast verblasste metaphorische Ausdruck wird remotiviert, indem er mit antiken und orientalischen Mythen sowie mit Einsichten in die Kulturgeschichte des nicht-metaphorischen Spinnens verbunden wird: So knüpft die Spinn- und Spinnensemantik ihrerseits die Verbindungsfäden eines in sich höchst komplexen metaphorischen Netzwerks. Dabei ist kennzeichnend, wie die Grenzen etwa eines Weinrichschen Bildfelds (Weinrich 1976) in vielfacher Hinsicht überschritten werden, denn nicht nur die Spinntätigkeit - mal mit, mal ohne Übertragung von der tierischen auf die menschliche Tätigkeit - wird auf der Bildspenderebene samt möglicher Projektionen auf den Bildempfänger der Gedankenwelt ausführlichst betrachtet, sondern das Spinnen, die Spinnen und die Spinner werden ebenso ganz ‘eigentlich’, d.h. als Bildempfänger thematisiert. Das vorliegende Buch versteht sich zwar nicht als ein Beitrag zur Metapherntheorie - eher wird ja die Theorie hier praktisch angewendet -, doch lassen sich gerade aus den Wendungen, Drehungen und Wandlungen der Spinnenmetaphorik auch wichtige Einsichten etwa in die Diachronie oder die wechselseitigen Übergänge von Bildfeldern bzw. - im Lakoffschen (Lakoff/Johnson 1980) Sinne - konzeptuellen Metaphern gewinnen. Das Ordnungsprinzip des Textes ist generell chronologisch - angefangen wird beim Ariadne-Mythos der griechischen Götterwelt und mit Wittgensteins Sprachspielen wird thematisch die Philosophiegeschichte abgerundet -, doch finden sich in allen Abschnitten viele Querverweise auf aktuelle Diskussionen oder zeitgenössische Anekdoten, womit einem etwaigen teleologischen Diskurs eine klare Absage erteilt wird. Am Anfang steht die Deutung des Spinnens als den Göttern abgetrotzte handwerkliche Fähigkeit. Der Wettkampf zwischen Arachne (bzw. in lateinischer Tradition Ariadne) und Athene wird analog zum Prometheus-Mythos als ein ”Kapitel im Kampf der Menschen um ihr schöpferisches Denken und Handeln” (S.24) angesehen. Die Spinntätigkeit repräsentiert somit metonymisch die kreative Schaffenskraft des Menschen. Zentral ist die Interpretation des Spinnens und Fortspinnens als Sinnbild für den sokratischen Dialog. Diese Metapher erhält ihre volle Bedeutung durch die Verbindung zweier Teilbilder: zum einen geht es beim Spinnen darum, frei an Gedankenstränge etwa des jeweiligen Dialogpartners anzuknüpfen, zum anderen bedeutet dies aber kein loses, ungeordnetes Assoziieren, sondern im Gesamtergebnis zählt die Harmonie und geometrische Geordnetheit des Spinnennetzes, des Geflechts, der Textur. Insofern haften den philosophischen Dialogen auch Systemhaftigkeit und Kunstfertigkeit an. Eine gewisse Vorliebe für diese Diskursform kann der Verfasser nicht verbergen, wenn er etwa auf die Fragilität des metaphorisierten Ariadne-Fadens verweist und betont, dass dem sokratischen Gedankenspinnen immer auch die Skepsis gegenüber den eigenen Ergebnissen innewohnt (S.38). Das sich selbst bewusste Spinnen wird somit zu einem Schutz vor vernunftsenttäuschter Misologie. In einem Ausflug in metaphorische Deutungstraditionen der Psychoanalyse werden das Fangnetz der Spinne wie der Spinnenkuss als Bilder für die Sexualität, die Spinnenphobie als Symptom für ein gestörtes Verhältnis zu derselben vorgestellt (S.46). Im sprachlichen Bild eng verbunden, kommt hier auch die Spindel, mit der sich Dornröschen vergiftet, ins Spiel, die tiefenpsychologisch zweifelsohne im Kontext sexueller Erfahrungen interpretiert werden kann. Die Übergänge zwischen einzelnen Bildfeldern und Teilbildern werden hier jeweils behutsam entwickelt. Das Insekt Spinne, das Handwerk des Wollspinnens, die Spindel und ihr Faden werden eingebunden in eine vielfach miteinander verstrickte metaphorische Deutung der Philosophiegeschichte. Das Buch ist dennoch durchaus etwas anderes als eine über die Spinnenmetaphorik didaktisch aufbereitete Fassung von Sofies Welt (Gaarder 441998) oder der Philosophischen Hintertreppe (Weischedel 302000). Zum einen werden durch die Wahl der zwar ausgedehnten, aber dennoch begrenzten Leitmetapher des Spinnens wesentliche Aspekte der Welterklärung natürlich ausgeblendet. Wenn es im sicher auch amüsant gemeinten Titel heißt, alle Philosophen spönnen, bedeutet dies ja nicht, sie täten nur dies. Zum anderen führt die Wahl der Spinnenmetaphorik auch zu über die reine Philosophiegeschichte hinausreichenden Erkenntnissen, so zur Technikgeschichte des Spinnens und Webens, zu einer Motivgeschichte der Spinne in der Literatur oder zu satirischen Schilderungen Jonathan Swifts über Bestrebungen der britischen Royal Society, Seidenraupen durch Spinnen ersetzen zu wollen (S.72f.). Gerade an diesen peripheren Details wird eine solide Recherche des Verfassers offenbar, sein Kenntnisreichtum lässt auf höchste Gelehrsamkeit und Belesenheit schließen, was einen wichtigen Anteil am Lesevergnügen hat. Ein wenig zu schaffen macht jedoch mitunter die Unvermitteltheit, mit der einzelne Gedankenstränge miteinander verbunden werden. Als ein Beispiel dafür sei folgende Aussage herausgegriffen: ”Das Hervorgehen der Welt aus einem gemeinsamen Urgrund und ihre Rückkehr dorthin ist ein alter Gedanke auch der griechischen Philosophie, vor allem bei Plotin; derselbe Grundgedanke findet sich in säkularisierter Form noch in der Entfremdungstheorie von Karl Marx wieder” (S.76). Langsam gelesen und dreimal überdacht erweisen sich derartige Sätze als sehr klug; nur wird wohl nicht jeder Leser oder jede Leserin gleich das dichte Knäuel der Gedankenfäden auf Anhieb entwirren können. Das Zielpublikum ist daher wohl weniger der völlige philosophische Laie als der im besten ursprünglichem Sinne gelehrte und gelehrsame Dilettant. Ein sympathischer Zug ist es, der akademischen Philosophie nahezu sakrale Texte in einen mitunter sehr profanen Zusammenhang einzubinden, etwa wenn die indische Philosophie, die Sozialgeschichte des Kolonialismus und die indische Nationalflagge, die das Spinnrad als metonymisches Symbol für produktive Autonomie enthält, nicht nur anekdotisch miteinander verknüpft werden. Dass hier auch dankbares partytaugliches small-talk-Wissen vermittelt wird, ist per se nicht zu beanstanden. Ein wenig kann nach der Lektüre allerdings der Eindruck entstehen zwar eine sehr gelehrsame Abhandlung gelesen, aber nicht wirklich Entscheidendes gelernt zu haben. In jedem Fall ist das Buch ein schönes Beispiel für die lustvoll-gelehrsame Auseinandersetzung mit einer Metapher bzw. - genauer - einem eng miteinander vernetzten Bildfeldkontinuum. Das Schlussresümee (S.103-112) ist ein Plädoyer für das Weiterspinnen der Gedanken. Lust dazu macht das Buch auf jeden Fall, gut geschrieben ist es, und als Taschenbuch auch bei schmalem Geldbeutel erschwinglich. Und ein Effekt stellt sich im Nachhinein auf jeden Fall ein: Spinner hört endlich auf, ein Schimpfwort zu sein. Bonn, im Oktober 2001 Dietmar Osthus LiteraturGaarder, Jostein (441998): Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie (aus dem Norweg. von Gabriele Haefs), München. Lakoff, George/Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By, Chicago. Weinrich, Harald (1976): Sprache in Texten, Stuttgart. Weischedel, Wilhelm (302000): Die philosophische Hintertreppe: 34 grosse Philosophen in Alltag und Denken, München.
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