metaphorik.de 06/2004

Metonymie - Metonymy

                    

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Klaus Uwe Panther/Linda L. Thornburg, edd. 2003. Metonymy and Pragmatic Inferencing, Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins, 280 S. (Pragmatics and Beyond New Series, vol. 113)

Ralph Müller, Fribourg (Ralph.Mueller@unifr.ch)

1. Metonymie und pragmatische Inferenzen

Diese Aufsatzsammlung versteht sich als Beitrag zur linguistischen Pragmatik aus kognitiv-linguistischer Perspektive, wie die informative Einleitung von Panther und Thornburg festhält (1). Dabei bieten zwar – wie die Herausgeber betonen (1) – weder Pragmatik noch Kognitive Linguistik einheitliche theoretische Orientierungen, sie eröffnen aber mit den Themen Metonymie und pragmatischer Inferenz ein Untersuchungsfeld, das Raum für unterschiedlichste Ausrichtungen und Interessen bietet.

Der Begriff „Metonymie“ lässt sich hier klar der Kognitiven Linguistik zuordnen. Sie ist als „konzeptuelle Metonymie“ insbesondere vor dem Hintergrund von Lakoffs und Johnsons (1980) kognitivistischer Neudefinition der rhetorischen Tropen „Metapher“ und „Metonymie“ zu verstehen. Somit trägt diese Aufsatzsammlung einem erweiterten Metonymie-Verständnis Rechnung, das nicht nur referenzielle Metonymien (General Motors streikt) beachtet. Vielmehr wird Metonymie als ein kognitiver Prozess verstanden, bei dem ein konzeptueller Bereich mentalen Zugang zu einem anderen Bereich innerhalb eines einzigen kognitiven Modells erlaubt (3). In diesem Sinne liegen Metonymien – wie dies Panther und Thornburg (1998) anderorts dargestellt haben – mentalen Strukturen und deshalb sprachlichen Phänomenen zugrunde.

In dieser Auffassung liegt auch die Beziehung der Metonymie zur Pragmatik begründet. So gehen alle Beiträge davon aus, dass pragmatische Inferenzen, insbesondere indirekte Sprechakte, meistens (oder gar grundsätzlich? – hier ist man sich nicht immer einig) metonymisch sind. So impliziere etwa der Wunsch Könnten Sie bitte das Fenster schließen? metonymisch die Aufforderung Schließen Sie das Fenster! (4-7).

2. Beiträge

Die zehn Beiträge des Bandes sind in vier thematische Sektionen unterteilt. Es handelt sich jeweils um ursprünglich eigenständige Beiträge, die – mit einer Ausnahme – für die „7th International Pragmatics Conference“ (Sommer 2000, Budapest) verfasst wurden. Allerdings sind sie nun im Band durch gegenseitige Verweise und durch die zusammenfassende Einleitung von Panther und Thornburg gut miteinander verknüpft.

2.1. The place of metonymy in cognition and pragmatics

Die erste Sektion enthält grundlegende theoretische Überlegungen. Der Beitrag Cognitive operations and pragmatic implication von Ruiz de Mendoza und Pérez (23-49) behandelt unter der Perspektive der Relevanztheorie von Sperber und Wilson die konzeptuelle Metonymie und Metapher als kognitive Operationen des Inferenzen-Ziehens. Mit Hilfe der Relevanztheorie werden neben der bekannten Griceschen „Implikatur“ auch „Explikaturen“ unterschieden. Letztere sind Bedeutungen, die einer Aussage aufgrund a) des Prinzips der Relevanz und b) einer Reihe von ‚kognitiven Operationen‘ (32) zugewiesen werden können, ohne dass (wie bei der Implikatur) Schlussfolgerungen auf der Basis von impliziten Informationen gezogen werden müssen (24-30). Die Autoren schlagen vor, neu auch metaphorisches und metonymisches Mapping zu den kognitiven Operationen zu rechnen, die beim Erschließen von Implikaturen wirken (24). Hiervon ausgehend diskutieren sie eine Reihe von theoretischen Überlegungen, die sich insbesondere mit der konzeptuellen Grundlage von Metaphern und Metonymien auseinandersetzen. Ruiz de Mendoza und Pérez sprechen sich dabei für die Annahme eines Metaphern-Metonymien-Kontinuums aus.

Der Artikel Metonymy and conceptual blending von Coulson und Oakley (51-79) bringt Lakoffs und Johnsons (1980) Metapherntheorie mit Fauconniers und Turners Theorie des Mischens von ‚mental spaces‘ zusammen. Dieser Ansatz ist im Zusammenhang mit Metonymien nicht neu (vgl. z.B. Turner und Fauconnier [2002 ]). Dennoch bieten Coulson und Oakley hier eine gelungene Einführung in den Bereich, die durch eine vertiefte Diskussion von Fauconniers und Turners Optimalitätsprinzipien (insbesondere unter Berücksichtigung der Relevanztheorie) (58-61) ergänzt und um überzeugende Analysen idiomatischer Ausdrücke und von Kunstwerken aus Literatur und Skulptur bereichert werden.

Barcelonas Artikel The case for a metonymy basis of pragmatic inferencing. Evidence from jokes and funny anecdotes (81-102) beschäftigt sich mit der Frage, warum wir bei Witzen in der Lage sind, in erstaunlich schneller Zeit komplexe Inferenzen zu schließen. Barcelona greift auf eine linguistische Komiktheorie zurück (81-83), die von Attardo und Raskin entwickelt wurde (Raskin [1985 ]; Attardo [2001 ]), und ergänzt deren Beschreibung komischer Script-Oppositionen um eine „conceptual blending“-Analyse. Letzteres ermöglicht, kognitive metonymische Prozesse – auf der Basis von Barcelonas ‚schematischer Definition‘ der Metonymie[1] – in die Analyse einzubeziehen. Diese Prozesse bestimmt Barcelona schließlich als Grundlage aller pragmatischen Inferenzen beim Verstehen von Witzen (97). Dementsprechend sieht der Autor konzeptuelle Metonymien als fertige Wegweiser für inferenzielle Wege bei der Interpretation von Witzen und Anekdoten bzw. als ‚Skelett pragmatischer Inferenzen‘ überhaupt.

2.2. Metonymic inferencing and grammatical structure

Die zweite Sektion umfasst Beiträge zur Rolle metonymischer Inferenzen in der Grammatik. Stefanowitsch betrachtet in A construction based approach to indirect speech acts (105-125) die grammatische Konstruktion von indirekten Sprechakten. Ziel dieses Artikels ist, mit Hilfe der Konstruktionsgrammatik (,construction grammar‘) einen neuen Ansatz zu schaffen, mit dem konventionalisierte indirekte Sprechakte [ISA] gegenüber nicht konventionalisierten ISA und direkten Aufforderungen abgegrenzt werden können (105f.). Stefanowitsch kommt zum Schluss, konventionalisierte ISA seien – im Gegensatz zu nicht-konventionalisierten ISA oder direkten Aufforderungen – eigenständige Konstruktionen, deren Bedeutung nicht aufgrund von anderen Konstruktionen oder mit Hilfe der Grundlagen der Grammatik vorhergesagt werden können (108f.). Metonymien sind demnach beim Verstehen von konventionalisierten ISA nicht beteiligt, aber mit ihnen können diese Konstruktionen motiviert werden (116). Eine Diskussion von neurolinguistischen Untersuchungen, die die Existenz von Sprechakt-Konstruktionen zusätzlich begründen, schließen Stefanowitschs Argumentation ab (120-122).

Die Herausgeber des Bandes sind mit einem eigenen Beitrag mit dem Titel Metonymies as natural inference and activation schemas. The case of dependent clauses as independent speech acts vertreten (127-147). Gegenstand dieses Artikels sind Sätze, die wie Nebensätze aussehen (z.B. Daß [mir] niemand den Raum verläßt! [128]). Panther und Thornburg konzentrieren sich dabei auf unabhängige if-Sätze. Ihre Analyse stützt sich einerseits auf den von den Autoren selbst entwickelten Ansatz, Sprechakte als Szenarien mit metonymischer Struktur zu beschreiben (vgl. Panther/Thornburg [1998 ]); andererseits auf Fauconniers (1994) Theorie der „mental spaces“. Panther und Thornburg schließen, dass in unabhängigen if-Sätzen das Verhältnis zwischen der sprachlichen Form und der pragmatischen Bedeutung nicht zufällig, sondern weitgehend durch pragmatische Inferenzen auf der Grundlage von Metonymien motiviert ist (145).

Der Artikel von Köpcke und Zubin Metonymic pathways to neuter-gender human nominals in German beschäftigt sich mit der Verwendung des Neutrums für weibliche Menschen in der deutschen Sprache (z.B. das Mädchen für ‚die Frau‘). Köpcke und Zubin stellen ihre Argumentation auf die Grundlage von Lakoffs (1987:77-90) metonymischen ICMs. Auf dieser Basis entwickeln sie die These, dass solchen Verwendungen des Neutrums ein metonymisches Modell zugrunde liegt, das soziale Stereotypen wie (sexuelle) Unschuld, soziale Naivität und abhängigen sozialen Status enthält (150).

2.3. Metonymic inferencing and linguistic change

In der dritten Sektion wird Sprachwandel unter besonderer Berücksichtigung der Metonymie und pragmatischer Inferenzen untersucht. Ziegelers komplexer Artikel über The development of counterfactual implicatures in English. A case of metonymy or M-inference (169-203) untersucht, warum die Vergangenheitsformen could, was able to, had the ability to – abgesehen von gewöhnlichen Bedeutungen – bisweilen metonymisch gegenwärtige Fähigkeiten oder manchmal gar das Nicht-Stattfinden einer Handlung implizieren können. Ziegeler wendet sich zunächst gegen Levinsons (1995) These, dass die kürzere modale Form jeweils eine stereotype Bedeutung impliziere, während die komplizierte Form aufgrund der M-Inferenz eine ‚marked situation‘ und somit eine besondere Bedeutung nahe lege (171-173, 182). Ziegelers diachrone Untersuchung zeigt stattdessen, dass kontrafaktische Implikaturen eher aus metonymischen Extensionen von Vergangenheitsformen der Modalverben entstanden sind.

Okamoto betrachtet in Metonymy and pragmatic inference in the functional reanalysis of grammatical morphemes in Japanese (205-220) in diachroner Perspektive das japanische Morphem koto. Dieses wird einerseits als Complementizer für Aufforderungen und andererseits als Partikel am Ende von Ausrufesätzen verwendet (206-210). Okamoto verfolgt die Hypothese, dass sich koto als Partikel am Satzende durch eine funktionale Reanalyse entwickelt hat, bei der eine metonymisch motivierte Bewegung von konversationeller Implikatur zu konventionalisierter Implikatur stattgefunden habe (211, 215-217).

2.4. Metonymic inferencing across languages

Radden und Seto vergleichen in ihrem Artikel Metonymic construals of shopping requests in have- and be-languages Wunschäußerungen im Einkaufsgespräch auf Englisch und Japanisch. Ihr Ausgangspunkt ist die von Panther und Thornburg (1998) beschriebene metonymische Grundlage von indirekten Sprechakten. Radden und Seto interessieren sich für die Frage, wie sich die konzeptuellen Grundlagen solcher Sprechakte in verschiedenen Sprachen unterscheiden, die etwa, wie das Englisch und das Japanische, Besitzverhältnisse unterschiedlich ausdrücken. Im Sprachvergleich können die Autoren drei Stationen des Einkaufsszenarios als metonymische Grundlagen für indirekte Wunschäußerungen feststellen: Verfügbarkeit des Artikels, Übergabe des Artikels und Empfang des Artikels (letzteres findet sich z.B. auch in der deutschen Sprache: Ich bekomme zwei Kilo Tomaten [230]).

Brdars und Brdar-Szabós Artikel Metonymic coding of linguistic action in English, Croatian and Hungarian (241-266) untersucht Formen verschiedener Sprachen, die sprachliches Verhalten genauer beschreiben. Zum einen betrachten die Autoren englische Konstruktionen mit prädikativen Adjektiven (I must be open with her). Brdar und Brdar-Szabó legen dar, dass es sich um Metonymien handelt, die die Art und Weise des Sprechens für die sprachliche Handlung nehmen, wie z. B. Ich muss offen zu ihr sein, koste es, was es wolle (242-245). Sie stellen aber auch fest, dass auf Ungarisch und Kroatisch diese Metonymie gemieden wird (249). Die Autoren ziehen aus dem Sprachvergleich den Schluss, dass die Unterscheidung von referenziellen, prädikationalen und illokutionären Metonymien ein wichtiger Parameter für die Erstellung einer Typologie von Metonymien sein könnte (251, 262).

3. Zusammenfassung

Der vorliegende Band sollte über das Feld von Metonymie und pragmatischer Inferenz hinaus Beachtung finden, denn er bietet Einblicke in jüngste Trends der Pragmatik und enthält viel Interessantes in Hinsicht auf die konzeptuelle Metapher und die Kognitive Linguistik. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der Band eine beindruckende Vielfalt von unterschiedlichen sowie innovativen Theorien in Anwendung zeigt. Darüber hinaus umfassen die Beiträge eine weite Palette von Untersuchungsgegenständen, die mit Hilfe der Metonymie analysiert werden (nicht zuletzt auch literarische Texte bei Coulson/Oakley, Barcelona und Köpcke/Zubin). Freilich führt die Vielfalt neuer Ansätze und Methoden dazu, dass einzelne Artikel sehr komplexe Argumentationen entwickeln und dabei dem Leser spezifisches Vorwissen abfordern. Zudem herrscht – wie ein Rezensent andernorts bereits bemerkt hat (Brône 2003) – kein Konsens darüber, ob Metonymien beim Ziehen von pragmatischen Schlüssen grundsätzlich beteiligt sind oder ob der Metonymie eher ein klar definierter Platz zugewiesen werden sollte. Dies ändert jedoch nichts daran, dass der vorliegende Band eine willkommene Sammlung von Grundsatzbeiträgen zur Rolle der Metonymie beim Ziehen pragmatischer Inferenzen präsentiert. So stellt das Buch Metonymy and Pragmatic Inferencing einen eindrücklichen Beweis für die Erklärungskraft der Metonymie dar und zeigt darüber hinaus, wie fruchtbar die Verbindung von Pragmatik, Kommunikationstheorie und Kognitiver Linguistik sein kann. Ein Personen- und Sachindex sowie ein nützlicher Metonymien-Index erschließen den Band in idealer Weise und machen ihn zu einem guten Instrument für das wissenschaftliche Arbeiten.

4. Literaturverzeichnis

Attardo, Salvatore (2001): Humorous Texts. A Semantic and Pragmatic Analysis, Berlin/New York.

Brône, Geert (2003): Review of Metonymy and Pragmatic Inferencing, http://www.linguistlist.org/issues/14/14-3105.html (3.2.2004).

Fauconnier, Gilles (1994): Mental Spaces. Aspects of Meaning Construction in Natural Language, Cambridge.

Lakoff, George (1987): Women, Fire and Dangerous Things. What Categories Reveal about the Mind, Chicago.

Lakoff, George/Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By, Chicago.

Levinson, Stephen C. (1995): “Three Levels of Meaning”, in: Palmer, F. R. (ed.): Grammar and Meaning, Cambridge, S. 90-115.

Panther, Klaus-Uwe/Thornburg, Linda (1998): “A Cognitive Approach to Inferencing in Conversation”, in: Journal of Pragmatics 30, S. 755-769.

Raskin, Victor (1985): Semantic Mechanisms of Humor, Dordrecht.

Turner, Mark/Fauconnier, Gilles (2002): Metaphor, Metonymy, and Binding, in: Dirven, René/Pörings, Ralf (edd.): Metaphor and Metonymy in Comparison and Contrast. Berlin, S. 469-487.



[1]‚Eine Metonymie ist ein mapping eines kognitiven Bereichs (Quelle) auf einen anderen Bereich (Ziel). Ziel und Quelle befinden sich in demselben funktionalen Bereich und sind durch eine pragmatische Funktion verbunden, so dass das Ziel mental aktiviert wird‘ (83, Übs. R. M.).

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ISSN 1618-2006