metaphorik.de 05/2003

 

                    

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Die Wahl der Metaphern:

Kontextbedingte Bedeutungsverschiebung bei Metaphern mit unterschiedlichem Lexikalisierungsgrad

Alex Deppert[1], Darmstadt (AlexDeppert@gmx.de)

Abstract

Untersucht wird der Einfluss der Konventionalität von Metaphern wie Vulkanausbruch für eine frische Liebesbeziehung auf die von Versuchslesern gesehene Enge der Beziehung dieser Metaphern als „Stimulusbezeichnungen“ zu anderen (Test-) Bezeichnungen. Die Testbezeichnungen stehen zu je einem Teil (a) zur metaphorischen Bedeutung und (b) zu anderen bzw. „wörtlichen“ Verwendungsweisen der Stimulusbezeichnungen in Beziehung – ein Beispiel für ersteres wäre (wir bleiben bei Vulkanausbruch) z.B. Leidenschaft, eines für letzteres Ascheregen. In einem zu lesenden Versuchstext werden die Stimulusbezeichnungen z.B. in ihrer metaphorischen Bedeutung verwendet. Es zeigt sich, dass das Lesen dieser Texte die gesehene Beziehung zwischen der fraglichen Metapher und den „passenden“ Testbezeichnugen stärkt. Entscheidend ist aber: die über diese Relation erfasste Bedeutungsverschiebung hängt nicht von der Konventionalität ab und tritt auch bei ungewöhnlichen, unkonventionellen Metaphern auf. Das relativiert die Bedeutung von konzeptionellen Metaphern, wie sie z.B. Lakoff und Johnson (1980; Lakoff 1987) u.a. als wichtige Einflussgröße auf Denken und Handeln konzipieren und kann als Ermutigung zu unkonventionellem Sprachgebrauch gesehen werden.

We examine the influence of the conventionality of stimulus words – metaphors like Vulkanausbruch („volcanic eruption”) for a new love relation – on the relation between these expressions and other test expressions as judged by the participants of our experiment. The test expressions relate either to the metaphorical or to the literal meaning of the stimulus words. If the participants read a text that uses the stimulus word in its metaphorical sense before judging, this strengthens the relation between the stimulus words and the test expressions that fit this metaphorical context (like within the Vulkanausbruch – example Leidenschaft – „passion”). However, this result does not depend on the conventionality of the metaphors and also appears with very new and unusual metaphors. These findings reduce the importance of metaphor „groups” which are seen as a major influence on thought and action by Lakoff (1987). This is an encouragement for using language unconventionally.

1. Einleitung, Hintergründe

Es ist gegenwärtig kaum noch umstritten, dass Metaphorik ein universeller und allgegenwärtiger Motor der Sprachentwicklung bis hin zur Grammatikalisierung (Bybee et al. 1994) ist und einen wesentlichen Einfluss auf unser alltägliches Denken hat (Lakoff / Johnson 1980) sowie selbst auf die wissenschaftliche Theoriebildung (Kuhn 1976). Die Verwendung von Metaphern ist gerade zum Erfassen „neuer“ Information so notwendig wie nützlich.

Hörmanns (1976) Sichtweise der Sprache als „Gefängnis“, außerhalb dessen Mauern sich jedoch nichts, keine erstrebenswerte „Freiheit“ befindet, bietet sich als starke Metapher für die Bedeutsamkeit der Sprache an. Inwieweit sind wir z.B. in der Lage, die Metapher „Sprache als Gefängnis“ durch die einer „Sprache als Schiff“ zu ersetzen – eines Schiffes, das seine Mannschaft an sich bindet, das sich jedoch bewegt? Diese Metapher erscheint uns nützlicher für die Verdeutlichung der im Rahmen dieser Arbeit im Vordergrund stehenden Fragen. Um „im Bild“ zu bleiben: inwieweit können wir den Kurs des Schiffes bestimmen und wie frei können wir uns auf diesem bewegen?

Nachdem die Diskussion metaphorischer Grundlagen, was die eigene Fachsprache angeht, in der psychologischen Disziplin bereits eine gewisse Tradition hat (z.B. Ickler 1997: 273; Deppert 2001b: 254; Danziger 1990), beschäftigt in jüngerer Zeit die Frage der „Möglichkeiten und Risiken“ der Verwendung bestimmter Metaphern und die Gestaltungsfreiheit dabei auch die Forschung zur psychologischen Psychotherapie (Rosenblatt 1994, Kopp 1995, Buchholz und Kleist 1998, vgl. auch Brünner und Gülich 2002)[2]. Dies sind Aspekte, die einen Teil der Motivation für die vorliegende Untersuchung liefern, nicht aber in noch engerer Beziehung zu ihr stehen, etwa im Sinne einer Zuordnung zu dieser Linie.

Wie frei sind wir in der Wahl unserer Metaphern? Diese Frage lässt sich in zwei Aspekte aufteilen:

(1) Wie leicht kann man sich konventionell vorgebahnten Metaphern durch Setzung neuer, eigener Metaphern entziehen?

(2) Wie stark werden potentiell vorhandene „unkonventionelle“ Freiheiten dabei tatsächlich genutzt?

Ein provokatives Beispiel zeigt die Bedeutsamkeit dieses Unterschieds. Es stammt von einem der bedeutendsten Autoren der Metaphernforschung: nach Lakoff (1987:412) besteht z.B. eine durch Metaphern hergestellte und durch deren Untersuchung belegbare enge Verbindung zwischen Aggression und Sexualität in der US-amerikanischen Kultur und Sprache. Diese Verbindung ist nach seiner Auffassung konstitutiv für die hohe Zahl der Vergewaltigungen in den USA. Eine vertiefende Auseinandersetzung mit dieser Aussage kann hier nicht geleistet werden: dies müsste u.a. die Frage behandeln, wie etwa die statistischen Zahlen in verschiedenen Ländern zustande kommen, die man einem Vergleich zugrunde legen könnte. Auch müsste man untersuchen, wie die betreffende Metaphorik in Sprachen verschiedener Kulturkreise genau beschaffen ist (vgl. Deppert 2001a:151). Beides bleibt bei Lakoff aus, ist jedoch auch nicht Gegenstand des vorliegenden Artikels. Entscheidend ist hier: wenn ein Effekt bestimmter Metapherngruppen auf Denken und Handeln angenommen wird, müssen diese gängig und verbreitet sein. Neben der Beschreibung solcher „metaphorischer Konventionen“ tritt die Frage in den Vordergrund, wie bindend sie für aktuelle Sprachproduktion und -rezeption sind. Während wir eher auf Wege zur Beantwortung der ersten oben genannten Frage abzielen, steht die Beschreibung vorhandener Metaphernsysteme eher im Rahmen der zweiten Frage.

Nach Lakoff (1987; 1993) wie auch nach Goatly (1997:49, 80) wird das Verständnis neuer Einzelmetaphern von solchen Metaphernsystemen (bei Goatly „Root Analogies“) getragen.

In Anlehnung an Lakoff & Johnson (1980) werden diese häufig – wie auch hier – wegen ihrer kognitiven Relevanz „konzeptionelle Metaphern“ genannt. Ein Beispiel wäre etwa ARGUMENT IS WAR, mit zahlreichen Einzelmetaphern wie z.B. I demolished his argument oder Your claims are indefensible. Mit „metaphor“ bezeichnen Lakoff und Johnson (1980) sowohl das, was wir hier der Klarheit halber als Einzelmetapher bezeichnen wollen, als auch das, was wir als „konzeptionelle Metapher“ fassen. Entscheidend für die aktuelle Untersuchung ist nun folgendes: Neuformulierungen innerhalb einer solchen konzeptionellen Metapher werden nach Goatly (ebd.) und Lakoff und Johnson (ebd.) u.a. leichter verstanden, was eine Voraussetzung für Bedeutungsveränderung ist. Bezieht man die konventionellen Metaphern in die Klassifikation der Konventionalität ein, bietet sich die Möglichkeit der Auflösung eines alten Disputs: nämlich der Frage, ob beim Verstehen von Metaphern auf Seiten des Rezipienten zuerst wörtliche Interpretationen stattfinden und erst am Ende der Versuch einer Interpretation als Metapher steht (vgl. Hörmann 1976:186ff, 208ff, Kintsch 2000, Honeck et al. 1998:257; Sperber und Wilson 1986). Tatsächlich werden in der Literatur oft Metaphern untersucht, die innerhalb einer existierenden, konzeptionellen Metapher stehen. Womöglich ist es der dadurch gegebene Grad an Konventionalisierung, der eine „umweglose“ und zutreffende Interpretation als Metapher zulässt.

Wichtig wird auch Weinrichs Feststellung, dass „isolierte“ Metaphern, die nicht in einem bereits existierenden Bildfeld – wie er es nennt (wir reden von konzeptionellen Metaphern) – stehen, es schwer haben, sich durchzusetzen (1976:286). Hier soll untersucht werden, ob sich das in einem geringeren „Effekt“ der metaphorischen Verwendungsweise niederschlägt.

Die vorliegende Untersuchung dient zudem dem Ziel, Erkenntnisse über die Bedeutungsveränderung und ihre Voraussetzungen in aktuellen Kontexten zu gewinnen. In verschiedenen Diskursdomänen sollen Grundprinzipien der Bedeutungsveränderung und der Lexikalisierung untersucht werden. Lexikalisierung wird dabei unter den Aspekten der Konventionalisierung und Bedeutungsveränderung betrachtet, wobei Metaphern eine wichtige Rolle spielen. Das lässt sich an dem populären Beispiel Maus bzw. der Übertragung des Wortes auf den Computerbereich und seine Lexikalisierung als Computermaus zeigen. Obwohl der Kontext für das Verständnis nie unwichtig wird, nimmt mit zunehmender Konventionalisierung die Abhängigkeit des Verständnisses vom aktuellen Kontext ab. Die Abnahme dieser Abhängigkeit ist in scheinbar paradoxer Weise mit einer Zunahme der „festen“ oder konventionellen Einbettung in neue Kontexte verbunden (vgl. Zelinsky-Wibbelt 2000:216). Anders als zu Beginn des Prozesses der Bedeutungsänderung würden gegenwärtig sicherlich viele Hörer den Satz Ich habe mir eine neue Maus gekauft augenblicklich ohne weiteren Kontext auf die Computermaus beziehen. Zu Beginn der Konventionalisierung dieser Bedeutung von Maus jedoch war das sicherlich noch nicht der Fall. Bedeutungen verändern sich permanent. Oft handelt es sich um langwierige Prozesse, bei denen Metaphern eine wichtige Rolle spielen. Dies ist keine bloß nebensächliche Hilfsfunktion, sondern Metaphern muss eine erkenntnissteuernde Funktion zugeschrieben werden (vgl. Lakoff / Johnson 1980; Zelinsky-Wibbelt 2000:216).

Zum Zweck der anstehenden Untersuchung werden die verwendeten Bezeichnungen u.a. nach ihrer Konventionalität kategorisiert. Diese nimmt z.B. in Anlehnung an Goatly (1997:35) von aktiven (oder lebendigen) über inaktive bis hin zu toten Metaphern zu (vgl. auch Linzey 1997). Hier wird jedoch nicht sein Konzept, sondern ein eigenes zugrundegelegt (u.a., da Goatlys „tote Metaphern“ aus unserer Perspektive allzuviel umfassen).

Dieser Arbeit liegt folgende Kategorisierung zugrunde:

1. vollständig lexikalisierte Bezeichnungen metaphorischen Ursprungs sind so weitgehend lexikalisiert, dass sie als Homonyme, mindestens aber als Polyseme gelten können. D.h., die Bedeutung metaphorischen Ursprungs tritt bei kontextfreier Vorgabe annähernd gleichberechtigt neben die ursprüngliche Bedeutung. Ihr Verständnis ist nur in dem Sinn kontextabhängig, in dem das für alle Polyseme gilt, d.h., der Kontext wird nur zur Disambiguierung bei verschiedenen konventionellen Bedeutungspotentialen herangezogen.

In diese Kategorie gehören auch Bezeichnungen, die sich von ihrem metaphorischen Ursprung formal fortentwickelt haben – wie etwa sich unterwerfen (im Vergleich zu sich-unter-jemanden/etwas-werfen).

2. Konventionelle Metaphern haben zwar einen gewissen Konventionalisierungsgrad erreicht, jedoch tritt bei kontextfreier Vorgabe die metaphorische Bedeutung noch nicht gleichberechtigt neben die ursprüngliche(n) Bedeutung(en). Ihr Verständnis ist noch in stärkerem Maße kontextabhängig als das voll konventionalisierter Bezeichnungen. Beispiel: Maus als Computermaus. Dies ist sehr weitgehend lexikalisiert, trotzdem wird mit dem Wort Maus bei völlig kontextfreier Vorgabe trotzdem noch in erster Linie das Tier verbunden.

Ein Beispiel für hier verwendete solche Bezeichnungen ist Schoßhund in „Parlament Schoßhund des Premierministers?“.

3. Lebendige bzw. unkonventionelle Metaphern sind nur in ihrem aktuellen Kontext verständlich. Sie sind nicht lexikalisiert, werden jedoch von einer eher konventionellen, konzeptuellen Metapher getragen, d.h., sie sind nicht besonders originell. Weinrichs (1976) „Bildfeld“ SEELE ALS LANDSCHAFT kann so die für die meisten Rezipienten neue, aber wenig originelle Metapher Garten der Gefühle hervorbringen. Ein Beispiel für hier verwendete solche Bezeichnungen ist Schmieröl (als Ersatz für Schoßhund) in „Parlament Schmieröl des Premierministers?“

4. Originelle Metaphern schließlich sind in keiner Weise lexikalisiert und nur in ihrem Kontext verständlich – zudem aber werden sie nicht durch eine bereits existierende konzeptuelle Metapher getragen. Sie erscheinen dadurch origineller und unkonventioneller als Metaphern des dritten Typs. Ein Beispiel ist Eiszapfen für die Finger einer Leiche (nach Goatly 1997). Diese Kategorie wird erst im zweiten Teil der vorliegenden Untersuchung einbezogen.

Es wird eine Entwicklungslinie der Lexikalisierung und Konventionalisierung angenommen, die von Kategorie 4 oder 3 ausgehend über 2 zu Kategorie 1 führt (die man sich als „Abschnitte auf einem Kontinuum“ vorstellen kann). Für Fragen der Lexikalisierung ist dieser Weg letztlich entscheidender als die Frage, wo zwischen den Kategorien genau die sicherlich fließende Grenze zu ziehen ist.

2. Vorgehensweise

Versuchspersonen (Vpn.) werden Wörter / Bezeichnungen vorgelegt, die „Stimulusbezeichnungen“. Diese variieren u.a. nach der dargestellten Kategorisierung (im ersten Teil der Untersuchung nur nach 1 bis 3, s.u.).

Zudem erhalten die Vpn. „Differentiale“, d.h. Tabellen mit weiteren Bezeichnungen, hier „Testbezeichnungen“ (B) genannt, die zu den Stimuluswörtern (A) in unterschiedlichem Bezug stehen. Die Vpn. sollen auf einer Skala ankreuzen, wie eng ihrer Ansicht nach der Bezug zwischen den Testbezeichnungen und dem jeweiligen Stimuluswort ist. Es stehen dafür 6 Stufen zur Verfügung, die zwischen einer sehr engen gesehenen Beziehung und „A hat nichts zu tun mit B“ liegen. Eine Testbezeichnung für die Stimulusbezeichnung Teelicht ist z.B. Wachs. Die Vorgehensweise ist angelehnt an die Idee der semantischen Differentiale (Osgood 1971). Diese haben in der empirischen psycholinguistischen Forschung eine lange Tradition und genießen hohes Ansehen (Hörmann 1976:92). Anders als bei Osgood werden hier die Stimulusbezeichnungen nicht auf semantischen Grunddimensionen eingestuft, sondern in ihrer spezifischeren Relation zu Testbezeichnungen untersucht, zu denen sie in bestimmten Kontexten eine enge, in anderen eine weniger enge Beziehung aufweisen (je nach kontextbedingter Aktivierung).

Gleich große Gruppen der Vpn. erhalten die Stimulusbezeichnung - z.B. Vulkanausbruch - je mit oder ohne vorher zu lesenden Versuchtext, in dem diese vorkommt. Dieser Text, ab hier Kon-Text genannt, ist die Operationalisierung des oben genannten „Kontext“.

Eine Hälfte der Testbezeichnungen im Differential steht in engerer Beziehung zur versuchstextrelevanten Bedeutung des Stimuluswortes. Vulkanausbruch wird z.B. im entsprechenden Versuchstext als Metapher für den leidenschaftlichen Beginn einer Liebesbeziehung verwendet. Ein Auszug:

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Beziehungskiste: So bleibt die Liebe jung

Der Zauber der Liebe: beginnt er mit einem Vulkanausbruch und mutiert zwangsläufig zu einem Teelicht? Es geht auch anders, sagt der renommierte Paarpsychologe Hans Jellouschek. Er verrät, wie sie ihre Beziehung dauerhaft jung halten. ...

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Eine der 5 versuchstextadäquaten Testbezeichnung ist etwa Leidenschaft. Die andere Hälfte der jeweils 10 Testbezeichnungen steht nicht in enger Beziehung zu dieser versuchstextrelevanten Bedeutung von Vulkanausbruch, allerdings in Beziehung zu Bedeutungsaspekten des Stimuluswortes, die im Versuchstext nicht relevant sind. Beispiele für solche Testbezeichnungen zu Vulkanausbruch sind im entsprechenden Differential Ascheregen oder Evakuierung:

Die versuchstextadäquaten Bezeichnungen sind hier (anders als im Fragebogen) zur Verdeutlichung mit einem Stern markiert.

Die semantischen Beziehungen der nicht-versuchstextadäquaten Bezeichnungen zur nichtmetaphorischen Bedeutung von Vulkanausbruch lassen sich auf vielfältige Weise spezifizieren. Solche Spezifikationen sind nicht Ziel der experimentellen Variationen dieser Untersuchung, aber trotzdem aufschlußreich. Ein Beispiel zeigt die folgende Abbildung:

Teil – Ganzes – Beziehungen (Meronymie) sind mit durchgezogenen Linien markiert, Kausalitätsbeziehungen („ist-Folge-von“) mit gestrichelten Linien. dass schon diese beiden Typen schwer voneinander abzugrenzen sind, zeigt das Beispiel Lavagestein. Entscheidend ist hier, dass sich ein solches Schema für die Bezeichnungen, die zur metaphorischen Bedeutung von Vulkanausbruch in Beziehung stehen, faktisch nicht erstellen lässt: das ist ein mögliches Korrelat der Vagheit v.a. unkonventioneller Metaphern.

Zurück zur Versuchsplanung:

In Abhängigkeit davon, ob der Versuchstext, in dem die Stimulusbezeichnung in metaphorischer Bedeutung verwendet wird, vorher vorlag oder nicht, werden Unterschiede erwartet bezüglich der Enge der gesehenen Beziehungen zwischen den Stimulusbezeichnungen und (A) den kontextadäquaten Testbezeichnungen und (B) den nicht-kontextadäquaten Testbezeichnungen.

Alle Variationen werden in die gleichen, ansonsten möglichst unveränderten Versuchstexte eingebracht. Wichtig sind nun die Variationen der Stimulusbezeichnungen, die die folgende Tabelle auflistet und die darunter erläutert werden. Text A thematisiert Konflikte zwischen dem britischen Premierminister Blair und Teilen des Parlaments, Text B Liebesbeziehungen (Quellenangabe siehe Ende des Artikels). Aufgelistet werden nur die Überschriften – bei der Hälfte der Texte wurden nur Wendungen im laufenden Text variiert, mehr dazu unten:

1. Sie werden der oben dargelegten Kategorisierung gemäß nach der Konventionalität unterschieden. Im ersten Teil der Untersuchung, auf den sich die Tabelle bezieht, werden nur die ersten drei Kategorien einbezogen, im zweiten Teil tritt die vierte hinzu.

Konventionalität geht also als Eingangsgröße ein, gleichzeitig sollen jedoch Einblicke in Konventionalisierungsprozesse erzielt werden.

2. Sie werden nach drei grammatischen Kategorien unterschieden: 1. Substantive, 2. Verben, 3. Adjektive / Adverben.

Hintergrund ist u.a. die Annahme, dass Substantive für eine metaphorische Übertragung am geeignetsten sind (Goatly 1997:83). Croft (1993) etwa ist sogar der Auffassung, dass Nomen tendenziell eher Teil von Übertragungen metonymischer Art seien und Verben, Adjektive und andere eher Teil von Übertragungen metaphorischer Art. Einig sind sich verschiedene Autoren darin, dass die Autonomie der sprachlichen Einheiten eine entscheidende Rolle spielt. Substantive gelten als semantisch autonomer. Dies wird mit Piagets Objektpermanenz erklärt, der kindlichen Errungenschaft, bevorzugt mit Substantiven benannte Objekte kognitiv unabhängig von ihrer fortdauernden Präsenz zu repräsentieren (Piaget 1969). Verben etwa begegnen uns mit semantischen „Leerstellen“, sie fordern Argumente (man spricht auch von der „Valenz“ der Verben) – die sich beim Verb essen etwa mit den Fragen „wer isst was“ verdeutlichen lassen. Sie gelten daher als semantisch weniger autonom als Nomen. Allerdings sind die Unterschiede subtil, u.a. da die Formen ineinander überführbar sind. Beim Vergleich von z.B. essen und das Essen sollte weniger von höherem semantischen Eigengewicht und eher von einer Abstraktion die Rede sein: konkrete „Rollen“, die im Zusammenhang mit dem Verb zu vergeben sind, treten in den Hintergrund.

Wichtig ist hier auch der Hinweis, dass auch Nomen aufgrund ihrer Polysemie den disambiguieren den Kontext benötigen.

Die Korrespondenz der semantischen Autonomie mit der grammatischen Kategorie ist eine Tendenz, kein zwingendes Merkmal der einzelnen Vertreter der jeweiligen Kategorie. Semantische Autonomie als relevante Größe an sich zu untersuchen, lässt sich mit wesentlichen Zielen der vorliegenden Untersuchung leider kaum vereinbaren: hier sollen Bezeichnungen variiert werden, möglichst ohne dass der Kontext verändert wird. Es ist kaum möglich, dabei gleichzeitig die semantische Autonomie der fraglichen Bezeichnungen stark zu variieren, da man in die gleichen Kontexte keine gleichermaßen metaphorisch verwendeten Bezeichnungen mit unterschiedlicher semantischer Autonomie einsetzen kann. In der vorliegenden Untersuchung ist letztere daher im Gegenteil über grammatische Kategorien hinweg fast parallelisiert. Trotzdem versprechen wir uns Erkenntnisse auch für das Spannungsfeld zwischen grammatischer Kategorie und semantischer Autonomie: wenn erstere „allein“, ohne Variation der letzteren, keinen Effekt auf die Ergebnisse dieser Untersuchung hat, können bei zukünftigen Untersuchungen beispielsweise semantische Autonomie und grammatische Kategorie verstärkt als trotz dieser Kovarianz voneinander unterscheidbare Einflussgröße konzipiert werden.

Im Vergleich der Bedingungen ohne (bzw. vor, s.u.) und mit (bzw. nach) Lesen des Versuchstextes werden bei allen genannten Kategorien signifikante Unterschiede bezüglich der Enge der gesehenen Beziehungen zwischen Stimulus- und Testbezeichnungen erwartet, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß.

Auf der Ebene der konventionellen Metaphern ist eine Bedeutungsverschiebung durch die Aktivierung / Rekonstruktion der konventionell angelegten Inhalte erklärbar, die im aktuellen „metaphorischen“ Kontext relevant sind (zumindest auf Bewusstseinsebene und als Ergebnis eines Integrationsprozesses, vgl. Kintsch 1998). D.h., hier kann man mit einem „Ökonomieprinzip“ argumentieren (vgl. z.B. die Relevanzprinzipien von Sperber und Wilson 1995). Wir gehen davon aus, dass die Summe solcher „Aktivierungserfahrungen“ auf die Lexikalisierung Einfluss nimmt und stellen zudem die Frage, inwieweit die aktivierten Bestände als konventionelle Bestände verfestigt und verfügbar sein müssen.

Wir erwarten, dass bei kontextfreier Vorgabe beispielsweise des Stimuluswortes Schoßhund im Verhältnis die Verbindungen zum „wörtlichen“ Verständnis stärker gewichtet werden (erfassbar etwa über die Verbindung zu den Testwörtern Haustier und Vierbeiner) als mit Vorgabe des Kontextes / Versuchstextes, in dem das Wort in konventionell-metaphorischer Weise verwendet wird. Umgekehrt soll bei Vorgabe dieses Textes die Verbindung zu Testbezeichnungen höher gewichtet werden, die die metaphorische Verwendungsweise des Stimuluswortes kontextadäquat widerspiegeln (wie etwa Harmlosigkeit).

Das gleiche gilt für die in dieser Untersuchung zum Zweck des Vergleichs in voll lexikalisierten Bedeutung verwendeten Bezeichnungen, also die „Nicht-Metaphern“: auch hier untersuchen wir die Relationen zu Testbezeichnungen. Diese weisen zwar alle eine Beziehung zu konventionellen Verwendungsweisen der Stimulusbezeichnungen auf, jedoch zur Hälfte eine Beziehung auch zu den vorgelegten Kon-Texten / Versuchstexten und zur anderen Hälfte nicht. So ist eine der nicht-kontextadäquaten Testbezeichnungen für das via Kon-Text auf einen politischen Sachverhalt bezogene sich unterwerfen beispielsweise Sektenzugehörigkeit. Es wird ebenfalls die Schwächung einer solchen und die Stärkung derjenigen Beziehungen erwartet, die zum vorgelegten Kon-Text passen.

Bei den unkonventionellen Metaphern werden Beziehungen zu anderen Testbezeichnungen erfragt, die konventionell nicht oder zumindest in weit geringerem Maß angelegt sind - wie etwa beim Stimuluswort Lasershow und beim zugehörigen Testwort Gefühlsausbruch (diese Beziehung wird jedoch durch die unkonventionell-metaphorische Verwendungsweise im Versuchstext nahegelegt). Bei Zutreffen oben wiedergegebener Thesen (Stichwort „isolierte Metaphern“) sollte der Effekt des Kon-Texts hier zumindest signifikant geringer ausfallen als bei den beiden anderen Stimulus-Kategorien, v.a. als bei den konventionell Metaphern.

Sollte sich die Hypothese nicht bewahrheiten, dass auf der konventionell-metaphorischen Ebene die Bedeutungsverschiebung am stärksten ausfällt, wäre dies ein Hinweis darauf, dass die aktuelle Neu- bzw. Rekonstruktion von Bedeutungen nicht in dominanter Weise durch Konventionen vorgebahnt ist (Seiler 1994; Deppert 2001b:34ff). Zudem wäre es ein Hinweis darauf, dass sich das Verstehen von Metaphern in wesentlichen Aspekten nicht vom Verstehen „wörtlicher“ Verwendungsweisen unterscheidet (Kintsch 1998; 2000). Besonders interessant ist dies im Hinblick auf die nicht-konventionellen Metaphern: erstens werden in der psycholinguistischen / kognitionspsychologischen Literatur (s. ebd.) in der Regel eher konventionelle Metaphern untersucht – mit potentieller Relevanz für die sich daraus ergebenden Schlüsse. Zweitens sollten beim Verständnis von nicht-konventionellen Metaphern akkommodative Prozesse gegenüber assimilativen Prozessen (Piaget 1976, vgl. Goatly 1997:28f) besonders in den Vordergrund treten.

Es wird also für jede der drei im ersten empirischen Experiment untersuchten Kategorien der Stimulusbezeichnungen bei Vorgabe des jeweiligen Versuchstextes eine statistisch signifikante Verschiebung hin zu einer als enger beurteilten Beziehung zwischen Stimulusbezeichnungen und versuchstextadäquaten Testbezeichnungen erwartet. Am stärksten soll diese jedoch bei den konventionell-metaphorischen Stimulusbezeichnungen auftreten (und bei Substantiven).

3. Erste empirische Untersuchung

3.1. Textmaterial, Versuchsschema

Die Quelle aller Versuchstexte ist das Internet (siehe Quellenangabe am Artikelende). Sie sind mit folgenden Ausnahmen unverändert: 1. Die interessierenden Bezeichnungen werden variiert (s.o.). Der Kontext dieser Bezeichnungen (der übrige Text) wird bei dieser Variation nicht verändert. 2. Bei der Hälfte der Texte wurden die variierten Bezeichnungen in veränderte Überschriften einbezogen, um diese Bezeichnungen besonders hervorzuheben, bei der anderen Hälfte der Texte nicht (so wird die zusätzliche Variable „Überschrift“ generiert). Es soll untersucht werden, ob dies Einfluss auf die Ergebnisse hat.

Die Texte wurden zudem gekürzt. Der aus einer Frauenzeitschrift stammende Versuchstext wurde u.a. so umformuliert, dass die darin enthaltenen Ratschläge „geschlechtsneutraler“ rezipierbar wurden („Machen sie sich und ihrem Liebsten bewusst...“ wurde so zu „Machen sie sich und ihrem Partner bewusst...“).

Mit dem in Tabelle 2 wiedergegebenen Schema wurden die Variationen für den ersten Teil der Untersuchung weitgehend verdeutlicht. Es wurden dabei nur die variierten Überschriften der Texte wiedergegeben. Es existiert für jede angegebene Variante also noch eine weitere, bei der die variierten Bezeichnungen nicht auch Teil der Überschrift sind, sondern nur Teil des Textes (es existieren insgesamt 36 Varianten).

U.a. der Wechsel der grammatischen Kategorie machte auch semantische Änderungen unumgänglich. Es wurde für jede einzelne Bezeichnung ein spezifisches Differential entwickelt (für hecheln also beispielsweise ein anderes als für hündisch). Die relevante Größe ist letztlich der Unterschied, der sich auf diesen gleichen Differentialen zeigt – vor und nach Lesen des Kon-Textes. Da das zweimalige Ausfüllen des selben Differentials problematisch erschien, wurde folgendes Design gewählt: Vpn., die den Kon-Text mit der Überschrift „Erst überfließend, dann versandend?“ lasen, erhielten beispielsweise zuvor das Differential zu hündisch, also das zum anderen Text der ansonsten gleichen Versuchsbedingung gehörige (s. Tabelle 2). Anschließend und nach Lesen des Textes erst erhielten sie die zu je einem Wert verrechneten zwei Differentiale zu überfließend und versandend (bei Text B wurden zwei Differentialen erstellt, aus denen je ein Durchschnittswert errechnet wird). Das Muster ist also: 1. Differential(e) zu Text A – 2. Text B – 3. Differential(e) zu Text B – bzw. umgekehrt: 1. Differential(e) B – 2. Text A – 3. Differential(e) A).

Die Vpn. setzten sich zu einem großen Teil aus Anglistik- und Germanistik-Studenten zusammen - dieser Gruppe gehören 44 Vpn. an. 28 der insgesamt 72 angeworbenen Vpn. standen beruflich oder bezüglich ihres Studienfachs in keiner engen Beziehung zu sprachwissenschaftlichen Fragestellungen. Getestet wurde in Anwesenheit der Versuchsleiter in Gruppen der Größe 2 bis 18.

3.2. Hypothesen

Zunächst die Hypothesen zur Skala der kontextadäquaten Testbezeichnungen – im folgenden auch Skala A genannt:

A 1. Bei allen Bezeichnungen wird nach Lesen der Kon-Texte eine engere Beziehung zwischen den Stimulusbezeichnungen und den kontextadäquaten Testbezeichnungen gesehen (es wird ein signifikanter Haupteffekt der Variable „Kon-Text“ erwartet).

A 2. Dieser Effekt ist bei den konventionellen Metaphern am stärksten (signifikante Interaktion von „Kon-Text“ und „Konventionalität“).

A 3. Zudem ist dieser Effekt des Kon-Texts bei den Substantiven am stärksten (signifikante Interaktion der Variablen „Kon-Text“ und „grammatische Kategorie“).

Skala B der nicht- kontextadäquaten Testbezeichnungen hat vor allem eine Kontrollfunktion. Würde z.B. nach Lesen der Versuchstexte ein engerer Zusammenhang zwischen allen Testbezeichnungen (gleich ob versuchstextadäquat oder nicht) und den Stimulusbezeichnungen gesehen, wären die oben formulierten Hypothesen hinfällig, selbst wenn sie sich bei separater Betrachtung für Skala A signifikant bestätigen. Wichtig ist daher v.a. Hypothese B 1:

B 1. Nach Lesen der Versuchstexte wird kein größerer Zusammenhang zwischen den Stimulusbezeichnungen und den Testbezeichnungen der Skala B gesehen. Eine schärfere Variante ist sogar:

B 2. Nach Lesen der Versuchstexte wird eine schwächere Beziehungen gesehen zwischen diesen beiden Größen.

3.3. Unabhängige und abhängige Variablen, Auswertungsmethoden

Die wichtigsten unabhängige Variablen sind: 1. Kon-Text, 2. Konventionalität der Metaphern, 3. Grammatische Kategorie. Zu den unabhängigen Variablen gehören die „Kontrollvariablen“ (sie werden in die Ergebnisdarstellung nur einbezogen, wenn sie bei versuchsweisem Einbezug einen signifikanten Effekt haben). Diese sind:

- Überschrift (sind die interessierenden Bezeichnungen Teil der Überschrift oder nicht?). Hier ist die Hypothese, dass eine hervorstechende Position vorhandene Effekte verstärkt.

- Geschlecht, Alter und Studienfach der Teilnehmer – codiert nach (1) sprachwissenschaftlichen Fragestellungen nahe oder (2) nicht.

- Zutreffende Annahmen über den Zweck der Untersuchung (hierzu findet sich eine offene Frage am Ende der Fragebogens).

Die Antworten auf Skala A werden in Zahlen gefasst (dabei steht 6 für „steht in sehr enger Beziehung zu...“ und 1 für „hat nichts zu tun mit...“) und zu einem Durchschnittswert verrechnet. Sie variieren also zwischen den Werten 1 und 6. Bei den je zwei Differentialen, die zum Text über Liebesbeziehungen gehören, wird ebenfalls ein Durchschnittswert mit den gleichen Grenzwerten errechnet. Das Vorgehen bei Skala B entspricht demjenigen bei Skala A.

3.4. Ergebnisse

Es sollen zunächst die Ergebnisse bezüglich der Skala A der kontextadäquaten Testbezeichnungen betrachtet werden.

Hoch signifikant ist der (Innersubjekt-) Effekt des Kon-Textes mit F (1, 60) = 15,30, p<.001 (einseitig überprüft). D.h., nach Lesen des Textes wird ein engerer Zusammenhang zwischen (I) Stimulusbezeichnungen und (II) kontextadäquaten Testbezeichnungen gesehen (Durchschnitt: 2,60) als ohne bzw. vor Lesen dieses Kon-Textes (Durchschnitt: 1,99). Hypothese A 1 wird angenommen.

Der hochsignifikante (Zwischensubjekt-) Effekt der Konventionalitäts-Variable bestätigt die zugrundeliegende Kategorisierung: es wird bei unkonventionell-metaphorischer Verwendungsweise ein geringerer Zusammenhang zwischen (I) und (II) gesehen als bei konventionell-metaphorischer Verwendungsweise, F (1, 60) = 28,56, p<.001 (zweiseitig überprüft). Bei letzterer wiederum wird ein geringerer Zusammenhang gesehen als bei „wörtlicher“ Verwendungsweise.

Dieser Effektes ist unabhängig davon, ob der Kon-Text vorgegeben wurde oder nicht. Er sagt also nichts aus über aktuelle Bedeutungsverschiebung bzw. die Veränderung durch Vorgabe des Kon-Textes. Auf allen drei Stufen der Konventionalitäts-Variable hat ja die Vorgabe des Kon-Textes einen gleichgerichteten Effekt. Dies zeigt das folgende Diagramm:


Diagramm 1: Effekte der Konventionalität und des Kon-Textes bei Skala A (1. Experiment)

 

Die die Werte symbolisierenden Balken stehen in Zweiergruppen zusammen, die je eine der drei Metaphernkategorien der Konventionalitäts-Variable symbolisieren. Das monotone „Sinken“ der Höhe über die drei Zweiergruppen hinweg verdeutlicht die insgesamt zunehmend geringere Beziehung, die von der ersten über die zweite bis hin zur dritten Kategorie zwischen Stimulusbezeichnung und kontextadäquaten Testbezeichnungen gesehen wird. Das hat keine nachteilige Wirkung auf den Effekt des Kon-Textes, d.h. auf die durch diesen indizierte Bedeutungsverschiebung. Das zeigt der Vergleich des jeweils einen zu einer bestimmten Zweiergruppe gehörenden „Balken“ mit dem jeweils anderen, zur selben Zweiergruppe gehörigen. Der Unterschied, den der Kon-Text macht, ist auf den drei Stufen der Konventionalitäts-Variable von so ähnlichem Betrag, dass keine Interaktion auftritt zwischen den beiden Variablen – ihre Effekte sind voneinander unabhängig. Hypothese A 2 wird verworfen.

Für Bedeutungsveränderungen ist das Ausmaß der vorher bereits bestehenden Assoziationen offenbar nicht entscheidend. Vermutlich gilt dies in einem Rahmen, in dem die Plazierung einer Bezeichnung in einen neuen Kontext noch „gerade so“ akzeptiert und verstanden wird. Letzteres ist und bleibt Bedingung für eine Bedeutungsänderung, das Ausmaß der zuvor bestehenden Konventionen offenbar nicht. Für ein Fortschreiten der Konventionalisierung ist eine bis zu einem gewissen Grad bereits vorhandene Konventionalität keine Bedingung.

Die Variable „Überschrift“ hat keinen signifikanten Effekt (obwohl sie den Effekt der letztgenannten Variablen leicht verstärkt).

Hoch signifikant wird wiederum eine Interaktion zwischen dem Kon-Text und der Variable „Text“ (Text über Blair / Text über Liebesbeziehungen), F (1, 60) = 8,61, p =.005 (zweiseitig überprüft). Das auf zwei unterschiedlichen Texten beruhende Versuchsmaterial erweist sich als unterschiedlich sensitiv für das Aufspüren des Kon-Text-Effektes. Da dieser dennoch als Haupteffekt hoch signifikant ist, steht jedoch im Vordergrund, dass sich bei beiden Texten grundsätzlich der gleiche Effekt zeigt.

Die grammatische Kategorie hat keinen Effekt (bei beiden Skalen). Hypothese A 3 wird verworfen. Die untersuchten grammatischen Kategorien scheinen grundsätzlich genügend Flexibilität für Bedeutungsveränderung bereitzustellen. Dennoch verbinden sich mit dem von Goatly (1997) angestoßenen Komplex interessante Fragen, die weitere Überprüfung wert sind (s.u.). Es konnte z.B. keine Aussage darüber gemacht werden, welche grammatischen Kategorien in natürlicher Sprache bevorzugt für Metaphorisierungen ausgewählt werden.

Die Vpn. waren im Fragebogen gebeten worden, ihre Vorstellung über den Zweck der Untersuchung zu äußern, wenn sie eine solche Vorstellung hatten. Dies diente als Kontrollvariable: antworten die Vpn. anders, wenn sie den Zweck der Untersuchung „durchschauen“? Es zeigt sich, dass dem nicht so ist. Die entsprechende Variable hat bei versuchsweisem Einbezug in die Auswertung keinen Effekt. Die Mehrzahl der Vpn. äußerte keine Vorstellung über den Zweck der Untersuchung. Bei den Vpn., die sich äußerten, lag ein Teil falsch, wie z.B. die Vpn., die vermutete:“evtl. Gefühlswelten analysieren?“. Vor allem der Beziehungs-Text erwies sich als gelungener „Ablenker“ bezüglich des Zwecks der Untersuchung und führte zu falschen Vermutungen. Sehr nahe am tatsächlichen Zweck der Untersuchung lagen nur wenige Vpn. mit Aussagen wie „1 Seite nur Gewöhnung, 2. Seite Text, 3. Seite prüfen, ob der Text die eigene Bedeutungstönung der Worte verändert / beeinflusst“.

Auch die Fachzugehörigkeit (codiert in zwei Gruppen: 1. Anglistik / Germanistik, 2. andere) hat bei versuchsweisem Einbezug in die Auswertung keinen feststellbaren Einfluß auf die Ergebnisse, ebenso wenig Alter und Geschlecht der Vpn. (all dies gilt auch für Skala B).

Soweit zu den Ergebnissen bezüglich Skala A.

Nun zu Skala B der nicht–kontextadäquaten Testbezeichnungen (relevant wird Diagramm 2). Hier zeigt sich kein Anstieg der gesehenen Zusammenhänge zwischen Stimulusbezeichnungen und nicht-kontextadäquaten Testbezeichnungen nach Lesen des Kon-Textes. Hypothese B 1 kann damit angenommen werden – es gibt keine Tendenz in Richtung einer Zunahme des gesehenen Zusammenhangs durch den Kon-Text.

Signifikant ist der Effekt der Konventionalitäts-Variable, F (2, 60) = 4,92, p =.01 (zweiseitig überprüft). Es handelt sich hier keinesfalls um eine Wiederholung des oben dargelegten Ergebnisses bei Skala A: bei den nicht-kontextadäquaten Testbezeichnungen liegen die Verhältnisse genau umgekehrt. Bei unkonventionell-metaphorischer Verwendungsweise wird ein geringfügig höherer Zusammenhang zwischen nicht – kontextadäquaten Testbezeichnungen und den Stimulusbezeichnungen gesehen (Mittelwert 3,19) als bei konventionell-metaphorischer Verwendungsweise (2,67). Bei letzterer wiederum wird ein höherer Zusammenhang gesehen als bei voll lexikalisierter Verwendungsweise (2,57). Dies kann als Hinweis auf die ökonomisch bedingte Begrenztheit der aktuellen Aktivierung von Bedeutungsgehalten interpretiert werden: werden die kontextadäquaten Bedeutungsinhalte aktiviert, so wirkt sich das offenbar tendenziell negativ auf die Aktivierung von nicht-kontextadäquaten Bedeutungsinhalten aus (und die kontextadäquaten Bedeutungsinhalte werden ja offenbar bei den „wörtlichen“ Stimulusbezeichnungen am stärksten aktiviert, s.o.). Das bedingt die Gegenläufigkeit der Ergebnisse bezüglich der kontextadäquaten und der nicht-kontextadäquaten Testbezeichnungen. Folgendes Diagramm zeigt die Effekte der Kon-Texte und der Konventionalität.

Diagramm 2: Konventionalität und Kon-Text bei Skala B (1. Experiment)

Tatsächlich deutet sich die genannte Gegenläufigkeit zu Skala A auch ansatzweise in einem sichtbaren, jedoch nicht signifikanten Effekt des Kon-Textes an, der ebenfalls dem Effekt bei den kontextadäquaten Testbezeichnungen entgegengesetzt ist – obwohl sich in den Daten ebenfalls andeutet, dass dies vor allem für die konventionell-metaphorischen und mit schwacher Tendenz auch für die unkonventionell-metaphorischen Verwendungsweisen gilt, nicht aber für die in voll lexikalisierter Bedeutung verwendeten Bezeichnungen.

3.5. Überprüfung einer alternativen Erklärung der Ergebnisse

Es wurde eine weitere Teil-Untersuchung durchgeführt, um folgende Alternativ-Erklärung für die Ergebnisse möglichst auszuschließen: die Möglichkeit nämlich, dass es nicht die Platzierung der Stimulusbezeichnungen in einem Kon-Text ist, die die Relation zu kontextadäquaten Testbezeichnungen stärkt, sondern der Kon-Text bereits für sich alleine. Gefragt war ja nach der Relation zwischen Stimulusbezeichnung und Testbezeichnungen, nicht nach der zwischen Kon-Text und letzterem.

18 weitere Vpn. erhielten je eine von 18 verschiedenen Varianten des Fragebogens. Eingeschlossen wurden alle oben dargestellten Textvariationen, jedoch nur diejenigen mit variierter Überschrift, da sich diese Variable lediglich als leicht effektverstärkend erwiesen hatte und sonst keine interessanten Effekte aufzudecken half. Die Stimulusbezeichnungen wurden nun so vertauscht, dass die nach Lesen des Kon-Text einzustufende Stimulusbezeichnung darin nicht mehr vorkam, der Kon-Text aber ansonsten möglichst die gleichen Konnotationen und Denotationen evozierte. D.h. beispielsweise, bei der Fragebogen-Variante mit der zuvor nach dem Text „Parlament Schoßhund des Premierministers?“ einzustufenden Stimulusbezeichnung Schoßhund wurde der Kon-Text ersetzt durch denjenigen mit der Überschrift „Parlament Schmieröl des Premierministers?“. Das Wort Schoßhund kommt in dieser Variante des Kon-Textes nicht vor. Trotzdem war es anschließend als Stimulusbezeichnung einzustufen. Zwei der Testbezeichnungen für Schoßhund sind z.B. Unterwürfigkeit und Harmlosigkeit. Der Kon-Text legt derartige Attribute für das britische Parlament nahe. Die Frage war nun, ob dieser Umstand Versuchsleser auch dann dazu verleitet, nach Lesen des Kon-Textes eine engere Relation zwischen den genannten Testbezeichnungen und der Bezeichnung Schoßhund zu sehen, wenn letztere im Text überhaupt nicht vorkommt. In die statistische Analyse wurden die 36 Vpn. aus dem ersten Teil der Untersuchung einbezogen, die wie die 18 neuen Vpn. Texte mit veränderter / variierender Überschrift gelesen hatten, um gleiche Bedingungen zu gewährleisten. Diese wurden im Rahmen der neuen Kontrollvariable mit 1 codiert, die 18 neuen Vpn. mit zwei.

Wie erwartet, wird eine Interaktion zwischen Kon-Text und neuer Kontrollvariable signifikant, F (1, 18) = 5,41, p<.05 (einseitig überprüft). Diese bestätigt die Signifikanz des Kon-Text-Effekts bei den 36 Vpn. des ersten Durchgangs. Knapp an der Signifikanzgrenze scheitert der Haupteffekt des Kon-Texts, F (1, 18) = 3,63, p=.073 (zweiseitig überprüft). Dieser deutet zwar daraufhin, dass es tendenziell auch einen Kon-Text-Effekt ohne „Umweg“ über tatsächlich in diesem Kon-Text vorkommende Stimulusbezeichnungen gibt. Es gibt also auch eine leichte Tendenz bei den 18 neuen Vpn. in dieser Richtung. Die zuvor dargestellte Interaktion zeigt aber, dass dieser Effekt nicht in erster Linie für die entsprechenden Ergebnisse des ersten Teils der Untersuchung verantwortlich ist. Erkenntnisse aus diesem Teil der Untersuchung bestätigt der wiederum hoch signifikante Haupteffekt der Konventionalität, F (1, 18) = 16,71, p<.001 (zweiseitig überprüft).

4. Zweite empirische Untersuchung

In der ersten empirischen Untersuchung variierten die Stimulusbezeichnungen „nur“ entlang der ersten drei der oben dargestellten Konventionalitäts-Kategorien. Im zweiten Experiment sollte der Rahmen der Konventionalität konsequenter verlassen werden (und damit z. Teil auch die Basisebene, vgl. Gentner und Stevens 1983).

Eine genauere Differenzierung des Grades der Konventionalität auch in Bezug auf die Einbettung der dafür relevanten Bezeichnungen in „konzeptuelle Metaphern“ ist die Grundlage. Ausgangspunkt ist die Wendung „Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet“. Hier wird etwa die Frage relevant, ob nicht Tyrannosaurus Rex – Eidechse gemeinsam mit Tiger – Bettvorleger durch eine potentielle konzeptuelle Metapher gefährlich und tierisch – harmlos und tierisch (bzw. tierischen Ursprungs) getragen wird bzw. das erste Bezeichnungspaar dadurch eine indirekte Konventionalität aufweist. Um dies zu untersuchen, wird die vierte Kategorie der Konventionalität einbezogen, im angesprochenen Beispieltext etwa mit der Formulierung Als Luxusdampfer losgefahren, als Haselnußschale gestrandet.

4.1. Vorgehensweise

32 weitere Versuchspersonen erhielten einen Fragebogen mit ähnlichem Aufbau wie der oben beschriebene. Es wurde ein anderer, dritter Text verwendet, der auch aus dem Internet stammt und die Wendung Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet enthielt. Dann wurde entlang der vier Konventionalitätskategorien variiert. Auf die Variation der grammatischen Kategorie und des Einbezugs in die Überschrift wurde verzichtet, so dass folgendes Schema die Textvariationen vollständig widerspiegelt:

Um zu zwei Messzeitpunkten mit jetzt nur einem Text testen zu können, wurden die metaphorischen Wendungen in ihre zwei wesentlichen Elemente aufgeteilt, also beim Originaltext z.B. in Tiger und Bettvorleger. Je eines davon wurde vor dem Lesen des Kon-Texts mit einem Differential abgetestet und eines danach – welches wurde variiert, so dass die Zahl der Versuchsbedingungen auf 8 steigt.

Beispiele für kontextadäquate Testbezeichnungen aus dem Differential für Tiger sind Überlegenheit ausstrahlen und einen mächtigen Eindruck machen, Beispiele für nicht-kontextadäquate Testbezeichnungen sind Fell haben und Vierbeiner. Anders als im ersten Experiment wurde hier eine dritte Skala einbezogen, die je zwei Bezeichnungen umfasst, die zwar in den Kon-Text passen, jedoch kaum zur fraglichen Stimulusbezeichnung – dies sind hier etwa politisches Engagement und demokratische Kontrolle.

Abgesehen von den genannten Unterschieden folgt die Vorgehensweise derjenigen beim ersten Experiment. 21 der Versuchspersonen standen auch hier sprachwissenschaftlichen Fragestellungen näher, 11 wurden aus anderen Bereichen rekrutiert.

4.2. Ergebnisse

Signifikant ist alleine der Effekt des Kon-Textes mit F (1, 26) = 6,43, p<.01 (einseitig überprüft). Auch der Haupteffekt der Konventionalität bleibt, obwohl an den Mittelwerten sichtbar, unter der Signifikanzschwelle. Das mag zum Teil auf die geringere Vpn.-Zahl zurückzuführen sein. Folgendes Diagramm zeigt die Ergebnisse:

Diagramm 3: Effekte der Konventionalität und des Kon-Textes bei Skala A (2. Experiment)

Entscheidend für die Interpretation der Ergebnisse dieses zweiten Teils der Untersuchung ist, dass sich die Bedeutungsverschiebung wiederum bei allen Konventionalitäts-Kategorien zeigt – auch bei der vierten Kategorie. Solange Metaphern noch verstanden werden, scheint ihre Konventionalität den Grad der Bedeutungsverschiebung nicht zu befördern – im Diagramm ist sogar eine leicht gegenteilige Tendenz sichtbar, die allerdings nicht signifikant wird.

5. Diskussion und Ausblick

Die bisherigen Ergebnisse können als Ermunterung zu unkonventionellem Sprachgebrauch gesehen werden: wer eine „Bedeutungsverschiebung“ erzielen will, verstanden werden will, braucht keinesfalls nur konventionell vorgebahnte voll lexikalisierte Bezeichnungen oder konventionelle Metaphern zu verwenden. Und muss damit beispielsweise Goatly (1997:80) nicht folgen, der seine „Root Analogies“ als Rohmaterial für Poeten und Werbetexter empfiehlt, die nur den vorhandenen Schemata bzw. Analogien folgen und sie mit neuen Worten belegen müssten. So werden demnach aus den inaktiven Metaphern, die Grundlage seiner Root Analogies sind, neue / aktive Metaphern. Der damit implizierte Konservatismus wird von ihm weder gesehen noch kritisch beleuchtet. Angesichts seiner ansonsten eher kritischen Haltung zu den hinter den Root Analogies stehenden Ideologien (1997:131f., 155ff.) verwundert das.

Wer ähnlich wie Lakoff (1987) einen stark prägenden Einfluß von Metaphern auf das Denken annimmt und diesem wie er beispielsweise Vermutungen über den Zusammenhang zwischen (A) einer aggressiven Metaphorik für Sexualität und (B) der Vergewaltigungsrate zur Seite stellt, mag in den Ergebnissen der vorliegenden Untersuchung Anlass zur Hoffnung sehen. Sie sind ein Hinweis darauf, dass es möglich ist, sich dem Einfluss konventionell vorgebahnter Metaphorik zu entziehen.

Aber findet sich nicht auch bei den hier verwendeten originellen Metaphern ein Gemeinsames zu den konventionellen Metaphern? Die Gegensatzpaare Tiger-Bettvorleger und Luxusdampfer-Haselnussschale haben sicherlich auch etwas gemeinsam, das man etwa mit groß/mächtigklein/harmlos benennen könnte. Diese Gemeinsamkeit macht die Metapher aus und sichert die Verständlichkeit der originellen Metapher. Sie ist aber weit abstrakter als das, was Lakoff und Johnson mit konzeptuellen Metaphern wie ARGUMENT IS WAR fassen. Das bringt eine größere Freiheit für die Sprachproduktion mit sich. Die Ergebnisse stärken die noch umfangreicher zu überprüfende Hypothese, dass die Kreation von unkonventionellen Metaphern und ihr Erfolg nicht so sehr davon abhängt, ob innerhalb der relativ konkreten „konzeptionellen Metaphern“ à la Lakoff und Johnson (1980) verblieben wird. Wir entnehmen den Ergebnissen Hinweise, dass hierbei flexibler vorgegangen werden kann, denn es kann offenbar flexibel auf abstraktere Bestände als etwa ARGUMENT IS WAR oder GROSSES, GEFÄHRLICHES TIER vs. KLEIN, HARMLOS zurückgegriffen werden, so etwa auf GROSS(spurig) vs. KLEIN(laut). Auch darf der konstruktivistische Aspekt dabei nicht unterschätzt werden (vgl. z.B. Goldvarg and Glucksberg 1998:252f.), für den man z.B. aus den Ergebnissen von Gineste et al. (2000) Argumente ableiten kann, die beispielsweise zu dem Schluss kommen: „[...] a metaphor can cause emergence of features that are not associated with the topic or vehicle of the metaphor“ (117). Es besteht ebenfalls eine Analogie zu Chiappe (1998), der die Flexibilität bei der Konstruktion von Ähnlichkeit herausstreicht.

Wenn dennoch oft innerhalb solcher Schablonen wie ARGUMENT IS WAR verblieben wird, die die „konzeptionellen Metaphern“ reproduzieren, so mag sich darin ein Merkmal unserer Umwelt und unserer gesellschaftlichen Definitionen und Erfahrungen widerspiegeln (vgl. Engstrøm 1999:55, 60), aber kein übermächtiges Prinzip der Metaphernkonstruktion, das für den einzelnen Sprachproduzenten bindend wäre[1].

Einige Fragen bleiben offen, so z.B. die, was die gemessene Bedeutungsverschiebung für die abstrakteren Prozessen exakt bedeutet, deren Teil sie ist – wobei exakt die gleichen Einschränkungen auch für die momentan gängigeren Priming-Experimente gelten. Die Frage, ob eine Bedeutungsverschiebung vom „gleichen Betrag“ (um in der Sprache der Quantifizierung zu verbleiben) gleich viel Einfluss auf das Verstehen einer bestimmten Situation hat, egal von welchem Niveau der Beziehungshaftigkeit zwischen den Elementen der Objekte des Verstehensprozesses sie ausgeht, kann z.B. nicht befriedigend beantwortet werden. Antworten auf eine solche Frage kann man erzielen, wenn man in einem – nicht hier erfolgten – nächsten Schritt z.B. den Erfolg beim Verstehen von Texten mit A) konventionelleren und B) unkonventionellen Metaphern empirisch untersucht. Gleichwohl wäre auch die Untersuchung von Reaktionszeiten auf Sprachmaterial wie das in dieser Untersuchung präsentierte interessant (beispielsweise in Analogie zum Vorgehen von Giora et al., 1998, oder Giora und Fein, 1999, bezüglich der Ironie).

Weniger im Zentrum der vorliegenden Untersuchung liegen die Schlüsse, die aus der tendenziellen Gegenläufigkeit der Ergebnisse bei den Skalen A und B gezogen werden können. Sie sind ein interessanter Hinweis auf den begrenzten Umfang der situativen Aktualisierung.

Weiterhin zeigen die Ergebnisse, dass die Konventionalität von Bezeichnungen für einen bestimmten Bedeutungsaspekt sinnvoll über die Relation zu anderen Bezeichnungen aus dem Bereich dieses Bedeutungsaspekts erfasst werden kann. In der vorliegenden Untersuchung wurde die Kategorisierung, die Grundlage der Variation der „Lebendigkeit“ bzw. Konventionalität der Metaphern war, auf diesem Wege bestätigt. Es ist aber auch möglich, diese Kategorisierung mit Hilfe eines ähnlichen Versuchsdesigns für bestimmte Bezeichnungen erst neu durchzuführen.

Eine der zentralen Aussagen der vorliegenden Untersuchung ist, dass weder die grammatische Kategorie noch die Konventionalitäts-Kategorie entscheidenden Einfluss auf die Veränderung der Relationen durch den Kon-Text haben. Diese ist über die durch diese Variablen bestimmten Versuchsbedingungen hinweg stabil. Die Bedeutungsveränderungen erweisen sich als flexibel gegenüber diesen variierten Bedingungen.

Es ist wahrscheinlich, dass weniger die grammatische Kategorie einer Bezeichnung als vielmehr deren semantische Autonomie Einfluß auf die Flexibilität von Bedeutungsveränderungen bzw. auf die Übertragbarkeit in neue Kontexte hat. Diese Autonomie unterscheidet sich tendenziell je nach grammatischer Kategorie. D.h., Substantive sind mit höherer Wahrscheinlichkeit semantisch autonom als Verben oder Adjektive/Adverben. Dass dies eine Wahrscheinlichkeitsbeziehung ist, heißt aber auch, dass es keine sichere und automatische Korrespondenz zwischen Autonomie und grammatischer Kategorie gibt, sondern eben nur eine tendenzielle. Damit erscheint es sinnvoll, in künftigen Untersuchungen die gezielte Variation der semantischen Autonomie anzustreben.

Es ist zudem denkbar, die Beziehungen zwischen den Stimulusbezeichnungen und den Testbezeichnungen zu typisieren und die Unterschiedlichkeit dieser Beziehungen als mögliche Einflussgröße zu untersuchen. Hier wurden solche Beziehungen nicht unterschieden, auch weil sich damit keine Hypothesen über unterschiedliche Ergebnisse in Bezug auf das hier Interessierende ergaben. Wir betrachten die Klarheit der Ergebnisse jedoch als Ermutigung, mit ähnlichen Versuchsdesigns auch in dieser Richtung weiter zu forschen, wobei u.a. auch die Langzeitwirkung der hier thematisierten Bedeutungsverschiebung bzw. ihre Kumulation über zahlreiche Umwelterfahrungen ins Blickfeld rücken können.

Literatur

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Quellenangabe Versuchstexte

o.A., „Beziehungskiste: So bleibt die Liebe jung“, http://www.sheego.de/coremedia/ generator/world/liebe/liebesleben/ (10.10.2001). Die URL ist nicht mehr erreichbar. Originaltext und Versuchstext können angefordert werden bei: AlexDeppert@gmx.de.

Redaktion der World Socialist Web Site, „Blairs ‚Dritter Weg’ in der Krise“ (Originaltitel), http://www.wsws.org/de/1999/jan1999/blai-j22.shtml (7.1.2002).

van Buren, Jelle, „Kein Untersuchungsausschuss über Echelon im Europäischen Parlament“ (Originaltitel), http://www.heise.de/tp/deutsch/special/ech/6890/1.html (7.1.2002).

 

Anhang: ein Versuchstext

Parlament Schoßhund des Premierministers?

Blairs „Dritter Weg“ in der Krise (22. Januar 1999)

Der erbitterte Fraktionskampf, der in den vergangenen Monaten die britische Regierung erschüttert hat, ist das Ergebnis einer wachsenden politischen Krise des „New Labour“-Projekts von Premierminister Tony Blair.

Die Krise wurde am 23. Dezember mit dem erzwungenen Rücktritt von zwei Ministern publik - des Handels- und Industrieministers Peter Mandelson, der rechten Hand von Tony Blair, und des Staatssekretärs im Finanzministerium Geoffrey Robinson. Mandelson hatte es versäumt, einen Kredit über 375.000 Pfund, den er von Robinson erhalten hatte, anzugeben. Gegen Robinson waren Anfang letzten Jahres Untersuchungen wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten eingeleitet worden.

Am 13. Januar trafen sich Hinterbänkler mit Blair, um ihm ihre Opposition gegen eine engere Zusammenarbeit mit den Liberaldemokraten deutlich zu machen.

Zur wöchentlichen Fraktionssitzung der Labour Party kamen 250 Abgeordnete, um von den Ministern im Kabinett mehr Disziplin zu fordern.

Schon vorher hatte der frühere Fraktionsvorsitzende Derek Foster vor dem Unterhaus erklärt, dass das Parlament zum „Schoßhund des Premierministers“ geworden sei. Er sagte, Blair sei kein Präsident, sondern „primus inter pares - der Erste unter Gleichen. Mit anderen Worten, ich bin genauso viel wert wie der Premierminister.“

Blairs Antwort auf diese Kritik bestand in einer ganzen Serie von Regierungserklärungen, in denen er betonte, dass die Regierung an ihrem rechten Programm festhält und eine Richtungsänderung ablehnt. Brown selbst musste antreten und bekräftigen, dass New Labour einen „grundlegenden Politikwechsel und nicht nur ein paar neue Etiketten“ bedeute.



[1] Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass hier die unterschiedliche Konventionalität von Metaphern thema­tisiert wird. O’Brien (1999) beispielsweise findet, dass die Bedeutung als (konventionell) „metaphorisch“ ge­kenn­zeichneter Zeichen der American Sign Language von Personen, die diese nicht beherrschen, besser erraten werden kann als die von „arbiträren“ oder „ikonischen“ Zeichen. Das kann kaum in Analogie zur vorliegenden Untersuchung gebracht werden, denn die hier verwendeten, unkonventionellen Metaphern sind keinesfalls arbiträr. Filigrane Unterschiede zwischen Untersuchungen bezüglich des jeweils verwendeten Sprachmaterials und der zugrundeliegenden Definitionen können die Perspektive unmerklich verschieben und müssen bei vergleichender Interpretation berücksichtigt werden.

 

 

 


[1] Diese Untersuchung dokumentiert einen Teil meiner im Rahmen des DFG-Projekts LexiKurs durchgeführten Arbeit. Ich danke Swintha Danielsen für Anregungen und Recherche, Cornelia Zelinsky-Wibbelt, Thomas Bernhard Seiler, Eamon Kiernan und Walter Kintsch für Unterstützung und / oder Rückmeldungen – sowie allen 126 Versuchspersonen.

[2] Das gestiegene Interesse an letzterem zeigt sich auch darin, dass 2002 und 2003 gleich mehrere Kongresse zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum stattfanden, vgl. http://www.eineroseisteinerose.de/index.html, http://www.suchttherapietage.de/, http://www.dgvt.de/index.html?veranstaltungen/kongress_14_klinpsy_psy_ ber.html~Main.

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ISSN 1618-2006