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Rinderwahnsinn: Das Unbehagen in der Kultur und die metaphorisch-diskursive Ordnung ihres Risikomaterials[1]

Von Martin Döring, Hamburg

“In unsere Kühe kommt nur Wasser, Getreide und Gras”

(Verbraucherschutzministerin Renate Kühnast im Bundestag

für ein Reinheitsgebot für Rindfleisch nach dem

Vorbild von Bier, FR, 9.2.2001,S.2)

 

1. Einleitung

Die Politik- und Umweltberichterstattung der letzen beiden Monate des Jahres 2000 drehte sich - neben dem Weltklimagipfel in Den Haag - vornehmlich um das Rind und um die Kuh. Diese friedlichen und “[...] effizienten Maschinen zum Verwandeln von Gras in Milch [...]” (Flusser 2000:44) setzten nach dem ersten nachgewiesenen Fall der Rinderseuche Bovine Spongiforme Enzophalopathie (ab hier BSE)[2] in Schleswig-Holstein am 24.11.2000 dem Mythos einer BSE-resistenten Bundesrepublik Deutschland ein jähes Ende. Als am 17.12.2000 drei weitere BSE-Fälle in Bayern entdeckt wurden, war klar, daß es sich nicht mehr nur um eine Ausnahme handeln konnte.[3] Nun hatte die Bundesrepublik Deutschland das erreicht, was 1984 beim englischen Bauern Peter Stent mit der Kuh Nr. 133 auf der Pitsham Farm von Midhurst[4] begann und in den folgenden 2 Jahren in Großbritanien unter dem Siegel 'streng vertraulich' behandelt wurde. Aus Angst vor dem Zusammenbruch des Rindfleisch-Exportes und aus Angst vor einer hysterischen Reaktion der Bevölkerung wurde das BSE-Risiko in Großbritanien 'unter der Decke gehalten'. Erste politische Maßnahmen waren Notschlachtungen BSE-kranker Rinder und die finanzielle Entschädigung ihrer Besitzer[5]. Gleichzeitig wurde deutlich, daß es sich bei der Rinderseuche nicht um eine, wie ursprünglich vermutet, Mutation der Schafskrankheit Scrapie[6] handelte, sondern um eine eigene Krankheit. Mit dem Verbot der Verarbeitung von Rückenmark und Gehirn in Fleisch- und Wurstwaren 1989 war ein weiterer politischer Schritt gegen die Verbreitung von BSE eingeleitet worden, dem die Eindämmung des Gebrauchs von Tiermehl 1988 in England vorausgegangen war. Als 1990 der britische Landwirtschaftsminister John Gummer medienwirksam vor laufenden Kameras zusammen mit seiner Tochter Cordelia in einen Beef-Burger biß, um zu zeigen, welches Vertrauen er in britisches Rindfleisch setze, wurde er später eines Besseren belehrt: Noch im selben Jahr wurde die erste Katze mit BSE-Symptomen entdeckt. Wieder ein Jahr später gelang es Wissenschaftlern, ein Schwein mit BSE zu infizieren: Damit wurde zumindest deutlich, daß die Krankheit auf andere Tiere übertragbar war und daß durch die Verfütterung von mit Kadaverrückständen angereichertem Tiermehl weiter Tiere angesteckt werden könnten[7]. Als dann 1995 die traurigen Bilder von Stephen Churchill durch die Presse gingen, der an einer mysteriösen Variante der Creutzfeldt-Jacob-Krankheit (ab hier CFJ) litt und später verstarb[8], kollabierte der britische Exportmarkt für Rindfleisch wegen europäischer Embargomaßnahmen. Damit war eines klar: Der Schutzschild - vormals als Artenschranke bezeichnet - der den Menschen angeblich vor den gefährlichen BSE-auslösenden Prionen schützte, hatte nie bestanden, denn sie lösten eine bis dato unbekannte Variante der CFJ-Krankheit aus. Damit fielen die Folgen einer vom Menschen genutzten, bewirtschafteten und einer im wahrsten Sinne des Wortes von ihm einverleibten Natur auf ihn zurück. Die sich daraus entwickelnde Krise um den “Stoffwechsel mit der Natur” (Fischer 2001) und deren massenmediale und sprachliche Aufbereitung steht im Zentrum dieses Beitrags. Basierend auf einem Pressekorpus soll die deutsche Berichterstattung über die BSE-Krise ab Ende November und im Dezember 2000 aus sprachökologischer Perspektive (Fill 1996:X) untersucht werden. Gegenstand der Untersuchung sind Metaphern (Harré et al. 1999: 91-119), mit deren Hilfe die Krise sprachlich gerahmt und abstrakte Diskursdomänen (Jäkel 1997) strukturiert und verknüpft (Maasen/Weingart 2001:20) werden. Zielpunkt ist die Erschließung und Interpretation der metaphorisch-diskursiven Ordnung der Presseberichterstattung für diese Zeitspanne. Ausgehend von einer methodischen Erörterung des Metaphernbegriffs im sprachökologischen Zusammenhang im folgenden Abschnitt, folgt daraufhin einer Korpusanalyse der Berichterstattung in der Frankfurter Rundschau.[9] Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefaßt. Dies geschieht vor der Folie des Paradoxons, daß wir in einer sich entwickelnden Wissensgesellschaft leben, in der eine “wachsende Vergesellschaftung der Natur und die steigende Verwissenschaftlichung gesellschaftlicher Lebensverhältnisse” (Stehr 2001:142) stattfinden, sich jedoch im selben Moment die Anzahl nicht mehr kalkulierbarer und handhabbarer Risiken und Risikofolgen (Beck 1989) abzeichnen. Gerade die kulturell-sprachliche Transformation der Natur bietet Möglichkeiten zur ökolinguistischen Analyse einer NaturKultur (Latour 1998:19), in der die sogenannte Tugend der Subjektivität und die damit verbundene Zurückgebliebenheit der Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften nicht mehr kultiviert werden kann. Hier bestünde, so die Hypothese in Bezug auf das Rahmenthema “Transdisziplinarität”, ein möglicher Ansatzpunkt in einer gemeinsam praktizierten Forschungsarbeit mit Kollegen der Naturwissenschaften, die disziplinären Perspektiven auf die Schaffung neuer Forschungsgegenstände hin zu verlagern.

2. Sprachökologie und Metapher

Sprache spielt eine wichtige, wenn nicht grundlegende Rolle bei der Wahrnehmung von Umweltproblemen und sie beeinflußt gleichzeitig unser Handeln in ihr. Wie stark sie unsere Bewertung bestimmter Sachverhalte prägt, wird insbesondere dann deutlich, wenn wir uns die in ihr angelegten Potentiale in bestimmten Kontexten verdeutlichen. Je nach Zusammenhang entfalten z.B. Euphemismen, Pejorative oder auch nur eine neutrale Sprache (Schultz 2001:110-112) eine spezifische Wahrnehmung oder Rahmung (Goffman 1996) eines Sachverhalts. Wenn so etwa im vorliegenden Fall davon gesprochen wird, daß “im Rahmen der "Marktbereinigung" mit finanzieller Unterstützung der Gemeinschaft [etwa zwei Millionen Rinder] entsorgt werden sollen, [...] (FR, 7.12.2000, S. 4), so wird hier durch das Substantiv Marktbereinigung vor allem der positiv ökonomische Aspekt eines staatlich regulierenden Eingreifens in den Markt hervorgehoben. Daß es sich bei dieser sogenannten Marktbereinigung jedoch um eine massenhafte und ethisch als problematisch erachtete Tötung von Rindern handelt, deren mögliche Krankheit durch menschliches und profitorientiertes Fehlverhalten verursacht wurde, kommt überhaupt nicht zur Sprache. Dies wird zusätzlich noch durch den Euphemismus entsorgt unterstrichen, der ebenfalls den Akt der massenhaften und organisierten Tötung reinwäscht. Kurz: “Language has the power to evoke images and complex ideas” (Chawla 2001: 115) und sie ist Ausdruck einer bestimmten “Nützlichkeit für den Menschen” (Fill 1993:104). Daß dies in besonderem Maße auch für die sprachliche Figur der Metapher zutrifft, verdeutlichen u.a. die Arbeiten von George Lakoff und Paul Chilton zum zweiten Golfkrieg (Lakoff 1992, Chilton 1995) und die Arbeit Lakoffs zum metaphorisch strukturierten Weltbezug liberaler und konservativer Politiker in Amerika (Lakoff 1996).[10] Hier wird zum einen der Versuch einer sprachlich metaphorischen Legitimation des Golfkriegs untersucht - ein Aufrüsten durch Sprache - , zum anderen wird der Anteil von Metaphern bei der Ausbildung politischer Moralvorstellungen verdeutlicht.[11] Metaphern machen das Abstrakte durch das Gegenständliche zugänglich, wodurch ihnen gewissermaßen eine Erschließungsfunktion zukommt, die jedoch nicht die einzigste ist. “Yet they [metaphors M.D.] are, of course, not the only device that we use to understand new developments in our reality - a reality that, at least in part, also emerges as a result of these metaphorical constructions.” (Harré et al. 1999: 5). Gerade die Arbeiten aus dem Umfeld von Lakoff/Johnson (Lakoff/Jonson1980, Lakoff 1987, Johnson 1987 und Lakoff/Turner 1989) haben zu einem Wiederaufleben der Metaphernforschung geführt, auch wenn die von ihnen so benannte kognitive Metapherntheorie bei weitem nicht so neu war, wie zu Beginn angenommen wurde.[12] So zeigen sich durchweg terminologisch Parallelen zur Interaktionstheorie (Richards 1936, Black 1962), zur Texttheorie der Metapher (Weinrich 1976), die nicht rezipiert wurde oder, wie im Falle der Interaktionstheorie, in “Bausch und Bogen” (Jäkel 1997:103) verurteilt wurden.[13] Trotzdem ist es Lakoff und Johnson hoch anzurechnen, daß sie zu einer Remotivation der Metaphernforschung, wie sie bereits von Ortony (1979) mit seinem Sammelband “Metaphor and Thought” vorher angeregt worden war, beigetragen haben. Ein wichtiger Bestandteil der kognitiven Metapherntheorie ist die Allgegenwart der Metapher, ihre Systematisierungsleistung bei der Erstellung von Denkmustern und vor allem die Rückbindung bildschematischer Elemente an die Körperlichkeit und den kulturellen Hintergrund. So motiviert z.B. die Erfahrung des eigenen Körpers als Behältnis die Konzeptualisierung von emotionalen Zuständen, wenn man sich in Trauer befindet: Körperlich physische Erfahrungen werden in einen abstrakten Sinnbezirk übertragen und machen diesen zugänglich. Damit ist ein weiteres Problem der Metapher betroffen, das des ästhetisch sprachlichen Zierats und des uneigentlichen Sprechens. Metaphern wurden lange Zeit als rhetorisches Element angesehen, wobei ihre Allgegenwart in vielen Bereichen des Alltags- und Expertendiskurses[14] einfach übersehen wurde. “Metaphor is a tool so ordinary that we use it unconsciously and automatically, with so little effort that we hardly notice it” (Lakoff/Turner 1989: XI). Ein wesentliches Merkmal der Metapher besteht also in einem alltäglichen und mannigfaltig vollzogenen Übertragungsprozeß, der in den meisten Fällen vom Sprecher oder Empfänger nicht wahr genommen wird. Dabei werden bestimmte Aspekte hervorgehoben, während andere verdeckt werden. Kurz - in Anlehnung an Wittgensteins “Und eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen” (Wittgenstein 1984:246) - auch Metaphern verweisen auf eine spezifische Lebensform.[15] Dies betrifft im besonderen Maße auch den Bereich des Umweltdiskurses, in dem Metaphern nicht nur das Handeln beeinflussen können, sondern auch zur Systematisierung und Formalisierung von Theorien beitragen, die sich möglicherweise zu Leitbildern oder Paradigmen verdichten können (vgl. Harré et al. 1999: 93).[16] Es hat also den Anschein, daß unser Zugang zur Realität grundlegend durch Metaphern organisiert ist und vermittelt wird, und daß unser natürliches Ökosystem durch ein metaphorisch kulturelles Ökosystem erweitert und umgeformt wird. Natürliche und kulturelle Ökosysteme bedingen einander und formen ein NaturKultur Ökosystem: Sprache ist, um es mit den Worten von Finke (1996:41) zu formulieren, “ein Übergangssystem zwischen Natur und Kultur [...]”, die Metapher nimmt hier die genuine Position einer Schnittstelle ein.[17] Diese Überlegungen führen uns tief in die allzu bekannte Dichotomie von Natur und Kultur, in der die Metapher ja beides miteinander verbindet, da sie sich aus beidem speist. Damit wird sie zu einem Hybrid.[18] Die hier aufgezeigte und möglicherweise als zwiespältig erachtete Position bedarf sicherlich einer weiteren methodischen Präzisierung, aber Sprache ist ein zutiefst natürliches und kulturelles Phänomen. Die Betonung liegt hier also auf dem 'Dazwischen' mit dem wichtigen Detail, daß “metaphors and covert categories employed in the use of language - [...] - all these and many others can be shown to originate historically and to be socially shaped. All representations and presentations of ‘facts’ involved ‘evaluation’” (Alexander 21995: 23). Kurz, die Metapher wirft zum einen Fragen nach der Beziehung zwischen Sprache und Realitätswahrnehmung auf, zum anderen stellt sie aber auch deutlich die Frage nach der Beziehung von Sprache, Ideologie und Macht (Fairclough 1989:119-120). Das dies in besonderem Maße bei Pressetexten der Fall ist, in denen der Metapherngebrauch den Anforderungen Information, Belehrung und Unterhaltung folgen soll (Meunier 1994:57), mag grundsätzlich richtig erscheinen. Vorsicht ist hier jedoch geboten, denn Metaphern funktionieren nicht in einem simplen Stimulus-Response-System und politisch ideologische Einstellungen hängen nicht fest an einzelnen Wortkörpern (Musolff 1990:63), sondern entwickeln sich aus einem größeren Kontext heraus. Im folgenden sollen nun einige exemplarische Beispiele aus dem Pressekorpus der Frankfurter Rundschau besprochen werden.

 

3. Die Berichterstattung zur BSE-Krise in der Frankfurter Rundschau

Ende November sah sich die Bundesregierung vor eine große Herausforderung gestellt. Am 24.11.2000 war bei einem Rind in Schleswig-Holstein eindeutig der erste deutsche BSE-Fall nachgewiesen worden. Bereits in der eigens zu diesem Fall anberaumten Parlamentsdebatte am 29.11.2000 hatte sich auch Bundeskanzler Schröder zu Wort gemeldet. In einer Grundsatzrede forderte er, daß die industriellen Agrarfabriken verschwinden müßten. So berichtet die FR:

(1)        Das will der Kanzler nun, in der politischen Schrecksekunde, zumindest verbal angehen. Die industriellen Agrarfabriken müssten verschwinden, fordert Gerhard Schröder markig im Parlament: "Wenn wir es jetzt nicht schaffen, werden wir es nie mehr schaffen." (FR, 30.11.2000, S. 3)

Die Metapher der Agrarfabriken läßt schnell an rauchende Schlote, an verschmutze Abwässer, an Dreck und an schweißtreibende Arbeit unter unwürdigen Bedingung denken. Ein assoziatives Schema wird hier aufgebaut, in dem unter anderem auch Mechanisierung und Automatisierung eine ebenso wichtige Rolle spielen, wie die alles prägende finanzielle Rationalisierung, durch die ja BSE überhaupt erst zustande gekommen war. Der Prototyp des idyllischen Bauernhofes wird hier durch die Metapher der industriellen Fabrik konterkariert und in einem äußerst negativen Licht dargestellt. Bundeskanzler Schröder scheint es gelungen zu sein, eine Art Leitmetapher zu etablieren. Daß die Produkte dieser Unternehmen durchweg als problematisch für den Verbraucher zu erachten sind, verdeutlicht das nächste Beispiel:

(2)        Es wäre ein Fehler, es beim "Aufdecken und Bekämpfen" der Rinderseuche zu belassen. Vielmehr müsse die "Perspektive für eine andere, verbraucherfreundliche Landwirtschaft, also weg von den Agrarfabriken" gewiesen werden. (FR, 30.11.2000, S. 1)

Ging es in dem vorherigen Beispiel noch darum, daß die Fabriken einfach nur verschwinden müßten, wird hier schon eine andere Lesart angelegt. Das Substantiv Perspektive deutet auf einen Visualisierungsprozeß hin, dem durch weg und gewiesen implizit eine Richtung und damit die Suche nach einem Weg aus der Krise beigefügt wird. Ein Richtungs- oder Perspektivenwechsel wird im folgenden Beispiel in der Metapher der Abkehr beschrieben:

(3)        Wenn die Bundesregierung jetzt nicht die Abkehr von den Agrarfabriken schaffe, "werden wir es nie mehr schaffen [Landwirtschaftsminister Funke bei einer Veranstaltung mit Bauern]." (FR, 20.12.2000, S. 4)

Setzte sich ebenfalls Landwirtschaftsminister Funke für einen Richtungswechsel in der Agrarpolitik ein, war dies auch Thema in der Debatte zum Abschied von der Industrie-Landwirtschaft.

(4)        Doch selbst wenn Bundesumweltminister Jürgen Trittin angesichts der Debatte zum Abschied von der Industrie-Landwirtschaft einen Teil seiner Ideen retten sollte: Damit ist die Agrarwende nicht auf den Weg zu bringen. (FR, 28.12.2000, S. 7)

Der vorher nur angedeutete Richtungswechsel wird in diesem Beispiel nun eindeutig mit der Metapher der Agrarwende in ein Weg-Schema integriert, auch wenn dieses Unterfangen als reichlich aussichtslos bewertet wird. Richtungswechsel gibt es jedoch nicht nur zu Lande, sondern vor allem auch auf dem Wasser. Hier werden sie durch das Substantiv des Kurswechsels bezeichnet, das sich in seinem metaphorischen Gebrauch vor allem im Bildfeld (Weinrich 1976:283-290) der Politik findet und gleichzeitig die Metapher des Staatsschiffes (Maier 1994, Beller 1980, Peil 1993) mit einschließt. Politische Entscheidungsträger werden oft als Lotsen, Steuermänner oder Kapitäne metaphorisiert (Münkler 1994:125-140). So auch implizit im folgenden Beispiel:

(5)        Bundeskanzler Schröder (SPD) hat wegen der BSE-Krise einen grundlegenden Kurswechsel in der Landwirtshaftspolitik angekündigt - er will weg von den "Agrarfabriken". (FR, 30.11.2000, S. 1)

Die Ankündigung ist dabei gute Sitte an Bord, denn vor jedem Manöver das zwangsläufig eine Richtungsänderung nach sich zieht, muß sich die gesamte Besatzung - hier des implizit angedeuteten Staatsschiffes - darauf einstellen. Die Rolle die Schröder dabei als politischem Staatsoberhaupt zukommt, könnte mit der eines Steuermanns oder Kapitäns an Bord gleichgesetzt werden. Aber auch Minister können durchaus als - metaphorisch gesprochen - repräsentatives Aushängeschild fungieren.

(6)        Klar ist nur, daß möglichst der Bauer Funke als ministerielles Anschauungsobjekt den Kurwechsel verkörpern soll. (FR, 1.12.2000, S. 5)

Daß ein Gegner, in diesem Fall BSE bekämpft werden muß, ist klar, doch scheinen im folgenden Zitat die politischen Vorgehensweisen untereinander noch nicht abgeklärt, bzw. kontraproduktiv zu sein.

(7)        Im Kampf gegen die Rinderseuche BSE steuern die deutschen Länder auf Konfrontationskurs mit dem Bund und Brüssel: Sie verlangen einen nationalen Importstopp für britisches Rindfleisch. (FR, 2.12.2001, Titel/Lead, S. 1)

Die Uneinigkeit über den Importstopp für britisches Rindfleisch führt offensichtlich hier dazu, daß sich die unterschiedlichen Regierungsinstanzen, implizit als Staatsschiffe metaphorisiert, auf einen Kollisionspunkt hin bewegen.[19] Eine weitere Metapher findet sich hier für das Kompetenzgerangel der unterschiedlichen Instanzen, die sich jedoch auf die Handlung bezieht.

(8)        Überraschend forderte der Bundesrat auf Vorschlag des NRW-Ministerpräsidenten Wolfgang Clement (SPD) von der Bundesregierung, im nationalen Alleingang umgehend ein Importverbot für britisches Rindfleisch zu verhängen (FR, 2.12.2000, S.1)

Ähnlich dem Kurs, bezeichnet die Metapher des Alleingangs ein individuelles Handeln, das nicht selten gerade im Fußball beim Torerfolg eng mit der technischen und vor allem taktischen Fähigkeit des Spielers erklärt wird und eine gewisse Risikobereitschaft voraussetzt. Unnachgiebigkeit kann aber auch in der Metapher des harten Kurses erfaßt werden. Ein Richtungswechsel scheint im folgenden Beispiel unmöglich und führt zwangsläufig zu einer politischen Konfrontation, in der beide Entitäten aufeinander prallen und ihre Richtung wechseln.[20]

(8)        Skandinavier wittern in Tests den Overkill. [...] Der von der EU- Kommission eingeschlagene harte Kurs gegen BSE stößt in skandinavischen Mitgliedsländern auf entschiedenen Widerspruch. (FR, 1.12.2000, S. 5)

Der kriegerische Aspekt wird hier vor allem durch die Metapher des Overkills - sprich den Verlust ganzer Rinderherden durch die angekündigten BSE-Zwangstests - betont.[21] Neben solchen innen- und europapolitischen Fragen wurde beim EU-Gipfel in Nizza vor allem das Problem der Folgekosten von BSE verhandelt. Die Umlage aus EU-Geldern hätte zu großen Teilen von der Bundesrepublik finanziert werden müssen, was jedoch gegen die in der Agenda 2000 festgesetzten Reformen zur Agrarpolitik im Rahmen des europäischen Einigungsprozesses verstoßen hätte. In der Berichterstattung findet sich für diese Anti-BSE-Maßnahmen die Metapher des Maßnahmenpakets als Behältnis aller grundlegenden Normen, beschlossener Gesetze und Verbote.

(9)        Das Maßnahmenpaket der Kommission sieht ein umgehendes Totalverbot der Verfütterung von Tier- und Knochenmehl an Nutztiere vor. (FR, 30.11.2000, S. 1)

Der Prozeß der Entwicklung wird häufig als das Schnüren des Pakets bezeichnet, wie das folgende Beispiel verdeutlicht:

(10)      Es kommt zu einer ersten Tischrunde: Chirac führt ins Thema ein, diagnostiziert punktgenau eine "Krise für die Bürger Europas" und begrüßt das zu Wochenbeginn geschnürte Maßnahmenpaket. (FR, 9.12.2000, S.3)

Neben der Metapher des geschnürten Maßnahmenpakets findet sich hier auch noch implizit eine Andeutung an den Politiker als Arzt, das in dem Verb diagnostizieren angelegt und dessen “diagnostische Kompetenz” (Münkler 1994:134) einer Krankheit implizit durch punktgenau angedeutet wird.[22] Die Kritik der Bundesregierung an den geplanten finanziellen Umlagen des “BSE-Bekämpfungspakets” (FR, 9.12.2000, S.3) orientiert sich vor allem an der Sorge, daß der beschlossene Finanzrahmen nicht eingehalten wird, weswegen es noch einmal - metaphorisch gesprochen - durch den TÜV muß.

(11)      Das EU-Paket gegen die BSE-Seuche kommt noch einmal auf den Prüfstand. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und mehrere seiner Kollegen erhoben auf dem EU-Gipfel in Nizza Einspruch gegen die Empfehlungen der Agrarminister, weil sie den vorgegeben finanziellen Rahmen sprengen. (FR, 8.12.2000, S. 1)

Für ein mögliches Abrücken von den Beschlüssen der Agenda 2000 und dessen Folgen wurde von den französischen Gipfelpräsidenten Chirac und Jospin die folgenden Metapher gebraucht:

(12)      Chirac und Jospin hätten den Lobbyisten pflichtgemäß darauf hingewiesen, dass ein Abrücken von der "Agenda 2000" der "Öffnung der Pandora-Büchse gleichkomme und daher "außer Betracht" stehe. (FR, 9.12.2000, S.3)

Diese Metapher entstammt der griechischen Mythologie und bezieht sich auf eine Büchse, die Pandora von den Göttern bekommen hatte und die mit allen Plagen gefüllt war. Pandora öffnete diese Büchse aus schierer Neugier, woraufhin die Plagen entwichen und das glückliche Dasein der Menschen beendeten (Moormann/Uitterhoeve 1995:526-528). Die Angst vor einer außer Kontrolle geraten EU-Finanzpolitik schien also den Gipfel in Nizza zu bestimmen. Dies mutet etwas merkwürdig an, da die Büchse der Pandora ja schon längst durch BSE geöffnet worden war und es sich um die wirtschaftliche Unterstützung der Gegenmaßnahmen handelte. Kommen wir zu einem Ende der exemplarischen Analyse: Die für den angegeben Zeitraum ausschlaggebende diskursiv metaphorische Ordnung in Bezug auf den ersten BSE-Fall in Deutschland wurde hier anhand einiger exemplarischer Beipiele dargestellt. Der Beginn der Debatte zeichnet sich vor allem durch die Metapher der Agrarfabriken aus, die gefolgt von Metaphern der Richtungsbestimmung zur Entwicklung eines BSE-Maßnahmenpaketes führte. Damit verdeutlicht sich klar ein Schwerpunkt, der vor allem auf der Beseitigung der ökonomischen Folgen liegt. Fragen, nach den ethischen und moralischen Grundlagen stehen völlig außen vor, selten finden sich Passagen, in denen das Verhältnis von Mensch und Natur oder Mensch und Natur angesprochen wird. Kurz, der Krise wird vornehmlich mit ökonomischen Mitteln begegnet, die sich auch im Metapherngebrauch der Presseberichterstattung niederschlagen.

4. Fazit

Wir befinden uns angesichts der BSE-Krise in der eingangs erwähnten Situation, die Beck (1989) mit dem Begriff der Risiko-Gesellschaft bezeichnet hat.[23] Wir haben mit den Folgen eines selbst zu verantwortenden Eingriffs in die Natur zu kämpfen, in der sich keine “narrative closure” (Adam 2000:119) abzeichnet, denn die Folgen, die BSE für den Menschen zeitigt, sind längst nicht absehbar. “[...] Die Übermacht der Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen Körpers und die Unzulänglichkeit der Einrichtungen, welche die Beziehungen der Menschen zueinander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln [...]” (Freud 2000:47), werden gerade im Hinblick auf die sich abzeichnenden Folgen einer BSE-Krise sehr deutlich. Gleichzeitig steigt jedoch unser Wissen über die Natur und ihre Zusammenhänge stetig an, ohne daß wir die aktuellen Probleme und Risiken mindern oder gar in den Griff bekommen. In diese Lücke können die Kultur- und Geisteswissenschaften stoßen, die gerade die “"blinden Flecken" linguistischer Wahrnehmung sichtbar [...] machen” sollten (Trampe 1991:143). Kurz: Die Zuständigkeit für den Bereich der Umweltwissenschaften liegt auch bei den Kultur- und Geisteswissenschaften. Im vorliegenden Fall wäre hier z.B. an einer Kritik zu denken, die auf die starke Tendenz der Ökonomisierung hinweist und alternativen im Sinne eines “Management of Metaphor” (Harré et al 1999:102, vgl. auch Schön 1979) entwickelt. Nicht umsonst wurde im Rahmen der BSE-Krise der Bürger immer mehr zum Verbraucher durch die Politik stilisiert. Im vorliegenden Fall sollten vor allem die Grundlagen der ethisch-moralischen Beziehung zwischen Mensch und Tier aufgearbeitet werden, die all zulange unter dem Paradigma einer Ökonomisierung gestanden hat, damit der Apokalypse-Cow (Die Zeit, 5.4.2001, Titel, S. 15) nicht morgen zu einem Apokalypse-now wird. Oder anderes gewendet: Heute die, morgen wir...

 

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Anschrift des Autors:

Martin Döring

Universität Hamburg

Institut für Romanistik

20146 Hamburg

Deutschland

Tel.: 040/422 47 60

Mail:ernst.martin.doering@gmx.de


[1] Werner Krauß (Hamburg) hat großen Anteil am Titel dieses Beitrags. Ihm sei für seine inspirierenden Anmerkungen gedankt! Ebenfalls danke ich Dietmar Osthus (Bonn) und Birte Schnadwinkel (Hamburg) für ihre konstruktive Kritik und ihre wertvollen Hinweise! Der Titel bezieht sich auf Freud (2000).

[2] Es gilt mittlerweile als erweisen, das BSE-Erreger beim Menschen eine bisher unbekannte Art der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit verursachen, die zu einer letalen Degeneration des Gehirns führt. Sogenannte Prionenproteine gelangen dabei vom Darm mit Hilfe von Immunzellen in das Rückenmark und von dort ins Gehirn. Hier werden die 'gesunden' Prionen durch die kranken umgewandelt und zerstören dann das Gehirn. Wie schnell die Krankheit bei Infizierten nach der Infektion ausbricht, hängt von der genetischen Disposition der Betroffenen ab.

[3] Es hatte bereits einen BSE-Fall in der Bundesrepublikt Deutschland 1992 gegeben. Hier handelte es sich jedoch um ein aus England importiertes Rind.

[4] Vgl. Sentker, Andreas, Bahnsen, Ulrich (2000): BSE. Europa im Wahn (Zeit Dokument). Hamburg: Zeitverlag, S. 3.

[5] Da die Landwirte nur rund die Hälfte des Wertes ihrer Rinder erstattet bekamen, kam es zu Panikverkäufen vor dem angesetzten Schlachttermin für die gefährdeten Tiere. Die Anzahl der dadurch in die Nahrungskette gelangten Tiere ist bis heute nicht zu bemessen.

[6] Die Krankheit Scapie befällt vorzugsweise Schafe und Ziegen. Die von dieser Krankheit betroffenen Tiere können ihre Bewegungen nicht koordinieren und im Endstadium auch nicht mehr stehen. Der Name entstammt dem englischen Verb to scrape (abkratzen/abscheuern) und bezieht sich auf den intensiven Juckreiz, der die Tiere im Krankheitsverlauf befällt.

[7] Die zur Herstellung von Tiermehl verwendeten Kadaverreste mußten in England auf rund 135 Grad Celsius erhitzt werden, was angeblich zur Abtötung von Viren und zur Zerstörung schädlicher Trägersubstanzen führen sollte. Nach einigen Jahren wurde diese gesetzlich festgeschriebene Temperatur aus Kostengründen auf rund 118 Grad Celsius herabgesetzt, was möglicherweise die geschädigten BSE-Prionen nicht zerstörte.

[8] Mittlerweile sind über 80 Menschen an der Variante der CFJ in England verstorben. Einen hohe Rate von CFJ-Fällen stellte die Universität Edinburgh bei Bauern fest, die in von BSE befallenen landwirtschaftlichen Betrieben gearbeitet haben. Dies deutete zumindest eine erste möglich Verbindung an BSE und CFJ an.

[9] Für den vorliegenden Beitrag wurden neben der Frankfurter Rundschau auch die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit für die angegebene Zeitspanne analysiert. Die Ergebnisse dieser Analyse müssen jedoch aus Platzgründen entfallen.

[10] Vgl. hierzu auch den Aufsatz Lakoffs zu den Flugzeugattentaten auf das World Trade Center, der unter http://www.metaphorik.de/aufsaetze/lakoff-september11.htm zugänglich ist.

[11] Vgl. zur metaphorischen Konstruktion von Moral auch Johnson (1993 :63-77).

[12] Vgl. hierzu z.B. die kritischen Bemerkungen in Jäkel (1997: 89-138), Liebert (1992), Baldauf (1997: 285-297) und Osthus (2000:131-134)

[13] Dies hängt mit Sicherheit auch damit zusammen, daß die Arbeiten von Weinrich (1976) bisher nur in deutscher Sprache erschienen. Es ist Olaf Jäkel hoch anzurechnen, daß er in einem Aufsatz (Jäkel 1999) die grundlegenden Merkmale der Metapherntheorien von Weinrich, Blumenberg und Kant ins Englische übersetzt und kommentiert hat, um sie einem Englisch sprachigen Publikum zugänglich zu machen.

[14] Vgl. hierzu z.B. die Arbeiten von Kuhn (151999) Kay (2000), Pulaczewska (1999), Knorr-Cetina (1991) und Eser (1998).

[15] Nicht ohne Grund trägt das Buch von Lakoff/Johnson (1980) den Titel Metaphors We Live By.

[16] Vgl. hierzu auch die selbstreflexive Erörterung von Fill (2001:45-46) in Bezug auf den metaphorischen und nicht metaphorischen Gebrauch des Wortes Ökologie in der Ökolinguistik.

[17] Trampe (2000:100-101) unterstreicht die Unteilbarkeit von Organismen und Umwelt und sieht diese als Ganzes. Im Rahmen seiner Ökologie der Zeichen schreibt er, daß “ semitoische Prozesse [...] zu Teilprozessen von informationellen, energetischen und materiellen Prozessen innerhalb des ökologischen Systems [werden].”

[18] Vgl. Latour (1988: 20)

[19] Hier scheint auch das metaphorische Konzept Argument is War von Lakoff/Johnson (1980:4) angedeutet zu sein.

[20] Vgl. hierzu auch die Kraftschemata bei Johnson (1987:42-48)

[21] In der Berichterstattung der FR findet sich auch eine recht ausgeprägte Kampf-Metaphorik, mit der das agieren gegen die BSE-Seuche konzeptualisiert wird. Der Aspekt soll hier erwähnt sein, die Analyse muß jedoch aus Platzgründen ausbleiben.

[22] Nach Münkler (1994:134) geht die Metapher des Arztes und seiner diagnostischen Kompetenz auf Machiavelli zurück.

[23] Vgl. hierzu auch Macnaghten/Urry (1998:253-265).

 

 

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ISSN 1618-2006 (für das Journal)

zuletzt bearbeitet am 20.12.11