metaphorik.de 02/2002

                   

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Christian Begemann/David E. Wellbery (edd.), 2002. Kunst – Zeugung – Geburt. Theorien und Metaphern ästhetischer Produktion in der Neuzeit, Freiburg i. B., Rombach Verlag, 423 S. 

Nikola Roßbach (n.rossbach@arcor.de)

Kunst – Zeugung – Geburt: Der Band versammelt sämtliche Vorträge einer von den Herausgebern organisierten Tagung (München, 4.-7.4.2000). Thematisiert wird der Zusammenhang zwischen den diskursiven Feldern der natürlich-biologischen Fortpflanzung und der kulturell-künstlerischen Produktion. Dieser Zusammenhang ist kulturgeschichtlich und ästhetisch von zentraler Bedeutung – David E. Wellbery geht soweit zu behaupten, “daß jede gediegene Kunsttheorie die Spuren einer Embryologie trägt, und umgekehrt”.[1] Verhandelt werden Denkmodelle, die biologische und kulturelle Zeugung aufeinander beziehen – von Platons Theorie des Eros bis zu Peter Greenaways Film The Pillow-Book.

Mit Aufsätzen aus Germanistik, Romanistik, Altphilologie und Komparatistik verfolgt der voluminöse Band ein interdisziplinäres, dezidiert kulturgeschichtlich orientiertes Konzept. Eine Rezension muss selektiv vorgehen, was angesichts der durchgängig hohen Qualität der Beiträge zu bedauern ist.

Ein Schwerpunkt soll auf dem Einführungstext des ausgewiesenen Metaphorikforschers[2] David E. Wellbery liegen: “Kunst – Zeugung – Geburt. Überlegungen zu einer anthropologischen Grundfigur” (S. 9-36). Anders als die anderen eher autoren- und werkbezogenen Studien skizziert der äußerst komplexe, material- und kenntnisreiche Beitrag die kulturgeschichtlichen bzw. ‑semiotischen “Konturen einer längerfristigen Entwicklung des Topos” (S. 21) und führt sie an den Umbruchzeiten um 1800 und 1900, insbesondere am jungen Goethe und an Nietzsche, beispielhaft vor.

Mit Hegels ‚Theorie des Imaginären’ stellt Wellbery exemplarisch ein Denkmodell vor, in dem Zeugung und Kunstproduktion metaphorisch verschränkt werden. Hegel wertet die (etwa in der altindischen Mythologie ausgeprägte) Zeugungssemantik massiv ab: “als metaphorisches Substitut für das eigentlich Gemeinte – nämlich: die freie geistige Hervorbringung” (S. 12). Sein Schema sieht vor, dass idealerweise die körperlich-sexuelle Metaphorik zugunsten des in einer erhabenen Symbolik rein hervortretenden geistigen Schaffens abgestreift wird.

Strukturbestimmend für den Komplex Kunst – Zeugung – Geburt ist stets die Natur/Kultur-Dichotomie. Die Opposition beider betont Hegel, der die Zeugungssemantik auf ein ‚bloßes’ metaphorisches Substitut reduziert. Seine Auffassung korreliert – das unterschlägt Wellbery an dieser Stelle – mit einem bestimmten Metaphernmodell: dem substitutionstheoretischen Ansatz. Andererseits wird die Natur/Kultur-Opposition durch Herstellung von Sinnbezügen, durch die wechselseitige Beschreibung der Bildbereiche suspendiert: Hier greift das interaktionstheoretische Metaphernmodell, das die Amalgamierung von Bildspender und Bildempfänger beschreibt und den metaphorischen Prozess nicht unilinear-zielgerichtet, sondern als dynamisches Wechselverhältnis auffasst.

Benennt Wellbery die beiden Metaphernmodelle, zu denen sich Analogien anbieten, bewusst nicht? Er erklärt stattdessen, der ”Komplex Kunst – Zeugung – Geburt [sei] als ein Topos zu begreifen, an dem die paradoxe Einheit der semantischen Unterscheidung Natur/Kultur verhandelt wird” (S. 13, Hervorh. im Orig.). ‚Topos’, ‚Komplex’ und ‚Figur’, ‚Sinnkonfiguration’, ‚semantische Verdichtung’ und ‚anthropologische Grundfigur’: die zahlreichen Bezeichnungen für ‚Kunst – Zeugung – Geburt’ bedingen eine gewisse terminologische und semantische Vagheit. Diese ist möglicherweise gewollt. Zweifellos möchte der Verfasser den Zusammenhang beider Bereiche nicht auf eine metaphorische Relation verengen; nur unter anderem gehört für ihn zur Erforschung des Komplexes Kunst – Zeugung – Geburt die Metaphernanalyse.

Generell tendiert Wellbery zu poststrukturalistischen Ansätzen, die, wie er schreibt, “die wichtigste Funktionsleistung der Metapher gerade in der Thematisierung semantischer Paradoxien sehen” (S. 14). Er distanziert sich von metapherntheoretischen Konzepten, die die Bereiche als klar getrennt auffassen und die Metaphorisierung “als nachträglich hergestellte, der Veranschaulichung dienende semantische Relation” (S. 16) verstehen.[3] Stattdessen spricht er – zumal im Hinblick auf Kunst – Zeugung – Geburt – “von einer ursprünglichen Verflechtung der semantischen Bereiche und einer unhintergehbaren Interferenz der Diskurse” (S. 16).

Besondere Beachtung verdient eine Hauptthese Wellberys: der Übergang vom metaphorischen zum informationstheoretischen Paradigma. Als ‚Präzedenzfall‘ dient der Physiker Johann Wilhelm Ritter (1776-1810), der die Kunst als biologisches Phänomen ansieht und auf die Aufhebung der Natur-Kunst-Unterscheidung und damit der Metaphorizität zielt. Indem Ritter sowohl dem natürlichen als auch dem kulturell-künstlerischen Bereich analog die Reproduktion von Formen, die ‚Information’, zuordnet, ersetzt er das metaphorische Beschreibungsmodell durch ein informationstheoretisches. Wellbery sieht Ritter am Anfang einer Linie, die bis zur aktuellen Erforschung künstlichen Lebens und der Entzifferung des menschlichen Genoms reicht – und führt damit die Brisanz informationstheoretischer (anstelle metaphorischer) Erklärungsmodelle auch und gerade heute vor.

Neue Welt – neue Sprache: Wenn ‚natürliche’ Lebensbereiche technologisiert werden, wenn die Grenze zwischen Natur und Kultur, Biologischem und Geistigem zunehmend in Frage steht, gehen damit sprachliche, diskursive, semantische Transformationen einher, etwa Prozesse der Metaphorisierung und Entmetaphorisierung. Wellbery spricht von einer “gewaltige[n] Reorganisation kultureller Semantiken” (S. 36).

Die folgenden Beiträge des Bandes sind inhaltlich und methodisch breit gefächert.

Glenn W. Most macht “Sechs Bemerkungen zum platonischen Eros” (S. 37-49). Ebenfalls um den Eros geht es Andreas Kablitz in “Die Natur des Eros und der Eros der Natur. Ethik und Schöpfung in Dantes ‚Commedia‘” (S. 51-87). In Dantes Epos sieht er Ethik und Metaphysik, Liebe und Schöpfung, Handlungstheorie und Schöpfungslehre auf spezifische Weise neu in Beziehung gesetzt und dadurch eine Metaphysik im Zeichen der Erlösung realisiert.

Ein Beitrag, der mit einem interdisziplinären, kulturwissenschaftlichen Ansatz besonders ernst macht, der Technik-, Wissenschafts- und Mediengeschichte integriert und der, ohne die Qualität der anderen schmälern zu wollen, meines Erachtens zu den interessantesten des Bandes gehört, ist der von Albrecht Koschorke: “Inseminationen. Empfängnislehre, Rhetorik und christliche Verkündigung” (S. 89-110). Im Mittelpunkt von Koschorkes Ausführungen steht die Zeugungslehre des britischen Arztes William Harvey (1578-1657), der eine Lücke im Zeugungsgeschehen entdeckt haben will: Für eine bestimmte Zeit nach der Zeugung und vor der Empfängnis, so behauptet Harvey, befinde sich im Uterus keine vom Vater herrührende Materie mehr, nur eine reine Form oder Idee, die sich mit zeitlicher Verzögerung in die mütterliche Matrix einpräge. So verschränken sich bei Harvey empirisch-medizinischer Diskurs und aristotelische Philosophie, durchkreuzen sich ‚nüchterner Duktus des Anatomen‘ und Stilregister der “Sprachlosigkeit, des philosophischen Staunens” (S. 91): “In die Kausalkette der leiblichen Reproduktion, zwischen Geschlechtsakt und Empfängnis, hat sich ein Intervall der Göttlichkeit geschoben” (S. 96). Harvey setzt Uterus und Gehirn bezüglich Funktion und Struktur analog. Wenn intellektuelle Vorgänge den biologischen Zeugungsakt nachahmen und umgekehrt Koitus und Empfängnis zu intelligiblen Akten werden, dann zielt das – siehe weiter unten Pfotenhauer und Campe – auf eine Physiologisierung der Kunst(theorie).

Koschorke spürt verschiedene Denktraditionen in Harveys Konzeptionslehre auf: einerseits die christliche Schöpfungslehre von Kirchenvätern und Scholastikern, die ebenfalls von einem nicht lückenlosen körperlichen Zeugungsgeschehen ausgeht,[4] andererseits die klassische Rhetorik, die Kommunikation als Machtbeziehung in sexualontologischer Terminologie beschreibt. So wie später Harvey biologische und kulturelle Zeugung nicht nur als metaphorisch ineinander gespiegelt, sondern als verwandt auffasst (S. 94), handelt es sich im System der klassischen Rhetorik um eine über einen metaphorischen Bezug hinausgehende funktionelle Gleichartigkeit zwischen Kommunikation und Befruchtung – bis hin zur Identität in dem stoischen Begriff logos spermatikos. Unschwer lassen sich hier Parallelen zu der von Wellbery diagnostizierten ‚Aufhebung der Metaphorizität‘ erkennen. Koschorke stellt heraus, dass diese strukturelle und funktionale Analogie quer zum Körper-Geist-Dualismus der abendländischen Metaphysik steht. Wenn Wort und Samen analog über materielle Träger eine geistige Substanz transportieren, überbrücken sie den “metaphysischen Graben zwischen den binären Termen Materie und Geist; beide arbeiten der weltlichen Ausbreitung des logos zu – seiner Vervielfältigung, Streuung und Insemination” (S. 102).

Die metapherntheoretischen Überlegungen, die in diesem Aufsatz eigentlich eine untergeordnete Rolle spielen, ähneln frappant denjenigen Wellberys. Zum einen impliziert die in der Rhetorik diagnostizierte Entdifferenzierung, gar Identifizierung von Samen und Wort, Körper und Geist, Natur und Kultur – konsequent weitergedacht – die Aufhebung der Metaphorizität. Und zum anderen zielt auch Koschorkes Argumentation auf das informationstheoretische Paradigma: Durch die Informationstheorie sei “ein neuer gemeinsamer Nenner für Reproduktion und Kommunikation gefunden” (S. 110).

Christopher J. Wild nimmt an dem barocken Trauerspiel Agrippina (1665) Daniel Casper von Lohensteins die Dichotomien von Zeugung und Selbstzeugung, von mütterlichem Leib und männlichem Subjekt, von Inzest und Muttermord in den Blick. Er weist nach, wie sich der Prozess der imperialen phantasmatischen Selbstsetzung Neros, der Inzest und Muttermord impliziert, am Ende in Selbstzersetzung verkehrt (“Neros Kaiserschnitt. Das Phantasma der Selbstgeburt absoluter Macht in Lohensteins ‚Agrippina‘”, S. 111-149).

Cornelia Blasberg untersucht in “Werkstatt am ‚Strom’ oder: Das Dädalus-Syndrom. Produktionsphantasien im Göttinger Hain” (S. 151-175) Kreativitätsmetaphern und Produktionskonzepte des Göttinger Hains. Der quer zum Genie-Diskurs verlaufende Werkstatt-Diskurs dieser Dichtergruppe entwirft, etwa durch die Wasser- und Strommetaphorik, ein transpersonales, nicht durch Innovation definiertes Kreativitätskonzept.

Heinrich Bosse und Johannes Friedrich Lehmann fokussieren in “Sublimierung bei J. M. R. Lenz” (S. 177-201) die wirkungs- und kommunikationsästhetischen Momente der Lenzschen Kunsttheorie; Schlüsselfunktion erhalten dabei Termini wie ‚energetische Rückkopplung‘, ‚Energiequelle‘ und ‚Energietransfer‘.

“Apoll und Armpolyp. Die Nachbarschaft klassizistischer Kreationsmodelle zur Biologie” (S. 203-224) ist eine Studie zu Johann Joachim Winckelmann und Karl Philipp Moritz. Helmut Pfotenhauer arbeitet insbesondere die Widersprüchlichkeit der Moritzschen Kunst- und Kreativitätstheorie heraus: Trotz Bekenntnisses zu Immanenz und Autonomie der Kunst bleibt die Rückbindung an das große Ganze der Schöpfung wirksam; die Metaphysik nimmt die Selbstständigkeit der Kunst, die durch biologische Modelle der organischen Bildung des Kunstwerks und der zeugungsmächtigen Kreativität des Künstlers bestärkt wird, wieder zurück.

Auch Rüdiger Campe beschäftigt sich mit Moritz‘ ästhetischen Anschauungen, auch er sieht deren Ambivalenz (“Zeugen und Fortzeugen in Karl Philipp Moritz’ ‚Über die bildende Nachahmung des Schönen‘”, S. 225-250). Pfotenhauer spricht von einer ‚Art Physiologie der Kunst‘, Campe von der ‚Physiologisierung der Kunsttheorie‘.

Barbara Vinken stellt die Funktion der Konzepte von fleischlicher und geistiger Geburt – vor allem von geistiger Mutterschaft – in Jules Michelets ideologischer Begründung der französischen Republik heraus (“Wo Joseph war, soll Prometheus werden: Michelets männliche Mütter”, S. 251-270). Die Angst vor der sich Mann und Republik entziehenden Weiblichkeit korreliert mit der Vision eines von allem Weiblichen reinen, von keinem Begehren durchkreuzten männlichen Raumes.

Einen Höhepunkt der ”ästhetische[n] Gebärfreudigkeit des 19. Jahrhunderts” (S. 271) thematisiert Helmut Müller-Sievers in “‚Eine ungeheure Kluft.’ Nietzsche, die Geburt der Tragödie und das Maß der Dichtung” (S. 271-291). Im Kontext gleichzeitig entstandener metrik- und rhythmustheoretischer Aufzeichnungen Nietzsches liest er dessen Geburt der Tragödie neu.

Gerhard Neumann situiert Kafkas Poetologie zwischen den Polen Körper und Schrift, Körperlichkeit und Sprachproduktion: “’Wie eine regelrechte Geburt mit Schmutz und Schleim bedeckt’. Die Vorstellung von der Entbindung des Textes aus dem Körper in Kafkas Poetologie” (S. 293-324). Mit dem Konzept des Körpers als Zeugungsorgan für die Schrift, das wegen des mitzudenkenden biologischen Kontextes von Sohn- und Vaterschaft für Kafka problematisch ist, konkurriert ein artifizielles, die Biologie verleugnendes Zeugungsmuster: das “Schaffensmodell von bricolage und Anagramm, von Künstlichkeit, von gebasteltem Körper, verstellter Schrift und verwirbelten Buchstaben” (S. 323). Kafka schreibt die ”Metapher von der Geburt der Kunst ins Literale” (S. 324) um.

Claudia Öhlschläger analysiert das Virilitätskonzept in Ernst Jüngers Kriegsdarstellungen: “Männliche Selbstzeugungsphantasien, die auf einer Ersetzung weiblicher Gebärfähigkeit basieren und an einer symbolischen Rehabilitation männlichen Machtverlusts orientiert sind [...].” (“’Der Kampf ist nicht nur eine Vernichtung, sondern auch die männliche Form der Zeugung’. Ernst Jünger und das ‚radikale Geschlecht’ des Krieges”, S. 325-351, hier S. 328) Hinter dem grotesken Phantasma des künstlich gezeugten, ‚kriegsgeborenen‘ neuen Menschen spürt die Verfasserin die traumatische Dimension in Jüngers Schreiben, hinter der virilen Herrschaftskonstruktion deren Instabilität auf.

Walter Erhart unternimmt in seiner Studie “Der Germanist, die Dichtung und die ‚nicht mehr zeugungsfähigen Mächte’. Wissenschaftshistorische Anmerkungen zum paternalen Selbstwertgefühl der deutschen Literaturwissenschaft” (S. 353-379) den Versuch, eine spezifisch ‚literaturwissenschaftliche‘ Analyse der Fachgeschichte durchzuführen: “eine Interpretation ihrer Erzählungen und Darstellungsformen, eine Analyse wissenschaftlicher Rhetorik und literaturwissenschaftlicher Stilformen, eine – in Anlehnung an Stephen Greenblatt – ‚Poetik der Wissenschaft‘” (S. 355).

Erhart liest die Zeugungs- und Geburtsmetaphorik als Subtext der Germanistik von ihren Anfängen im frühen 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Überzeugend weist er die Etablierung eines Diskursfeldes durch die “organologische Rede – von Erde und Literatur, von Sprache und Blüte, von Stammland und Familie” nach,

“in dem sich das Verhältnis von Disziplin, Wissenschaft und Literatur, die Wechselwirkungen zwischen Institution, Vertretern und Gegenständen, als eine Geschichte von Organismen erzählen läßt: in Prozessen des Wachstums, der Fortbildung, der Verwandlung, der Zeugung und der Geburt” (S. 357).

Es ist – so eine der eindrücklichen, teilweise etwas redundant eingekreisten Hauptthesen – ein geschlechtsspezifisch geprägtes Diskursfeld.

Der Verfasser richtet sein Augenmerk zu Recht auf die geistesgeschichtlich orientierte Literaturwissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts, die entscheidend zur Durchsetzung der neuen Metaphorik beiträgt. Die geistesgeschichtliche Forschung analogisiert Literatur und Literaturgeschichte und sieht in beiden identische “organologische Prozesse von Zeugung und Geburt, als Begegnung von ‚Natur‘ und ‚Geist‘” (S. 365) am Werk. Irritierenderweise beschreibt Erhart beider Relation explizit als unilineare: als beobachtete lediglich die Literaturwissenschaft die Literatur und gewänne aus der ‚sekundären Bearbeitung‘ ästhetischer Zeugungvorgänge ihre spezifisch männliche Prägung.[5] Dass die literaturwissenschaftliche Metaphorik jedoch mehr ist als eine Ableitung der literarischen Metaphorik, dass es sich eher um wechselseitige Beziehungen und Verflechtungen handelt, belegt indessen Erharts eigene Analyse vielfach.

Welche Aufgabe hat die Germanistik? Wie sehr die geistesgeschichtliche Antwort im Kontext der Zeugungs- und Geburtsmetaphorik steht, wird erkennbar, wenn Literaturwissenschaftler als Beobachter, Teilhaber und Kritiker von Zeugungs- und Geburtsvorgängen, als “Geburtshelfer, Zeugungsgutachter und Taufpaten, [...] als ‚zeugende Mächte‘ und als durchaus konkrete ‚Liebhaber‘ der Muttersprache” (S. 371) inszeniert werden. Unübersehbar ist die männliche Codierung des Literaturwissenschaftlers, der in ein buchstäblich paternales Verhältnis zu seinem weiblich codierten Gegenstand tritt.

Die wuchernde Zeugungs- und Geburtsmetaphorik überdauert den geistesgeschichtlichen Kontext, in dem sie entstanden ist. Sie prägt noch nach 1945 wissenschaftliche und universitäre Diskurse, Strukturen und Institutionen. Sogar die Zäsur, die die Germanistik selbst in den 60er Jahren ansetzt (‚scientific turn‘), wird angesichts der metaphorischen Kontinuität fragwürdig. Erharts offene Frage, ob sich nun “gänzlich neue Metaphern und Erzählungen in die Literaturwissenschaft einschreiben” (S. 377) – er selbst beobachtet an Stelle der Zeugungsmetaphorik eine andere vegetative Metaphorik, die Rede vom ‚Wiederkäuen‘ und ‚Ausstoßen‘ –, lädt zum Weiterdenken ein. Augenzwinkernd könnte man die These des Verfassers, dass Metaphern länger ‚leben‘ als die “ihnen ursprünglich eingeschriebenen Bewußtseinsinhalte” (S. 373), auf seine eigene Wissenschaftssprache anwenden: Die sie prägende Schriftmetaphorik – ‚einschreiben‘, ‚dechiffrieren‘, ‚entziffern‘ – hat ihre Ursprünge wohl noch in der Dekonstruktion. Und dabei haben doch (diese subjektive Bemerkung, die nichts mit Erharts brillanter wissenschaftsgeschichtlicher Metaphernanalyse zu tun hat, sei erlaubt) trendbewusste Germanistinnen und Germanisten das ‚Einschreiben‘ längst hinter sich gelassen und sind über das ‚Inszenieren‘ zum ‚Modellieren‘ vorgedrungen.

Seine über modische Trends hinausgehende volle Berechtigung hat der Terminus ‘Einschreiben’ in dem abschließenden Beitrag von Christian Begemann: “Die Schrift des Körpers und der Körper der Schrift. Anthropologie und Semiotik in Peter Greenaways ‚The Pillow-Book‘” (S. 381-420). Analysiert wird Greenaways Film anhand von Kriterien wie Repräsentation und Mimesis, Medialität und Autorschaft, Bild, Körper und Schrift; er steht für Begemann konträr zu den Entkörperungstendenzen der Schriftkultur und setzt den aus der Schrift ausgeschlossenen Körper wieder in sein Recht.

Lediglich auf die metapherntheoretischen Aspekte der Untersuchung soll kurz eingegangen werden. Der Verfasser sieht Greenaway in einer (mit explizitem Verweis auf Koschorke benannten) historischen Denktradition, die das Verhältnis von künstlerischer Produktion und biologischer Zeugung und Geburt “weniger als ein metaphorisches [...], sondern eher als eines der Gleichartigkeit, wenn nicht überhaupt der prinzipiellen Identität” (S. 383) auffasst. Wenn die Opposition Natur/Kultur, Körper/Geist im Pillow-Book ausgehebelt, wenn die Differenz der Bereiche aufgehoben wird, dann stellt sich die Frage nach der Metaphorizität, denn “es scheint hier gerade nicht um eine semantische Übertragung aus einer Sphäre in eine davon unterschiedene andere zu gehen” (S. 391).

Verwendet Begemann hier einen konventionellen Metaphernbegriff, der von einem unilinearen Transfer von einem semantischen Bereich in einen anderen ausgeht? Könnte man mit einem (poststrukturalistisch orientierten) Metaphernbegriff, der die unhintergehbare Interferenz und Durchdringung der Bereiche integriert, nicht doch noch arbeiten? Vielleicht würde aber auch ein solcher Metaphernbegriff den ‚Witz’ des Films gerade nicht so deutlich konturieren wie ein konventioneller. Am Pillow-Book führt Begemann vor, wie Metaphern – vor allem Körpermetaphern – ‚beim Wort genommen’, ‚literalisiert’ und damit sozusagen entmetaphorisiert werden:

“Greenaway ‚realisiert’ die Metaphern, er setzt sie im Wortsinn ins Bild und erprobt sie [...]. Dieser Verwandlung des Uneigentlichen in seine Buchstäblichkeit verdanken sich gleichermaßen die komischen wie die schaurigen Effekte. Natürlich setzt dieses Verfahren das Erkennen der zitierten metaphorischen Bestände als solcher voraus, es hebt aber zugleich den metaphorischen Charakter der Metapher auf.” (S. 414)

Man könnte also Begemanns hier konventionell anmutendem Metaphernkonzept heuristische Adäquatheit zugestehen: Wenn keine Differenz zwischen ‚eigentlichem’ und ‚uneigentlichem’ Bereich wahrgenommen würde, wäre die Entdifferenzierung der Bereiche, ihre Identifizierung nicht als solche erkennbar und könnte nicht als semantischer Prozess filmisch thematisiert werden.

Zweifellos fokussiert Begemann einen besonders spannenden Aspekt des Phänomens Metapher: die Metaphorisierung bzw. Entmetaphorisierung. Und wenn man eine auffällige ‚metaphernspezifische’ Gemeinsamkeit der Beiträge dieses lesenswerten Bandes benennen wollte, dann wäre es das Interesse an eben diesen dynamischen Prozessen von Metaphorisierung und Entmetaphorisierung, Differenz und Entdifferenzierung, Metaphorizität und Aufhebung der Metaphorizität.



[1] Wellbery, David E.: “Kunst – Zeugung – Geburt. Überlegungen zu einer anthropologischen Grundfigur”, in: Begemann/Wellbery (edd.): Kunst – Zeugung – Geburt, S. 16. Im Folgenden erscheinen die Zitatbelege mit Seitenzahl im fortlaufenden Text.

[2] Vgl. insbesondere Wellbery, David E. (1997): “Retrait/Re-entry: Zur poststrukturalistischen Metapherndiskussion”, in: Neumann, Gerhard (ed.): Poststrukturalismus: Herausforderung an die Literaturwissenschaft, Stuttgart, Weimar.

[3] Der Poststrukturalismus verwirft die Vorstellung von der Metapher als Trägerin eines anderen, figurativen, ‚uneigentlichen’ Sinns ebenso wie die Möglichkeit der klaren Unterscheidung zweier semantischer Bereiche (vgl. Wellbery 1997, zitiert in Fußnote 2).

[4] Auf die spezifisch christliche Umdeutung des antiken Entsprechungssystems biologischer und kulturell-kommunikativer Zeugung – insbesondere auf die hochinteressanten medientheoretischen Ausführungen zur Verkündigungsszene Mariens – kann leider nicht näher eingegangen werden.

[5] Das Beispiel für die zeittypische ‚Inauguration des männlichen Schöpfungsaktes in der Kunst‘, Arthur Schnitzlers Weg ins Freie (1908), erscheint allerdings nicht gut gewählt: Von einem Wandel zum unabhängigen Schöpfer seiner selbst und vom Sieg männlicher Schöpfungsmacht ist in diesem ‚pervertierten‘ Entwicklungsroman wenig zu spüren: Der komponierende Dilettant Georg, dem die Atmosphäre seiner Kunst schon genügt, hat auch am Ende nichts Eigenes geschaffen.

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ISSN 1618-2006