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[PDF] Metonymie als Phänomen der Semantik-Pragmatik-Schnittstelle
Markus Egg, Saarbrücken (egg@coli.uni-sb.de) AbstractMetonymie wird als Schnittstellenphänomen beschrieben, in dem Semantik und Pragmatik zusammenwirken. Sie ist letztendlich pragmatisch motiviert, da sie es ermöglicht, potentiell konfligierende Anforderungen aus Grices Konversationsmaximen simultan zu erfüllen (Kürze und Klarheit). Aus dieser Sichtweise auf Metonymie lassen sich neue Einblicke in das Phänomen gewinnen. Es wird zunächst gezeigt, dass man so den Beitrag der Metonymie selbst zur Bedeutung einer metonymischen Äußerung abgrenzen kann, was aus einem rein semantischen Verständnis von Metonymie heraus nicht möglich ist. Danach wird der Einfluss von Metonymie auf textuelle Kohärenz thematisiert. Metonymy is described
as a phenomenon at the semantics-pragmatics interface. Eventually, it is motivated in
terms of pragmatics, because it allows speakers to comply simultaneously to
potentially conflicting requests from Grice’s conversation maxims (viz.,
brevity and clarity). This perspective on metonymy opens new insights into the
phenomenon. First, I will show that in this way one can delimit the contribution
of metonymy itself to the meaning of a metonymic utterance, which cannot be done
in a purely semantic analysis of metonymy. Then I will discuss the influence of
metonymy on textual coherence. 1. EinleitungMan spricht gewöhnlich von Metonymie, wenn ein
Wort dazu verwendet wird, in neuartiger Weise zu referieren. Das heißt, das
Wort bezieht sich nicht auf die in seiner wörtlichen Bedeutung vorgegebene Art
von Entität, stattdessen referiert es auf eine andere Art von Entität, wobei
es aber einen systematischen Zusammenhang zwischen beiden Arten von Entität
geben muss. Beispielsweise kann man ein Wort für einen Behälter dazu
verwenden, um auf den Inhalt eines derartigen Behälters zu verweisen, wie in
(1). Umgekehrt kann man sich aber auch mit einem Wort für eine Substanz auf
ihren Behälter beziehen, wie in (2): (1) Amélie trank noch eine Flasche. (2) Amélie stellte den Wein auf den Tisch. In (1) wird ausgesagt, dass Amélie den Inhalt einer Flasche
getrunken hat, analog ist die Aussage in (2), dass sie den oder die Behälter
des Weins auf den Tisch stellte. Diese grundlegende Intuition lässt sich
folgendermaßen formal paraphrasieren: Wird ein Ausdruck metonym gebraucht,
führt er zwei Referenten gleichzeitig ein, zum einen den Referenten für die
wörtliche Bedeutung des Ausdrucks und zum anderen einen weiteren Referenten,
der mit dem ersten Referenten in einer systematischen Beziehung steht. Bereits
hier wird deutlich, dass in metonymischen Äußerungen nur ein Teil der
Äußerungsbedeutung verbalisiert wird. So bezieht sich keiner der Konstituenten
von (2) in seiner Bedeutung auf Flaschen oder andere Behälter für den Wein,
obwohl man den gesamten Satz als Aussage über solche Behälter verstehen
würde. Ziel meines Aufsatzes ist es nun zu zeigen, dass Metonymie ein
Schnittstellenphänomen ist, in dem Semantik und Pragmatik zusammenwirken. Wenn
man versucht, Metonymie aus der Perspektive dieser Schnittstelle zu verstehen,
lassen sich tiefere Einsichten in dieses Phänomen gewinnen. Der Aufsatz ist wie
folgt gegliedert: Nach einer kurzen Beschreibung von Metonymie werde ich das
Äußern und das Verstehen von Metonymie aus der Pragmatik heraus motivieren,
letztlich werde ich sie auf Grices (1975) Konversationsmaximen zurückführen.
Danach werde ich zwei Argumente für meine Sicht der Metonymie anführen. Zum
einen kann man so den Beitrag der Metonymie zu einer Äußerungsbedeutung
abgrenzen, was eine rein semantische Analyse nicht kann, und zum anderen lässt
sich so der Einfluss von Metonymie auf Textkohärenz erklären. 2. Eine kurze Beschreibung des PhänomensIn der Literatur wird Metonymie oft auf potentielle semantische Konflikte
zwischen den Konstituenten einer Äußerung zurückgeführt, so z. B. von
Nunberg (1979), Dölling (1995), Pustejovsky (1995), Copestake und Briscoe
(1995) oder Markert und Hahn (2002). Charakteristischerweise geht es in diesen
Fällen um semantische Selektionsrestriktionen von Verben, so etwa auch bei den
Beispielen (1) und (2): Trinken selegiert eine Objekt-NP, die eine
Substanz (eine Flüssigkeit) einführt, wogegen sich die tatsächlich verwendete
Objekt-NP auf ein Ding bezieht. In (2) müsste als Objekt von stellen
eine NP auftauchen, die sich auf ein Ding mit einer ausgezeichneten maximalen
Achse im Sinne von Lang (1989) bezieht anstatt – wie der Wein – auf
eine Substanz. Die übliche Erklärung
führt dann weiter aus, dass die wörtliche Lesart eines metonymisch gebrauchten
Ausdrucks bereits auf der semantischen Ebene inakzeptabel wäre. Als Beleg
dafür werden gewöhnlich Fälle angeführt, in denen Selektionsrestriktionen
eines Verbs verletzt zu werden drohen und man diesen drohenden semantischen
Konflikt durch eine Metonymie vermeiden könnte. Für (2) würde in diesem Sinne
z. B. angenommen, dass man die Objekt-NP im Sinne eines Dings mit einer
ausgezeichneten Achse interpretiere. In Abschnitt 4 werde ich jedoch zeigen,
dass diese Sicht der Dinge auf Fälle wie (2) noch zu ungenau ist; ich teile
jedoch die Intuition, dass derartige drohende semantische Konflikte ein
Verständnis von Äußerungen im Sinne einer Metonymie nahe legen können, was
dann den Konflikt zu vermeiden hilft. Dass man mit dieser Erklärung jedoch nur einen Teil der tatsächlich
vorkommenden Metonymien erfassen kann, zeigt sich daran, dass es auch
metonymische Ausdrücke gibt, deren wörtliche Interpretation auf der
semantischen Ebene völlig wohlgeformt ist, so z. B. (3): (3) Die Drei Tenöre stehen im obersten Regal. Zwischen der Subjekt-NP die Drei Tenöre und der VP im obersten
Regal stehen droht kein semantischer Konflikt, und dennoch wird der Satz
metonymisch verstanden, in dem Sinne, dass von den Drei Tenören besungene Tonträger
(vermutlich CDs) im obersten Regal stehen. Hier muss die Metonymie anders
begründet werden. Ich gehe davon aus, dass hier ein Konflikt zwischen der
wörtlichen Interpretation der Äußerung und konzeptuellem Wissen droht.
Im Falle von (3) wird eine wörtliche Interpretation vor allem durch
konzeptuelles Wissen über Regale (welches Gewicht sie tragen können) und
Personen (dass sie normalerweise nicht in Regalen stehen) blockiert. Darüber hinaus kann man auch für Äußerungen, die selbst keinerlei
potentielle Konflikte zwischen ihren Konstituenten oder zwischen ihrer
wörtlichen Bedeutung und dem konzeptuellen Wissen aufweisen, dadurch eine
metonymische Interpretation erzwingen, dass man auf NPs in diesen Äußerungen
in geeigneter Weise mit anaphorischen Pronomina Bezug nimmt: (4) a. Die Oboe gefällt mir ausnehmend gut. b. Sie kleidet sich immer äußerst geschmackvoll. Allein der Bezug des anaphorischen Pronomens sie in (4b) und der
Subjekt-NP von (4a) führt dazu, dass (4a) metonymisch interpretiert wird (als
Musikerin und nicht als Musikinstrument, siehe Abschnitt 4.1). Die
Selektionsrestriktion von kleiden (für Menschen) überträgt sich
aufgrund der Koreferenz von Anapher und Antezedens auf die Oboe. Die
Metonymie kann nicht von einer Selektionsrestriktion von gefallen für
seine Subjekt-NP ausgelöst worden sein. Daraus folgt aber, dass man nicht allein deswegen metonymisches Potential
für eine Äußerung ausschließen sollte, weil sie selbst keinerlei potentielle
Konflikte aufweist. Aus der Perspektive größerer Texte haben auch solche
Sätze ein metonymisches Potential. Daher sollte man das metonymische Potential
einer Äußerung nicht daran festmachen, dass zwischen ihren Konstituenten
semantische Konflikte drohen. Aber alle bisher betrachteten
Fälle metonymischer Äußerungen haben eines gemeinsam: Ihre wörtliche
Bedeutung ist im größeren Zusammenhang (eines Textes oder unter Bezugnahme auf
relevantes konzeptuelles Wissen) nicht akzeptabel. Das heißt, man kann die
These, dass Metonymie dazu diene, einen drohenden Konflikt zu vermeiden,
durchaus aufrecht erhalten, man muss sie nur insofern verallgemeinern, dass
dieser Konflikt nicht immer nur zwischen den Bedeutungen einzelner Konstituenten
der Äußerung drohen kann. Eine weitere wichtige Eigenschaft der Metonymie ist, dass die volle
Äußerungsbedeutung nur unter Rückgriff auf außersprachliche Wissensquellen
bestimmt werden kann, die bei der Bestimmung dieser Bedeutung mit sprachlichen
Wissensquellen interagieren. Diese Eigenschaft tritt bei einem Vergleich
zwischen (2) und (5) deutlich hervor: (5) Amélie stellte das Silber auf den Tisch. Obwohl (5) genau den gleichen potentiellen semantischen Konflikt zwischen
dem Verb und seiner Objekt-NP aufweist wie (2), wird er über eine andere Art
von Metonymie abgewendet. Während die Interpretation von (2) über eine
Metonymie „Behälter für Inhalt” läuft, verstehen wir (5) im Rahmen einer
Metonymie „Ding für Substanz, aus der es besteht”. Die Interpretation von
(5) ist daher, dass Amélie Gegenstände aus Silber auf den Tisch
stellte, z. B. silberne Leuchter. Grund für diesen Unterschied ist konzeptuelles Wissen über den
Aggregatzustand (oder den Schmelzpunkt) von Wein und Silber. Unter normalen
Umständen ist Wein flüssig, Silber aber nicht. Daher ist die Metonymie „Ding
für Substanz” für (2) in einem normalen Kontext dispräferiert, da sie die
Existenz von Gegenständen aus gefrorenem Wein voraussetzen würde. Derartiges
Wissen über Schmelzpunkte von Substanzen ist aber sicherlich nicht Teil unseres
sprachlichen Wissens, obwohl es für das Verständnis metonymischer Ausdrücke
unabdingbar ist. In den letzten Jahren hat sich Pustejovskys (1995) Theorie des „Generativen
Lexikons” als eine mögliche Erklärung für Metonymie etabliert. In dieser
Theorie wird Metonymie auf äußerst ausführliche Lexikoneinträge
zurückgeführt. Die semantische Information in diesen Lexikoneinträgen
enthält in der so genannten „Qualia-Struktur” (QS) zusätzliche
Information, vor allem über Ursprung, Binnenstruktur und Zweck der jeweils
denotierten Entitäten. Diese Angaben werden als „agentives”, „formales”
und „telisches” Quale bezeichnet. So würde etwa die QS für Flasche
die Information enthalten, dass der Zweck einer Flasche darin besteht,
Flüssigkeiten zu enthalten. Mit diesem elaborierten semantischen Lexikon will die Theorie des
Generativen Lexikons nun Metonymie als rein semantisches Phänomen modellieren.
Für einen Teil der metonymischen Ausdrücke wäre dies durchaus möglich, so
könnte man etwa die Metonymie „Inhalt für Behälter” in (1) aus der QS
für Flasche heraus erklären, da das telische Quale für Flasche
auch auf einen zusätzlichen Referenten für den Inhalt der Flasche Bezug nimmt.
Dieses Quale sei dann für erweiterte Mechanismen der semantischen Konstruktion
verfügbar, mit denen sich die gewünschte Interpretation von (1) ableiten
lasse. Während man nun zwar Metonymien wie in (1) zumindest prinzipiell im Rahmen
einer solchen Analyse behandeln könnte, fällt auf, dass diese Analyse nicht
alle Fälle von Metonymie abdecken kann, z. B. die in (2): Man könnte sich zwar
viele Zwecke für Wein vorstellen, aber keiner von ihnen würde auf einen Behälter
für den Wein Bezug nehmen. Daher ist unklar, woher die Information, dass Wein
üblicherweise in Behältern enthalten ist, kommen soll. Damit stellt sich auch
die Frage, wo der zusätzliche Referent für den Behälter eingeführt wird. Das
heißt, man müsste für das Verständnis auch relativ einfacher Fälle von
Metonymie wie (2) ohnehin über den Rahmen der Qualia-Struktur hinausgehende
Wissensquellen zur Verfügung haben. Dieses Resultat legt nahe, Metonymie nicht
nur aus der Perspektive einer (vielleicht sehr weit gefassten) Semantik zu
untersuchen, sondern hierbei auch pragmatische Gesichtspunkte in Betracht zu
ziehen. 3. Konversationsmaximen als Motivation für MetonymieIn diesem Abschnitt werde ich die Verwendung metonymischer Ausdrücke auf
die Konversationsmaximen zurückführen. 3.1. Die KonversationsmaximenKonversationsmaximen charakterisieren kooperativen und effizienten
Sprachgebrauch im Diskurs. Als Teil des gemeinsamen Hintergrundwissens von
Sprecher und Hörer stellen sie einen Maßstab zur Bewertung sprachlicher
Kommunikation zur Verfügung. Grice (1975) sieht diese Maximen als Ausbuchstabierung eines
übergreifenden, grundlegenden Kooperativitätsprinzips an: Passe deinen Gesprächsbeitrag den aktuellen Anforderungen (dem Zweck oder
der Richtung) des Gesprächs an, an dem du teilnimmst! Im Einzelnen unterscheidet er vier verschiedene Konversationsmaximen: ·
Maxime der Qualität: Mache
wahre Konversationsbeiträge. ·
Maxime der Quantität: Mache
Beiträge, die so informativ wie nötig sind. ·
Maxime der Relevanz: Mache
relevante Beiträge. ·
Maxime der Art und Weise: Sei
klar, fasse dich kurz und sei berechenbar.[1] In den letzten Jahrzehnten wurde Grices Theorie viel diskutiert und
kritisiert (siehe z. B. Atlas und Levinson 1981). Eine der offenen Fragen, die
sich aus der Aufspaltung des Kooperativitätsprinzips in vier Teilaspekte
kooperativen Verhaltens ergeben, bezieht sich auf die Maxime der Art und Weise.
Die Anforderungen „Sei klar” und „Fasse dich kurz” aus dieser Maxime
scheinen miteinander im Zwist zu liegen. Üblicherweise zieht hohe Knappheit im
Ausdruck einen gewissen Verlust an Klarheit nach sich und hohe Klarheit setzt
voraus, dass eine gewisse Weitschweifigkeit erlaubt ist. Ich werde weiter unten
dafür argumentieren, dass Metonymie eine Möglichkeit bietet, zwischen diesen
beiden Anforderungen zu vermitteln. 3.2. Metonymie und KonversationsmaximenIn diesem Unterabschnitt
werde ich Metonymie aus der Sicht der Konversationsmaximen betrachten. Die
Relevanz dieses Unterfangens liegt darin, dass Metonymie auf den ersten Blick
unmotiviert zu sein scheint. Man könnte bei oberflächlicher Betrachtung sogar
vermuten, dass Metonymie diesen Maximen zuwiderläuft, auf der Sprecher- wie auf
der Hörerseite. Aus Sicht des Hörers
ist verwunderlich, dass er überhaupt bereit ist, sich mit Äußerungen
auseinanderzusetzen, deren wörtliche Bedeutung inakzeptabel ist. Es wäre eher
zu erwarten gewesen, dass er sie zurückweist – mit der Begründung, sie
schienen in wörtlicher Interpretation die Konversationsmaximen zu verletzen:
Sie könnten in dieser Interpretation nicht wahr sein und seien daher weder
informativ noch relevant. Dies legt zunächst nahe, dem Sprecher zu
unterstellen, dass er sich nicht kooperativ verhält. Aber der Hörer reagiert
anders und weist metonymische Äußerungen nicht einfach zurück. Er versucht,
diese Äußerungen zu verstehen, obwohl das mit erhöhtem Aufwand verbunden ist:
Er muss sie erst einmal von schlichtweg inakzeptablen Äußerungen unterscheiden
und ihnen dann eine nicht-wörtliche Bedeutung zuweisen. Für den Sprecher
scheint Metonymie ebenfalls eine nicht sehr attraktive Ausdrucksmöglichkeit zu
sein. Wenn er eine metonymische Äußerung hervorbringen will, kann er die
Botschaft, die er kommunizieren möchte, nicht einfach verbalisieren. Er muss
stattdessen einen Teil der Botschaft, der nicht versprachlicht werden soll,
identifizieren und dabei aber sicherstellen, dass er trotzdem noch verstanden
wird. Darüber hinaus wäre zu fragen, warum der Sprecher sich nicht in einer
direkten, nichtmetonymischen Art und Weise ausdrückt, um dem Hörer das
Verständnis seiner Äußerung zu erleichtern. Hier scheint die Maxime der Art
und Weise verletzt worden zu sein, vor allem die Anforderung „Verhalte dich
normal”. Meine These ist nun, dass
sich Metonymie letztendlich auf die Konversationsmaximen zurückführen lässt,
auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als stehe sie im Widerspruch zu
diesen Maximen. Aus der Hörerperspektive
sind metonymische Äußerungen akzeptabel, da der Hörer dem Sprecher
Kooperativität unterstellt. Daher würde er zunächst nicht davon ausgehen,
dass scheinbare Konflikte einer Äußerung (die zwischen ihren Konstituenten
oder zwischen der gesamten Äußerung und dem konzeptuellen Wissen zu bestehen
scheinen) ein Zeichen dafür sind, dass die Äußerung irrelevant, falsch oder
uninformativ ist. Um nun eine solche Äußerung
zu verstehen, versucht er stattdessen, die Motivation des Sprechers für die
Wahl einer solchen Äußerung zu rekonstruieren. Zunächst einmal kann er dabei
annehmen, dass die Äußerung nicht vollständig spezifiziert ist, das heißt,
dass ein Teil ihrer Botschaft nicht versprachlicht wurde. Eine derartige Annahme
ist sogar ziemlich plausibel, weil eine solche semantische Unterspezifikation
einer Äußerung eher die Regel als die Ausnahme ist. Aber wenn die Botschaft
nicht in ihrer Gesamtheit verbalisiert wurde, kann ein kooperativer Sprecher
eigentlich nur solche Teile der Botschaft unversprachlicht gelassen haben, die
der Hörer leicht rekonstruieren kann, also Teile, die gemeinsames Wissen von
Sprecher und Hörer sind. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass der Versuch
des Hörers, die Motivation des Sprechers zu rekonstruieren, ihn dazu führt,
die Inakzeptabilität der wörtlichen Äußerungsbedeutung als Anzeichen für
Metonymie zu interpretieren. Auch für den Sprecher muss
Metonymie motiviert werden, schließlich drückt er sich nur indirekt aus, was
der Maxime der Art und Weise zuwiderläuft. Daher muss die Verwendung
metonymischer Ausdrücke Vorteile haben, die diese Verletzung der Maxime der Art
und Weise aufwiegen und rechtfertigen. Diese Vorteile liegen nun
darin, dass Metonymie für einen Sprecher sehr attraktiv ist, weil sie ihm
ermöglicht, gleichzeitig zwei einander scheinbar widersprechenden Anforderungen
der Maxime der Art und Weise gerecht zu werden, der Forderung nach Klarheit und
der Forderung nach Kürze. Er muss seine Botschaft nicht vollständig
versprachlichen, daher können seine Äußerungen vergleichsweise kurz sein.
Gleichzeitig ist aber sichergestellt, dass diese kurzen Äußerungen nicht zu
unklar sind, weil der nicht verbalisierte Teil der Botschaft vom Hörer unter
Rückgriff auf sein konzeptuelles Wissen leicht rekonstruiert werden kann. So
kann der Sprecher die Informativität seiner Äußerungen maximieren. 3.3. Die Motivation für Metonymie: ein BeispielIn diesem Unterabschnitt
werde ich die pragmatische Motivation für Metonymie an einem Beispiel
illustrieren. In diesem Beispiel (6) geht es darum, wie man mit definiten
Beschreibungen Entitäten identifizieren kann, um auf sie zu referieren. (6) Das Seitenruder sollte jetzt zu dir hinzeigen. Wichtig an (6) ist nun die definite NP das Seitenruder. Im Kontext
von (6) sind Flugzeuge salient, daher würde man auf den ersten Blick vermuten,
dass sich diese NP auf einen Teil eines Flugzeugs bezieht. Aber das Objekt, auf
das die NP referierte, war ein aus „Baufix”-Bausteinen zusammengesetztes
Objekt, das in Abb. 1 abgebildet ist:
Abb. 1: Das
„Baufix”-Objekt Diese vielleicht etwas
überraschende Referenz erklärt sich jedoch sofort, wenn man den Kontext von
(6) etwas näher erläutert. Das Objekt in Abb. 1 ist als Teil eines aus „Baufix”-Bausteinen
bestehenden Spielzeugflugzeugs gedacht, das in Abb. 2 abgebildet ist. In dieser
Abbildung ist das Objekt aus Abb. 1 rot markiert:
Abb. 2: Das „Baufix”-Flugzeug Die Äußerung (6) ist Teil eines der „Baufix-Dialoge”, die an der Universität Bielefeld gesammelt wurden (Rieser 1997). Diese Dialoge wurden in einer Versuchsanordnung aufgenommen, in der ein „Instruktor” einen „Konstruktor” dazu anleiten sollte, ein Spielzeugflugzeug wie in Abb. 2 zu bauen. Da die beiden Personen durch eine Sichtblende voneinander getrennt waren, musste alle Kommunikation mündlich stattfinden. Allein der Konstruktor hatte einen Plan des ganzen Spielzeugflugzeugs zur Verfügung, daher ergab sich sehr oft die Anforderung, über bestimmte aus „Baufix”-Teilen bestehende Objekte zu kommunizieren, was eine erfolgreiche Referenz auf diese Objekte voraussetzte. Gleichzeitig sollte eine solche Referenz aber auch noch effizient sein, da im Kontext der Versuchsanordnung keine Zeit dafür gewesen wäre, ein solches Objekt jedes Mal durch eine ausführliche definite Beschreibung herauszugreifen. Aber wie sollte man einerseits erfolgreich und auf der anderen Seite auch noch effektiv auf ein Objekt wie das in Abb. 1 gezeigte referieren? Es zeigte sich nun in den
Dialogen, dass dieses Problem oft dadurch gelöst wurde, dass man auf Metonymie
zurückgriff, vor allem auf die Metonymie „Spielzeug für echtes Objekt”.
Das heißt, die Versuchspersonen referierten oft auf Teile eines
Spielzeugflugzeugs, indem sie Ausdrücke für die entsprechenden Teile eines
echten Flugzeugs verwendeten. Auf diese Weise konnten sie sehr einfach „Baufix”-Objekte
über die Namen der Flugzeugteile identifizieren, denen die Objekte ähneln
sollten. Eine ähnliche Verwendung von Metonymie tritt im
Kontext von Musikern ziemlich häufig auf. Wenn man z. B. vor einem Konzert in
den Orchestergraben schaut, wird man nur Männer im Frack und Frauen in
schwarzer Kleidung sehen. Das hat die Konsequenz, dass es aus der Distanz
ziemlich schwierig ist, die einzelnen Personen voneinander zu unterscheiden.
Aber die Instrumente unterscheiden sich zum Teil viel stärker voneinander als
die Menschen, die sie spielen. Daher ist es unter Umständen eine sehr
effiziente Art, auf jemanden zu referieren, indem man den Namen des Instruments
verwendet, das er spielt. Dabei können die Grenzen zwischen der wörtlichen und der übertragenen
Bedeutung dieses Namens durchaus verschwimmen, wie in den – tatsächlich in
dieser Form geäußerten – Beispielsätzen (7) und (8): (7) Die Oboe schraubt an ihren Klappen. (8) Gitarre gesucht, die sich nicht zu schade ist, auch mal den Bass in die Hand zu nehmen. Die Effizienz dieses Vorgehens hängt natürlich auch vom musikalischen
Vorwissen des Hörers ab; so wäre z. B. die Verwendung von das Englischhorn
vermutlich nur in wenigen Kontexten eine effiziente Art der Referenz auf einen
Musiker. Zusammenfassend lässt sich
sagen, dass Metonymie aus einer pragmatischen Perspektive heraus motiviert
werden kann. Sie ermöglicht eine effiziente Kommunikation und basiert in
letzter Konsequenz auf den Konverationsmaximen von Grice. 4. Abgrenzung des Bedeutungsbeitrags einer MetonymieNachdem ich im vorherigen
Abschnitt Metonymie aus den Konversationsmaximen heraus motiviert habe, soll in
diesem Abschnitt ein erstes Argument für diese Sicht der Dinge vorgestellt
werden. Die These ist hier, dass eine pragmatische Sichtweise auf die Metonymie
es einem ermöglicht, den Beitrag der Metonymie zu einer Äußerungsbedeutung
abzugrenzen. Dieses Problem lässt sich in etwas formalerer Redeweise so
paraphrasieren: Wie kann man innerhalb eines größeren Ausdrucks diejenige
Konstituente identifizieren, die tatsächlich von Metonymie betroffen ist? Zur
Illustration dieses Problems kann folgende, vereinfachte Version unseres
ursprünglichen Beispiels (2) dienen: (9) Der Wein wurde auf den Tisch gestellt. Die Subjekt-NP führt eine Substanz ein, wogegen das Prädikat eine
Eigenschaft von Dingen bezeichnet. (Daher selegiert es ein Subjekt, das ein Ding
einführt.) Aus der Sicht der Semantik kann man nun lediglich einen drohenden
semantischen Konflikt zwischen Subjekt und Prädikat diagnostizieren, der im
Prinzip auf zwei Arten vermieden werden kann: Als erste Möglichkeit könnte das
Subjekt einer Metonymie unterzogen werden, was einen Ausdruck ergäbe,
der sich auf ein Ding bezieht. Aber es wäre genauso möglich, das Prädikat
metonymisch zu verstehen, womit ein Ausdruck entstünde, der eine Eigenschaft
von Substanzen bezeichnet. Auf der Basis der vorhandenen
semantischen Information kann man nicht entscheiden, welche der beiden Optionen
hier bevorzugt werden sollte: Beide hätten den erwünschten Effekt, dass ein
semantischer Konflikt zwischen Subjekt und Prädikat vermieden werden könnte.
Nur pragmatische Überlegungen können uns hier weiterhelfen. Das
Diagnoseinstrument, das ich hier einsetzen möchte, ist die von einer definiten
NP eingeführte Einzigartigkeitspräsupposition: Es darf im jeweiligen
Kontext nur eine einzige Entität geben, die von derjenigen N'-Konstituente
denotiert wird, die in einer solchen NP die syntaktische Schwester des definiten
Artikels ist. So präsupponiert etwa (10), dass es im Kontext genau ein rotes
Auto gibt, ansonsten wäre eine Äußerung von (10) nicht geglückt: (10) Das rote Auto gehört meiner Tochter. 4.1. NP-MetonymieWenn nun Metonymie eine
definite NP betrifft, sollte sich deren Einzigartigkeitspräsupposition ändern.
Ich werde dies für den Satz (11) zeigen, der ähnlichen Beispielen in Nunberg
(1979) nachempfunden ist: (11) Das Schnitzel möchte zahlen. Für sich allein führt die NP das Schnitzel eine
Einzigartigkeitspräsupposition für Schnitzel ein: Es darf im jeweiligen
Kontext nur ein einziges Schnitzel geben. Wenn man nun aber (11) als Ganzes
betrachtet, stellt man fest, dass der Satz eine Einzigartigkeitspräsupposition
für Schnitzelesser einführt. Daher wäre eine Äußerung von (11) unter
Umständen auch dann möglich, wenn man neben einer ganzen Pfanne voller
Schnitzel steht. Nachdem nun aber das Schnitzel die einzige definite NP
im ganzen Satz ist, muss die Einzigartigkeitsbedingung aus dieser NP stammen.
Aber die Veränderung der Präsupposition zeigt, dass etwas mit der NP geschehen
ist, sie ist einer metonymischen Interpretation unterzogen worden. Da die
Einzigartigkeitspräsupposition einer definiten NP von der Bedeutung der
N'-Konstituente der NP abhängt, muss die Metonymie das Substantiv in der NP das
Schnitzel betroffen haben. Nach dieser metonymischen Umdeutung könnte man
die Bedeutung von Schnitzel als „Schnitzelesser” umschreiben, was
dann als Bedeutung der gesamten NP „der einzige Schnitzelesser” ergibt.
Diese Art der Metonymie nenne ich „NP-Metonymie”. Sie ist vermutlich die
prototypische Art von Metonymie: Man verwendet eine NP, um auf eine Entität zu
referieren, die mit einer weiteren Entität in Beziehung steht, auf die sich die
NP in wörtlicher Bedeutung beziehen könnte. 4.2. VP-MetonymieEs zeigt sich nun aber, dass Metonymie nicht bei jeder definiten NP die
Einzigartigkeitspräsupposition verändern kann. Dies wird bereits an unserem
einfachen metonymischen Beispiel (9) deutlich. Hier führt die Subjekt-NP der
Wein für sich allein eine Einzigartigkeitspräsupposition für eine
bestimmte Weinquantität ein. Der Satz (9) als Ganzes führt genau die gleiche
Präsupposition ein. Daraus folgt, dass bei der Subjekt-NP (und ihrem
syntaktischen Kopf) nichts geschehen ist, das heißt, die Metonymie muss eine
andere Konstituente betroffen haben. Das bedeutet nun aber, dass in (9) das Prädikat auf den Tisch gestellt
werden diejenige Konstituente ist, auf die sich die Metonymie bezieht, weil
es keine andere Option gibt, was auf den ersten Blick vermutlich erstaunlich
ist. Die Bedeutung des Prädikats nach der Metonymie ist dann „in einem
Behälter sein, der auf den Tisch gestellt wurde”. Diese Art von Metonymie
nenne ich „VP-Metonymie”. Ein Vergleich von Sätzen wie (11) und (9) zeigt
somit, dass Metonymie unterschiedliche Konstituenten in einem Ausdruck betreffen
kann. Das bedeutet dann aber insbesondere, dass man die von Metonymie
affizierten Konstituenten in einer Äußerung nicht anhand der syntaktischen
Struktur der Äußerung vorhersagen kann. An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, etwas näher darauf einzugehen, wie
man sich Metonymie für eine VP vorstellen sollte. Meine Erklärung für
VP-Metonymie basiert auf der des einfacheren Phänomens der NP-Metonymie. Hier
ist das übliche Bild, dass NPs durch ihre wörtliche Bedeutung auf eine
Entität in der Welt verweisen, von der aus wir zu einer zweiten Entität gehen,
die in salienter Weise mit der ersten Entität in Beziehung steht. Dann
interpretieren wir die NP so, dass sie auf die zweite Entität verweist. Für die VP-Metonymie ist dieses Bild etwas komplizierter. Die Bedeutung
einer VP greift eine Menge von Entitäten in der Welt heraus (z. B. wird durch auf
den Tisch gestellt werden die Menge der Entitäten, die auf den Tisch
gestellt werden, herausgegriffen). Von dieser Menge können wir zu einer anderen
Menge gehen, wenn es eine saliente Relation zwischen Elementen der ersten und
Elementen der zweiten Menge gibt. Für jedes Element der zweiten Menge muss es
ein korrespondierendes Element der ersten Menge geben. (Für auf den Tisch
gestellt werden kann die zweite Menge eine Menge von Substanz-Quantitäten
sein, wenn jede dieser Quantitäten der Inhalt eines Behälters in der ersten
Menge ist, d. h. eines Behälters, der auf den Tisch gestellt wird.) Dann
interpretieren wir die VP so, dass sie sich auf die zweite Menge von Entitäten
bezieht, im Falle von (9) auf die Menge der Substanz-Quantitäten, deren
Behälter auf den Tisch gestellt werden. Ein weiteres Beispiel für
eine VP-Metonymie ist (12), wo das Subjekt auf eine Person referiert, das
Prädikat aber eine Eigenschaft eines Fahrzeugs bezeichnet. Hier wird das
Prädikat umgedeutet in eine Eigenschaft von Personen, die Eigenschaft,
verantwortlich für ein Fahrzeug zu sein (was nicht notwendigerweise besagt,
dass einem das Fahrzeug auch gehört), das im Parkverbot steht (Nunberg 1993): (12) Fritz steht im Parkverbot. Der Präsuppositionstest ermöglicht es, diejenigen Konstituenten zu
identifizieren, die tatsächlich von Metonymie betroffen werden. Eine weitere
Diagnosemöglichkeit zur Unterscheidung von NP- im Gegensatz zu VP-Metonymie ist
die Regel, dass NP-Metonymie üblicherweise einen fachsprachlichen oder
jargonhaften Beigeschmack hat. Sie tritt beispielsweise im Kontext von
Krankenhäusern, Orchestern oder Restaurants auf: (13) Die Oboe muss heute etwas früher weg. (14) Der Blinddarm in Zimmer 211 wurde heute entlassen. Es lässt sich nun auch zeigen, dass es nicht möglich ist, eine Art der
Metonymie auf die andere zurückzuführen, da beide Arten in einer Äußerung
zusammen auftreten können: (15) Die Oboe steht im Parkverbot. Subjekt und Prädikat von (15) führen in wörtlicher Bedeutung eine (im
Kontext einzige) Oboe und eine Eigenschaft von Fahrzeugen ein. Aber (15) als
Ganzes bezieht sich auf eine Person. Diese Interpretation zeigt, dass sowohl das
Subjekt als auch das Prädikat von Metonymie betroffen sind, nur so lässt sich
die Gesamtbedeutung von (15) ableiten. Die Metonymie für das Subjekt ist die
gleiche wie in (13), die VP-Metonymie entspricht der in (12). Diese beiden
Prozesse tragen dann zur Interpretation von (15) als „der einzige Oboenspieler
ist verantwortlich für ein Fahrzeug, das im Parkverbot steht” bei. Eine Frage, die sich an meine
Beschreibung der Metonymie direkt anschließt, aber weit über den Rahmen dieses
Aufsatzes hinausgehen würde, ist, welche Restriktionen den Bereich der
Metonymien, die für eine bestimmte Äußerung möglich sind, einschränken.
Bislang ist ungeklärt, warum für eine Äußerung bestimmte Metonymien möglich
sind, andere dagegen nicht. So diskutiert etwa Jackendoff (1997) die Metonymie
„Person für Fahrzeug”, wie sie in (12) zu sehen ist,[2] sehr detailliert und zeigt, dass sie ziemlich
klaren Restriktionen unterliegt. (Z. B. ist sie vermutlich auf Autos und
eventuell noch Fahrräder beschränkt und kann für andere Fahrzeuge nicht
verwendet werden.) Aber derartige Restriktionen sind zu spezifisch, als dass sie
sich auf andere Fälle der Metonymie verallgemeinern ließen. Nunberg (1993) nimmt an, dass
der Bereich möglicher Metonymien durch kontextuelle Relevanz bestimmt wird.
Wenn z. B. der Hörer erwartet, dass eine metonymische Äußerung Information
über eine Person liefert und mehrere Arten der Metonymie möglich sind, wird er
eine Art von Metonymie wählen, die dazu führt, dass die Äußerung eine Person
zum Inhalt hat. Aber man kann nach wie vor sagen, dass an diesem Punkt noch
weitere Arbeit erforderlich ist, um die Faktoren zu bestimmen, die eine
derartige Auswahl unter möglichen Metonymien bestimmen, und um diese Faktoren
in eine umfassende Beschreibung von Metonymie zu integrieren. 5. TextkohärenzDer zweite Vorteil einer
pragmatischen Sicht auf Metonymie ist, dass man so zum Verständnis von
Textkohärenz beitragen kann. Dies gilt vor allem für NP-Metonymie: Sie ist
für Textkohärenz wichtig, da sie die Zugänglichkeit bestimmter
Diskursreferenten verändert. Diskursreferenten sind
Entitäten, die im Vortext erwähnt wurden. Sie haben spezifische Eigenschaften
(z. B. dass sie ein Schnitzel sind oder schlafen) und treten in Relationen auf
(z. B. des Essens oder des Schlafens). Wenn darauf folgende Pronomina auf sie
Bezug nehmen können, sind sie anaphorisch zugänglich (man spricht auch
davon, dass ein Pronomen sie anaphorisch wieder „aufgreifen” kann). So
führt z. B. der erste Satz des kleinen Textes in (16) zwei zugängliche
Diskursreferenten ein, einen für Max und einen für die Hauptstadt. Beide sind
zugänglich, daher ist (16) als Ganzes ein kohärenter Text, weil beide
Pronomina in seinem zweiten Satz auf zugängliche Diskursreferenten referieren: (16) Max besuchte die Hauptstadt. Er bewunderte ihre Architektur. Analog führt der erste Satz in (17) zwei Diskursreferenten ein, einen für
Max und den anderen für den Ort, an dem er ankommt, z. B. einen Bahnhof. Im
Unterschied zu (16) ist hier jedoch nur der erste dieser Referenten zugänglich,
daher ist (17) als Ganzes nicht kohärent. Das Possessivpronomen seine
kann sich nicht auf einen zugänglichen Diskursreferenten beziehen: (17) * Max kam an. Er bewunderte seine Architektur. Textkohärenz und Metonymie hängen dadurch zusammen, dass NP-Metonymie
einen neuen zugänglichen Diskursreferenten einführt und den alten
unzugänglich macht, der aus der wörtlichen Bedeutung der NP stammt. Die
Akzeptabilitätsurteile in (18) und (19) illustrieren diesen Zusammenhang: (18) a. Ein Schnitzel lag auf dem Teller. Es sah sehr appetitlich aus. b. * Ein Schnitzel lag auf dem Tisch. Es war verärgert. Im kohärenten Text (18a)
liegt keinerlei Metonymie vor, daher führt ein Schnitzel einen
zugänglichen Diskursreferenten für das Schnitzel ein, der dann vom Pronomen es
im zweiten Satz anaphorisch wieder aufgegriffen werden kann. Demgegenüber zeigt
(18b), dass es in einem solchen nicht-metonymischen Fall keinen zugänglichen
Diskursreferenten für den Schnitzelesser gibt, daher kann sich das Pronomen es
in diesem Fall nicht auf einen zugänglichen Diskursreferenten beziehen. Daher
ist (18b) kein kohärenter Text. Auf den ersten Blick wirkt
dies vielleicht erstaunlich – zumindest für diejenigen, die glauben, dass das
Wissen, dass Lebensmittel den Zweck haben, von jemandem gegessen zu werden, an
irgendeiner Stelle der Interpretation in die semantische Repräsentation für das
Schnitzel integriert wird. So würde diese Information z. B. in Pustejovskys
(1995) Qualia-Struktur, dem Teil einer erweiterten semantischen Repräsentation,
der ausgewählte Bereiche konzeptuellen Wissens umfasst, als telisches Quale
auftauchen. Dies würde einen Diskursreferenten (hier für den Schnitzelesser)
zur Verfügung stellen. Dieser Referent wäre dann ein potentieller Bezugspunkt
für anaphorische Pronomina und könnte so auch vom Pronomen es im
zweiten Satz von (18b) anaphorisch aufgegriffen werden. Aus diesem Grund folgere
ich, dass man mit der Integration konzeptuellen Wissens in die semantische
Repräsentation eher zurückhaltend sein sollte. Erst durch eine explizite
Metapher, die auf derartiges Wissen zurückgreift, werden Fakten konzeptuellen
Wissens (wie die Information, dass Schnitzel von jemandem gegessen werden
sollen,) in eine semantische Repräsentation integriert. Wenn wir nun die
Akzeptabilitätsurteile für (18) mit denen für (19) vergleichen, fällt auf,
dass für (19), wo NP-Metonymie zu finden ist, die Urteile genau andersherum
sind: (19) a. * Ein Schnitzel wollte zahlen. Es sah sehr appetitlich aus. b. Ein Schnitzel wollte zahlen. Es war verärgert. (19b) zeigt, dass die NP ein
Schnitzel einen zugänglichen Diskursreferenten für den Schnitzelesser
einführt, nachdem sie metonymisch interpretiert wurde. Dieser Referent wird im
zweiten Satz des kohärenten Texts (19b) durch das Pronomen es
anaphorisch wieder aufgegriffen. Dagegen ist der ursprünglich zugängliche
Diskursreferent für das Schnitzel selbst (aus der wörtlichen Interpretation
der NP) nicht mehr zugänglich, daher findet das Pronomen im zweiten Satz von
(19a) keinen Diskursreferenten mehr, den es anaphorisch aufgreifen könnte. Dies
macht (19a) inkohärent. VP-Metonymie unterscheidet
sich an diesem Punkt von NP-Metonymie. Obwohl hier ein zusätzlicher
Diskursreferent eingeführt wird (im ersten Satz von [20] einer für die
Behälter), ist er anaphorisch nicht zugänglich. Darüber hinaus macht
VP-Metonymie keinen der bislang zugänglichen Diskursreferenten unzugänglich.
Daher kann ein Pronomen den ursprünglichen Diskursreferenten der Subjekt-NP im
ersten Satz wieder aufgreifen, wie im kohärenten Text (20a); anaphorischer
Bezug auf den von der Metonymie neu eingeführten Diskursreferenten (in [20b],
durch das Pronomen sie auf die Behälter für den Wein) ist nicht
möglich, was die Inkohärenz von (20b) bewirkt: (20) a. Wein stand auf dem Tisch. Er hatte einen würzigen, etwas blumigen Abgang. b. * Wein stand auf dem Tisch. Sie waren mundgeblasen. Insgesamt lässt sich sagen,
dass die vorgeschlagene Analyse von Metonymie, vor allem die Unterscheidung von
NP- und VP-Metonymie, zur Erklärung von Kohärenz in Texten beiträgt. Um
verstehen zu können, warum Metonymie nur manchmal die Textkohärenz
beeinflusst, ist es wichtig, auf die Unterscheidung verschiedener Arten von
Metonymie zurückgreifen zu können, die unterschiedliche syntaktische
Konstituenten betreffen. 6. ZusammenfassungKurz zusammengefasst, wollte
ich in diesem Aufsatz die These vermitteln, dass Metonymie ein Phänomen ist,
das neben semantischen auch pragmatische Aspekte umfasst. Metonymie tritt dann
auf, wenn es einen drohenden Konflikt zwischen Konstituenten einer Äußerung
oder zwischen einer Äußerung und konzeptuellem Wissen von Sprecher und Hörer
gibt. Letztendlich lässt sich Metonymie auf Grices Konversationsmaximen
zurückführen, sie ermöglicht Äußerungen, die gleichzeitig knapp und klar
verständlich sind. Wenn man nun einmal diese pragmatische Seite von Metonymie
erkannt hat, kann man aus ihr heraus ein tieferes Verständnis von Metonymie
gewinnen. Dies wurde an zwei Punkten gezeigt, an der Frage, wie man den
Bedeutungsbeitrag von Metonymie zur Bedeutung metonymischer Äußerungen
abgrenzen kann, und beim Einfluss von Metonymie auf die Textkohärenz. 7. Literatur
Atlas,
Jay/Levinson, Stephen (1981): „It-clefts, informativeness, and logical form:
radical pragmatics (revised standard version)”, in: Cole, Peter (ed.): Radical
pragmatics, New York, S. 1-61. Copestake, Ann/Briscoe, Ted (1995): “Semi-productive polysemy and sense extension”, in: Journal of Semantics 12, S. 15-67. Dölling, Johannes (1995): “Ontological domains, semantic sorts and systematic ambiguity”, in: International Journal of Human-Computer Studies 43, S. 785-807. Grice, Paul (1975): “Logic and conversation”, in: Cole, Peter/Morgan, Jerry (edd.): Syntax and semantics 3: Speech acts, New York, S. 41-58. Jackendoff, Ray (1997): The architecture of the language faculty, Cambridge. Lang, Ewald (1989): „Primärer Orientierungsraum und inhärentes Proportionsschema”, in: Habel, Christopher/Herweg, Michael/Rehkämper, Klaus (edd.): Raumkonzepte in Verstehenskonzepten, Tübingen, S. 150-173. Markert, Katja/Hahn, Udo (2002): “Metonymies in discourse”, in: Artificial Intelligence 135, S. 145-198. Nunberg, Geoffrey (1979): “The non-uniqueness of semantic solutions: polysemy”, in: Linguistics & Philosophy 3, S. 143-184. Nunberg, Geoffrey (1993): “Indexicality and deixis”, in: Linguistics & Philosophy 16, S. 1-43. Pustejovsky, James (1995): The Generative Lexicon, Cambridge. Rieser, Hannes (1997): „Repräsentations-Metonymie, Perspektive und Koordination in aufgabenorientierten Dialogen”, in: Umbach, Carla/Grabski, Michael/Hörnig, Robin (edd.): Perspektive in Sprache und Raum, Wiesbaden, S. 1-26.
[1] Mit „Sei berechenbar”
versuche ich, das englische „Be orderly” wiederzugeben. [2] Die Metonymie wird als „Person
für Fahrzeug” charakterisiert, da die VP von einer Eigenschaft von
Fahrzeugen zu einer Eigenschaft von Personen umgedeutet wird. [PDF] |
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