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[PDF] Sprache und Metapher in der Konzeption historischer Semiotik und psychologischer ÖkologieGesine Lenore Schiewer (gesine.schiewer@germ.unibe.ch)AbstractIn 1764 the philosopher and natural scientist Johann Heinrich Lambert described metaphor as an indispensable and constitutive element of any sophisticated language. Furthermore he emphasized a communicative function: communication and understanding of abstract matters depend on the use of metaphors in speaking and writing, which helps to avoid a superfluous “verbal battle” (Semiotik, §§ 342-344). Thus Lambert refers his distinction of the “corporal world” and the “intellectual world” implying the difference of “outer perception” or the perception of concrete things and “inner perceptions”, which induces the idea of abstract and unvisible things. The problems of communication under these circumstances of inner and outer perceptions are being discussed further since. The relations of psyche and environment (Willy Hellpach), inner and outer experience (Max Scheler, Hellmuth Plessner) are explored in the conceptions of a psychologically committed ecology and in philosophical anthropology. The succeding reflection of conditions, opportunities and limits of verbal understanding replaces the speaker focussing perspective of expression by an analysis of the dimension of appeal concentrating on the hearer. The metaphor is here considered from the viewpoint of its function as guarantee of understanding (Gerold Ungeheuer). This is the historical and systematical background of this paper, which considers social and cultural aspects as environment of verbal behavior and verbal acting. Bereits 1764 hat der Philosoph und Naturforscher Johann Heinrich Lambert nicht nur betont, dass die Metapher unverzichtbarer und konstitutiver Bestandteil einer hoch entwickelten Sprache sei, sondern auch deren kommunikative Leistung hervorgehoben: die Metapher erlaube es, in der Bezugnahme auf abstrakte Gegenstände einander verständlich zu bleiben und insofern überflüssige “Wortstreite” zu vermeiden (Semiotik, §§ 342-344). Grundlage dieser Einschätzung Lamberts ist sein Entwurf der Unterscheidung von “Körperwelt” und “Intellektualwelt”, demzufolge “äußerliche Empfindungen”, das heißt die Wahrnehmung des Konkreten, abzutrennen sind von “inneren Empfindungen”, die sich auf die Vorstellung abstrakter und unsichtbarer Dinge beziehen (Alethiologie, § 46). Die Problematik von Kommunikation unter derartigen Innen- und Außenorientierungen bleibt im 20. Jahrhundert und bis in die unmittelbare Gegenwart thematisch. Im Horizont psychologisch orientierter Ökologie und philosophischer Anthropologie steht die Frage des Verhältnisses von Psyche und Umwelt (Willy Hellpach, Sozialpsychologie in erster Auflage 1933 und erneut 1946), inneren und äußeren Erfahrungen (Max Scheler, Helmuth Plessner) im Zentrum der Aufmerksamkeit. In der hier anknüpfenden Reflexion von Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen sprachlicher Verständigung wird die auf den Sprecher fokussierte Ausdrucksperspektive durch eine hörerseitig konzentrierte Eindrucksorientierung abgelöst und der Metapher wiederum verständigungssichernde Funktionen zuerkannt (Gerold Ungeheuer). Vor dem dargelegten theoretischen Hintergrund soll die Bedeutung skizziert werden, die sozialen und kulturellen Aspekten von Umwelt für das Sprachverhalten und ‑handeln zugewiesen werden kann. 1. Johann Heinrich Lamberts MetapherntheorieBei Lambert wird die metaphorische Sprechweise weder als ein “uneigentliches Sprechen” und damit als ein rhetorischer Schmuck aufgefasst, das letztlich immer auf ein “eigentliches” rückführbar wäre, noch werden die Gefahren der Verwendung von Metaphern für die fachsprachliche und die wissenschaftliche Kommunikation in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt, wie es Leibniz in seinen 1704 verfassten Nouveaux Essais sur l’entendement humain vor allem getan hat. Vielmehr wird die Metapher als ein Prinzip angesehen, das bestehende Benennungslücken der Sprache ausfüllt und damit eine sprachkonstituierende Funktion[1] erhält. Lamberts Metapherntheorie weist dabei sowohl synchrone als auch diachrone Aspekte auf, da sie einerseits der metaphorischen Sprachverwendung einen eigenen Wert im voll entwickelten Sprachsystem zuweist und andererseits eine Theorie der historischen Entwicklung von Sprache impliziert. Der Gebrauch von Metaphern markiert hier nicht, wie etwa in Giambattista Vicos Ansatz in der Scienza nuova, zuerst 1725, ein zurückliegendes Entwicklungsstadium des Menschen, in dem er nicht in Begriffen, sondern in Bildern dachte. Lambert entwickelt seine Metapherntheorie vor allem in dem Kapitel Von dem Hypothetischen der Sprache der Semiotik, dem dritten Teil seines Neuen Organons aus dem Jahre 1764, wobei jedoch die in dem ersten Teil des Werks, der Dianoiologie, dargestellte Merkmalslogik vorausgesetzt wird. Die Eigenschaft des Hypothetischen wird als eine allen Sprachen gemeinsame und somit universelle bezeichnet, die darin besteht, dass sowohl die Wortbedeutungen als auch die syntaktischen Regeln der Sprachen durch den Sprachgebrauch willkürlich festgelegt werden. Die resultierenden Unregelmäßigkeiten des Sprachsystems können nicht durch den Entwurf einer regelmäßigen Sprache vermieden werden, da sich der Sprachgebrauch auch hier wieder Geltung verschaffen würde, so dass Sprache in der jeweils überlieferten Form verwendet werden muss (vgl. Semiotik, § 331f.).[2] Aufgrund dieser Unregelmäßigkeiten können unter den Sprechern einer Sprachgemeinschaft Differenzen hinsichtlich des Grades der Übereinstimmung über die Wortbedeutungen auftreten, die Lambert als Grundlage heranzieht für seine Einteilung der Wortbedeutungen in Klassen. Wenn Lambert auch von “Wortklassen” spricht, handelt es sich genau besehen um Klassen der Ein- bzw. Mehrdeutigkeit von Bedeutungen. 1.1 Die erste WortklasseDie erste Wortklasse wird durch die Wörter einer Sprache ausgemacht, welche einen sinnlich wahrnehmbaren Gegenstand als Ganzes darstellen, sowie diejenigen, die einen “einfachen Begriff”,[3] der nur ein einziges Merkmal aufweist, bezeichnen. In die erste Wortklasse gehören ferner auch die allgemeinen Gattungs- und Artbegriffe, die durch synthetische Zusammensetzung von ähnlichen Merkmalen zweier oder mehrerer Begriffe gebildet werden. Es handelt sich daher um solche Begriffe, die durch sensorische Merkmale ausgezeichnet sind und sich auf anschaulich wahrnehmbare Eigenschaften der Objekte beziehen (vgl. Hoffmann 1986). Sie können daher zu den Autosemantika gerechnet werden. Bei solchen als Ganzes wahrnehmbaren Dingen, die im Allgemeinen zusammengesetzte Dinge sind und so auch zusammengesetzte Begriffe hervorrufen,[4] entsteht der Begriff oder Lambert zufolge die Vorstellung,[5] durch die Empfindung der sinnlichen Wahrnehmung des entsprechenden Gegenstandes. Die Vorstellung allein ergibt jedoch noch nicht zwangsläufig einen klaren Begriff, der erst vorliegt, wenn alle ihn konstituierenden Merkmale, die in einem analytisch vorgehenden Verfahren untersucht werden müssen, aufgezählt werden können. Das Wort ist bei solchen zusammengesetzten Begriffen im Grunde genommen eine Abkürzung für die in dem Begriff zusammengefassten Merkmale (Aleth., § 151), wie Lambert in implizitem Rückgriff auf Leibniz’ Skizze der cognitio symbolica in den Betrachtungen über die Erkenntnis, die Wahrheit und die Ideen aus dem Jahr 1684 ausführt.[6] Die einfachen Begriffe entstehen und unterscheiden sich voneinander ebenfalls durch die unmittelbare Empfindung, weshalb ein Wort, das einen solchen einfachen Begriff bezeichnet, nach Lambert seine Bedeutung nicht ändert, solange kein Sprachwandel eintritt.[7] Die ursprünglich willkürlich gewählte, dann aber fixe und nicht mehr willkürlich veränderbare Bezeichnung wahrnehmbarer Gegenstände lässt sich unmittelbar mit der betreffenden Sache verbinden, so dass die Bedeutung der Elemente dieser Wortklasse größtmögliche Eindeutigkeit aufweist. Dennoch auftretende Uneinigkeiten über die Bedeutung der Wörter können durch das Vorzeigen der bezeichneten Sache bzw. durch Hinweisen auf die entsprechende einfache Eigenschaft der Sache aufgeklärt werden, wobei Lambert an das Lateinlehrbuch Orbis pictus des Comenius, 1658 erstmals gedruckt, erinnert, in dem vom Prinzip der Erkenntnis aufgrund von Anschauung ausgegangen wird. Infolgedessen sind bei den Wörtern dieser Klasse keine Nominalerklärungen, die sich “auf die Structur der Sprache gründen” (Arch., § 26), nötig. Da die Wörter, die die einfachen Begriffe ausdrücken, ferner in höchstem Maß eindeutig und in dieser Bedeutung unveränderlich sind, müsste in einer Definition auf Wörter zurückgegriffen werden, deren Bedeutung weniger bestimmt und stärker veränderlich ist (Aleth., § 119). Ferner seien Realerklärungen schwierig und bei einfachen Begriffen[8] gar nicht zu finden, da diese aufzeigen sollen, wie ein Begriff aus einfachen Begriffen zusammengesetzt ist. Es treten somit weder auf der Stufe der so genannten “gemeinen Erkenntnis”, bei der als der alltäglichen Wahrnehmungsweise keine genaue Untersuchung der Begriffe vorausgesetzt werden kann, noch bei der aus dieser abgeleiteten “wissenschaftlichen Erkenntnisform” gravierende Uneinigkeiten über die Bedeutung der Wörter dieser Klasse auf, da deren Begriffsumfang ein geringes Maß an Willkür aufweist und der notwendige Aufwand bei der Untersuchung und Klärung entsprechend unerheblich ist (vgl. Dian., IX. Hauptstück: Von der wissenschaftlichen Erkenntnis). Die Wörter der ersten Klasse stellen nach Lambert in sprachgeschichtlicher Hinsicht die ältesten Wörter dar, da “die ersten Urheber der Sprachen nothwendig bey der Benennung solcher Dinge und Handlungen anfangen mußten, die sie vorzeigen konnten” (Semiotik, § 336). Die Funktion der Sprache besteht auf dieser Stufe darin, einen einmal geprägten sinnlichen Eindruck erneut in das Bewusstsein zu rufen, der andernfalls nur durch die Wiederholung der konkreten Wahrnehmung erneuert werden kann. Die Sprache erlaubt nach Lambert somit eine willentlich gesteuerte Konzentration auf bestimmte Bewusstseinsinhalte. Diese Wörter werden als Grundlage der Sprachen angesehen und für die Bestimmung der weiteren Klassen herangezogen. 1.2 Die zweite WortklasseLambert geht weiterhin davon aus, dass der Eindruck, den die Empfindungen äußerer Dinge hervorrufen, demjenigen ähnlich ist, den die Vorstellungen der abstrakten und unsichtbaren Gegenstände menschlicher Verstandestätigkeit hinterlassen: So z.E. stellt man sich eine Sache vor Augen, wenn man sie in der That vor sich stellt, und sie anschaut. Dies heißt von Wort zu Wort, oder im eigentlichen Verstande. Stellt man sie sich aber in Gedanken so lebhaft vor, als wenn sie vor Augen wäre, so ist dieses im figürlichen Verstande. (Aleth., § 46) Die Annahme dieser Ähnlichkeit führt zu derjenigen einer Vergleichbarkeit der so genannten “Körperwelt” mit der “Intellektualwelt”, wobei die Ähnlichkeit erkennbar sein soll durch das Bewusstsein der Gedanken, die sich bei jeder körperlichen Verrichtung einstellen. In dieser Ähnlichkeit besteht nach Lambert die Voraussetzung für die Möglichkeit von symbolischer Erkenntnis überhaupt, d.h. von Erkenntnis anhand sprachlicher oder anderer Zeichen (vgl. Schiewer 1996, 86ff.). Lambert geht davon aus, daß diese Möglichkeit, abstracte Begriffe mit Empfindungen, und dadurch auch mit ihren Objecten zu vergleichen, uns auf eine nähere Art anzeigt, daß es möglich ist, unsre Erkenntniß, und besonders die abstracte, figürlich zu machen, und sie durch Zeichen vorzustellen, die wenigstens in dieser Absicht wesentlich und wissentschaftlich [sic!] sind (Aleth., § 52). Für Begriffe, die in dieser Weise ähnliche Eindrücke erzeugen, werden die gleichen Wörter und Ausdrücke verwendet, wodurch diese doppelte und mehrfache Bedeutungen erhalten. Damit beziehen sich die Wörter, welche die abstrakten Begriffe des Geistigen repräsentieren, in ihrer ursprünglichen Bedeutung auf äußerliche und körperliche Dinge. Es muss in dieser metaphorischen Verwendung der Wörter der ersten Klasse insofern ein konstitutives Prinzip der Sprache erkannt werden, als der Vergleich mit Gegenständen der Körperwelt die Voraussetzung dafür ist, über nicht sinnlich wahrnehmbare Dinge Aussagen machen zu können. Die Metaphern sind somit das Mittel der Sprachen, “unbekanntere oder auch gar nicht in die Sinne fallende Dinge durch bekanntere vorstellig zu machen” (Semiotik, § 192). Abstrakte Begriffe werden gebildet durch Übertragung aufgrund eines oder mehrerer ähnlicher Merkmale von einem Begriff auf einen anderen. Die “abstraktesten aller abstrakten Begriffe” sind die von Lambert als transzendent bezeichneten, bei denen sich die Bedeutungen eines Wortes einerseits auf die “Körperwelt” und andererseits auf die “Intellektualwelt” beziehen und in denen die gemeinsamen Merkmale der verschiedenen Bedeutungen zusammengefasst werden (Aleth., § 48 und § 155).[9] Lambert bezieht die metaphorische Sprachverwendung besonders auf transzendente Begriffe und grenzt sie auf diese Weise gegen Formulierungen ab wie z.B. “kalte Farbe”, da die “Gegenstände der äußern Sinnen, eben deswegen, weil sie können empfunden und vorgezeigt werden, jedes für sich mit einem eigenen Namen belegt werden können”, so dass es in diesem Fall nicht unbedingt notwendig sei, mehrere Bedeutungen mit einem Wort auszudrücken. Obwohl Lamberts Konzentration sich in erster Linie auf die gesprochene Sprache richtet, die er im Hinblick auf ihre Zuverlässigkeit für den Erwerb und die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis prüft, berücksichtigt er bei seiner Untersuchung der Entwicklung von Sprache durch die Bildung neuer Metaphern die Rolle des Dichters. Wenn abstrakte Begriffe nur durch metaphorisches Sprechen erfasst werden können, dann besteht ein wichtiges Moment darin, für neu erworbene Kenntnisse solche metaphorischen Ausdrücke zu finden, die anderen Sprechern den ihnen unbekannten abstrakten Gehalt vermitteln können. Es kommt bei der Verwendung von Metaphern also darauf an, einen bestimmten Vorstellungsinhalt bei einem Hörer oder Leser aufzubauen. Diese innovative Aufgabe, einen Begriff mit größtmöglicher Deutlichkeit sprachlich zu formulieren, wird nach Lambert vielfach von Dichtern übernommen, die dazu besonders begabt seien und deren Sprachautorität gelungene Wendungen leicht zum Standard werden lassen, wodurch die Sprache an Komplexität gewinnen soll und zu einer “gelehrten Sprache” wird (Semiotik, § 130).[10] Die Verwendung der Wörter zur Bezeichnung verschiedener Bedeutungen ist im Hinblick auf die für Sprache zumindest in wissenschaftlicher Verwendung zu fordernde Eindeutigkeit als Nachteil zu betrachten, es sei denn, “daß die Allegorie so vollkommen gemacht werde, daß sie eben sowohl im natürlichen als im verblümten Verstande genommen werden könne” (Semiotik, § 338). Die Klärung der Begriffe der zweiten Klasse kann durch die Darlegung der verglichenen Merkmale des zugrunde liegenden sinnlichen Eindrucks und des abstrakten Begriffes erfolgen. In einer Worterklärung wird dieses tertium comparationis – der Grund des Vergleichs der entsprechenden Merkmale – aufgeführt. In Nominalerklärungen der Elemente der zweiten Klasse müssen somit wiederum die Wörter der ersten Klasse zugrunde gelegt werden (Arch., § 26). Der durch die Übertragung entstehenden Ambiguität der Wörter wird durch zwei Prinzipien Rechnung getragen, die eine Festlegung der jeweils gemeinten Bedeutung ermöglichen sollen. Zunächst wird der interpretative Spielraum metaphorischer Ausdrucksweisen beschränkt durch die Grundvoraussetzung der “hermeneutischen Billigkeit”. Diesem Prinzip zufolge muss davon ausgegangen werden können, dass der Sprecher seine Äußerung mit Sinn verbindet und dass der Hörer seinerseits eine “kooperative Haltung” zeigt, indem er denjenigen Sinn der Rede gelten läßt, der in Absicht auf das Wahre und Gute für ihn der vortheilhafteste ist, und diese Billigkeit auch da noch hat, wo er [der Sprecher] aus Mangel schicklicher Ausdrücke, oder bloß weil sie ihm nicht beyfielen, das was er wirklich hatte sagen wollen, mehr aus den Umständen und dem Zusammenhang, als aus den Worten zu schließen giebt. (Semiotik, § 302) Der “gute Wille” auf Seiten des Hörers bzw. Lesers, gemäß der hermeneutischen Billigkeit anzunehmen, dass ein Text einen Sinn enthält, muss durch den notwendigen Grad von Witz – das Vermögen, Ähnlichkeiten unmittelbar zu erkennen –, Scharfsinn – das Vermögen auch nicht direkt erkennbare Ähnlichkeiten zu erschließen –, Geduld und Übung ergänzt werden, um den gemeinten Sinn erfassen zu können.[11] Ferner trägt die Berücksichtigung der syntaktischen Struktur und des weiteren Kontextes zur Eindeutigkeit der Bedeutung metaphorischer Ausdrücke bei.[12] Der Schritt zu metaphorischen Verwendungsweisen der Sprache stellt einen historischen Entwicklungsprozess dar, in dessen Verlauf durch die allmähliche Metaphorisierung der Wörter abstrakte Vorstellungen erst in einer bereits fortentwickelten Phase gebildet und benannt werden können. Auf der Stufe der zweiten Klasse, welche die Wörter umfasst, deren Bedeutungsspektrum in dieser Weise eine metaphorische Erweiterung um den Bereich des Abstrakten erfahren hat, kann nun von einem selbstständigen Denken des erkennenden Menschen gesprochen werden. 1.3 Die dritte WortklasseAufgrund von Vergleich, Zusammensetzung oder Verbindung abstrakter Begriffe der zweiten Klasse entstehen neue, wiederum abstrakte Begriffe, die ebenfalls mit einer metaphorischen Bezeichnung versehen werden müssen. Diese Wörter stellen vor allem die Grundlage der so genannten abstrakten Wissenschaften als termini technici oder “Kunstwörter” dar, bei denen kein Vergleich mit sinnlichen Eindrücken vorgenommen werden kann, so dass ihre Bedeutung durch eine Definition festgelegt werden muss, die dazu dienen soll, den Begriff deutlich zu machen und seinen Umfang zu bestimmen (Aleth., § 124). Lambert warnt jedoch ausdrücklich vor reinen Nominaldefinitionen, sofern sie “bloße Bestimmungen der Bedeutung des Wortes” sind, ohne dass die Sache als Ganzes zugrunde gelegt wird (Semiotik, § 351). Da in derartigen Definitionen auf ebenfalls abstrakte Wörter zurückgegriffen werden muss, entstehen über die Bedeutung der termini technici am häufigsten Unklarheiten, weshalb Lambert – und damit stellt er sich in die Tradition der Schrift Leibniz' aus dem Jahre 1670 De optima philosphi dictione – anrät, solche Fachausdrücke weitgehend zu vermeiden: Sie dienen auch meistens nur zur Abkürzung der Ausdrücke, und verwandeln diese Kürze mehrentheils in eine Dunkelheit und wenigstens scheinbaren Wortkram, weil nicht jeder sich die Mühe nimmt, sich alle die Wörter und ihre Definitionen so genau bekannt zu machen. (Semiotik, § 348) Lambert betrachtet es als eines der grundlegenden Probleme der Philosophie, dass bereits die Wörter, die zur Definition anderer herangezogen werden, in ihrem Bedeutungsumfang nicht genau bestimmt sind. Die
Ungenauigkeit der alltäglichen Sprachverwendung, die der Stufe der “gemeinen
Erkenntnis” durchaus angemessen ist, wirkt sich somit bei der dritten Klasse
in besonders ausgeprägtem Maße aus. Infolgedessen ist im Rahmen
wissenschaftlicher Erkenntnis die Aufklärung der Begriffe der dritten
Wortklasse von größerer Dringlichkeit und gleichzeitig mit erheblicheren
Schwierigkeiten verbunden als die der beiden anderen Klassen. Der zu der
Untersuchung und Aufklärung der Begriffe notwendige Aufwand entspricht dabei
der Häufigkeit des Auftretens von “Wortstreitigkeiten”, die somit
gewissermaßen als “Gradmesser” der Ungenauigkeit des Begriffsumfangs
betrachtet werden können, sowie der Schwierigkeit sie zu bereinigen. 1.4 Potential metaphorischen SprechensIn seiner Einteilung in Wortklassen setzt Lambert die Operation des Vergleichens als ein universelles menschliches Vermögen voraus, das die Erkenntnis des Bestehens von Identität, Ähnlichkeit und Unähnlichkeit ermöglicht. Das Aufdecken von Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten der Dinge bezeichnet Lambert als “Gaben der Natur”, die durch Übung verfeinert werden können und dies “sind Bedingungen, ohne welche man in der Erfindungskunst nicht weit kömmt” (Dian., § 549). Die Erkenntnis des Bestehens von Ähnlichkeiten ist unerlässliche Voraussetzung für die “Erfindungskunst”, d.h. den menschlichen Erkenntniszuwachs, weil sie über den unmittelbaren konkreten Erfahrungsbereich hinausweist. Lambert geht somit bei seiner Konzeption metaphorischer Sprachverwendung von der Annahme aus, dass vor allem neu gebildete Metaphern sowohl für den individuellen Erkenntnisprozess als auch für die Vermittlung und den Austausch der Ideen von Bedeutung sind, womit der tropischen Sprache trotz ihrer Mehrdeutigkeit, die auch von Lambert als problematisch angesehen wird, eine entscheidende Rolle für das menschliche Erkenntnisvermögen zugesprochen wird, die darin besteht, dass die metaphorische Sprechweise eine Übertragung oder “Reduktion”, wie Lambert sagt, des Abstrakten auf das Figürlich-Symbolische ermöglicht. Insofern stellt die Metapher das Mittel dar, abstrakte Ideen durch die konkret-körperliche Sprache zum Ausdruck zu bringen. 2. Sozialindividuation und kulturelle UmweltDie von Lambert präzise durchdrungene Problematik von sprachbasierter Verständigung und Verstehenssicherung im Bereich abstrakter Gegenstände aller Art basiert auf seiner Unterscheidung von “Intellektualwelt” und “Körperwelt”. Im Rahmen einer psychologisch ausgerichteten Ökologie sowie der philosophischen Anthropologie werden im 20. Jahrhundert kommunikationstheoretische Erwägungen ebenfalls im Ausgang von der Differenzierung nach inneren und äußeren Faktoren vorgenommen. Der Psychologe Willy Hellpach hat schon 1911 in der ersten Auflage seiner Geopsyche und insbesondere in seiner Psychologie der Umwelt die Untersuchung der Psyche angeregt, “sofern sie von ihrer tatsächlichen Umwelt abhängig ist”.[13] Der Begriff der Umwelt wird von Hellpach hier nicht allein auf die natürliche Umwelt des Menschen im Sinn physischer Gegebenheiten verstanden, sondern darüber hinaus auf die soziale Umwelt, das heißt die Individuen und Gruppen bezogen, mit denen der Mensch in Beziehung tritt, sowie auf die kulturelle Umwelt. Als kulturelle Umwelt sind die symbolisch repräsentierten Gegebenheiten zu betrachten (vgl. Lang 1984:1147). Auf allen drei Ebenen ist die “tatsächliche Umwelt” daher zu untersuchen. In der zweiten Auflage seiner Sozialpsychologie, 1946, äußert Hellpach sich ausführlich zu Fragen der Rückwirkung der Gemeinschaft auf den Einzelnen (Sozialindividuation) sowie zu dem Komplex der Mitteilung und zwischenmenschlichen Kommunikation: hier spricht er von den “Wirkungswege[n] von Menschenseele zu Menschenseele”. Hellpachs Sicht der Sozialindividuation integriert sowohl Erb- als auch Milieuhypothese: Wir wissen, dass die chinesische Primel nur die Anlage in sich trägt, entweder weiß oder rot zu blühen, aber je nach der Temperatur, in der man sie hält, blüht sie weiß oder blüht sie rot; in keiner Umwelt aber blüht sie blau oder gelb. Auch psychisch, in diesem Bilde zu sprechen, kommt ein Individuum mit der festbegrenzten Anlage zur Welt, z.B. weiß oder rot zu blühen; ob es ein Weißblüher oder ein Rotblüher wird, das hängt von der “sozialpsychologischen Temperatur” ab, in die es gerät; keine irgendwie geartete Temperatur aber vermag einen Blaublüher aus ihm zu machen, denn dafür fehlt ihm die Erbanlage. [...] Aus den erblich gegebenen Elementaranlagen gestaltet (“modelliert”) die mitseelische Umwelt die in vielen Beziehungen nicht mehr abänderliche Individualität. (Hellpach 1946:154f.) Der Einfluss der “mitseelischen Umwelt”, das heißt der mitmenschlichen, sozialpsychischen Umwelt, wird Hellpach zufolge ergänzt durch die materielle Umwelt. Diese könne beispielsweise als tektonische Umwelt mit Bau-, Möbel- und Werkzeugformen Wirkungen der Ruhe oder Unruhe, Weite oder Enge etc. nach sich ziehen. Darüber hinaus würden sie [...] gleichsam repersonifiziert zu Ausdrucksformen einer vergangenen Menschensinnesart, die sie so geschaffen hat und mit der man in Kontakt tritt. Es findet also eine Art virtueller Gemeinschaft (und nicht selten imaginärer) statt, am häufigsten mit einem “Sozialintegral” der Vergangenheit, als dessen “Kulturdokument” deren Formenstil entstanden ist. Verwandtes vollzieht sich auch an der Naturumwelt als Landschaft. (Hellpach 1946:155) Als eine Form der Einflussnahme durch die Umwelt auf persönliche Eigenart betrachtet Hellpach beispielsweise auch die Folgen der Erziehung auf das Temperament eines Kindes, einen Aspekt des Charakters, der meist als angeboren und unabänderlich beurteilt werde. Er unterscheidet daher zwischen Naturtemperament und Konventionstemperament (Hellpach 1946:161). Generell erfolge Sozialindividuation auf dem Weg der Schulung, der Nachahmung oder der Anformung. Dabei müsse insbesondere Schulung als “Veranstaltung mit überlegter Zielsetzung und Mittelwahl” (Hellpach 1946:180) auch unter dem Aspekt der Mitteilungsweisen reflektiert werden. Hellpach betont: Wir erinnern etwa an die Mitteilungsweisen, insbesondere die suggestiven (indikative und imperative), an die Verwendung von Rufen, Zeichen und Bildern, an Ausdruckserspürung, Einkennung, Sensibilisierung und Abstumpfung, die Kenntnis der expressiven Typen [...]. (ebd.) Mit der Nennung dieser vielfältigen Aspekte der Mitteilungsweisen bezieht sich Hellpach auf seine Ausführungen zu den “Wirkungswegen von Menschenseele zu Menschenseele”: Mitteilung ist – so heißt es dort – die vernehmliche und verständliche Kundgabe eines Bewusstseinstatbestandes an ein Mitgeschöpf (Hellpach 1946:48). Die Tatsache, dass ein Mensch den Inhalt von etwas zu ihm Gesagten, einer Mitteilung, sofort realisiert, auch wenn dieser Mitteilungsinhalt für ihn belanglos oder sogar widersinnig und womöglich erniedrigend ist, bezeichnet Hellpach als “Verbalsuggestion” (Hellpach 1946:62). Da Sprache das zentrale Mitteilungsinstrument des Menschen ist, sei die Verbalsuggestion von entscheidender Bedeutung für gegenseitige Einflussnahmen (Hellpach 1946:64). Hellpach akzentuiert mit diesem Terminus also den kommunikativen Aspekt der Beeinflussung, der Willens- und Gedankenlenkung des Gegenübers, des Rezipienten oder Hörers: Es gibt Mittel der Mitmenschenbehandlung, die, im richtigen Augenblick eingesetzt, eine erhöhte Suggestivität von Mitteilungen gewährleisten und einem Satz, einem Zuruf, einer Behauptung, einer Nachricht, einer Erzählung verbalsuggestiven Charakter erteilen. Solche Mittel liegen vor allem in sprachlichen Besonderheiten vor, die jedem zu benutzen offen steht (die also nicht in angeborener suggestiver Sprechweise, z.B. einer entsprechenden Stimmgewalt oder Stimmlage, bestehen). (Hellpach 1946:71) Hellpach bezieht sich in diesem Zusammenhang im Folgenden in einer impliziten Beschreibung auf die Verwendung metaphorischer Ausdrucksformen: Die Neubildung von Wörtern und Wendungen war es zuerst, die der Prosa Friedrich Nietzsches eine so suggestive Wirkung sicherte; diese Neugebilde gingen rasch in die Schreibgepflogenheiten des Journalismus über und faszinierten besonders jugendliche Köpfe bis zur gedankenlosen Hingabe an diese originellen Formeln [...]. In der “Floskel” werden zwar gebräuchliche Wörter, aber in neuartigen Verknüpfungen verwertet [...]. (Hellpach 1946:73) In seinem Konzept der mitseelischen, umweltlichen Einwirkung auf das Individuum berücksichtigt Hellpach die Sprache und besonders auch den metaphorischen Sprachgebrauch. Dieser grundlegende Ansatz der Erforschung des Einflusses von Umweltfaktoren auf das Individuum subsumiert damit die Sprache unter dem Begriff der Verbalsuggestion unter die Formen der Rückwirkung der Gemeinschaft auf den Einzelnen. Das Problem von sozialpsychischer Umwelt und Individuum wurde von dem Bonner Nachrichtentechniker, Phonetiker und Kommunikationsforscher Gerold Ungeheuer in Auseinandersetzung mit der Sozialpsychologie Hellpachs zu einem kommunikationstheoretischen Ansatz ausgebaut, der den Hörer mit seinem Bemühen um Verständnis in das Zentrum rückt. Ungeheuer spricht von dem Bestehen eines Gegensatzes innerer Erfahrungen und Handlungen einerseits und äußerer Erfahrungen bzw. Handlungen andererseits. Hier bezieht er sich auf Lamberts Schriften, mit dessen sprachtheoretischen Reflexionen er sich intensiv auseinandergesetzt hat. Darüber hinaus rekurriert Ungeheuer auf Max Schelers berühmte Schrift Die Stellung des Menschen im Kosmos – die in der ersten Auflage 1928 erschienen ist und seit 2002 in der nun fünfzehnten Auflage vorliegt – deren entscheidende These besagt, dass die Sonderstellung des Menschen auf seinem Geist beruhe, so dass von einer dichotomen Innen-Außen-Erfahrung auszugehen sei (vgl. Ungeheuer 1990:305ff). Sprache wird von Scheler daher als Folge der geistigen Verfassung des Menschen angesehen. Auch Helmuth Plessner fundiert in seinem anthropologischen Ansatz den Menschen auf der Basis einer divergenten Innen-Außen-Beziehung.[14] Ungeheuer geht davon aus, dass jede Begegnung von Menschen eine gegenseitige Konfrontation mit den “individuellen Welttheorien” darstelle. Eine allerdings nicht vollständige Vermittlung kann Ungeheuer zufolge durch die äußerlich erfahrbare Sprache stattfinden: Wie es aber dazu kommt, daß in großen Menschengruppen die Meinung und wohl auch die Erfahrung vorherrscht, es gäbe weitgehend übereinstimmende Teile der Welttheorien, dies kann erst beschrieben werden, wenn einige Erfahrungen über die Sozialhandlung der sprachlichen Kommunikation und über die Zeichensysteme festgehalten worden sind. (Ungeheuer 1987, 312) Zentral ist hierbei Ungeheuers Unterscheidung zwischen koërzitiven oder unter Zwang erfolgenden und quaesitiven oder in eigener Absicht gesuchten Erfahrungen. Von besonderem Interesse sind hierbei die quaesitiven Erfahrungen sein, die sich nicht nur auf eigene Erfahrungen, sondern auch auf die Veranlassung von Erfahrungen Anderer beziehen können (vgl. Ungeheuer 1987, 314). Um die Herbeiführung solcher Erfahrungen geht es bei der Kommunikation: Erfahren Menschen etwas quaesitiv, dann ist dies entweder eine äußere oder innere Erfahrung. Geht die Absicht auf eine innere Erfahrung, dann kann diese nur derjenige verwirklichen, in dessen Innern sie vollzogen werden soll. Kommunikationen sind Veranstaltungen von Sprechern, die beabsichtigen, Hörern [sic] bestimmte innere Erfahrungen, Erfahrungen des Verstehens, vollziehen zu lassen. (Ungeheuer 1987:315f.) Das bedeutet, dass sowohl Sprechen als auch Schreiben aufgefasst werden als das Herstellen von Anweisungen zu inneren Handlungen des Hörers beziehungsweise des Lesers. Dabei sind Wort- und Satzbedeutungen nicht im Sinne des informationstechnisch orientierten “Transport-Modells” aufzufassen, sondern müssen diesem Entwurf zufolge jeweils überhaupt erst hergestellt werden; Bedeutungswissen ist der kommunikativ vom Hörer erfahrene Plan des formulierenden Sprechers, dem zufolge das in der Mitteilung Gemeinte rekonstruiert werden soll (vgl. Ungeheuer 1987:325). Hier ist eine weitere Differenzierung Ungeheuers von entscheidender Bedeutung, in der Kommunikationsprozesse, die in eine übergeordnete Sozialhandlung eingebunden sind, von solchen unterschieden werden, die er als ‚kruzial‘ bezeichnet. Die ersten, nicht-kruzialen Interaktionen finden im Rahmen eines Handlungsgeflechts sozialer und individueller Tätigkeiten statt, wie beispielsweise des Einkaufens oder einer Konsumation im Restaurant. Hier bestehen bestimmte Rahmenbedingungen und schematisierte Abläufe, die die Kommunikationshandlung regeln und erleichtern. Erheblich komplexer und auch fallibler sind Kommunikationsprozesse, die keinerlei Unterstützung durch äußere Handlungen erfahren, wie etwa im Fall theoretischer Diskussionen in der Wissenschaft. Insbesondere in der kruzialen Kommunikationssituation gibt jeder linguistisch-semantisch verstandene Satz erst die Anweisungen, wie nun weiter im verstehenden Gedankengang zu verfahren ist, wie Verbindungen zu dem bereits Gesagten herzustellen sind, wie Vermutungen und Erwartungen aufgebaut werden können, und es ist außerdem Sache des Hörers, wie er dies alles mit den Elementen seiner Welttheorie wenigstens hypothetisch in Einklang bringt. (Ungeheuer 1987:326) Ungeheuer
konkretisiert dies in unmittelbarer Bezugnahme auf die sprachliche Ebene, indem
er die Unhintergehbarkeit sprachlicher Elliptizität hervorhebt. Das bedeutet,
dass ausnahmslos jede Formulierung – und handle es sich auch um mehrbändige
Werke – bezüglich des mitzuteilenden Gedankenganges elliptisch ist. Das
bedeutet, dass “sie nie einen vollständigen Plan abgeben können, um den Hörer
[oder Leser; G.L.S.] bei all seiner Willigkeit, diejenigen Erfahrungsakte ausführen
zu lassen, die zum genauen Verständnis des Gemeinten notwendig sind”
(Ungeheuer 1987:327). Der Rezipient kann daher niemals mit letzter Gewissheit
ausmachen, welches der zu kommunizierende Gedanke gewesen ist, während auch der
Emittent das Verständnis des Rezipienten nicht definitiv ermitteln kann.
Anschaulich beschreibt Ungeheuer die Zwecklosigkeit des Versuchs, durch
Explizitheit die Fallibilität von Kommunikation zu beherrschen: Es folgt aus dem Grundsatz der Elliptizität sprachlicher Formulierungen, vor allem unter den Maximen wissenschaftlicher Arbeit, eine Tendenz zur völligen Explizitheit in Text und Rede. Es stellt sich aber heraus, daß dieses Streben nach letzter Verdeutlichung, also entweder nach Verlängerung der Texte oder nach Verkleinerung der mitzuteilenden Gedanken, in der kommunikativen Praxis in eine paradoxe Situation mündet: maximale Deutlichkeit und Explizitheit führen zu minimaler Verständlichkeit. Grob gesagt, je umfangreicher ein Buch wird, um so weniger verstehbar wird sein Inhalt [...]. (Ungeheuer 1987:328) Als wichtige Verständigungshilfe betrachtet Ungeheuer vielmehr sowohl die Paraphrasen als auch die Tropen, welche aufgrund der Variation einer Formulierung eine Explikation darstellen können. Tropische Ausdrucksweisen ermöglichen es, etwas neu oder anders zu sagen und auf diese Weise Verständnismöglichkeiten zu eröffnen (vgl. Lenke/Lutz/Sprenger 1995:88). Wie auch Lambert in seinem Entwurf erkennt Ungeheuer die bedeutende kommunikative Leistung metaphorischen Sprechens insbesondere im Bereich der “kruzialen Kommunikation” an, die keinen unmittelbaren gegenständlichen Bezug in der realen Welt aufweist. Heike Hülzer betont mit Blick auf Ungeheuers Konzept: Die analogische Konstruktion des Neuen nach dem Vorbild oder Muster des Bekannten (durch Zuhilfenahme innerer Bilder), [...] ist der wichtigste Vorgang der Metaphernbildung. [...] Die unbewusste, automatische Anwendung dieser Methode legt es nahe, davon auszugehen, dass sie als angeborene Fähigkeit bei Sprecher und Hörer gleichermaßen vorauszusetzen ist. (Hülzer-Vogt 1995:197) Ungeheuers Skepsis bezüglich des Gelingens von Kommunikation mag auf den ersten Blick mit Niklas Luhmanns Rede von der Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation korrespondieren (vgl. Luhmann 1981). Während Luhmann jedoch von der Verselbstständigung sozialer Systeme und einem selbstreferentiellen Zirkel spricht, der “als Bewußtseinsinhalt bzw. als Kommunikationsthema” auf der Voraussetzung basiert, in anderen Systemen präsent sein zu müssen (vgl. Luhmann 1984:166), beschreibt Ungeheuer den Kommunikationsvorgang und das Verstehen als eine Anregung zur Bildung innerer Erfahrungen (vgl. Schröer 1999:189). Norbert Schröer kritisiert Luhmann dahingehend, dass er es unterlasse, die Anstrengungen zu beschreiben, welche Subjekte in Anbetracht der operationalen Geschlossenheit und der sich daraus ergebenden Kommunikationsprobleme auf sich nähmen, “um so etwas wie wechselseitiges Verstehen zu bewerkstelligen” (Schröer 1999:193). Luhmann geht davon aus, dass Verstehen normalerweise mehr oder weniger weitgehende Missverständnisse einschließe; dabei handle es sich jedoch “um kontrollierbare und korrigierbare Mißverständnisse” (Luhmann 1984:196). Wichtige Bedeutung kommt hier der reflexiven Kommunikation zu, die es erlaubt, auf einer Metaebene Verständigung zu kontrollieren: Man kann unerwartete, ungewöhnliche Mitteilungen wagen, man kann sich knapper fassen und Verständnishorizonte ungeprüft voraussetzen, man kann unter völlig Unbekannten kommunizieren, wenn bei Zweifeln oder Verständigungsschwierigkeiten nachgefragt werden kann. Man braucht nicht alles schon in der direkten Kommunikation zu leisten, wenn zusätzlich jene Metaebene zur Verfügung steht, auf der man über Gelingen oder Mißlingen einer kommunikativen Verständigung kommunizieren kann. (Luhmann 1984:199) Ganz anders als Ungeheuer siedelt Luhmann das metaphorische Sprechen in diesem Zusammenhang auf der basal-unmittelbaren Ebene von Kommunikation an, womit die Metapher gerade nicht als zusätzliche Möglichkeit der Verständnissicherung betrachtet wird: In sprachlicher Kommunikation ist die reflexive Rückwendung auf die Kommunikation selbst so leicht verfügbar, dass es besonderer Sperren bedarf, um sie auszuschließen. Solche Sperren rasten ein bei bewusst metaphorischem Wort- und Bildgebrauch, bei beabsichtigten Zweideutigkeiten, bei Paradoxien, bei humorvollen, witzigen Wendungen. Solche Sprachformen übermitteln zugleich das Signal, dass eine Rückfrage nach dem warum und Wieso keinen Sinn hat. Sie funktionieren nur im Moment – oder sie funktionieren überhaupt nicht. (Luhmann (1984:211) Entproblematisierend geht hier – wenn auch in anderer Hinsicht – auch der radikale Konstruktivismus vor: Es herrscht die Annahme vor, dass individuell aufgebaute Begriffsstrukturen innerhalb einer Gemeinschaft weitgehend miteinander vereinbar seien, wobei die Perspektivität des Subjekts nicht ausreichend berücksichtigt wird. Die Notwendigkeit der Verständigung in den sozialen Interaktionen, auf die wir ja schon als kleines Kind angewiesen sind, sorgt dafür, daß unsere Begriffe und somit die Bedeutungen, die wir Wörtern zuteilen, sich in der Praxis weitgehend an jene der anderen anpassen. (von Glasersfeld 1998:38, vgl. die Kritik in Schröer 1999:193-199) Von Glasersfeld resümiert (von Glasersfeld 1992:37): “Kurz gesagt, wenn die Modelle, die wir uns von Dingen, Verhältnissen und Vorgängen in der Erlebniswelt aufgebaut haben, sich auch in sprachlichen Interaktionen mit anderen bewähren, dann ist dies eine Steigerung ihrer Viabilität [...].” Die Analyse der Unhintergehbarkeit der Perspektivität und der “individuellen Welttheorien” führt bei Ungeheuer im Unterschied zu der Systemtheorie Niklas Luhmanns und dem radikalen Konstruktivismus somit zu dem Bemühen um eine Beschreibung dieser Schwierigkeiten. Zugleich geht es hierbei um eine Darstellung derjenigen sprachlichen Möglichkeiten, die der Fallibilität von Kommunikation entgegenwirken können. Hier kommt der Metapher zentrale Bedeutung zu, da sie erlaubt, bestehende Ausdrucksformen zu erweitern und zu variieren. Auf diesem Weg können unter Umständen präzise Impulse für eigene Erfahrungen, Gedanken und Handlungen vermittelt werden. Die sozial-gemeinschaftliche und die kulturell-symbolische Ebene der umweltlichen Einbindung des Einzelnen werden von Gerold Ungeheuer damit im Anschluss an Willy Hellpachs Ansatz einer psychologischen Ökologie hinsichtlich der kommunikativen Bedingungen sowie der Möglichkeiten sprachlicher Interaktion präzisiert. Hellpach bietet diese Anschlussoption insbesondere mit seinen Begriff der “Verbalsuggestion”. Er öffnet damit das Konzept der psychologischen Ökologie der linguistischen Dimension, die im übrigen in den Weiterentwicklungen der psychologischen Ökologie nicht aufgenommen wurde, womit ein zentraler Aspekt – abgesehen von Ungeheuers Fortführung – weitgehend unberücksichtigt geblieben ist. Ungeheuer hat vor dem Hintergrund des von Hellpach differenzierten Begriffs der Umwelt das Sprachhandeln mit Blick auf die Problematik der Fallibilität von Kommunikation reflektiert. Ferner ist die Frage des Sprachverhaltens hinsichtlich der eventuell nicht einmal intendierten Gefahren sozialer Machtausübung Gegenstand von Ungeheuers kommunikationstheoretischer Auseinandersetzung. Metaphorische Ausdrucksformen werden als wichtige Möglichkeit der Verständigungssicherung akzentuiert und sind diesem Ansatz zufolge als Instrument der Präzisierung von Kommunikationszielen zu betrachten. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Dominanz von Niklas Luhmanns Ansatz erscheint eine vertiefte Reflexion der historischen anthropologischen Forschung aus sozial- und kommunikationstheoretischen Gründen angebracht. Denn Lamberts erkenntnis- und metapherntheoretische Grundannahmen operieren mit einem impliziten Umweltbegriff, der in der Traditionslinie biologischer Anthropologie über Herder und Darwin im neunzehnten bis zu Helmuth Plessner im zwanzigsten Jahrhundert explizit herausgearbeitet wurde. Diese anthropologischen Konzepte können in aktuellen ökolinguistischen Fragestellungen mit sprachtheoretischen Ansätzen verbunden und auf diese Weise fruchtbar gemacht werden. Willy Hellpachs Werk verdient hier besondere Aufmerksamkeit, da er eine Integration der linguistischen Dimension in den Zusammenhang sozialanthropologischer und ‑psychologischer Problemstellungen angeregt hat. Die weitere Entwicklung der linguistischen Theoriebildung insbesondere auch in der Auseinandersetzung mit macht- und geopolitischen Komplexen als dringliche Aufgabenbereiche globaler Kommunikation sollte sich daher dieser kaum noch bekannten und hier im Hinblick auf eigene weitere Forschung skizzierten Quelle versichern. 3. LiteraturGlasersfeld, Ernst von (1992 [1985]): “Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität”, in: Einführung in den Konstruktivismus. Beiträge von Heinz von Förster et al., München/Zürich, 9-39. Glasersfeld, Ernst von (1998): “Konstruktivismus statt Erkenntnistheorie”, in: Dörfler, Willibald/Mitterer, Josef (edd.): Ernst von Glasersfeld – Konstruktivismus statt Erkenntnistheorie, Klagenfurt/Celovec, 11-39. Hellpach, Willy (21946): Sozialpsychologie. Ein Elementarbuch für Studierende und Praktizierende, Stuttgart. Hennigfeld, Juchem (1982): Die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts. Grundpositionen und –probleme, Berlin/New York. Hoffmann, Joachim (1986): Die Welt der Begriffe, Weinheim. Hülzer, Heike (1987): Die Metapher. Kommunikationssemantische Überlegungen zu einer rhetorischen Kategorie, Münster. Hülzer-Vogt, Heike (1995): “Metapher”, in: Lenke, Nils/Lutz, Hans-Dieter/Sprenger, Michael: Grundlagen sprachlicher Kommunikation. 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Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main. Schiewer, Gesine Lenore (1996): Cognitio symbolica – Lamberts semiotische Wissenschaft und ihre Diskussion bei Herder, Jean Paul und Novalis, Tübingen. Schröer, Norbert (1999): “Intersubjektivität, Perspektivität und Zeichenkonstitution. Kommunikation als pragmatische Abstimmung perspektivgebundener Deutungsmuster”, in: Hitzler, Ronald/Reichertz, Jo/Schröer, Norbert (edd.): Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation, Konstanz, 187-212. Soeffner, Hans-Georg/Luckmann, Thomas (1987): “Die Objektivität des Subjektiven – Nachwort zu G. Ungeheuers Entwurf einer Theorie kommunikativen Handelns”, in: Ungeheuer, Gerold: Kommunikationstheoretische Schriften I: Sprechen, Mitteilen, Verstehen, hg. und eingel. von J.G. Juchem. Mit einem Nachwort von H.-G. Soeffner und T. Luckmann. Aachen, 339-357. Ungeheuer, Gerold (1972): “Aspekte sprachlicher Kommunikation”, in: Ungeheuer, Gerold: Sprache und Kommunikation, 2., erw. Aufl., Hamburg, 9-23. Ungeheuer, Gerold (1987[1974]): “Kommunikationssemantik: Skizze eines Problemfeldes”, in: Ungeheuer, Gerold: Kommunikationstheoretische Schriften I: Sprechen, Mitteilen, Verstehen, hg. und eingel. von J.G. Juchem. Mit einem Nachwort von H.-G. Soeffner und T. Luckmann. Aachen, 70-100. Ungeheuer, Gerold (1987): “Vor-Urteile über Sprechen, Mitteilen, Verstehen”, in: Ungeheuer, Gerold: Kommunikationstheoretische Schriften I: Sprechen, Mitteilen, Verstehen, hg. und eingel. Von J.G. Juchem. Mit einem Nachwort von H.-G. Soeffner und T. Luckmann. Aachen, 290-338.
[1] Vgl. Hülzer (1987:16) sowie das Kapitel über Lambert in Hülzer (1987:23-59). [2] Lambert bezieht sich an anderer Stelle auf die Tradition der von Leibniz skizzierten universellen ars characteristica, verfolgt diesen Weg jedoch nicht weiter, da es eine solche ars characteristica trotz aller Bemühung nicht gäbe, obwohl “deren Erfindung von ungemeiner Wichtigkeit seyn würde, wenn sie so leicht” wäre (Semiotik, § 70). [3] “Die einfachen Begriffe, die wir durch die Sinnen und das Bewußtsein erlangen, machen die Grundlage unsrer Erkenntnis aus.” (Aleth., § 53). Lambert nennt als einfache Begriffe in der Alethiologie, betrachtet diese Aufzählung aber nicht als vollständig: “Bewußtsein, Existenz, Einheit, Dauer, Succeßion, Wollen, Solidität, Ausdehnung, Bewegung, Kraft.” (Semiotik, § 68) [4] “Die zusammengesetzten Begriffe sind von verschiednen Arten. Einmal sind unstreitig die von zusammengesetzten Dingen ebenfalls zusammengesetzt. So fern sich daher Dinge zusammensetzen lassen, sofern können auch die Begriffe zusammengesetzt werden. Und die meisten Begriffe, so wir aus der Erfahrung haben, sind es, wie z.E. die Begriffe jeder Körper, und unsrer Handlungen.” (Aleth., § 136) [5] “Die Vorstellung selbst nennen wir einen Begriff, und dieser hat mit der Vorstellung gleiche Stuffen der Ausführlichkeit. Keinen Begriff von einer Sache haben, heißt sich dieselbe nicht vorstellen können. Ein Blinder hat keine Begriffe von Farben, weil er niemals eine Vorstellung davon gehabt hat.” (Dian., § 6) [6] An die Bestimmung klarer Begriffe aufgrund einer Analyse der konstituierenden Merkmale knüpft der Idee nach das strukturalistische Konzept der Merkmalsemantik im 20. Jahrhundert an. [7] “So z.E. wenn in dem deutschen die Wörter roth, gelb, weiß, hart, weich, eins zwey ec. in Abgang kommen, so ist es, weil man andre dafür einführt, und dadurch die Sprache abändert.” (Aleth., § 30) [8] “Die einfachen Begriffe haben daher am wenigsten nöthig definirt zu werden. Denn da sie keine innere Merkmaale haben, so können auch in der Definition keine angegeben werden. Folglich kann auch die Definition nicht zur Entwicklung dessen, was sie in sich schließen, dienen. Sie taugt ferner auch nicht, um den Begriff kenntlich zu machen, weil derselbe schlechterdings klar ist, und keine gemeinsame Merkmaale hat, und schlechthin durch die Empfindung erlangt werden muß. [...] Will man aber durch Verhältnisse definiren, so mag es bey einzelnen Stücken der wissenschaftlichen Erkenntniß angehen, aber im Ganzen entstehen Zirkel im Definiren daraus, die sich sodann nicht wohl vermeiden lassen. (Dianoiol. § 682. seqq.)” (Vgl. Aleth., § 31) [9] Wenn beispielsweise das Merkmal ‚größer werden’ des Verbums “wachsen” verglichen wird mit dem Prozess des geistigen Reifens, kann dies mit der metaphorischen Wendung “das Wissen wächst” zum Ausdruck gebracht werden. [10] Die Bedeutung der metaphorischen Sprachverwendung vor allem für die Erfassung neuer, erkenntniserweiternder Begriffe und damit für die Erweiterung sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten wird ferner deutlich, wenn man berücksichtigt, dass Lambert die Möglichkeit des allmählichen Verlustes des Bewusstseins für den metaphorischen Charakter sprachlicher Wendungen anerkennt und zugesteht, dass sie im Laufe der Zeit ihre Mehrdeutigkeit verlieren können; vgl. auch Hülzer (1987:48). [11] Analoge Überlegungen liegen den von H. Paul Grice formulierten Konversationsmaximen und der konversationellen Implikatur zugrunde. Ferner rekurrieren die im Umfeld der Ethnomethodologie erarbeiteten Basisregeln der Interpretation auf den “guten Willen” des Hörers, auch fragmentarischen oder schwer verständlichen Äußerungen einen Sinn abzugewinnen. [12] “Zu dem Verstand einer Redensart trägt jedes Wort und selbst auch die Ordnung der Wörter, und ihr Zusammenhang mit dem Vorhergehenden und Folgenden, und überdieß noch der Accent in der Aussprache bey.” (Semiotik, § 303) [13] Zitiert nach Lang (1984:1147). Hellpach wendet sich hier gegen eine laborexperimentell forschende Psychologie mit dem Studium des “künstlich individuierten Seelenlebens”, vgl. Kruse/Graumann/Lantermann (1996: 7). [14] Vgl. Hennigfeld (1982:168f.). Hans-Georg Soeffner und Thomas Luckmann betonen die Einflüsse von Edmund Husserl, Max Scheler, Alfred Schütz und Helmut Plessner auf Ungeheuer und sehen die besondere Bedeutung von Scheler und Plessner für Ungeheuer der Verbindung phänomenologischer mit anthropologischen Ansätzen und Fragestellungen; vgl. Soeffner/Luckmann (1987:342). [PDF] |
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