metaphorik.de 09/2005

                    

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Zufall oder System?

Ein spekulativer Beitrag zur Metapherndiskussion

Jutta Muschard, Universität Hannover (j.muschard@t-online.de)

Rainer Schulze, Universität Hannover (raischulze@gmx.de)

Abstract

In this contribution an explanation is offered of the ways in which radical socio-cultural changes in the world around us and the increased re-emergence of figurative expressions and metaphors in particular interact. Starting from the assumption (and based on a sound philosophical background) that language (and discourse in particular) as a reflection of aspects of our life is not merely a self-contained system of symbols, but a mode of doing, being and becoming, the paper focuses on aspects of metaphorical language in academic discourse. Contemporary metaphorical discourse will be viewed as socially constituted and conditioned by an increasing recognition of the complexities of everyday life with the proviso that complex and confused pictures of reality can only be reconstructed on the basis of figurative language.

Die Studie geht der Frage nach, ob es sich nur um einen Zufall handeln kann, dass Epochenumbrüche und deren konzeptuelle Veränderungen jeweils begleitet wurden von einem Paradigmenwechsel in der Philosophie einerseits und der Aufnahme bzw. Wiederbelebung des Diskussion der Metapher andererseits. Vielmehr scheint, dass der metaphorische Prozess als wichtige evolutionäre Fähigkeit des Geistes und als primäre Form der Sinnerschließung immer dann verstärkt in den Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses rückt, wenn die Zeit erfordert, den Horizont des Weltverständnisses zu ändern und zu erweitern.

1. Einleitung

In diesem Beitrag soll der Frage nachgegangen werden, ob ein systematischer Zusammenhang festzustellen ist zwischen Epochenumbrüchen und deren bedeutsamen sozio-kulturellen und/oder konzeptuellen Veränderungen und einer aufkeimenden bzw. sich wieder belebenden Diskussion der Metapher als nicht nur rhetorischen, sondern auch kognitiven Instruments oder „primärer Form der Sinnerschließung“ (vgl. Villwock 1983:185). Der metaphorische Prozess darf als wichtige evolutionäre Fähigkeit des Geistes betrachtet werden und metaphorisches Bewusstsein ist von existentieller Bedeutung: Metaphern strukturieren, was wir wahrnehmen, wie wir uns in der Welt verhalten oder unsere Beziehungen gestalten. Das Denken in Metaphern verbindet bildhaft-symbolische und kognitiv-sprachliche Prozesse und stellt somit eine Integration von Kognition, emotionalen und bildlichen Dimensionen dar. Das allerdings darf den Blick nicht verstellen für die janusköpfige Natur der Metapher: sie kann nicht nur Perspektiven aufzeigen oder erhellen, sondern auch ausblenden.

Neben einem möglichen Zusammenhang zwischen Epochenumbrüchen und der Diskussion der Metapher soll in diesem Beitrag auch der geschichtsphilosophische Hintergrund berücksichtigt werden, vor dem konzeptuelle Veränderungen stattfinden.

Es geht in dieser Studie also nicht um die Frage, welche Metaphern in welchen Epochen gebraucht worden sind. Es geht auch nicht um den generellen Nachweis eines Zusammenhanges zwischen Metapher, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. Dies ist an anderer Stelle bereits ausführlich getan worden (vgl. z.B. Albus 2001, Blumenberg 1965, Danneberg 2002, Jäkel 2003, Kittay 1987, Kuhn 1978). Vielmehr wollen wir der Vermutung Raum geben, dass es durchaus möglich scheint, dass bedeutsame Veränderungen in wissenschaftlichen und/oder sozio-kulturellen Auffassungen, wie sie weiter unten näher beschrieben werden, nicht nur das vorherrschende Bild von der Welt verändern und sehr wahrscheinlich auch in einem Wechselverhältnis zum philosophischen Denken stehen, sondern dass sie auch neue Diskussionen über Metapherngebrauch und insbesondere Metapherntheorien auslösen. Wenn wir davon ausgehen, dass metaphorisches Denken in welterschließender Absicht gebraucht wird und nicht nur rhetorischen, sondern auch und vor allem heuristischen, veranschaulichenden, pädagogischen, kreativen und kommunikativen Zwecken dient, ist die Aufnahme oder Wiederbelebung einer Metapherndiskussion in Epochenumbrüchen mehr als plausibel. Vergleiche hierzu auch Albus (2001:287): „Vicos These, dass eine Veränderung der Tropen einen geschichtlichen Umbruch einleitet, bestätigt sich durch seinen eigenen veränderten Umgang mit Metaphern“. Anliegen dieses Aufsatzes ist also, die gegenwärtige wie auch die historische Landschaft der Metapherndiskussionen sozusagen aus der Vogelperspektive zu betrachten und aufzuspüren, ob es möglicherweise eine Korrespondenz gibt zwischen historischen Umbrüchen, philosophischem Denken und der Diskussion der Metapher. Aufgrund der Komplexität dieses Themas kann diese Arbeit nur fragmentarisch bleiben; auch ist eine trennscharfe Unterteilung historischer Epochen kaum möglich, denn es ist, wie Jacob Burckhardt (1928:1-2) treffend bemerkt hat,

„eine wesentliche Schwierigkeit der Kulturgeschichte, dass sie ein großes, geistiges Kontinuum in einzelne, scheinbar oft willkürliche Kategorien zerlegen muss, um es nur irgendwie zur Darstellung zu bringen“.

Unser Aufsatz kann also nur tentativen Charakter haben und er wirft möglicherweise mehr Fragen auf als er beantworten kann. Dennoch soll der Versuch einer Darstellung unternommen werden.

Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass die Metapher in der sprachwissenschaftlichen Diskussion (und nicht nur dort) im 20. Jahrhundert und insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend an Beachtung gewonnen hat. Dies schlägt sich nicht nur in dem Projekt einer „Bibliography of Metaphor und Metonymy“ nieder, herausgegeben von Dirven, Inchaurralde, Schulze, Nerlich und Todd. Die wachsende Anzahl von Veröffentlichungen zur Metaphorik spricht für sich. Cacciari und Glucksberg (1994:447) nennen für die Jahre bis 1970 insgesamt 3.000 veröffentlichte Titel zur Metapher in den Gebieten Philosophie, Sprach- und Literaturwissenschaften, Semiotik, Psychologie und Psychoanalyse, Anthropologie, Religionswissenschaften sowie Kognitionswissenschaften. Für den Zeitraum von 1970 bis 1985 werden 4.317 Titel genannt, also im Durchschnitt 288 Titel pro Jahr, für die Jahre von 1985 bis 1990 dann 3.900 und somit durchschnittlich 780 Titel pro Jahr. Charbonnel und Kleiber (1999:4) sprechen von einer „bibliographie surabondante“ zur Metapher und geben an, dass einzig die Beiträge zu Tempus und Aspekt eine noch höhere Zahl an Veröffentlichungen erreicht hätten. Debatin äußert sich in der Einleitung zu seiner sprachphilosophischen und kommunikationstheoretischen Untersuchung zur "Rationalität der Metapher" zur fast unübersehbaren Flut an metaphorologischen Veröffentlichungen zum ausgehenden 20. Jahrhundert wie folgt:

"Ende der siebziger Jahre wurde die Situation mit der ironischen Bemerkung kommentiert, dass bei gleichbleibender Wachstumsrate von Metapherntheorien die Anzahl der Metaphernforscher die der Weltbevölkerung eines Tages überschreiten könnte" (Debatin 1995:1).

Dies hat uns zu folgenden Überlegungen veranlasst: Gibt es einen Grund dafür, dass gerade das ausgehende 20. Jahrhundert mit dieser Vehemenz in die Metapherndiskussion und -forschung eingestiegen ist? Gab es in der Vergangenheit ähnliche Fokussierungen auf die Metaphorik? Und was sind bzw. waren die Rahmenbedingungen?

2. Konzeptuelle Veränderungen bzw. „Wissenschaftliche Revolutionen“

Zunächst soll definiert werden, was im Rahmen dieser Arbeit unter sozio-kulturellen oder konzeptuellen Veränderungen zu verstehen ist. Dies erfolgt exemplarisch am Beispiel der wissenschaftlichen Revolutionen (WR) im Sinne Kuhns (1978) und der „kopernikanischen Wende“ und ihren Implikationen, wie sie von Blumenberg (1965) dargestellt worden sind. Es wird jedoch ausdrücklich darauf verwiesen, dass Weltbilder oder Weltauffassungen nicht beschränkt sind auf das technisch-wissenschaftliche Bild von der Welt und die philosophisch-religiösen Implikationen. Wie Goodman (1990) aufgezeigt hat, kommt nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Kunst die Rolle zu, aufgrund ihrer kognitiven Funktion „Welten“ zu erzeugen. Darauf wird weiter unten noch eingegangen.

Ganz generell lässt sich mit Kuhn (1978) sagen, dass die Welt als Gegenstand des wissenschaftlichen Wissens eine Erscheinungswelt ist. Eine wissenschaftliche Revolution ändert nicht die Welt, sondern das Bild von der Welt in den Köpfen der Wissenschaftler. Distinktives Merkmal der wissenschaftlichen Revolution im Vergleich zur „Normalwissenschaft“ oder „kumulativen Wissenschaft“ im Sinne Kuhns ist, dass erstere sich nicht auf einem kumulativen Wissenszuwachs begründet. Sie entsteht vielmehr aufgrund einer beobachteten Anomalie (Störung der Erwartung), die zu einer wissenschaftlichen Krise führt, wenn das „traditionszerstörende Komplement“ der WR nicht kommensurabel mit dem etablierten Wissen ist, das auf bestimmten, tradierten Paradigmata, d. h. wissenschaftlichen Meinungen, Werten, Methoden bzw. expliziten Regeln beruht. Da diese tradierten Meinungen und Werte miteinander vernetzt sind, muss zur Akzeptierung einer WR eine Modifikation der Struktur des alten Wissens und seiner Paradigmata erfolgen. Max Planck (in Guilini/Petruccione 2005) hat eine solche wissenschaftliche Krise wie folgt kommentiert:

„Es ist daher vorauszusehen, dass es im Laufe der weiteren Entwicklung [scil. des Streits der Meinungen, ob die Materie atomistisch oder kontinuierlich aufgebaut zu denken ist] zu einem Kampfe zwischen diesen beiden Theorien kommen wird, der einer von ihnen das Leben kostet“.

Die wissenschaftliche Krise ist somit eine notwendige Voraussetzung für das Auftauchen neuer Theorien und der Übergang von einem Paradigma zu einem neuen ist die wissenschaftliche Revolution, die die Wissenschaftler veranlasst, die Welt ihres Forschungsbereichs anders zu sehen. Man kann somit sagen, dass „die Wissenschaftler nach einer Revolution mit einer anderen Welt zu tun haben“ (Kuhn 1978:123) bzw. dass „Paradigmen neue Tatsachen oder sogar neue Welten konstituieren“ (Mühlhölzer 1991:306). Kuhn versucht mit seiner Theorie nicht nur, die Unhaltbarkeit der Korrespondenz-Auffassung aufzuzeigen (vgl. Mühlhölzer 1991:305). Er wendet sich gleichzeitig gegen eine ahistorische Betrachtungsweise wissenschaftlicher Entwicklung und versucht vielmehr, diese in ihrer historischen Eigenart zu verstehen. Besonders in seinem ersten Buch „The Copernican Revolution“ (1957) hat er das für diese Revolution „so charakteristische Zusammenspiel von Astronomie, Physik, Philosophie und Religion“ (Mühlhölzer 1991:302) verdeutlicht.

3. Die kopernikanische Wende

Blumenberg (1965) arbeitet am Beispiel der „kopernikanischen Wende“ den Einfluss einer wissenschaftlichen Revolution im Sinne Kuhns auf das philosophisch-religiöse Denken heraus bzw. deren Wechselspiel. Er zeigt auf, dass die scholastische Grundauffassung im Mittelalter eine Lösung astronomischer Fragen im Sinne der kopernikanischen Revolution nicht zugelassen hätte, wenn es nicht innerhalb dieser Grundauffassung bereits eine innere Inkonsistenz gegeben hätte. Das aristotelische Weltschema erschien der mittelalterlichen Hochscholastik zunächst als geeignet, ihrem Weltverständnis rationalen Ausdruck zu geben. Dies scheiterte schließlich daran, dass die Scholastiker eine Prämisse von Aristoteles nicht übernehmen konnten: die Ewigkeit der Welt. Fragen wurden aufgeworfen, die auf dem Boden der aristotelischen Philosophie weder beantwortet noch überhaupt ohne Gefährdung des Ganzen gestellt werden konnten, die aber im Horizont des Mittelalters einfach nicht mehr zu unterdrücken waren, wie die Fragen nach einem universalen Weltsinn und der Stellung des Menschen im Weltganzen. Die durch italienische, deutsche und französische Humanisten geförderte philologisch exakte Kenntnis der Werke des Aristoteles machte es den Aristotelikern aber immer schwerer, an der Vereinbarkeit der aristotelischen Philosophie mit dem Christentum festzuhalten (vgl. auch Störig 1961:325). Diese Unvereinbarkeit trat namentlich an der Frage der persönlichen Unsterblichkeit hervor. Blumenberg (1965:80-1) zeigt auf, wie dieser Gegensatz von Aristotelismus und Humanismus den Hintergrund bildet, vor dem Kopernikus arbeitete und der ihm aufgrund der Widersprüche (oder Anomalien im Sinne Kuhns) erst den Spielraum für seine Entdeckungen schuf. Die kopernikanische Wende ist aber nicht nur ein bedeutsamer historischer Vorgang, sondern in den Augen Blumenbergs (1965:100) auch Metapher geworden: die Umkonstruktion des Weltgebäudes, der Perspektivenwechsel von einer geozentrischen zu einer heliozentrischen Auffassung, wurde zum Zeichen für den Wandel des menschlichen Selbstverständnisses und für eine neue Selbstlokalisation des Menschen im Ganzen der gegebenen Natur. Die naturwissenschaftliche Entdeckung des Kopernikus ist also nicht als isolierter historischer Vorgang zu betrachten, sondern als paradigmatischer Vorgang vor dem Hintergrund des religiös-philosophichen Denkens der Scholastik. Sie ist darüber hinaus auch nicht als Gestaltsprung zu verstehen, sondern als ein zeitlich ausgedehnter Prozess (vgl. Hoyningen-Huene 1989:200). Das Revolutionäre war zunächst unsichtbar. Manchmal bleibt eine wissenschaftliche Revolution sogar unsichtbar für die Nachwelt, weil sie neue Lehrbücher erfordert, die die Rolle der Revolution und möglicherweise sogar deren Existenz verschleiern (vgl. Kuhn 1978:147-154).

Naturwissenschaft und Theologie waren während der Scholastik so eng miteinander verknüpft, dass es nach der als „kopernikanische Wende“ bekannten wissenschaftlichen Revolution zu einer Verselbständigung der Naturwissenschaft von der Theologie gekommen ist, die jedoch später wieder hinterfragt worden ist. Klueting (2004:19) verweist auf den Anstoß zum neuen Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie durch Carl Friedrich von Weizsäckers „Die Tragweite der Wissenschaft“. Naturwissenschaft wird erneut nicht mehr isoliert gedacht, sondern in den Bezugsrahmen von Theologie und Philosophie gestellt (vgl. auch Zehnpfennig 1991).

4. Weisen der Welterzeugung

Es existiert aber nicht nur der oben erwähnte Zusammenhang zwischen Naturwissenschaft, Theologie und Philosophie. Mitgedacht werden müssen auch Fragen der Ästhetik. Nach Goodmans Überzeugung können kunsttheoretische Problemstellungen nicht unabhängig von erkenntnistheoretischen Überlegungen entschieden werden aufgrund des systematischen Charakters und der kognitiven Funktion der Kunst:

„Der Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft ist für G. (...) kein grundsätzlicher, sondern resultiert aus verschiedenartigen Ausprägungen bestimmter Merkmale von Symbolen“ (Sturma 1991:195).

Dabei spielt auch die Metapher, nach Goodman (1997:74) eine „Affäre zwischen einem Prädikat mit Vergangenheit und einem Gegenstand, der sich unter Protest hingibt“, eine Rolle. Aus dem Wesen der Metapher, aus ihrer Fähigkeit zur suggestiven Anspielung, zur schwer fassbaren Andeutung, zum unerschrockenen Überschreiten grundlegender Grenzen leiten sich charakteristische Fähigkeiten des Ausdrucks her, die in Sprache und Kunst gleichermaßen anzutreffen sind. Unter Verweis auf die Betonung jeweils des repräsentativ Denotativen, des formal Exemplifikatorischen und des Expressiven in Metapher und Kunst lädt Goodman ein zum Vergleich zwischen Debussys La Mer, Bachs Goldberg-Variationen und Ives´ Fourth Symphony oder zwischen einem Aquarell von Dürer, einem Gemälde von Pollock und einer Lithographie von Soulages (vgl. Goodmann 1997:95). Unterschiedliche Formen des Ausdrucks, unterschiedliche Symbolsysteme schaffen aber auch (und hier besteht die Verbindung zu Kuhns obigem Postulat, dass Wissenschaftler durch neue Paradigmata neue Welten konstituieren können) unterschiedliche Welten oder Arten von Welten in der Kunst. Nach Goodman (1990:24) „gehören ein Christus von Piero della Francesca und einer von Rembrandt zu Welten, die in verschiedene Arten eingeteilt sind“. Der eine gehört in die Welt der Renaissance, der andere in die Welt des Barock; jeder verkörpert auf seine Weise die Art von Welt in der Kunst seiner Epoche. In der Renaissance ist nach der Erfindung der Perspektive die Architektur des Bildes von größter Bedeutung, während im Barock Licht und Schatten wichtige Gestaltungsmerkmale sind; statt der Welt der Ruhe wird im Barock die Welt der Bewegtheit des menschlichen Körpers das künstlerische Prinzip. Dennoch lassen sich selbst scharf kontrastierende Welten relativieren:

„(...) jede ist in einem gegebenen System richtig – für eine gegebene Wissenschaft, einen bestimmten Künstler, einen bestimmten Wahrnehmenden oder eine gegebene Situation“ (Goodmann 1990:15).

 Das impliziert aber auch, dass viele verschiedene Welt-Versionen unabhängig voneinander von Interesse und Wichtigkeit sind ohne eine Reduktion auf eine einzige, grundlegende. Die Weisen der Welterzeugung, d.h. die Prozesse, die bei der Welterzeugung eine Rolle spielen, stehen in einem Wechselspiel zueinander.

„Wir erzeugen nicht jedesmal eine neue Welt, wenn wir die Dinge auf eine andere Weise zerlegen oder zusammensetzen; Welten können sich jedoch darin unterscheiden, dass nicht alles, was zur einen gehört, auch zur andern gehört“ (Goodman 1990:21).

Goodman (1990:127) stellt die Forderung, dass die Künste als Modi der Entdeckung, Erschaffung und Erweiterung des Wissens – im umfassenden Sinne des Verstehensfortschritts – ebenso ernst genommen werden wie die Wissenschaften und dass die Philosophie der Kunst mithin als wesentlicher Bestandteil der Metaphysik und der Erkenntnistheorie betrachtet werden sollte. Auch die Fiktion trifft auf wirkliche Welten zu, denn das bloß Mögliche liegt innerhalb des ’Wirklichen’ und die sogenannten möglichen Welten der Fiktion liegen innerhalb der wirklichen Welten (vgl. Goodman 1990:129-30).

5. Die Metapherndiskussion vor dem Hintergrund kontroverser Sprachauffassungen

Mit den jeweiligen „Bildern von der Welt“ scheinen unterschiedliche Sprachauffassungen einher zu gehen, auf die hier nur überschlägig verwiesen werden kann (z.B. auf Gardt 1999, Hüllen 2002, Law 2003, Lyons 1980). Nach Apel (1975) gibt es vier typische Ausprägungen des Sprachdenkens: Nominalismus, mathesis universalis, Logosmystik und Sprachhumanismus (für letzteren muss die stete Vergegenwärtigung der drei übrigen Wege als gedankliche Folie vorausgesetzt werden), die sich wiederum in zwei „Stränge“ gliedern, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen: im technisch-szientifischen Strang erfolgt eine Verknüpfung von nominalistisch-empiristischer Sprachauffassung mit der Zeichenkunst der mathesis universalis, vertreten durch Bertrand Russell, den frühen Wittgenstein, den logischen Empirismus und den linguistischen Strukturalismus; demgegenüber steht der transzendental-hermeneutische Strang, dessen Traditionsvoraussetzungen zurückgehen auf den Deutschen Idealismus, die Logosmystik und den Sprachhumanismus, dessen Ursprung Apel (1975:6-7) jedoch schon im Trivium der septem arte liberales sieht, also in Grammatik, Dialektik und Rhetorik. Vico, Hamann, Herder und W. v. Humboldt werden dabei von Apel als sprachhumanistische Außenseiter der traditionellen Philosophiegeschichte betrachtet. Obiger Gegensatz zog sich als Universalienstreit zwischen Nominalismus und (Begriffs-)Realismus (Konzeptualismus) durch die ganze scholastische Periode hindurch und lässt sich bis in die Gegenwart verfolgen. Aus heutiger Sicht lässt er sich nach Apel (1975:14) als Wurzelgrund der erkenntnistheoretischen Spannung zwischen exakter (mathematischer) Naturwissenschaft und hermeneutischer (an die geschichtliche Umgangssprache gebundener) Geisteswissenschaft betrachten. Zur Gegenwart äußert sich Helbig (1990:58) zu Weisgerber, der zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze zur Sprachforschung annimmt:

„(...) einerseits eine Sprachbetrachtung ´unter Einschluß des Menschen` (d.h. auch geschichtlich und inhaltbezogen, [...]), andererseits eine Sprachbetrachtung unter möglichst weitem Zurückdrängen des Menschen (Sprache ´als Versuchsobjekt für strukturalistisch-formalisierende Verfahrensweisen`)“.

Es stehen sich somit zwei grundsätzliche Sprachauffassungen gegenüber, die beide während des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit die Metapher als Theorie wie auch in ihrer Anwendung diskutierten. Albus (2001) vertritt die These, dass der Metapherngebrauch Weltbilder widerspiegelt, und untersucht das 18. Jahrhundert als Zeit des Umschwungs und sich wandelnder Metapherntheorien. Dabei stellt sie die rationalistischen und eher metaphernfeindlichen Metapherntheorien von Leibniz und Wolf denen von Herder und besonders Vico gegenüber, der die Metapher zum Schlüssel des Verständnisses der menschlichen Natur macht, zwei Theorien, in denen sich die technisch-szientifische Auffassung und die transzendental-hermeneutische gegenüber stehen, wobei letztere ohne erstere nicht denkbar ist:

„Ohne Renato [Descartes] ist Giambattista [Vico] überhaupt nicht zu verstehen. Renato ist der Gegner, mit dem sich Vico ein Leben lang auseinandersetzt, aber damit eben auch der Ausgangspunkt seines Denkens und der Hintergrund, vor dem sein Denken sich abzeichnet“ (Trabant 1994:13).

6. Tentative Korrelation von wissenschaftlichen Revolutionen bzw. sozio-kulturellen Veränderungen (nachstehend konzeptuelle Umbrüche genannt), Paradigmenwechseln in der Philosophie und der Diskussion von Metaphern bzw. –theorien

Wie eingangs bereits deutlich zum Ausdruck gebracht worden ist, lässt sich eine trennscharfe Unterteilung einzelner Perioden nicht vornehmen. Zudem ist, und auch das ist oben schon erwähnt worden, die Bedeutung konzeptueller Umbrüche manchmal erst im nachhinein sichtbar. Die Übergänge von einem wissenschaftlichen oder philosophischen Paradigma zum anderen sind in aller Regel fließend. Kulturepochen breiten sich sukzessive aus, wie zum Beispiel die den Beginn der Neuzeit markierende Renaissance, die in Italien mit Vorläufern bereits im 14. Jahrhundert eingesetzt hat und dann bis zum Ende des 15. Jahrhunderts in ganz Europa ihren Einzug hielt. Dennoch lässt sich, sozusagen aus der Vogelperspektive, mehr oder weniger folgendes Bild erkennen: die bedeutsamsten konzeptuellen Umbrüche in der europäischen Geschichte, soweit sie nachvollziehbar sind, dürften in der Antike, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit sowie in der Gegenwart zu finden sein. Vergleiche hierzu auch Blumenberg, der sich in seinen geschichtsphilosophischen Analysen insbesondere mit den Epochenumbrüchen befasst und „... versucht, die Veränderungen des Weltverständnisses von der Antike zum Mittelalter und zur Neuzeit zu fassen“ (Haefliger 1996:123).

6.1       Antike

Für die Antike ist dieser Epochenumbruch die „Achsenzeit der Weltgeschichte“, wie Jaspers diese Epoche genannt hat:

„[D]iese Achse der Weltgeschichte scheint nun rund um 500 vor Christus zu liegen, in dem zwischen 800 und 200 stattfindenden geistigen Prozess. Dort liegt der tiefste Einschnitt der Geschichte. Es entstand der Mensch, mit dem wir heute leben. Diese Zeit sei in Kürze die ´Achsenzeit` genannt“ (Jaspers 1949:19f.).

Analog dazu stehen auch Störigs Auffassungen zur „weltgeschichtlich entscheidenden Wendung in Griechenland“ (1961:140), der geistige Umwälzungen von ähnlicher Tragweite in Indien und China zeitlich entsprechen:

„Die Tatsache, daß an verschiedenen Stellen des Erdballs, in zahlreichen gegeneinander so gut wie abgeschlossenen Kulturkreisen, zur gleichen Zeit der Menschengeist einen gewaltigen Schritt vorwärts tat [...], ist für uns ebenso erstaunlich wie unerklärlich. Es sträubt sich etwas in uns dagegen, [...] von bloßem ’Zufall’ zu sprechen“ (1961:140).

Fett sieht einen Zusammenhang zwischen der zu dieser Zeit in Griechenland aufkommenden Verkehrsökonomie und dem Entstehen philosophischen Denkens:

„Die ersten Philosophen werden in der Philosophiegeschichtsschreibung seit Tennemann und Hegel als Denker dargestellt, die vom Milieu des aufblühenden (Fern-)Handels ihrer Zeit in besonderer Weise gefördert und inspiriert wurden.[...] Der Zusammenhang von Handelswesen und geistiger Beweglichkeit der beginnenden Philosophie wird in neueren Werken zur Philosophiegeschichte fortgeschrieben“ (2000:289f.).

Es wird also ein Zusammenhang hergestellt zwischen konzeptuellen Umbrüchen, nämlich dem Entstehen einer Verkehrsökonomie einschließlich Geldwirtschaft anstelle des Tauschhandels, und dem Beginn philosophischen Denkens in Form der Vorsokratik und der Ontologie. In diese Zeit fällt auch die erste systematische Erörterung der Metapher, insbesondere durch Aristoteles, aber auch Platon (vgl. z.B. Haefliger 1996). Die Ontologie, die Fragestellung nach dem „Sein des Seienden“, beherrscht die Antike und das ganze Mittelalter bis zum Beginn der Neuzeit (vgl. auch Law 2003).

6.2             Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit

Mit dem Beginn der Neuzeit stellte sich die Frage nach den Bedingungen der Erkenntnis; in der Philosophie erfolgte ein Paradigmenwechsel von der Ontologie zur Bewusstseinsphilosophie, insbesondere vertreten durch den Rationalismus und den Empirismus. Dieser Paradigmenwechsel ist zu sehen vor dem Hintergrund technischer Erfindungen und Entdeckungsreisen, also vor einem den Horizont radikal erweiternden Epochenumbruch, für den die „kopernikanische Wende“ oben exemplarisch dargestellt worden ist. Diese

„wissenschaftlichen Revolutionen der Frühen Neuzeit setzten (...) mathematisch-naturwissenschaftliche Erkenntnisleistungen frei, und die Aufklärung ermöglichte im 18. Jahrhundert in der Tat vielen Menschen den Ausgang aus einer selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Bruch 2000:22).

Und wiederum wird die Metapher verstärkt diskutiert, wenngleich sehr kontrovers. Auch hierauf ist oben bereits eingegangen worden (vgl. auch Albus 2001, Jäkel 2003, Haefliger 1996, Hüllen 1989 und 2002).

6.3            Gegenwart

Die dritte der wesentlichen Etappen in der abendländischen Philosophie ist die Wende zur Sprachphilosophie (vgl. Tugendhat in Mauersberg 2004:14). Die Wissenschaftsphilosophie ist sich erneut der Tatsache bewusst geworden, dass

„zwischen die Fakten und den Wissenschaftler die Wörter treten, vor allem die in ihnen sedimentierten Semantiken, und somit die präzise und ´objektive` wissenschaftliche Bezeichnung der Wahrheit stören“ (Trabant 2005:IX)

und macht im ’linguistic turn’ die Sprache selbst zum Gegenstand der philosophischen Untersuchungen des 20. Jahrhunderts. Dieses Jahrhundert ist gekennzeichnet durch eine explosionsartige Vermehrung des Wissens in Technik und Naturwissenschaft. Ein Auflistung aller konzeptuellen Veränderungen und Neuerungen an dieser Stelle würde zu weit führen. Exemplarisch erwähnt werden sollen die neuen elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten, die nicht nur das Ende der mechanisch-funktionierenden Industriegesellschaft und deren Umbau in eine dienstleistungsorientierte markieren, sondern die auch Zeit und Raum in der Kommunikation auf ein schieres Nichts zusammenschmelzen lassen. Die Informations- und Datenverarbeitung ist (neben Lesen, Schreiben, Rechnen) zur vierten Kulturtechnik geworden und muss als konstituierendes Element der Informationsgesellschaft betrachtet werden (vgl. Wolf 1994:15-6). Wieder stellt sich aus unterschiedlichen Gründen die Frage nach Raum und Zeit, die schon zu Beginn der modernen Naturwissenschaft im 16. Jahrhundert die Philosophie bewegte:

„Eine ähnlich lebhafte philosophische Welle der Raum- und Zeitproblematik [wie im 16. Jahrhundert] ergibt sich erst wieder im 20. Jahrhundert als Folge der zu Beginn unseres Jahrhunderts mit den Relativitätstheorien einsetzenden theoretisch-naturwissenschaftlichen Fortschritte“ (Wendorf 1980:230f.).

Die konzeptuellen Umbrüche dieses Jahrhunderts beschränken sich aber nicht nur auf Technik und Naturwissenschaft, sondern umfassen das „Leben als Abenteuer des Verstehens“ in seinem ganzen Umfang. Scheint es nicht berechtigt, vor diesem Hintergrund von einer „kopernikanischen Wende alter Weltordnungen“ zu sprechen, von einer bedrohlichen Reise ins Ungewisse in Zeiten von Globalisierung, Klimakatastrophen, Gentechnologie? Neue komplexe Entwicklungen lassen sich nicht mehr nur kausal oder mechanisch-rational bewältigen. Faktenwissen allein zählt nicht mehr; verlangt werden, um sich in der neuen Welt zurecht zu finden, verbesserte Abstraktions- und Symbolfähigkeit, Perspektivenvielfalt, das Denken in Szenarien, aber auch emotionale Qualitäten, verlangt werden also Qualitäten, die auf metaphorischem Denken beruhen und sich in der Sprache, diesem einzigartigen und nicht wiederholbaren Experiment der Evolution, äußern. Das 20. Jahrhundert ist eine Epoche gravierender Veränderungen in allen Lebensbereichen des Menschen. Und wieder ist die Metapher in den Mittelpunkt wissenschaftlichen Interesses gerückt. Dies belegen die eingangs erwähnten Zahlen mit Nachdruck. Eingeräumt werden muss allerdings, dass metaphorische Sprache und Sprachgebrauch bereits in der Romantik aufgegriffen worden sind, dass die Metapher in den Texten der philosophischen Klassiker des 20. Jahrhunderts eine zunehmende Rolle spielte und dass schon mit der Jahrhundertwende ein Wechsel stattfand vom rezeptionsästhetischen Ansatz zu einer Diskussion der Rolle der Metapher in der Kognition, die – dies belegen die eingangs genannten Zahlen eindeutig - noch nicht abgeschlossen ist (vgl. auch Frieling 1996:23).

7. Zusammenfassung oder: Was ist die eigene neue Fragestellung?

Außer Frage steht der Zusammenhang zwischen Metapher, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie. Neu jedoch ist die Überlegung, ob es eine regelhafte, systematische Koinzidenz gibt zwischen Epochenumbrüchen mit ihren neuen Weltbildern, verändertem philosophischem Denken und der Diskussion der Metapher. Besteht nur Kontingenz zwischen den Beobachtungen, dass gravierende konzeptuelle Veränderungen wie der aufblühende Fernhandel in der Antike, das neue Weltbild beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit und die gegenwärtige explosionsartige Vermehrung von technischem Wissen und technischen Möglichkeiten jeweils begleitet wurden von einem Paradigmenwechsel in der Philosophie und dass diese Umbrüche zudem korreliert werden können mit der Aufnahme der Erörterung der Metapher in der Antike, besonders durch Aristoteles, mit der Wiederaufnahme der Metapherndiskussion im Spannungsfeld zwischen mathematisch-szientifischen und transzendental-hermeneutischen Sprachauffassungen im 18. Jahrhundert und mit dem „Metaphernboom“ des ausgehenden 20. Jahrhunderts oder lässt sich von Regelhaftigkeit sprechen? Berechtigt scheint uns zu fragen: Zufall oder System?

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ISSN 1618-2006