metaphorik.de 07/2004

 

                    

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Dušan I. Bjelić / Obrad Savić, 2002. Balkan as Metaphor. Between Globalization and Fragmentation, Cambridge, Mass., MIT Press, 350p.

Ulrike Mühlschlegel, Berlin (muehlschlegel@iai.spk-berlin.de)

Anfang der 90er Jahre war der Begriff „Balkan“ bereits dabei, eine historische Dimension anzunehmen, als er auf dramatische Weise durch den Krieg auf jugoslawischem Staatsgebiet wieder aktualisiert wurde: Der dort ausgetragene Konflikt erhielt den Namen „Balkankrieg“ und evozierte Konzepte, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammten, für die ganze Region.

Trotz der ständigen Präsenz der Balkan-Region in den Medien wissen wir erschreckend wenig über Menschen, Kulturen und Geschichte[1]. Unser Bild schwankt zwischen simplifizierender Wahrnehmung „des Balkans“, manchmal sogar als Teil Osteuropas, oder dem Stereotyp des unüberschaubar Fragmentierten. Wie schwierig die Selbstdefinition der Region ist, illustrierte auch die Ausstellung „In search of Balkania“ im österreichischen Graz 2002, in deren Umfeld Perzeption, Rezeption und Repräsentation Südosteuropas kontrovers diskutiert wurde. Aufgrund der Heterogenität mit 60 Künstlern aus 11 Ländern lautete z.B. Eva Kernbauers Kritik:

„the well meaning ‚Eastern-style’ presentation has been critized – rightly, it seemes to me – as building upon the cliché of a Balkan ‚patchwork’, emphasizing a wild, disorderly, colorful and romantic esthetic, rather than a more ‚Wester-style’ presentation that some of the artist would have wished for“ (Kernbauer 2003).

Heute schwanken die Identitäten in Südosteuropa zwischen von außen zugeschriebenen und selbst konstatierten Merkmalen, Nationalitäten müssen sich nach den Erschütterungen der letzten Dekade neu (re)konstruieren. Geographisch näher als der indische Subkontinent oder die Karibik etwa, bietet die Region ein Untersuchungsfeld für fast alle Bereiche der postcolonial studies.

Im hier zu rezensierende Band Balkan as Metaphor versammeln die Herausgeber Obrad Savić und Dušan I. Bjelić 14 Aufsätze sowie eine ausführliche Einführung, die „den Balkan“ aus unterschiedlichen kulturwissenschaftlichen und kulturhistorischen sowie diskurstheoretischen Perspektiven beleuchten wollen. Obrad Savić ist ebenfalls Herausgeber des Belgrad Circle Journal sowie Mitbegründer und Vorsitzender des Belgrad Circle, einer 1992 gegründeten Gruppe serbischer Intellektueller, mit denen u.a. Jacques Derrida, Jean Baudrillard und Noam Chomsky in enger Verbindung standen. Die dazugehörige Belgrad Circle NGO initiiert u.a. Seminare zu Demokratie und Aufbau der Zivilgesellschaft, Dialoge und Jugendaustausch mit Kroatien, Bosnien und Albanien. Savić unterrichtet Soziologie und Philosophie an der Universität Belgrad, Bjelić lehrt Kriminologie an der US-amerikanischen University of Southern Maine. Beide engagierten sich auch in der Bewegung gegen den Irak-Krieg, traten auf Friedenskundgebungen des International Peace Forum auf und reisten mit internationalen Delegationen in den Irak.

Dem Engagement der Herausgeber entsprechend bezieht sich Balkan as Metaphor deutlich auf die Realität jenseits akademischer Betrachtungen und versteht sich (auch) als politisches Buch: „try to put it into the hands of those who have some responsibility for both creating the tragedies that have beset the Balkans and the exclusively blaming Balkan people for what has happened“ schreibt Michael Herzfeld in seinem Vorwort (S.ix-xii, hier: S. xii). Es ist also nicht nur ein Buch über den Balkan, sondern verweist auch zurück auf die westliche Welt, „its silent (what linguists call ‚unmarked’) partner“ (Herzfeld, „Foreword“, S. xi).

In seiner umfassenden Einleitung „Blowing up the Bridge“ (S.1-22) knüpft Dušan I. Bjelić an die Orientalismus-These Edward Saids an: Durch den Diskurs, mit dem der „aufgeklärte“ Westen den „dunklen“ Orient beschreibt, definiert und beherrscht er ihn zugleich. Der Orient ist demnach passives Opfer aufoktroyierter Diskurse (im Sinne der Foucault’schen Theorien), die Teil der politischen und intellektuellen Kultur des Westens sind. Die westliche Rede vom Orient konstruiert in exotistischer Weise „den Anderen“ und dient als Werkzeug für Kolonialismus und Imperialismus. Aus diesem wichtigen Referenzwerk für postkoloniale Studien[2] wurde der Balkanismus (Balkanism) abgeleitet, der jedoch nicht als bloße Unterform des Orientalismus verstanden werden soll, sondern eigene Züge zeigt[3]. So definiert jeder Sprecher sich selbst und seine (ethnische) Gruppe als dem Westen zugehörig und schreibt den „Balkan“ den Anderen, den Nachbarn zu. Für Westeuropa (im Text stehen synonym the West, Europe und Western Europe) ist der Balkan die notwendige Projektionsfläche, er dient der Abgrenzung und Identitätskonsolidierung. Im Diskurs wird er durch Gegensatzpaare wie rational / irrational, civilization / barbarism definiert.

Als weiteren Bezugspunkt in der kritischen Auseinandersetzung mit dem westlichen Diskurs sieht Bjelić Samuel Huntingtons clash of civilizations, der von einer Trennung zwischen westlichem Christentum einerseits und orthodoxem Christentum und Islam andererseits ausgeht und ersteres mit Moderne, letztere mit Rückständigkeit in Relation setzt.

Insgesamt stellt der einleitende Text alle im Sammelband vertretenen Themen kurz vor und liefert den theoretischen Hintergrund dazu. Das Ziel umreißt Dušan I. Bjelić mit den Worten

 „The authors in this volume aim to institute new discursive conditions for the formation of Balkan identity around which cultural fragments of Balkanhood abandoned as road kill on the highway of globalization may be reassembled into a vital parliament of our hybrid Balkan cultures“(S.19).

Die folgenden Aufsätze umfassen ebenso unterschiedliche Themen wie sie auch von den unterschiedlichsten Theorien und Konzepten ausgehen – eine Tatsache, die den Herausgebern bewußt ist, denn sie bezeichnen die Beiträge und Beitragenden als „disagreeing on many issues, such as whether the Balkans are a metaphor“ (Bjelić, S.18). Der Titel des Buches könnte demnach mit einem Fragezeichen versehen werden, denn es wird keine gemeinsame Antwort gegeben. Ein vollständiger Überblick über alle Beiträge und umso mehr ihre Besprechung würde den Rahmen weit sprengen. Daher seien hier einige Texte und Aspekte exemplarisch herausgegriffen:

Ähnlich wie Bjelić in „Blowing up the Bridge“ stellt Vesna Goldsworthy in „Invention and In(ter)vention: The Rhetoric of Balkanization“ (S.25-38) die westlichen Konzepte im Diskurs über den Balkan zusammen und analysiert sie mit den Instrumenten aus Saids Orientalismus-These. Dies ist – auch innerhalb ihres eigenen Werks – weder neu noch originell, bietet aber einen guten Überblick und liefert reichlich Stoff für Untersuchungen zur Metaphorik.

Adrian Cioroianu beschäftigt sich in „The impossible escape: Romanians and the Balkans“ (S.209-233) mit der Verortung Rumäniens zwischen Westen und Balkan. Darin bietet er einleitend eine interessante Untersuchung verschiedener Lexikoneinträge zum Lemma Balkan, die aufzeigen, wie unpräzise und verschwommen das geographische Konzept ist. Innerhalb Rumäniens verläuft eine gedachte Trennlinie zwischen Ost und West genau durch die Karpaten und teilt so ein (westliches) Transsylvanien von einem Balkan-Rumänien, was in der politischen Realität wiederum separatistischen Tendenzen als Grundlage dient.

Die Metaphern aus dem westlichen Diskurs über den Balkan werden auch von Intellektuellen der Region weitergeführt: So wird der Balkan als Brücke zwischen Ost und West[4], als in-between und Mittel Land definiert. An letztere Bezeichnung aus Bram Stokers Dracula schließt der Beitrag zum Vampirismus von Tomislav Z. Longinović, „Vampires like us: Gothic imaginary and ‚the serbs’“ (S.39-59) an. In diesem Text wird die Metapher eines „reversed vampirism“, in dem der Westen die Lebensenergie des Balkans aussaugt, unreflektiert fortgesetzt: „the U.S.-led West, which is itself a vampire of vampires“ (S.48). Hier wäre es spannend, die Nähe der Metapher des Vampirismus zum Kannibalismus zu untersuchen.

Mit dem „zersplitterter Balkan“ beschäftigen sich die mehrere Beiträge, so Vesna Kelić, „Muslim Women, Croatian Women, Serbian Women, Albanian Women ...“ (S.311-321), die über Frauen mit zerrissenen Identitäten zwischen Geschlechterrollen, Kriegsfronten und ethnischen Gruppen schreibt. Identität, Identitätenkonstruktionen und ihre Möglichkeiten behandeln auch die Aufsätze von Alexander Kiossev, „The Dark Intimacy: Maps, Identities, Acts of Identifications“ (S.165-190), und Ugo Vlaisavljević, „South Slav Identity and the Ultimate War-Reality“ (S.191-207).

Branka Arsić untersucht in ihrem interessanten und innovativen Beitrag „Queer Serbs“ (S.253-277) aus der Geschlechterforschung heraus Mythen der Stadt-und Staatenbildung auf dem Balkan und leitet daraus Schlüsse zur Rolle der Frauen in der Neukonstruktion nationaler Identitäten ab. Dušan I. Bjelić und Lucinda Cole, „Sexualizing the Serbs“ (S.280-310), liefern einen Analyse des westlichen Diskurses über die Sexualität der Serben bzw. im südlichen Balkan generell. Weitere Aufsätze behandeln Erzählstrategien in Spielfilmen von Kusturica und Angelopoulos und die dazugehörige Filmmusik

Der Sammelband Balkan as Metaphor liefert weit mehr Material für die Metaphernforschung als Analysen zu diesem Bereich. Dies liegt u.a. in der bereits häufig erwähnten Heterogenität der Beiträge[5], in denen je nach Autor ein unterschiedlicher, aber nicht klar definierter Gebrauch von „Metapher“ herrscht, mit nahtlosen Übergängen zu „Klischee“ und „Stereotyp“. Lakoffs kognitive Theorien zu Metapherngebrauch und Konzeptualisierung im Golfkrieg (1991) und in erneuter Anwendung zum manipulativen Einsatz im politischen Sprachgebrauch während des Irak-Kriegs (Lakoff 2003) finden in einigen hier vorliegenden Aufsätzen eine direkte Fortsetzung, so bei Bjelić, wenn er über die Konstruktionen des „häßlichen“ Serben schreibt[6].

Die Texte verdienen unsere Aufmerksamkeit. Wenn wir uns auf die Gedankengänge und zunächst oft provokant wirkenden Thesen der Autoren einlassen, lernen wir viel über eine Region, die immer wieder die Aufmerksamkeit der Medien erregt, sowie über unseren eigenen Umgang mit ihr.

Literatur

Bakić-Hayden, Milica (1995): „Nesting Orientalism: The Case of Former Yugoslavia”, in: Slavic Review 54:4, S.917-931.

Goldsworthy, Vesna (1998): Inventing Ruritania: The Imperialism of the Imagination, New Haven.

Huntington, Samuel (1996): The clash of civilizations and the remaking of world order, New York.

Kernbauer, Eva (2003): In search of Balkania; http://www.artnet.com/magazine/features/kernbauer/kernbauer1-8-03 (4.8.2004).

Lakoff, George (1991): Metaphor and War: The Metaphor System Used to Justify War in the Gulf; http://lists.village.virginia.edu/sixties/HTML_docs/Texts/Scholarly/Lakoff_Gulf_Metaphor_1.html (19.8.2004).

Lakoff, George (2003): Metaphor and War, Again; http:///www.alternet.org/story/15414/ (19.8.2004).

Maimark, Norman M. (2004): Flammender Haß: Ethnische Säuberung im 20. Jahrhundert, München (orig.: Ethnic Cleansing in Twentieth-Century Europe, Cambridge, Mass. 2001).

Said, Edward W. (1981): Orientalismus, Frankfurt et al. (orig.: Orientalism, New York 1978).

Todorova, Maria (1997): Imagining the Balkans, Oxford.



[1] Vgl. auch Bjelić, „Blowing up the Bridge“ (S.5): „it is not unusual even for American academics to confuse the Balkans with the Baltics, or Slovenia with Slovakia“ – Situationen, die so sicherlich auch in Deutschland auftreten.

[2] Auf die umfangreiche Kritik am Werk Saids kann hier nicht eingegangen werden, siehe dazu z.B. Texte von Bernard Lewis oder auch zuletzt die Nachrufe auf Edward Said in der Presse von Oktober 2003 (z.B. Neue Zürcher Zeitung, Die Zeit), dort auch ausführliche Daten zu seiner Biographie und seiner durchaus kritischen Haltung zu den arabischen Staaten, Regierungen und Intellektuellen.

[3] Eine der ersten Anwendungen: Bakić-Hayden 1995, weitere grundlegende Arbeiten: Todorova 1997, Goldsworthy 1998.

[4] Vgl. den Roman des Nobelpreisträgers Ivo Andrić, Die Brücke über die Drina, oder auch die hohe Symbolkraft von Zerstörung und Wiederaufbau der Brücke über die Neretva in Mostar

[5] Vgl. dazu auch nochmal das Vorwort von Michael Herzfeld: „An observer may interpret their variety and sheer number, as well as the range of styles and disciplinary orientations they represent, as evidence of the besetting inconsistency and complexity of the Balkan world“ (S.x).

[6] Zur Metaphorik des Balkankriegs sei auch hingewiesen auf das geschichtswissenschaftliche Buch von Norman M. Maimark, Flammender Haß: Ethnische Säuberung im 20. Jahrhundert, der die Metaphern von Verunreinigung / Säuberung der Ethnien von den Nationalsozialisten („Flurbereinigung“) über Stalin („Säuberung“) bis hin zu Vertreibung und Mord im ausgehenden 20. Jahrhundert auf dem Balkan anführt.

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ISSN 1618-2006