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Dieser Beitrag wird voraussichtlich in:

Fill, Alwin/Penz, Hermine (2001): 30 Jahre Sprache und Ökologie. Errungenschaften und Visionen. Akten des gleichnamigen Symposiums, Graz 8.-10.12.2000. Tübingen: Narr Verlag

erscheinen.

"Vereint hinterm Deich!"

Die metaphorische Konstruktion der Wiedervereinigung in der

deutschen Presseberichterstattung zur Oderflut 19971

Martin Döring (Universität Hamburg)

 

Lets play a game called hide and seek,

you hide I find you with the words I speak

(Urban Species, Listen, Hide and Seek)

Abstract:

Natural disasters like floods always lead to a massive media coverage. They seem to have a short-lived but destructive natural effect on the environment and on the society as well as a high impact on its cultural construction. As a matter of fact, disasters always occur in unique socio-historical contexts that determine their cultural and therefore linguistic patterns of interpretation. This also seems to be the case concerning the Great Odra Flood 1997 inasmuch as the disaster took place within the singular process of the German Reunification. Following especially the German newspaper coverage, the paper investigates the metaphors used in the media discourse to describe the disaster and their constitutive role to construct and legitimise the abstract process of the German Reunification. The paper therefore focuses metaphors as an essential part of the language of ecology.

 

1.     Einleitung

1997 war das wiedervereinigte Deutschland von einer Naturkatastrophe besonderen Ausmaßes betroffen: der Oderflut. Das Oderbruch ist eine Landschaft, die 250 Jahre zuvor durch Friedrich II. mit immensem planerischen, finanziellen und materiellen Aufwand trockengelegt und besiedelt worden war (vgl. Kaup 1994, Herrmann 1997, Müller 1998). Fontane beschrieb in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg den Prozeß der Trockenlegung des Bruchs noch poetisch: “Graben und Wall, haben bezwungen das Element, und nun blüht es von End' zu End', all überall” (zitiert nach Herrmann 1997:47). Dieser literarisch verklärte Eindruck änderte sich schlagartig im Juni 1997 binnen weniger Tage: Nach starken Regenfällen Anfang Juli, und vorhergehenden schweren Überschwemmungen in Tschechien und Polen, schwoll der Pegel in Frankfurt/Oder und Słubice sowie an anderen Stellen im deutsch-polnischen Oderverlauf so stark an, daß Deichbruchgefahr bestand.2 Die Natur drohte, pünktlich zum 250jährigen Jubiläum der Melioration, mit einem außerordentlichen Vergeltungsschlag. Mit anwachsendem Wasserpegel der Oder stieg auch die mediale Aufmerksamkeit, und mit ihr wiederum das Interesse der Bevölkerung sowie der Politik: Die Naturkatastrophe wurde zu einem Medienereignis (Pfister 1999:262), die das politische Sommerloch 1997 füllte, und schnell machte die Metapher vom (wieder-) vereinten Kampf gegen die Jahrhundertflut die Runde. Die Katastrophe war also nicht nur Gegenstand einer rein informativen und mit Metaphern durchzogenen Berichterstattung, vielmehr stand sie im historischen Kontext der Wiedervereinigung und wurde in dieses Paradigma eingebunden. In der Presseberichterstattung wurde ein weiterer Punkt hervorgehoben: die zentrale Rolle der Bundeswehr bei der Bekämpfung der Oderflut, zu einem Zeitpunkt, als sie sich durch die Wiedervereinigung aller potentiellen Feinde beraubt sah und zudem durch politische Skandale einen Imageverlust erlitten hatte.

Von diesem vorläufigen Befund ausgehend nimmt mein Beitrag die Metaphorik der Berichterstattung zur Oderflut 1997 aus sprachökologischer Perspektive (Fill 1996: X) unter die Lupe. Ziel ist es, in einem ersten Schritt die unterschiedlichen “kognitiven und kommunikativen Dimensionen” (Gil/Schmitt 1998) der Metaphorik zu skizzieren. In einem zweiten Schritt soll deren Rolle in Bezug auf die sprachliche Konstruktion einer deutschen Nation in der massenmedialen Berichterstattung untersucht werden. Denn: “[...] Sprache und Metaphern schaffen unablässig Welten - menschliche Welten” (Briese 1998:12), - und damit auch politische Welten. Gerade für eine sprachökologische Analyse ist der vorliegende Fall insofern von Belang, da hier die metaphorische Verknüpfung zweier Diskursdomänen untersucht werden (Jäkel 1997): Natur wird zum Projektionsfeld nationaler Identität, und spätestens hier ist die kritische Analyse der “narratives and discourses that signify a sense of ‘Nationness’” (Bahbah 1990:2) im Kampf mit der Natur angebracht.

 

2.  Metaphern im Umweltdiskurs

Metaphern stellen für die spachökologische Forschung einen dankbaren, wenn auch bisher wenig beachteten Untersuchungsgegenstand dar.3 Gerade der Bereich des Umweltdiskurses ist - um es metaphorisch zu sagen - mit Metaphern nur so gepflastert: Einerseits wird Natur durch metaphorische Konzepte konstituiert, andererseits strukturieren Metaphorisierungen von Naturphänomene gleichermaßen abstrakte Bereiche wie die Ökonomie. So werden abstrakte Diskursdomänen wie z.B. Natur oder Ökonomie durch Metaphern konstituiert und verbunden, und gerade in diesen Bereichen darf ihre erkenntnis- und handlungs(mit)bestimmende Funktion nicht unterschätzt werden.4 “Not only did they [metaphors; M.D.] guide people's everyday behavior, but they were systematized and formalized as theories and guiding principles for dealing with nature” (Harré et al. 1999: S. 93). Besonders die Alltäglichkeit und die Leichtigkeit, mit der Metaphern verstanden und produziert werden (Lakoff/Turner 1989), deuten auf ihre konstitutive Rolle für Sprache hin, für die sie lange Zeit nur als rhetorisches Mittel des poetischen Ausnahmediskurses, und damit als uneigentliches Sprechen abqualifiziert wurden. Dabei wurde ihre kognitive Erschließungsfunktion (Jäkel 1997:42) in Bezug auf abstrakte Bereiche des Wissens übersehen. Ihre Leistungsfähigkeit wird sowohl als konzeptuell-kognitiv (Lakoff/Johnson 1980, Lakoff 1989, Johnson 1987) als auch als text-konstituierend (Weinrich 1976) und damit auch als realitätskonstituierend veranschlagt.5 Grundlegend für die metapherntheoretische Diskussion ist das menschlichen Vermögen, durch die Verbindung einer abstrakten Domäne mit einer gegenständlichen Domäne ein Abstraktum kognitiv verfügbar zu machen und Sinn zu stiften. Genereller ausgedrückt: “The essence of metaphor is understanding and experiencing one kind of thing in terms of another” (Lakoff/Johnson 1980:5). Dabei basiert die Idee der Metapher selber auf einer Übertragungsmetapher und bezieht sich damit implizit auf ein topologisches Sprachmodell für den Metapherngebrauch (Kurz 1997:9). Die metaphorische Konzeptualisierung abstrakter Sachverhalte speist sich sowohl aus kulturellen als auch aus körperlichen Erfahrungen des Menschen (embodiment) (Johnson 1987, Johnson 1999) und projiziert diese gleichermaßen auf sie zurück6. Metaphern prägen also einen Diskurs, indem sie bereits bekannte Wahrnehmungs- und Denkmöglichkeiten weiter ausdifferenzieren und neue alternative Möglichkeiten des Denkens hinzukommen. “Thus the instances constitute the system, and the system defines the potential for each instance” (Halliday 1992:73). Metaphern können zu unterschiedlichen Imaginationsystemen (Haefliger 1996), zu Denkmodellen (Weinrich 1976), zu einem “system of associated common places” (Black 1963:40) oder zu idealisierten kognitiven Modellen (Lakoff 1987) und “folk theories” (Holland/Quinn 1987) zusammengefaßt werden. Bei allen erkenntnistheoretischen und terminologischen Unterschieden und Parallelen der hier angedeuteten Metapherntheorien scheint jedoch eins unbestritten: “It may come apparent [...] that metaphors play a decisive role in the (re)ordering of knowledge and thus can serve as prime targets and tools of analyses in the realm of knowledge dynamics” (Maasen/Weingart 2001:37).

Für die sprachökologische Untersuchung bietet sich hier vor allem die kritische Erörterung der verwendeten Metaphorik und deren Fokussierung von bestimmten Teilaspekten des Diskurses durch sie an, ohne von vornherein einem allzu leichtfertig formulierten Manipulationstopos aufzusitzen zu wollen7.. Der metaphorische Fokussierungseffekt - und implizit damit ein gewisser Manipulationseffekt - ist jedoch nicht von der Hand zu weisen und bedarf zumindest einer kritischen Nennung dessen, was nicht durch die Metapher fokussiert wird. Hier jedoch von den rein sprachlichen Daten auf einen bewußt manipulativ eingesetzten Sprachgebrauch zu schließen, wäre zu einfach. “Zeichen [Metaphern; M.D.] sind so nicht rein mental faßbare Phänomene, [...], sondern haben mit Texten und Diskursen ein äußere, gewissermaßen ‘materielle Manifestation’” (Hepp 1999:30). Dies bedeutet, den Diskurs mit seinen Metaphern als komplexen thematischen diachronen und synchronen Zusammenhang zu verstehen, in dem eine gesellschaftliche Praxis (Bourdieu 1980, Foucault 1992, Couzenz Hoy 1999) in Bezug z.B. auf ökologische Probleme lokalisiert ist8. Der Text und seine sprachlichen Strukturen sind also nicht als singuläres Phänomen zu begreifen, sondern im soziokulturellen Zusammenhang zu betrachten sind, der in einem anhaltenden diskursiven Prozeß Bedeutungen hervorbringt. Der hier gewählten Ansatz einer onomasiologisch ausgerichteten Metaphernanalyse (Jäkel 1997:143) steht einem solchen Diskurs- und Textverständnis nicht im Wege, da sie sich bewußt am Begriff der abstrakten Diskursdomäne orientiert und speziell deren metaphorischen Elemente zu erfassen sucht. Wichtig ist dabei die Frage, ob sich eine mehr oder minder kohärente metaphorische Systematik ausmachen läßt und inwiefern diese auf ein übergeordnetes, gesellschaftlich virulentes Paradigma - etwa der Überblendung von gesellschaftlichem mit ökologischem Krisenbewußtsein - schließen läßt. Es geht also darum, inwiefern sich aus einer Vielzahl von Metaphorisierungen möglicherweise ein mehr oder minder kohärentes Bedeutungsnetz an Bildfeldern (Weinrich 1976:283) ableiten läßt. Auf diese Weise können zumindest Tendenzen aufgezeigt werden, die ein kritische Auseinandersetzung mit der Berichterstattung zur Oderflut möglich machen. Denn die Wirklichkeit ideologischer Phänomene (Volosinov 1975:54) besteht unter anderem in den Metaphern, mit denen Ideologien zum Leben erweckt werden.

Der Beitrag von Metaphern zum Gefüge eines soziokulturellen Interpretations- und Orientierungsmodells soll nun an konkreten Beispielen der Oderflut skizziert werden. Im folgenden Kapitel untersuche ich anhand von Beispielen, wie die Diskursdomänen Natur und Nation sprachlich verknüpft werden. Auf diese Weise wird die sprachliche Textur eines Gründungsmythos nachvollziehbar, in dem die Metapher der rote Faden ist, der das Widersprüchliche und Unerklärliche zu einem Text oder Diskurs verwebt (Martens 2001).

 

3.  Metaphern in der Presseberichterstattung zur Oderflut 1997

Für die Oderflut läßt sich eine breite Berichterstattung in der nationalen und internationalen Presse feststellen. In unterschiedlichen Rubriken wie Aus aller Welt, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wird über den “Kampf” mit der Naturgewalt an der Oder berichtet. Wohl gängigster Bestandteil dieser Berichterstattung ist die Personifikation (Lakoff/Johnson 1980:33ff, Lakoff/Turner 1989:72ff) des abstrakten Erfahrungsbereichs Natur. Mit ihrer Hilfe läßt sich ein Gegenüber konzipieren, das handelt und dem typische Eigenschaften zugeschrieben werden können. Die Rede ist schnell von einem Wesen der Natur und von zyklisch auftretenden typischen Verhaltensweisen, wie dem Verlassen des Flußbetts oder dem ‘Über-die-Ufer-treten’:

(1) “Nun gehört es zum Wesen der meisten Flüsse, daß ihr Wasserstand im Wechsel der Jahreszeiten schwankt. Manche Flüsse trocknen zeitweise aus, andere treten bei Hochwasser regelmäßig über die Ufer.”

(Welt, 29.7.1997, Forum)

Flüsse haben also ein Wesen, sind Träger einer lebendigen Kraft - eine Metapher, die sicherlich etwas merkwürdig anmutet. Bedenkt man jedoch, daß Flußgötter und Flußpersonifikationen in der antiken Götterwelt eine maßgeblich Rolle spielten, deren Statuen Opfer dargebracht wurden, scheint sich hier zumindest der Bezug zur historischen verbürgten Praxis des Personifizierens anzudeuten (Falter 1999, Herendeen 1986). Der noch vorsichtig angedeutete Vorgang des Übertretens suggeriert zudem eine mehr gleichmäßige und kontinuierlich verlaufende, denn eine sprunghafte Handlung. Ein stärkere Kontrast wird im nächsten Beispiel aufgebaut:

(2)   “Zwischen sechs und acht Tonnen Wasser pro Quadratmeter stemmen sich derzeit gegen die Oderdeiche.. Das Tiefland dahinter liegt einige Meter unter dem Niveau des Deichfußes. Bricht ein solcher Wall, so ergießen sich mit unermeßlicher Wucht gewaltige Wassermassen durch die einmal geöffnete Bresche. Sie fressen die Deichköpfe wie ein Reißverschluß nach beiden Seiten weg und reißen ohne weiteres auch die Hilfsmannschaft mit sich fort.”

(Welt, 30.7.1997, Wissenschaft)

Hier scheint es nun zu einem Kräftevergleich zwischen Deich und Wasser zu kommen, wobei abermals dem Element Wasser anthropomorphe Handlungseigenschaften in Form des Agierens von sich stemmen zugeschrieben werden. Zum anderen wird die Aggressivität der Wassermassen in dem Verb fressen deutlich: der Hunger löst eine ungezügelte und zerstörerische Kraft aus; der Kopf des Deiches wird “weggefressen”. Zerstörerischer und grausamer könnte Natur kaum dargestellt werden. Zudem reißt das Wasser auch noch die Hilfsmannschaften mit in den implizit angedeuteten Tod. Diese Elemente der Nahrungsmetaphorik können auch auf Geldsummen angewandt werden. Nicht mehr Deiche, sondern unvorstellbare Summen an Geld werden durch die Flutkatastrophe im folgenden Beispiel vertilgt:

(3)   Oderflut verschlingt Milliarden..”

(Welt, 29.7.1997,Titel, Wirtschaft)

Das Verb verschlingen deutet eine unkontrollierte und triebhafte Nahrungsaufnahme an, die jegliche “Kultiviertheit” gerade auch in Anbetracht der konsumierten Masse vermissen läßt. Wie diese wenigen Beispiele zeigen, wird Natur ein unkultiviertes Wesen zugeschrieben: Die diesem Wesen inhärente Kraft, die außer Kontrolle ist, muß durch die Metaphorik gebändigt werden.

Der Bedrohung durch einen solch aggressiven Gegner kann nur durch entsprechende Gegenmaßnahmen Einhalt geboten werden. Dementsprechend findet sich in der Berichterstattung zur Oderflut eine regelrechte Fülle von Kampf-, Militär- und Kriegsmetaphorik (u.a. Küster 1978, Musolff 1990, Lakoff 1992, Baldauf 1997, Harré et al. 1999:107ff).

Die Kampfmetapher taucht in allen Zeitungen auf und illustriert die bedrohenden Situationen des Katastrophenverlaufs. Fast alle folgenden Beispiele stammen von dem Tag, an dem die zweite Flutwelle nahte und neue Höchstpegel erwartet wurden:

(4)   “Verzweifelter Kampf um die Deiche.” (Handelsblatt, Titel, 1.8.1997)

(5)   “Verzweifelter Kampf um das Oderbruch.” (Die Welt, Titel, 1.8.1997)

(6)   “Dramatischer Kampf um Deich am Oderbruch.” (Süddeutsche Zeitung, Titel, 1.8.1997)

(7)   “Im Kampf gegen die Wassermassen.” (TAZ, 10.7.1997, Titel, S. 9)

Mensch und Natur kämpften entweder um die entsprechenden Schutzwälle, um einen Landabschnitt oder eben direkt gegeneinander. Das gestaltpsychologische Schema (Lakoff 1982) dieser Auseinandersetzung sind zwei Entitäten, die, mit einander gegenläufigen Kräften ausgerüstet, sich aufeinander zu bewegen oder sich in einem direkten Kräftemessen befinden (Johnson 1987:41ff.). Wie wichtig diese Kampfmetaphorik für die mediale Darstellung des deutsch-deutschen Einheitsprozesses ist verdeutlicht das folgende Beispiel:

(8)   “Es sah so gut aus. Als im Jahr sieben nach der Einheit die Oder über die Ufer trat, gab es keine "Wessis" oder "Ossis" mehr. Die Unterschiede waren weggespült. Die Bundeswehr hat sich als Armee des ganzen Volkes bewährt. Freiwillige aus dem Westen eilten in den Osten, um den bedrängten Landsleuten bei deren Kampf gegen die anfangs übermächtigen Wassermassen zu helfen. [...] Deutschland war zusammengerückt.”

(Welt, 14.8.1997, Forum)

Moralischer könnte man es kaum fassen. Erst im Angesicht einer drohenden Katastrophe und im gemeinsamen Kampf um das Oderbruch finden die Deutschen aus Ost und West zueinander. Es bedarf offensichtlich eines gemeinsamen Gegners Natur, um die Annäherung West/Ost voranzutreiben. Treibende Kraft ist hier die Naturkatastrophe. Der metaphorisch als gemeinsamer Kampf dargestellte Indikator des Einigungsprozesses wird zudem von der vorherigen Metapher weggespült gestützt - das Metaphernspiel des Lavierens zwischen metaphorischer und nicht metaphorischer Lesart wird hier besonders deutlich (Osthus 1998). In kathartischer Funktion (Adam 1997) hat die Oder einen innerdeutschen Reinigungsprozeß eingeleitet, der die Unterschiede unkenntlich machte. Erst vor diesem Hintergrund wurden Schlagzeilen wie die folgenden möglich:

(9)   Vereint hinterm Deich.”

(Hamburger Abendblatt, 6.8.1997, Titel, S.30)

Die hier angelegte Lesart bezieht sich nicht nur auf die vereinten Kräfte, sondern speziell auf die “wiedervereinten” Kräfte. Und mit

(10) “Alle stemmen sich gegen die Flut..

(Hamburger Abendblatt, 2.8.1997, Titel S.1)

ist eine Lesart angelegt, die nicht nur diejenigen einbezieht, die an den Deichen der Oder Sandsäcke schleppten, sondern es wird vielmehr der Akzent auf Deutsche aus Ost und West gelegt. In einem ironischen Kommentar titelte die TAZ :

(11)   “Das Hochwasser wirkt als prima Bindemittel.”

TAZ, 22.7.1997, Titel, S.2)

Neben diesen wenigen Beispielen zur Kampf-Metaphorik mit wiedervereinigendem Impetus möchte ich nun auf die Militärmetaphorik eingehen. Diese, so hat es den Eindruck, bettet die Oderflut in ein regelrechtes Kriegsszenario ein, das durch die Omnipräsenz von Bundeswehrsoldaten im Fernsehen und auf Pressephotos unterstrichen wurde. So kam relativ schnell nach der Verlegung größerer Kontingente der Bundeswehr zum Katastrophenschutz an die Oder die Schlachtenmetapher auf:

(12) “Gespannte Ruhe herrscht an diesem Mittwochmorgen im halb überfluteten Ratzdorf, wo Oder und Neiße zusammenfließen. 20 Kilometer weiter nördlich verlieren die Einsatzkräfte in diesen Minuten die erste große Schlacht gegen das Hochwasser.”

(Welt, 24.7.1997, Politik)

Dieses Zitat liest sich wie ein Ausschnitt aus der Kriegsberichterstattung. Die vorherigen Auseinandersetzungen mit der Oder und den Deichsicherungsmaßnahmen kulminieren hier in einer ersten, entscheidenden Auseinandersetzung, die als Schlacht metaphorisiert wird. Doch die Metapher wird im folgenden noch weiter ausdifferenziert: Nachdem die Pegelstände der Oder sanken, war von einer Materialschlacht die Rede. Dabei wurde vor allem auf die Menge der verbauten Sandsäcke, aber implizit auch auf die starke Präsenz der Bundeswehr, verwiesen:

(13)“Der dreiwöchige Katastropheneinsatz in Brandenburg war auch eine Materialschlacht der Superlative.. Nach Angaben des brandenburgischen Innenministerums sind mehr als sieben Millionen Sandsäcke an den beschädigten Deichen und an eilig gebauten Schutzwällen verbaut worden, schätzungsweise 150000 Tonnen Sand.”

(Welt, 11.8.1997, Aus aller Welt)

Diese Schlachtenmetaphorik ist in bezug auf die Oderflut alles andere als unschuldig: Sie evoziert die Erinnerung an die großen Materialschlachten des Zweiten Weltkrieges, allen voran Stalingrad. Wie es der Zufall nun so will, treffen sich an der Oder ähnliche Traditionslinien: Die Oderlinie war die letzte große Schlachtlinie gegen die rote Armee. Bekannt sind vor allem die Seelower Höhen, wo sich Rote Armee und Wehrmacht die letzten schweren Kämpfe vor Berlin lieferten. Die Metaphorik ist gelinde gesagt mehrdeutig und historisch aufgeladen. Gerade nach der Oderflut behinderten die im aufgeweichten Boden gefundenen Blindgänger öfters die Aufräumarbeiten.

Für die Bundeswehr hingegen führte ihr erfolgreicher Einsatz gegen die Oderflut zu einer unvergleichlichen und dankbar angenommenen Imageaufwertung: Im Frühjahr 1997 waren Bundeswehrsoldaten durch ausländerfeindliche Parolen und das Drehen von Gewaltvideos im Dienst unangenehm aufgefallen. Das beschädigte Image konnte durch den Odereinsatz aufpoliert werden. So titelte der Stern:

(14)    “‘Schlacht an der Oder’. Beim größten Einsatz ihrer Geschichte gewann die Bundeswehr den Kampf gegen die Wassermassen und neue Sympathien.” (Stern, 7.8.1997)

Der erfolgreiche Kampf gegen das Wasser führte zu einem Sieg nicht nur gegen die Natur, sondern auch gegen ein schlechtes Image. Der latente Rechtsradikalismus und die Perspektivlosigkeit innerhalb der Bundeswehr wurden dadurch überspielt. Die Imagearbeit bestand genau in der Verwendung von, sprich: der Naturalisierung gesellschaftlicher Prozesse:

(15)      Die Bundeswehr schwimmt auf einer Woge von Zustimmung.. Nach ihrem erfolgreichen Einsatz gegen das Hochwasser der Oder ist das verständlich. Minister Rühe genießt die warme Sonne einer ihm günstigen Demoskopie.”

(Welt, 28.8.1997, Forum)

Die in diesem Beispiel doppelt vorhandene Naturmetaphorik der Woge und der Sonne rekurriert auf zwei unterschiedliche Zustände, die jedoch beide positiv bewertende Funktion haben. Die Bundeswehr ist wieder obenauf, durch die positive Resonanz aufgewertet, auf einen höheren Punkt gehoben worden. Das von Lakoff und Johnson angegebene metaphorische Konzept “GOOD IS UP” (Lakoff/Johnson 1980:16) wird hier exemplarisch in Reinform demonstriert, indem der Kampf mit dem Wasser dieses nun in ein tragendes und beherrschtes Element verwandelt. Der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe genießt die ihm wohl gesonnene Demoskopie, hier als wohltuende und körperlich erfahrbare Wärme der Sonne metaphorisiert, im Gegensatz zur kalten Perspektivlosigkeit einer von Feinden umzingelten Armee.

Wie wir anhand der Beispiele gesehen haben, ist die Berichterstattung zur Oderflut von Kampf-, Militär- und Kriegsmetaphern bestimmt. Die Metaphern, mit denen sprachlich auf diese ökologische Bedrohung reagiert wird, werden gleichzeitig als Anbindungspunkt für politische Sinnstiftungen im Rahmen eines politischen Krisenbewußtseins herangezogen, - man könnte hier im Sinne Trampes auch von Bedeutungsverschleppungen sprechen (Trampe 1990:214ff.). Die sprachlichen Äußerungsformen “können als konstituierender Teil der allgemeinen Strukturen unserer Lebenswelt aufgefaßt werden” (Trampe 1991:143), die zumindest im vorliegenden Kontext von nationaler Identitätskrise und militärischer Neuorientierung nicht ohne Brisanz sind. Die Analyse der Metaphern stellt zudem einen Ansatzpunkt für die ökolinguistische Sprachkritik dar, die durch “die Beschäftigung mit kohärenten sprachlichen [metaphorischen; M.D.] Weltbildern und ihrer Evolution” (Jung 1996:170) die “Mythen des Alltags” (Barthes 1964) aufdecken helfen kann9.

 

4. Fazit und Ausblick

Naturkatastrophen, das haben wir im vorliegenden Fall der Oderflut ausschnittsweise sehen können, sind mehr als nur Anbindungspunkte für die reine Berichterstattung. Sie werden mit gesellschaftlich virulenten Sinnfragen aufgeladen, deren Diskursströme durch sie an die Oberfläche gelangen und deren abstrakte Domänen mit Hilfe von Metaphern erfaßt werden. Der sprachökologische Ansatz ermöglicht die Analyse bestimmter metaphorischer Systematiken, die für gesellschaftlich relevante Diskurse prägend und konstituierend sind. Auf diese Weise läßt sich für den vorliegenden Fall eine sprachkritische Auseinandersetzung des metaphorischen Argumentierens und seiner Sedimente in synchroner (Pielenz 1996) und diachroner Perspektive entwickeln (Blumenberg 1986, Haefliger 1996, Briese 1998). Gerade die diachrone Perspektive bietet reizvolle interdisziplinäre Anschlußmöglichkeiten, wie z.B. die Mentalitätsgeschichte oder die Gesellschaftstheorie. Zu Recht kann man in diesem Fall von einer linguistischen Menatlitätsgeschichte oder gar von einer linguistischen Anthropologie sprechen (Hermanns 1994:56)10.

Der in meinem Beitrag verwendetet ökolinguistische Ansatz wirft für die linguistische Metapherntheorie im Allgemeinen und die Erforschung der Naturmetaphorik im besonderen neue Fragen auf. Fragen, wie sie Trampe (Trampe 1996) mit dem Begriff des Sprache-Weltsystems oder Finke (Finke 1996) mit der missing link Hypothese formulieren, führen in das Zentrum des Problems, nämlich zur Frage, inwiefern die Sprache ein Übergangssystem zwischen Natur und Kultur ist (Finke 1996:41). In der herkömmlichen kognitiven Metapherntheorie liegt der Akzent auf den ‘natürlichen’ - sprich biophysischen Grundlagen - und deren Determination des Sprachsystems. Auch die Ökolinguistik steht hier an einem Scheideweg zwischen einer biologistisch-deterministischen Auslegung oder einer Hinwendung und Öffnung zur diskursanalytischen Richtung (Fairclough 1989, Chouliaraki/Fairclough 1999).

Einen wichtigen Punkt stellen weitere Fallstudien zu “Language and Power” (Fairclough 1989) dar, denn erst durch sie können die eher generellen Probleme in einem aktuellen Kontext aufgespürt, analysiert und mögliche Lösungsvorschläge erarbeitet werden. Mein Beispiel der Oderflut verweist auf einen momentanen Zustand, an dem aktuelle Diskurse in Bewegung sind und offen zu Tage treten. Naturkatastrophen konstituieren Gesellschaft und vielleicht auch ganze Nationen. Es geht um so komplexe gesellschaftliche Prozesse wie die Wiedervereinigung, die durch Metaphern in einem historischen Kontext eingebettet und diskursfähig wird; um die Rolle der Bundeswehr zwischen aufkommendem Rechtsradikalismus und ihrer neuen Funktion in eine Welt jenseits der Ost-West Konflikte; und nicht zuletzt geht es um das embodiment dieser abstrakten Prozesse via Sprache, mit denen das Subjekt an den Diskurs angeschlossen wird. Wenn junge Ossis und Wessis sich beim vereinten Sandsackschleppen kennen und lieben lernen (Abb.1), dann ist das Liebe auf dem ersten Deich.. Das hier abgebildete Liebespaar, das Presseberichte illustrierte, zeigt exemplarisch die metaphorisch reale Verknüpfung von individuellem und nationalem Schicksal. Die Oder wurde zumindest für einen kurzen historischen Moment zum deutschen Schicksalsstrom.

 

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1 Der hier vorliegende Beitrag entstand im Rahmen des vom GKSS-Forschungszentrum Geesthacht geförderten Projekts 'Bilder der Oder' am Institut für Romanistik und am Zentrum für Medien und Medienkultur der Universität Hamburg. Für Korrekturen und Anmerkungen bin ich Werner Krauß (Hamburg), Dietmar Osthus (Bonn) und Ulrike Steder (Rostock) sehr dankbar.

2 Die Oder führt traditionell zweimal im Jahr Hochwasser. Einmal im Frühling nach der Schneeschmelze im Riesengebirge - dem Frühlingshochwasser - und nach den sommerlichen Regenfällen im Juni, dem traditionellen Johannishochwasser. Im Fall der Oderflut kommt aber noch ein dritter Aspekt zum Tragen: Nach jahrzehntelangem Raubbau im Riesengebirge und im Altvatergebirge sind ganze Wälder vernichtet, wodurch sich die Speicherfähigkeit der Gebirgsböden um eine Vielfaches verringert hat und das Regenwasser schneller in die Ebenen abläuft (Müller 1998:45-46).

3 Bisher sind mir nur wenige 'metaphernzentrierte' ökolinguistische Untersuchungen bekannt. So findet sich in Harré et al. (Harré et al. 1999: 91ff ein ganzes Kapitel zur sprachlichen Figur der Metapher. Auch Jung (Jung 1996:170) verweist auf die Relevanz der Metaphernanalyse, Mühlhäusler (Mühlhäusler 1996:105ff) untersucht die metaphorisch linguistische Konzeptualisierung einer sich verändernden Umwelt in pazifischen und anderen Sprachen, während sich Liebert der metaphorisch wissenschaftlichen Modellbildung (Liebert: 1995) in Bezug auf das Aidsvirus widmet. Eine ökolinguistische und theoretische Erweiterung der Metaphernbegriffs im Sinne eines Hybrids (Latour 1998:20) oder Missing Links (Finke 1996:39) steht jedoch noch aus.

4 Man denke hier nur an die momentan vorherrschenden Cost-Benefit Modelle oder auch an die Modelle, die im Rahmen des Sustainable Developments entwickelt wurden. Die metaphorische Suggestion einer managebaren Umwelt untersuchen z.B. Sacks (Sacks 1994:87ff) und Peterson (Peterson 1997). Inwiefern ein derartiges Management auch als Neokolonialismus gedeutet werden kann, thematisiert Shiva (Shiva 1991).

5 Weinrichs Terminologie leitet sich im Gegensatz zu Lakoffs und Johnsons Begrifflichkeit der kognitiven Domänen vornehmlich aus der Trierschen Wortfeldtheorie ab, in der “ein Wort im Bedeutungsfeld seiner Bedeutung nach von der Zahl und Lagerung aller anderen Wörter desselben Feldes abhängig ist” (Weinrich 1976:325).

6 Im Rahmen der kognitiven Metapherntheorie stellt die Körperlichkeit die Rückbindung an die Realität dar. Körpererfahrungen werden in gestaltpschologischer strukturiert und  aufgenommen sowie auf kulturelle Phänomen projiziert. Eine weitere Ausdifferenzierung gerade der kulturellen Aspekte und des kulturellen Kontextes findet sich in den grundlegenden Arbeiten von Lakoff und Johnson allerdings nicht.

7 Jung warnt hier z.B. davor, daß ein bestimmter sprachlicher Faktor “als Katalysator von den wahren Problemen ablenkt” (Jung 1994:160). Hier ist Jung zuzustimmen, denn mit der Annahme des Manipulationseffektes ergibt sich implizit auch die Möglichkeit einer Wahrnehmung des Problems aus einer “wahren Perspektive” oder göttlichen Perspektive. Bezug und Bedeutung sind jedoch ein soziales Phänomen (Putnam 1991:58) und damit nicht in einen herrschaftsfreiene Raum eingebunden.

8 Vgl. hierzu gerade in Bezug auf die Entwicklung des ökologischen Gedankens auch Trepl (Trepl 1994)

9 Ganz im Sinne von Fill (Fill 1993:103 ff) könnten z.B. Euphemismen oder Anthropozentrismen aufzudecken. Vor einer übertreibenen Sprachkritik warnt Fill jedoch wenn er schreibt: “Es ist natürlich nicht möglich und gar nicht wünschenswert, alle Anthropozentrismen zu vermeiden oder zu eleminieren, aber es ist möglich sie bewußt zu machen” (Fill 1993:115).

10 Einer solchen Verlockung ist jedoch bei aller Plausibilität mit Vorsicht zu begegnen, da eine methodische Fundierung gerade in Bezug auf die kognitive Metapherntheorie noch aussteht, auch wenn erste Ansätze in Bezug auf eine Diskurs- und Begriffsgeschichte formuliert sind (vgl. Busse/Hermanns/Teubert 1994, Herrmanns 1994, Pielenz 1996, Haefliger 1996).

 

 

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ISSN 1618-2006 (für das Journal)

zuletzt bearbeitet am 26.07.10