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[PDF] Erika Greber, 2002. Textile Texte. Poetologische Metaphorik und Literaturtheorie. Studien zur Tradition des Wortflechtens und der Kombinatorik, Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag, 771 S.Nikola Roßbach, Darmstadt (n.rossbach@arcor.de) Schon 1994 reichte Erika Greber, inzwischen Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ihre Habilitation ein, erst 2002 erschien das voluminöse Werk unter dem Titel Textile Texte auf dem Buchmarkt. Beide Untertitel sind programmatisch. Im Mittelpunkt der kulturanthropologisch ausgerichteten, komparatistischen Untersuchung steht die Interdependenz von selbstreflexiver (Meta‑)Literatur und Literaturtheorie. Diese Interdependenz spürt Greber anhand der Textilmetaphorik auf, die mit den formalistischen und strukturalistischen Poetiken Viktor Šklovskijs und Roman Jakobsons Theorierelevanz erhielt – seit Roland Barthes und Jacques Derrida ist die Relation von Textil, Textur und Text geradezu ein literaturwissenschaftlicher Topos geworden. Greber akzentuiert die besondere Bedeutung der poetologischen Textilmetaphorik und der Kombinatorik für die Herausbildung des strukturalistischen und poststrukturalistischen Denkens – anders formuliert: Sie rekonstruiert am Fall der Textilmetaphorik einen historischen und systematischen Zusammenhang zwischen Literaturgeschichte und Literaturtheorie. Indem sie von der Literatur(-geschichte) ausgeht, perspektiviert sie die Literaturtheorie neu und anders. Die Untersuchung spannt einen beeindruckenden Bogen der Epochen, Kulturen, Literaturen und literarischen Gattungen – von den mythopoetischen Anfängen des Wortflechtens über die llullistische Kombinatorik bis zum russischen Postsymbolismus. Dabei setzt sie deutliche Akzente, behandelt schwerpunktmäßig Autoren, Texte und Poetiken der russischen Moderne und Avantgarde (Aleksandr Blok, Čerubina de Gabriak, Velimir V. Chlebnikov, Roman Jakobson, Vladimir Majakovskij, Boris Pasternak) sowie die literarische Großform Lyrik mit den Gattungen Anagramm, Bouts-rimés und Sonett. Als textuelle Leitparadigmen der Studie fungieren – siehe zweiter Untertitel – die beiden heterogenen Modelle des Wortflechtens und der Kombinatorik, die Greber produktiv zusammenbringt und deren Interaktionen, Überschneidungen und Homologien sie vorführt. Das Wortflechten wird bis zu den mythopoetischen Anfängen von Dichtung und Dichtungstheorie zurückverfolgt. Entscheidend für die Geschichte dieser Textilmetapher ist ihre mittelalterliche Ausprägung in der altprovenzalischen (entrebescar los motz) und der altrussisch-kirchenslavischen (pletenie sloves) Kultur und Literatur (vgl. Kap. II.1). Analogien und Differenzen arbeitet die Verfasserin an modernen russischen Texten (Aleksandr Blok, Čerubina de Gabriak, vgl. Kap. IV.2.3.7, Kap. V) heraus, die die altprovenzalische Trobadorlyrik rezipieren und in denen beide Modelle interagieren. Das zweite Leitparadigma ist die Kombinatorik. Beide sind deutlich unterschieden – laut Greber können polare, jedoch nicht dichotomisch aufzufassende Begriffspaare diese Differenz veranschaulichen: Handwerk/Maschine, organizistisch/mechanistisch, körperlich-sensuell/ intellektuell-zerebral, Konkretion/Abstraktion, weiblich/männlich, archaisch/modern, synkretistisch/puristisch, Buchstabe/Zahl etc. (vgl. S. 17). Im Unterschied zum Wortflechten handelt es sich bei der Kombinatorik um einen ‚postmythischen‘, metasprachlichen Wissenschaftsterminus, der gemäß Greber allerdings das Wortflechten als archaisierenden Spezialfall integriert. Die Kombinatorik erscheint als allgemeines Denkmodell, das von Universalwissenschaftlern wie Raimundus Lullus, Giordano Bruno, Leibniz und anderen ausgearbeitet und nachträglich als eine Art Textproduktionsmodell auf die Literatur übertragen wurde; eine erste Hochphase kombinatorischer Dichtung ist der deutsche Barock. Die Verbindung von Wortflechten und Kombinatorik sucht die Verfasserin vor allem in neueren Literaturen auf, die wie der russische Symbolismus und Postsymbolismus archaische, mythopoetische Muster kultivieren. In jener hochgradig selbstreflexiven modernen Literatur spielt die Textilmetaphorik eine beträchtliche Rolle und fördert – so eine der zentralen Thesen – in Verbindung mit der systematisch-analytisch wirkenden Kombinatorik die Entwicklung strukturalistisch-semiotischer Theoriebildung (vgl. z.B. S. 31). In einer exemplarischen autorspezifischen Untersuchung zu Roman Jakobson (Kap. II.3) weist Greber den Bezug von Wortflechten und Kombinatorik in dessen literarischem und literaturtheoretischem Werk nach. Nach einem Gattungskapitel zum Anagramm wird an Bloks symbolistischer Metapoesie die Poetik des Wortflechtens und -windens herausgearbeitet (Kap. IV), während die Gedichte der fingierten spanisch-russischen Autorin Čerubina de Gabriak bereits „zwischen Wortflechten und Kombinatorik“ (Kap. V.3.4) stehen und daher „an der Wende vom Symbolismus zur Avantgarde“ (Kap. V) verortet werden. Den differenzierten Textanalysen sind konsequent deutsche Übersetzungen oder zumindest Paraphrasen beigegeben: Der Verfasserin gelingt es damit, ihr Material „den deutschen Lesern ‚entgegen[zu]bewegen‘“ (S. 37). Nach den beiden autorzentrierten Kapiteln folgt erneut ein gattungszentriertes: VI. Bouts-rimés – Kombinatorik und Spiel. Diese Methodensprünge sind gewöhnungsbedürftig, wenn auch der Verfasserin durchaus bewusst; sie spricht von einer doppelten Orientierung ihrer Arbeit, die einerseits synchron Einzelwerke behandle, andererseits allgemeine literatur-, auch gattungstheoretische Konzepte am diachronen Material erarbeite (vgl. S. 36). Im vorliegenden Kapitel ist es die preziöse Salongattung der Bouts-rimés, in der man nach vorgegebenen Endreimen aus dem Stegreif dichtete, die in ihrer literarhistorischen Bedeutung vorgestellt wird: von ihrer Erfindung im französischen Grand Siècle bis zur Wiederverwendung als hochreflexive Metapoesie durch russische Avantgarde-Autoren wie Jakobson, Majakovskij oder Pasternak. An deren Gedichten wird die Opposition ‚Metapher‘ versus ‚Metonymie‘ im Lacan’schen Sinn – Metaphernsubstitution (un mot pour un autre) versus metonymische Signifikantenkette (mot à mot) (S. 533) – erprobt bzw. die Polarität von metaphorischer (Similaritäts-)Poetik und metonymischer (Kontiguitäts-)Poetik diskutiert. Die Bouts-rimés, denen von vornherein durch die vorgegebenen Endreime ein ‚metonymischer Imperativ‘ (S. 533) inhärent sei, erscheinen durch das Wechselspiel beider Konzepte besonders interessant. So ist denn auch ein Ergebnis die Untrennbarkeit und Durchkreuzung der Poetiken; die differenzierte Analyse erweist nahe liegende Zuordnungen wie Majakowskij zur metaphorischen, Pasternak zur metonymischen Poetik als problematisch (vgl. Kap. VI.3.3.2). Im abschließenden Kapitel Das Sonett als Gattung des Wortflechtens und der Kombinatorik könnte man eine Art praktische Anwendung der Ergebnisse sehen. Es bietet eine Neudefinition des Sonetts unter produktiver Zusammenführung der Leitparadigmen, die Greber selbst als „spekulativ-kritische Quintessenz“ (S. 40) verstanden wissen will. Das reichhaltige Material zum Sonett ist in einem umfangreichen Abbildungsteil zusammengestellt. Die Verfasserin bekennt selbst einmal, zuweilen habe über „die notwendige kritische Selbstbeschränkung [...] die pure Faszination am Material gesiegt“ (S. 42). Die Sonettsammlung hätte indessen einen schönen separaten Band geben können – und „dieses viel zu dicke Buch“ (S. 41) entlastet. Etwas mehr Umfang hätte dagegen dem Sachregister (S. 763-771) nicht geschadet. Es beschränkt sich konsequent auf thematisch relevante Stichworte, verzichtet aber beispielsweise auf wichtige Epochenbegriffe wie ‚Postsymbolismus‘, ‚Moderne‘ und ‚Postmoderne‘. Eine angehängte interessante Zusammenstellung von Textilmotiven mit neu beginnender Alphabetisierung (S. 770f.) sollte im Inhaltsverzeichnis als solche auffindbar sein. Davon abgesehen ist das übersichtliche Inhaltsverzeichnis sehr transparent und zeugt von einer klaren Struktur. Das täuscht nicht – und täuscht doch ein wenig, da die Verfasserin, und zwar ganz explizit, nicht geradlinig, sondern in vielfacher Hinsicht ‚mehrgleisig‘ verfährt. Es alternieren komparatistische und slavistische Sicht, Schwerpunkt Wortflechten und Schwerpunkt Kombinatorik, synchrone und diachrone Perspektive, epochen-, autor- und gattungsspezifische Analyse. Mit dieser zuweilen sprunghaft wirkenden, nicht-linearen Verfahrensweise fühlt Greber sich ihrem ‚verflochtenen‘, ‚verwobenen‘ Untersuchungsgegenstand und ‑material verpflichtet: Man könne die Verwobenheit der textilmetaphorischen Diskurse nur adäquat erfassen, wenn man „Kultur als Text und als Intertext versteht, den Raum der Kultur(en) als ein Feld multipler Kreuzungen, Überschneidungen und Verbindungen, als ein Set wechselseitiger Verknüpfungen und Verflechtungen [...]“ (S. 7). Anstelle einer polaren Dichotomie von Wortflechten und Kombinatorik herrsche eine „Irritation der Binarismen“ (S. 41). Dieses post-strukturalistische Ergebnis leuchtet am Ende der Untersuchung durchaus ein; problematisch erscheint lediglich seine Präsentationsform: Erika Greber vermeidet bewusst ein Metakapitel zur Relation von Wortflechten und Kombinatorik, um letztere nicht zu privilegieren, und ‚webt‘ statt dessen Grundsatzüberlegungen an verschiedensten Stellen in die Argumentation ‚hinein‘ (vgl. S. 41). Kann nicht ein auf transparente und informative Darstellung bedachter wissenschaftlicher Diskurs geradlinig sein, ohne damit – um es textilmetaphorisch auszudrücken – sein ‚krummes‘ (vgl. z.B. Kap. IV.2.3.2; V.2.1.2), verflochtenes Thema zu verleugnen? [PDF] |
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