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[PDF] Paul A. Chilton, 1996. Security Metaphors, Cold War Discourse from Containment to Common House, New York, Bern, Frankfurt/M., Peter Lang, 468p.Ralph Müller, Fribourg (Ralph.Mueller@unifr.ch) Die Haupterkenntnis dieses Buches ist auch acht Jahre nach dem Erscheinen aktuell und brisant: Im politischen Diskurs besteht die Tendenz, ‚Sicherheit‘ auf ganze Staaten und Blöcke zu beziehen, die metaphorisch als gegenseitig abgegrenzte, sichere Behälter (container) verstanden werden. Dieses Konzept hat freilich Mühe, Sicherheit für die Menschen zu definieren oder auf (nicht-militärische) Gefahren zu reagieren, die nicht von staatlichen Gebilden ausgehen (423-425). Chilton, dessen Gegenstand Konzepte sind, die den politischen Diskurs über Sicherheit im Kalten Krieg prägten, bezieht dies noch auf den Jugoslawien-Krieg und nicht auf Terrorismus. Methodologisch ist die Arbeit der konzeptuellen Theorie der Metapher verpflichtet. Vor anderen Publikationen mit ähnlichem Erkenntnisinteresse (z.B. Lakoff [1986], Klein [1991], Schäffner [1993], Semino/Masci [1996], Musolff/Schäffner/Townson [1996], Lakoff [2003]) zeichnet sich diese Arbeit durch die Breite des Untersuchungsmaterials aus, das einen langen Zeitraum (40 bis 50 Jahre) und Beispiele aus mehreren Sprachen umfasst. Zudem stützt sich die Untersuchung auf die linguistische Diskursanalyse (vgl. auch das kürzlich erschiene Lehrbuch von Chilton [2004]) und sie betrachtet somit die analysierten Texte als Teil eines kontinuierlichen Gesprächs, das über längere Zeit Kohärenz und Kohäsion erfordert (70, 410). Die Arbeit umfasst drei Teile. Der erste Teil ist der historischen und forschungsgeschichtlichen Einführung gewidmet. Ausgangspunkt und methodische Kontrastfolie sind Th. Hobbes’ politisches Werk und dessen Überlegungen zur Metapher (14-19). Im Weiteren werden die metapherntheoretischen Grundlagen der Arbeit anhand des Begriffs security (47-65) und die linguistische Diskursanalyse als Ausweitung der Gesprächsanalyse (70-73) erklärt. Schließlich wird die Behandlung der Metapher in der politischen Philosophie und der Politikwissenschaft von Hobbes bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts skizziert und eifrig an den Ansprüchen der Theorie der konzeptuellen Metapher gemessen. Chilton stellt dabei eine wachsende Bedeutung der Container-Metapher für das Konzept ‚Sicherheit‘ fest (115). Man wünschte freilich, dass Chilton seine Prämisse, „Sicherheit“ sei mit „Souveränität“ konzeptuell eng verbunden (79), mit mehr empirischen Daten gestützt hätte. Die Gliederung der übrigen zwei Teile ist chronologisch. Dies ergibt eine historische Nacherzählung politischer Diskussionen über Sicherheit, die vom ‚konzeptuellen Chaos‘ am Ende des 2. Weltkriegs und der Einführung neuer Konzepte in die Sicherheitspolitik der USA bis zur Neuordnung der Sicherheitspolitik nach dem Fall der Mauer reicht. Quellen aus den USA nehmen dabei am meisten Raum ein. Daneben kommen auch europäische, insbesondere russische und deutsche Vergleichstexte zu Wort. Dies erlaubt erhellende Sprachvergleiche (etwa am Beispiel unterschiedlicher Auffassungen von Gorbatschows Metapher vom ‚gemeinsamen Haus Europa‘, 251-287). Metaphern erweisen sich dabei als mächtiges Instrument im politischen Diskurs. Chilton findet bei politischen Krisen immer wieder konzeptuelle Krisen (198, 413), die durch die Einführung neuer metaphorischer Konzepte gelöst werden können. Tatsächlich kann Chilton zeigen, wie sich metaphorische Modelle gerade in Umbruchszeiten ablösen. In diesem Zusammenhang sind Chiltons Aussagen zur kommunikativen Wirkung der Metapher interessant. Er diskutiert die Rolle der Metapher bei heiklen Themen (bzw. bei „face-threatening issues“, 269) und zeigt auf, wie Metaphern sich vom ursprünglichen Initiator lösen und ein ‚Eigenleben‘ entwickeln können (414). Abschließend postuliert er eine Reihe von Bedingungen, damit eine Metapher tatsächlich wirksam werden kann im politischen Diskurs (413-414). Diese Bedingungen lassen allerdings Zweifel an der Kraft bloßer Konzepte und Metaphern aufkommen. So entsteht der Eindruck (auch an konkreten Beispielen, 383), dass Macht eine wesentliche Bedingung bei der Durchsetzung konzeptueller Metaphern ist. Manche Aussagen und Interpretationen fordern auch zur Kritik heraus, dies betrifft etwa das Identifizieren von Metaphern: Grenzfällen metaphorischen Sprechens, wie Churchills Äußerung zur Sicherheit aller Familien und Heimstätten (161), könnte man zum Beispiel durch die Berücksichtigung verschiedener Grade von Metaphorizität besser gerecht werden. Es scheint auch nicht legitim, we und us auf personifizierte Staaten zu beziehen (392), wenn zu Beginn der Originalquelle sich Regierungschefs explizit als Autoren ausweisen. Schließlich nährt die Konzentration auf konzeptuelle Metaphern den Verdacht, komplexe Ereignisse würden monokausal erklärt. Chilton begegnet dem mit verstreuten Bekenntnissen, dass auch erfolgreiche Metaphern eher eine „contributory role“ (309) spielen. Fazit: Das Buch bietet ein umfangreiches Archiv von Sicherheitsmetaphern und informiert ausführlich über die Karrieren berühmter Metaphern (z.B. zum ‚Eisernen Vorhang‘, 163). Die detaillierte Analyse von Schlüsseltexten des Kalten Krieges und die Konzentration auf vier grundlegende, kognitive Bildschemata („container“, „path“, „force“, „link“, 50-55) sorgen für eine pointierte und thesenartige Darstellung, die nebst Linguisten auch Historiker und Politikwissenschaftler interessieren dürfte. Insgesamt handelt es sich um eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Die Fortsetzung von Chiltons Untersuchung in exzellenten Arbeiten wie jener Andreas Musolffs (2004) zeigt, dass dieses Buch ein ‚Klassiker‘ der Metaphernanalyse im politischen Diskurs ist. Literaturverzeichnis
Chilton, Paul (2004): Analysing Political Discourse. Theory and Practice, London. Klein, Josef (1991): „Kann man Begriffe ‚besetzen‘? Zur linguistischen Differenzierung einer plakativen politischen Metapher“, in: Liedtke, Frank/Wengeler, Martin/Böke, Karin (edd.): Begriffe besetzen. Strategien des Sprachgebrauchs in der Politik, Opladen, S. 44-69. Lakoff, George (1986): Moral Politics. What Conservatives know and Liberals don't, Chicago, London. Lakoff, George (2003): Metaphor and War, Again. http://www.alternet.org/story/15414 (29.11.2004). Musolff, Andreas (2004): Metaphor and Political Discourse.
Analogical Reasoning in Debates about Europe. Basingstoke. Musolff, Andreas/Schäffner, Christina/Townson, Michael (edd.) (1996): Conceiving of Europe. Diversity in Unity, Aldershot. Schäffner, Christina (1993): „Die europäische Architektur. Metaphern der Einigung Europas in der deutschen, britischen und amerikanischen Presse“, in: Adi Gewenig (ed.): Inszenierte Information. Politik und strategische Kommunikation in den Medien, Opladen, S. 13-30. Semino, Elena/Masci, M. (1996): „Politics is Football. Metaphor in the Discourse of Silvio Berlusconi in Italy“, in: Discourse and Society, 7,2, S. 243-269. [PDF] |
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