[Home] [Inhalt / Table of contents / Table des matières] |
|
[PDF] David Caron, 2001. Aids in French Culture. Social Ills, Literary Cures, Madison, Wisconsin: The University of Wisconsin Press, 204 S.Hildegard Clarenz-Löhnert, München (clarenz-loehnert@web.de) Wie die Stichworte im Impressum der Arbeit Aids in French Culture zum Ausdruck bringen, lässt sich die Thematik nicht auf ein oder zwei Begriffe reduzieren, zu unterschiedlich sind die Bereiche, die das Werk berührt. An erster Stelle steht da: „AIDS (Disease)-Social aspects-France“, gefolgt von „Metaphor“, „France-Civilization“, „AIDS (Disease) in literature“, „Literature and medicine-France“ und „Homosexuality-France“. Diese Stichworte geben schon ein wenig mehr Aufschluss über den Inhalt der Arbeit als der Titel, welcher Anlass zu der Annahme gibt, dass es sich um eine soziologische Untersuchung zum Thema AIDS allenfalls mit literarischen Exkursen handelt. Wirklich um AIDS geht es jedoch außer im ersten Kapitel der Einleitung lediglich in den Kapiteln 4, 5 und in der Conclusion, also wohlgemerkt erst ab S. 96. Ausgangspunkt der Einleitung ist der beginnende Diskurs um AIDS Anfang der 1980er Jahre, welcher sofort untrennbar mit Metaphern z.B. aus dem Kriegsbereich, dem Nationalsozialismus und der Spionage verbunden war. Dabei waren diese Metaphern aus unterschiedlichen Genres wie Krimi, Horror, Melodrama, Sience Fiction u.ä. entliehen. Entscheidende Grundlage der Arbeit ist auch die Tatsache, dass AIDS immer im Kontext von „cultural others“ behandelt wurde, wie sexuellen und ethnischen Minderheiten, Drogenabhängigen, Ausländern und Homosexuellen. AIDS selber wurde zur Metapher für moralischen Verfall in modernen Gesellschaften, den kalten Krieg und Gefahren der exzessiven sozialen und geographischen Mobilität von Bevölkerungen in der globalisierten Welt (S. 3-4). Um der Frage nachzugehen, woher diese Metaphern letztlich kommen, geht Caron im Abschnitt „Metaphors of Science“ ins 19. Jahrhundert zurück, wo Medizin den Status einer Wissenschaft erlangte, immer populärer wurde und Ärzte somit großen Einfluss auf die Produktion von kulturellen und ideologischen Metaphern bekamen, u.a. weil der medizinische Diskurs zunächst als frei von Subjektivität angesehen wurde. Inwiefern jedoch jeglicher Diskurs von einer bestimmten Weltsicht, einem bestimmten historischen Kontext abhängt und bestimmte Realitätserfahrungen impliziert, kann an den verwendeten Metaphern abgelesen werden. Für die vorliegende Arbeit ist entscheidend, dass die wissenschaftlichen Tatsachen von den metaphorisch geprägten, an Laien gerichteten Texten unterschieden werden (S. 4-9). Im dritten Abschnitt der Einleitung werden zwei Modelle von Gesundheit und Krankheit gegenüber gestellt. Das eine basiert auf der altägyptischen Denkweise, die davon ausgeht, dass ein Körper solange gesund ist, wie kein fremdes, lokalisierbares Element die Integrität stört und kein körpereigenes Element verloren geht. Von diesem ontologischen Modell unterscheidet sich dasjenige griechischen Ursprungs insofern, als hier Krankheit und Gesundheit von innerer Dynamik und Balance abhängen. „Totalizing medicine“ und „localizationist medicine“ finden bis heute ihre Fortsetzung bspw. in der Immunologie bzw. in letzterem Fall in der Virologie. AIDS z.B. fiel erst nach der Entdeckung des HIV in den Bereich der Virologie (S. 10-13), was sich z.B. auf die Metaphernverwendung rechtsextremer Gruppen entsprechend auswirkte (Invasionsmetapher, S. 15). Die Frage, inwiefern diese unterschiedlichen Auffassungen ein anderes Licht auf ideologische Positionen werfen und sich auf unterschiedliche Konstruktionen des „Other“, also des Andersartigen auswirken, wird in den einzelnen literaturwissenschaftlichen Analysen leider nur selten aufgegriffen. Im letzten Abschnitt der Einleitung erläutert der Verfasser die Auswahl seines Textkorpus: La débâcle von Emile Zola, Journal du voleur von Jean Genet und A l’ami qui ne m’a pas sauvé la vie sowie Le protocole compassionnel von Hervé Guibert (S. 13-16). Zolas La débâcle wird das zweite Kapitel gewidmet.
Vorbereitend auf diese Textanalyse wird das erste, nämlich „Degeneracy and
Inversion. The Male Homosexual as Internal Other“ (S. 17-30) vorangestellt, um
den Diskurs der dégénérescence insbesondere von Mitte des 19. bis
Anfang des 20. Jahrhunderts näher zu erläutern und das Bild des homosexuellen
Mannes im 19. Jahrhundert nachzuzeichnen, bei dem gewöhnlich Parallelen zu
Willenlosigkeit, Unentschiedenheit und sonstigen als typisch weiblich geltenden
Eigenschaften sowie Nervenkrankheiten gezogen wurden. Im zweiten Kapitel „Gender
Indecision and Cultural Anxiety“ (S. 31-61) nimmt der Verfasser den Gebrauch
von Gesundheits- und Krankheitsmetaphern unter die Lupe, welche die Basis für
einen Heilungsprozess darstellen, der der nationalen Gemeinschaft zukommen soll.
Ein schlechter Soldat wird beispielsweise als innere Krankheit des sozialen
Systems dargestellt (S. 35). Die Metapher der Degeneration im sozialen Kontext
sowie das Bild des Homosexuellen, und zwar einerseits dargestellt anhand der
Figur Napoleons III., andererseits anhand der Romanfigur des Maurice, stehen
also für die Krankheit des body politic. Andersartigkeit wird hier somit
als Bedrohung aus der Nation selbst heraus und nicht von außen kommend
empfunden: „[...] Zola still embodies the core value of the French republic” (S. 15). In Jean Genets Journal du voleur und Hervé Guiberts A l’ami qui ne m’a pas sauvé la vie und Le protocole compassionnel (die ersten „AIDS testimonial novels in France“) wird aus der Perspektive des Entarteten geschrieben, das entscheidende Prinzip hinter den Romanen ist nicht die Normalisierung, sondern die Destabilisierung, nicht die Gesellschaft zu heilen, sondern zu infizieren (S. 15-16). „Reclaiming Disease and Infection. Jean Genet and the Politics of the Border“ (S. 62-95) behandelt mit Journal du voleur einen autobiographischen Roman, in dem der Ich-Erzähler sowohl Homosexueller als auch Krimineller ist. Klischees von Slums, Armut, Hässlichkeit, mangelnder Hygiene verbinden sich mit Lepra- und Läuse-Metaphern. Dabei hat Genets Rhetorik von Krankheit und Infektion die Kontaminierung der Sprache selbst zur Folge. Diese These entwickelt der Verfasser über den Begriff der Grenzüberschreitung, einerseits im Sinne von geographischen Grenzen, andererseits im übertragenen Sinne bezogen auf binäre Strukturen. Beispielsweise wird ausgeführt, wie Genet Strafgefangene feminisiert und Blumen vermännlicht, indem er sie mittels Metapher zusammenführt, worin Caron „an act of linguistic contamination“ sieht (S. 94). Letztendlich handelt es sich also um die Grenzüberschreitung von der sprachlichen auf die metasprachliche Ebene. Zwischen diese und die letzte literaturwissenschaftliche Analyse stellt der Verfasser „A cultural History of AIDS Discourse. France and the United States“ (S. 96-111), wo der AIDS-Diskurs als ein Konstrukt von sich überschneidenden Diskursen dargestellt wird, z.B. des medizinischen, sexuellen, sozialen, politischen, literarischen usw., und sich allein aufgrund der vorhandenen hochentwickelten Informations- und Kommunikationstechniken stark von Diskursen früherer Epidemien unterscheidet. Die bestehenden Darstellungen von AIDS – ob wissenschaftlicher, literarischer oder populärer Natur – seien kritisch zu lesen, was der Verfasser sich in seiner Arbeit ja auch zur Aufgabe gemacht hat. Als zentrales Prinzip hebt er dabei jedoch hervor, dass es nicht darum geht, Tatsachen von Fiktion und Wahres von Falschem zu trennen, sondern herauszufinden, „which representations constitute a resistant signifying practice and which ones do not“. Letztendlich sollte AIDS criticism aber immer zum Ziel haben, uns dem Ende der Epidemie einen Schritt näher zu bringen (S. 98). In den darauf folgenden Ausführungen geht der Verfasser auf zur AIDS-Darstellung wieder aufgegriffene Metaphern ein (Lepra, Cholera, Tuberculose, Syphilis usw.), auf die Darstellung der Geschichte des Syndroms und des Virus, welchen allesamt eine große evokative Kraft gemein ist und auf die Tatsache, dass AIDS schließlich selber zur Metapher wurde (S. 99-102). Des Weiteren behandelt er die Konstruktion des an AIDS Leidenden: Häufig handelt es sich um Homosexuelle, manchmal wird eine Vampir-Metapher herangezogen oder die metonymische Beziehung zwischen der Person mit dem Virus und dem Virus selber, oder aber es wird auf die Rolle des Opfers und gleichzeitig potenziell Schuldigen, der jederzeit das Virus weitergeben kann, abgezielt (S. 105-111). Vor diesem Hintergrund analysiert Caron im letzten Kapitel „AIDS and the Unraveling of Modernity. The Example of Hervé Guibert“ (S. 112-148) die beiden schon genannten autobiographischen Romane, wobei insbesondere auf die Beziehung zwischen Arzt und Patient abgehoben wird. Beide Rollen werden denaturiert, in einem als dynamisch beschriebenen Prozess wechselt dauernd die Perspektive. Über das unsägliche Leid der Hauptperson, das es unmöglich macht, „d’aligner deux mots“, ist wieder der Sprung auf die Meta-, hier also auf die Erzählebene geschafft. Und darauf, dass es sich um einen autobiographischen Roman handelt, dessen Autor HIV-positiv ist, stützt sich weiterhin Carons These, dass auch der Leser Gefahr läuft, durch den Akt des Lesens kontaminierter Sprache in seinem eigenen Diskurs angesteckt zu werden. Und wenn sich ein solcher erkrankter Diskurs verbreiten kann, so wird dieser Effekt durch Gerüchte, wie sie Anfang der 80er Jahre in Frankreich um AIDS bestanden, noch verstärkt, wobei derlei Gerüchte fast immer mit Sexualität, Drogen, skandalösem Benehmen usw. zu tun hatten. Letztlich enthält die Einleitung den Großteil der kohärenzstifenden Mittel der Arbeit, denn hier werden die einzelnen Fragen, auf die die Arbeit antwortet, in einen groben Zusammenhang gestellt, so dass ihre Relevanz für die gesamte Arbeit an dieser Stelle klar wird. Leider werden sie in der Conclusion (S. 149-161) nicht mehr zusammengeführt, so dass Conclusion hier weder als Zusammenfassung noch als Folgerung aufzufassen, sondern eher als Ausblick und Abrundung zu verstehen ist, da hier der Bogen zur Betrachtung der französischen Gesellschaft gespannt wird. AIDS wird als untrennbar mit gegensätzlichen Konzeptionen von Gemeinschaften innerhalb der Republik verbunden betrachtet. Im republikanischen Modell werden Homosexualität (affaire des drapeaux, bei der das Hissen der Regenbogenfahne in Frage gestellt wurde) wie Religion (affaire des foulards) in den privaten Bereich verbannt. In dem Moment, wo dies nicht mehr der Fall ist, komme beim französischen Staat die Angst vor dem Verlust der nationalen Einheit durch separatistische Gemeinschaften auf. Und dies gelte genauso für AIDS-Kranke. Die Interpretationen gehen meist sehr viel weiter in die Tiefe, bringen durch sensible Argumentation Beobachtungen in einen vielfach nicht offensichtlichen Zusammenhang und sind somit durchgehend überzeugend. Manches Mal führen sie allerdings in Sackgassen, oder die Ausführungen stehen sogar weitgehend für sich (wie z.B. der Abschnitt „Literature as Medicine, or Medicine as Literature?“, wo es um Zolas Theorie des naturalistischen Romans und somit um die Beziehung zwischen Wissenschaft und Literatur geht, S. 27-30), so dass die Relevanz für den größeren Kontext in solchen Fällen nicht klar wird bzw. nicht gegeben ist. Der Metaphernbegriff an sich wird vorausgesetzt und nicht diskutiert. Auch Funktionen und Wirkungen werden nur am Rande behandelt, wenn es darum geht, auf die Gefahr hinzuweisen, dass durch Metaphern die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verwischt werden kann (S. 104). Anders als Susan Sontag (1989), die tatsächlich AIDS und seine Metaphern gemäß dem Titel ihres Buches in den Mittelpunkt stellt und ins Verhältnis zu anderen Krankheiten und zur Gesellschaft setzt, nehmen konkrete AIDS-Metaphern bei Caron relativ wenig Raum ein, und wenn, dann wird sich dem Verhältnis AIDS – Metaphern – Gesellschaft nur über – größtenteils literarische – Umwege genähert. Alles in allem lässt sich feststellen, dass der Verfasser sich einem hochkomplexen Thema hauptsächlich aus Richtung der Literaturwissenschaft nähert und dabei sehr interessante literaturwissenschaftliche, aber auch soziologische Analysen liefert. Allerdings ist der Aufbau nicht immer ganz transparent. Entscheidend wäre jedoch, wenn er mit seinem Buch tatsächlich erreichte, wie er selber sagt, dem Ende der Epidemie einen Schritt näher zu kommen. Dies bleibt angesichts der Zahlen, die kürzlich die Vereinten Nationen zur 15. gobalen AIDS-Konferenz veröffentlicht haben, nur zu wünschen (vgl. Grill 2004). Literatur: Grill, Bartholomäus (2004): „Die tödliche Ignoranz. Nicht Terrorismus, sondern Aids gefährdet die ganze Welt“, in: Die Zeit, 15.7.2004, S. 1. Sontag, Susan (1989): Aids und seine Metaphern, München / Wien. [PDF] |
|
[Home] [Inhalt / Table of contents / Table des matières] ISSN 1618-2006 |