metaphorik.de 03/2002

                    

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Daniel Fulda/Walter Pape (edd.), Das andere Essen - Kannibalismus als Motiv und Metapher in der Literatur, Freiburg im Breisgau 2001, Rombach, 548S.

Dietmar Osthus (osthus@metaphorik.de)

Die Metapher kann sich als wissenschaftliches Thema wahrlich nicht über mangelnden Zuspruch beschweren. Da mutet es manchmal erstaunlich an, wenn Sprachwissenschaftler immer noch ihre Herangehensweise mit dem Nimbus der Neuerung versehen, empirische Studien anmahnen und konzeptuelle metaphorische Netzwerke zu beschreiben suchen, wenn andererseits viele sehr empirisch vorgehende literatur- und kulturwissenschaftliche Metaphernforschungen linguistisch ungenutzt bleiben. Umgekehrt trifft der Vorwurf natürlich in gleichem Maße, wenn vielfach von der Literaturwissenschaft durchaus praktikable linguistische Kategorisierungen weitgehend ignoriert werden. Der vorliegende von Daniel Fulda und Walter Pape edierte Sammelband enthält vielfältigste Erkenntnisse zum Metapherngebrauch, und dies vor allem, weil er Metaphorik und Motivforschung, Prozesse der Legendenbildung und Wissenstransformationen thematisch miteinander verbindet. Die gemeinsame Klammer des Sammelbands ist das Thema des Kannibalismus, das seit der Antike in Legenden, geographischen Traktaten, Reiseberichten genauso wie in Literatur, Theater, bildender Kunst und Kino auftaucht. Die lapidare Bezeichnung des Titels Das andere Essen lässt dementsprechend fragen, ob es sich bei Kannibalismus-Diskursen nicht vielfach auch um eine andere Essensmetaphorik handelt. Diese Frage - also die nach Formen, Funktionen und Funktionsweisen der Anthropophagie in metaphorischen Prozessen - soll im Vordergrund dieser Besprechung stehen, was keine Herabwürdigung der vielen anderen im Sammelband angesprochenen Fragestellungen sein soll, sondern dem genuinen Schwerpunkt von metaphorik.de sowie den Kompetenzen des Rez. entspricht. Besonders gewinnend ist hier  vor allem die linguistische Auseinandersetzung mit den literaturwissenschaftlichen Einsichten in die Kulturgebundenheit des vielfach metaphorischen Kannibalismus-Motivs. Immerhin mag für die Begegnung mit Menschenfressern wie mit Metaphern das Attribut der Alltäglichkeit gelten, nur dass die Menschenfresser uns kaum jemals im ‚wirklichen Leben’, dafür umso präsenter als Kino-, Fernseh- und Romanfiguren oder als Märchenmotiv begegnen. Menschenfressen hat eine wirkungsmächtige metaphorische Dimension.

Auffällig und in der von Daniel Fulda formulierten Einleitung explizit angesprochen ist, dass der Diskurs über Kannibalismus schon lange nicht als eine Auseinandersetzung mit der Tatsächlichkeit von Menschenfressern, sondern im Allgemeinen als ein mythischer Diskurs, wenn nicht gar als absolute Metapher angesehen wird. Fulda geht in dieser Diagnose so weit, dass er selbst in Texten der Popkultur oder im populären Kino bei einer Schilderung von Cannibalistica eine Rezeption konstruktivistischer Fachdiskurse erkennt (S.8). Insofern seien hier nicht mehr nur Kultur- und Literaturwissenschaft, sondern gleichsam Popliteraten und Cineasten Teilhaber an Aufgeklärtheit, die sich über die metaphorischen Dimensionen jeden Sprechens über bzw. Darstellung von Kannibalen bewusst seien. Dabei wollen die im Sammelband vertretenen Beiträge aber auch die “zum Stereotyp geronnene” (S.11) These des Kannibalismus als denunziatorische europäische Erfindung zur kulturellen Abgrenzung und puren Legitimierung missionarischen bzw. kolonialistischen Handelns überschreiten, sie differenzieren und innovative Fragestellungen in das Blickfeld rücken. Angesichts der vielfältigen Vernetztheit von Nahrungsmetaphorik[1] kann es nicht überraschen, dass auch die Kannibalismus-Metapher als deren Sonderfall vielfältiger Ausgangs- und Zielpunkt metaphorischer Projektionen ist. Dabei macht aber gerade das Ungeheuerliche des Menschenfressens die Faszination des Themas auch für die Metaphernforschung aus, stellt doch allein die Vorstellung des Menschen-Verzehrens einen Tabubruch bzw. eine absolute Störung des als selbstverständlich genommenen Weltbildes dar. Geht man nun mit dem Mainstream der Metapherntheorie davon aus, dass Grundlage der sprachlichen Bilder ein fest verankertes Gefüge von Gemeinplätzen und Alltagserfahrungen ist, wird die Anthropophagie zur absoluten Abweichung. Insofern kann auch der metaphorische Rückgriff auf die Anthropophagie nicht mehr mit einer banalen alltäglichen Notwendigkeit etwa der Erklärung abstrakter durch konkrete Erfahrungen begriffen werden, sondern ganz im Gegenteil stellt die Metaphorisierung des Menschenfressens vielfach die Möglichkeit dar, inkongruente, oder - wie Fulda in Rückgriff auf postmoderne Terminologie schreibt - “inkommensurable Erfahrungen” (S.31) zu artikulieren.

Ein klassisches Verständnis etwa der Metapher als konterdeterminiertes Stück Text (Weinrich 1976) wird hier den Beobachtungen nicht mehr unbedingt gerecht. Beim Sprechen über Menschenfresser zeigt sich durchgehend die Schwierigkeit festzustellen, wo die Metaphorisierung beginnt und der Faktendiskurs endet. Wenn etwa Kannibalismus-Schilderungen - mit guten Argumenten - als fiktiv gelten müssen, sie sich aber textstrukturell in faktenbezogene Texte nahtlos einfügen, liegt dann schon eine “semantische Innovation durch eine Art Metaphorisierung” (S.30) vor? Mit den vorliegenden linguistischen Kategorisierungstraditionen wäre dies jedenfalls schwer zu fassen, am ehesten vielleicht noch mit der erweiterten Konterdeterminationstheorie von konstitutiven KON- und KO-textuellen Faktoren der Metapher (Petöfi 1975). Bei der Bestimmung sämtlicher zu berücksichtigender außertextuellen Faktoren bliebe allerdings auch diese Theorie Antworten schuldig. Der kommunikative Mehrwert des metaphorischen Sprechens gegenüber dem nicht-metaphorischen ist auch der Linguistik kein Geheimnis mehr. Modelle der metaphorischen Interaktion (Black ²1996) oder des conceptual blending vermögen die eigenständige semantische Leistung der Metapher trefflich zu beschreiben. Was bei der literatur- und kulturwissenschaftlichen Betrachtung allerdings ein Faszinosum darstellt, wäre für den Semantiker, zumindest den strukturalistischen, ein Skandalon: nämlich die abschließend verbleibende Spannung zwischen metaphorischer und nicht-metaphorischer Bedeutung:

“Dem ästhetischen Reiz der metaphorischen Spannung zwischen literalem und übertragenem Sinn entspricht dabei das Erkenntnispotential zwischen Fremd- und Selbstbezug, das die Spannung zwischen Fremd- und Selbstbezug im Anthropophagiediskurs für eine kulturwissenschaftlich interessierte Literaturwissenschaft bereithält” (Vorwort, S.31).

Dass in dieser Spannung ein ästhetischer Reiz liegt, wird in den Beiträgen durchaus deutlich. Dabei ist einigen der Autoren anzumerken, wie sehr der Reiz des Kannibalischen sich auch in der eigenen Sprache spiegelt. Süffisante Metaphernspiele - vielfach auch nahrungsmetaphorische Scherze – fließen in die literaturwissenschaftliche Analyse ein, typisch etwa im Beitrag von Christoph Bode ("Distateful Customs": Richard F. Burton über den Kannibalismus der Fan, S.147-168) die metasprachliche, in eine klare Nahrungsisotopie eingefügte Charakterisierung der Anthropophagieschilderungen als "mundgerecht" (S.164), dem "Geschmack der Leser" entsprechend.

Die zeitliche Spanne der von den 15 Beiträgen untersuchten Kannibalismus-Diskurse reicht von der frühen Neuzeit, den Reiseberichten Christoph Kolumbus' (Wolfgang Dieter Lebek, Kannibalen und Kariben auf der ersten Reise des Kolumbus, S. 53-112) bis zur nahen Gegenwart (z.B. bei Diana Kurth, “Sie lesen, um gefressen zu werden” Zu Botho Strauß' 'sakraler Poetik', S. 393-410 oder Michaela Krützen, "I'm having an old friend for dinner": Ein Menschenfresser im Klassischen Hollywoodkino, S. 483-531). Der Kannibalismus ist folglich, sei es als akzeptiertes Wissen, als Topos, als Motiv oder als Metapher, festes Inventar der neuzeitlichen Ideengeschichte. Grundlegend für das frühneuzeitliche Wissen waren zum einen antike Berichte über menschenfressende Völker. Zum anderen, im Sammelband etwas vernachlässigt, bilden die im 15. Jahrhundert überaus weit verbreiteten Berichte von Orientreisenden, z.B. die Merveilles du monde Marco Polos, für neuzeitliche Kannibalenberichte eine weitere zentrale Quelle. Diese formen den Ursprung von über Jahrhunderte wirksamen geographischen Mythen, z.B. dem des Sumatra-Anthropophagen, der noch in der Reiseliteratur des frühen 20. Jahrhunderts zu Ehren kommt (Wolfgang Struck, Gier – Eine kannibalistische Figur in deutscher Reise-Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, 169-194).

Zentrales Thema vieler versammelter Studien ist die Funktionsbestimmung der Kannibalismus-Diskurse. Hier gewinnt auch der Metaphernbegriff eine entscheidende Bedeutung, da Kannibalismus-Schilderungen in vielen Fällen eben Übertragungen entweder kollektiver kultureller oder auch individueller psychischer Erfahrungen darstellen. So deutet Arnd Beise (Der Ausnahmefall. Anthropophagie in deutschen Trauerspielen des 17. Jahrhunderts, 113-146) die Funktion des Menschenfressens auf der Theaterbühne als Verdeutlichung einer absolut gestörten kosmologischen Ordnung. Die Abgrenzung zwischen eigener christlicher Kultur und heidnischer Fremdkultur wird nicht zuletzt über die Charakterisierung des Anderen als Menschen fressend vorgenommen (S.119). In Lohensteins Trauerspielen wird unterdessen der Kannibalismus “als Metapher, frei von konkret sinnlicher Füllung verfügbar, um extreme Situationen, Handlungen und Konflikte rhetorisch einzuholen” (S.142), wodurch in den metaphorischen Prozess in erster Linie das Extreme des Kannibalismus, nicht aber die Handlung selbst, einfließt. Noch weiter gehend bestimmt Wolfgang Struck die Kannibalismus-Diskurse – in seiner Untersuchung der Reiseliteratur des frühen 20. Jahrhunderts – als absolute Metaphern; eine semantische Klassifikation, die in einem gewissen Rahmen den Bildempfänger offen lässt. Roswitha Burwick (“Wenn er fett ist, so will ich ihn essen”. Anthropophagische Familien- und Geschlechterverhältnisse im Märchen der Romantik, 241-258) interpretiert kannibalistische Szenarien in romantischen Märchen – so die Hexe bei Hänsel und Gretel – im Rahmen einer geschlechtsspezifischen Psychologie. Weibliche Lust der körperlichen Vereinnahmung eines Menschen kann so als Metapher für Schwangerschaft, männliche (Menschen‑)fleischliche Lust als solche für sexuelle Dominanz bzw. Vergewaltigung verstanden werden. Offensichtlich verbergen sich also hinter den erzählten Bildern des Menschenfressens tabuisierte, folglich nicht offen an- bzw. auszusprechende Bilder sexueller Sehnsüchte:

“Die Metapher des Kannibalismus [...] ermöglicht es der Erzählerin [scil. der typischerweise weiblichen Märchenerzählerin; D.O], kulturell bedingte Tabus zu brechen, Emotionen und Sexualität zuzulassen und den Wunsch nach Selbstbestimmung des eigenen Körpers zur Sprache zu bringen” (Burwick, S.257).

Diese Interpretation, so man sie als nachvollziehbar ansieht, stellt natürlich die klassische kognitive Metapherntheorie vor neue Herausforderungen, wird in ihr doch das Verhältnis zwischen Körper und Sprachbild umgedreht. Die Vorstellung eines Body in the mind (Johnson 1987) geht eher vom Körper als zentralem Bildspender aus. Dass zentrale Bereiche der Körperlichkeit auch bildempfangend in Erscheinung treten – das angeknabberte Hexenhaus so als Metapher für  die ‚kannibalische’ Verletzung des Frauenkörpers – revidiert zumindest eine simplifizierende Vorstellung von metaphorischen Prozessen.

Ähnlich wie Burwick interpretiert Maximilian E. Novak (Fleischlose Freitage. Kannibalismus als Thema und Metapher in Defoes Robinson Crusoe, 197-216) den Kannibalismus im Text tiefenpsychologisch, wobei hier ein noch erweitertes Metaphernverständnis zum Vorschein kommt. Der Kannibalismus steht nämlich nicht bloß in einer aus Bildspender und Bildempfänger bestehenden Metapher, sondern stellt eine häufig lediglich implizite Zwischenstufe im Sprachbild dar, wie folgende Passagen zeigen:

“Kannibalismus ist durchaus kein nebensächliches Thema in Robinson Crusoe. In gewissem Sinn ist er die beherrschende Metapher des Buches. Der rosige Ausblick auf ein bürgerliches Leben, den Crusoes Vater bietet, repräsentiert gewissermaßen die Verschlingung, die jeder Abenteuerlust durch die eintönigen Aktivitäten des Lebens droht. [...] Legt man Crusoes Erfahrungen mit dem Ozean eine ödipale Bedeutung bei – die Drohung eines mächtigen Vaters gegen einen auf Abwege geratenen Sohn –, so wird diese noch offensichtlicher in Crusoes Angst, von wilden Tieren gefressen zu werden. Entsprechende Alpträume sind beinahe immer mit Kastrationsängsten verbunden.” (201ff.).

Einerseits gehen bestimmte Deutungen durchaus konform zu kognitivistischen Einsichten in die metaphorische Modellierung von Gefühlen (Lakoff 1987), andererseits müsste hier aus linguistischer Sicht ein unsauberer Gebrauch des Metaphernbegriffs zum Vorwurf erhoben werden, da ohne direkte textuelle Anhaltspunkte gleich mehrere metaphorische Projektionen unterstellt werden. Tiefenpsychologisch erstellte Zusammenhänge etwa zwischen verschlingenden Ozeanen und verschlingenden Kannibalen sind auf der sprachlichen Ebene zunächst einmal nicht gedeckt. Dies ist nicht unbedingt tragisch oder verwerflich, doch gerät jede sprachwissenschaftliche Theorie an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit, wo sprachliches Material, das literarische Texte zweifelsohne auch darstellen, vor der Folie eines festen Systems der psychologischen Interpretation analysiert wird.

Explizite Fragen nach Metaphorizität bzw. Nicht-Metaphorizität des Kannibalismus wirft Walter Pape (“Das ist eine harte Rede/ wer kann sie hören?” Metaphorik und Realität der Anthropophagie: Eucharistie, Medizin, Liebe, 303-340) auf. An zahlreiches Beispielen echten oder vermeintlichen Kannibalismus in Religion – das Skandalon der Eucharistie –, Literatur oder Medizin – so die medizinische Nutzung menschlicher Körperteile bzw. Körperflüssigkeiten bei Paracelsus – wird demonstriert, dass eben nicht eindeutig ein metaphorischer oder nicht-metaphorischer Gehalt vorausgesetzt werden darf, sondern der scheinbar klare Antagonismus zwischen wörtlicher und bildlicher Bedeutung so klar nicht mehr ist:

“Die Frage ist nicht nur, inwiefern jeder Metapher ein bestimmtes >Reales< (innerhalb und außerhalb des Textes) zugrunde liegt, wie die sogenannte bildliche Rede darauf verweist und wie das Verhältnis von Bildlichkeit und >Wörtlichkeit< aussieht, sondern die Frage ist, ob es diesen strikten Gegensatz überhaupt gibt” (S.305).

Pape betont, dass im metaphorischen Prozess das Potential semantischer Innovation liege, die wörtliche Bedeutung unbeschadet einer bildlichen Sprachverwendung vielfach aber weiterhin kopräsent bleibe (S.306). Über die Blacksche Bestimmung der Metaphorik als ein System miteinander assoziierter Gemeinplätze (Black ²1996 [1977]) hinausgehend wird der Diskurs über Kannibalismus als Interferenz zwischen Zeichen, Bild und Realität angesehen (S.308). Was aus Papes umsichtigen Überlegungen aber umso deutlicher wird, ist die Vielfalt möglicher Fokussierungen in einer metaphorischen Verwendung des Kannibalismus. Auf der Bildspenderebene steht mal das Einverleiben, mal das Töten, mal das Beißen – hier etwa in Analogie von Biss und Kuss – im Vordergrund, was die Anthropophagiemetaphorik dann entsprechend auch für unterschiedlichste Bildempfänger prädestiniert.

Eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Metaphorisierung des Kannibalismus stellt die Projektion des Menschenfressens auf kommunikative Prozesse dar. Sie wird unter anderem von Oliver Kohns (Kannibalische Nachrichtentechnik. Bret Easton Ellis’ “American Psycho” und Marcel Beyers “Das Menschenfleisch”, 411-442) thematisiert. Dass jedoch Sprechen und Essen nicht nur anatomisch nah beieinander liegen, lässt sich mit Verweis auf die bereits von Lakoff und Johnson erwähnte konzeptuelle Metapher IDEAS ARE FOOD (Ideen sind Lebensmittel) leicht erklären. Betrachtet man als Voraussetzung des Menschenfressens einen vorhergehenden kriegerischen Akt des Tötens, fiele Lakoff-Kennern auch ARGUMENT IS WAR als weitere Komponente der Metaphorisierung von Kommunikation durch Kannibalismus ein.

Überhaupt bieten die von Vertretern der kognitiven Metapherntheorie etablierten Beschreibungen vernetzter metaphorischer Konzepte eine gar nicht als gering einzuschätzende Erklärungsleistung für viele in dem Band versammelten kultur- und literaturwissenschaftliche Beobachtungen. Die vom linguistischen Standpunkt vorgenommene Lektüre der literarischen bzw. filmischen Analyse macht durchaus Appetit auf mehr. Die Brauchbarkeit dieses sehr gut redigierten Sammelbandes wird durch das in thematischen Bänden durchaus nicht übliche Register (S.532-546) sowie durch eine der Einleitung angefügte Auswahlbibliographie (S.35-50) zusätzlich erhöht. Bedauerlich ist lediglich, dass die einzelnen Beiträge keine gesonderten Literaturverzeichnisse enthalten. – nur Daniela Krützens Studie zu Menschenfressern in Hollywood-Filmen enthält eine eigene Bibliographie –, sondern wichtige Hinweise sich ausschließlich in den Fußnoten verstecken. Die Qualität dieser Hinweise wie der sie einbettenden Artikel lässt über diese kleine Unannehmlichkeit für die Leser jedoch leicht hinwegsehen.

Einerseits verdeutlichen also die kulturwissenschaftlichen Forschungen, wie sehr eine genaue Begriffsscheidung zwischen anthropologisch konstanten Konzepten und kulturell wandelbaren Hintergründen für eine Metaphernanalyse unverzichtbar ist. Beeindruckend bei den allermeisten Beiträgen ist die gelungene Kontextualisierung der Beobachtungen, die Einbeziehung von im Text konstruierten und außertextuellen Welten als Hintergrund einer jeden Metapher, sowie die fast durchgehende empirische Stützung aufgestellter Behauptungen. Hiervon kann die sprachwissenschaftliche Metaphernforschung nur profitieren. Andererseits fallen aber auch zum Teil recht unscharfe Begrifflichkeiten von ‚Metapher’ seitens der Literaturwissenschaften auf. Hier wäre eine friedvolle Verbindung linguistischer und literarischer Kategorisierungen für beide Seiten ein Gewinn. Aufgeschlossene Fachvertreter haben keinen Grund zur Sorge: Gefressen werden sie von ihren Diskussionspartnern schon nicht...

Literatur

Black, Max (²1996 [1977]), “Mehr über die Metapher”, in Haverkamp, Anselm (ed.) ²1996, Theorie der Metapher, Darmstadt, 379-413 [orig. “More about Metaphor”, in: Dialectica 31 (1977), 431-457].

Black, Max (²1996 [1954]), “Die Metapher”, in: Haverkamp, Anselm (ed.) ²1996, Theorie der Metapher, Darmstadt., 55-79 [orig. “Metaphor”, in: Proceedings of the Aristotelian Society 55 (1954/55), 273-294).

Johnson, Mark (1987), The Body in the Mind: The Bodily Basis of Meaning, Imagination and Reason. Chicago.

Lakoff, George (1987), Women, Fire and Dangerous Things. What Categories Reveal about the Mind, Chicago/London.

Lakoff, George/Johnson, Mark (1980), Metaphors We Live By, Philadelphia/Amsterdam.

Osthus, Dietmar (2000), Metaphern im Sprachenvergleich. Nahrungsmetaphorik im Französischen und Deutschen, Frankfurt am Main e.a.

Petöfi, János S. (1975), “Thematisierung der Rezeption metaphorischer Texte in einer Texttheorie”, in: Poetics 4, 289-310.

Weinrich, Harald (1976), Sprache in Texten, Stuttgart.



[1] Für eine ausführliche Darstellung wichtiger vom Bildspender ,Nahrung’ bzw. ,Nahrungszubereitung’ ausgehender metaphorischer Projektionen sei auf Rez. 2000, Metaphern im Sprachenvergleich. Nahrungsmetaphorik im Französischen und Deutschen, Frankfurt am Main e.a. verwiesen. In die metaphorische Vernetztheit von ,Nahrung’ fügen sich zusätzlich vielfältige metaphorische Konzepte von Nahrung als Bildempfänger ein.

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ISSN 1618-2006