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Der folgende Beitrag wird erscheinen in Krauß, Werner/ Döring, Martin (edd.), Kultur des Fußballs - Fußballkultur, Hamburg, Rotbuch, 2002.

Allez l’OM! Allez Tapie? Fußball und Politik und Südfrankreich

Von Martin Döring und Dietmar Osthus

1. OM - Magie, Identität und Politik eines Fußballvereins

OM, Akronym für den Verein Olympique de Marseille ist für den Marseillaiser magisches Sigel und Glaubensbekenntnis, für den Rest der französischen Republik und das gesamte Establishment des französischen Fußballverbandes ein rotes Tuch, für den Deutschen Wirkungsstätte von Rudi Völler und Klaus Aloffs, von Franz Beckenbauer, von Bernd und Karl-Heinz Förster. Doch wer denkt nicht beim Namen Marseille auch an die wohlgemeinte Warnung, daß man tunlichst einen großen Bogen um die Stadt machen soll, wenn man als Tourist sein Auto behalten möchte. Derlei Stereotypen begegnet man allenthalben, und in Deutschland waren lange die Autoknacker Marseilles bekannter als die Fußballer der Stadt. Und doch haben beide, Autoknacker und Fußballverein, etwas miteinander zu tun: Darf man den Darstellungen eines Kollegen Glauben schenken, so wurde so lange dessen Auto immer von Neuem aufgebrochen, bis er an strategisch günstiger Stelle, vorne an der Windschutzscheibe, den magischen Aufkleber "J'aime OM" [Ich liebe Olympique der Marseille] anbrachte. Seitdem gab es keine Probleme mehr, und das Auto konnte sogar offen und mit Schlüssel im Zündschloß geparkt werden, - der Aufkleber tat seine Wirkung. Doch worin bestand diese? Besaß er unheilabwehrenden Charakter? Oder deutete er vielmehr auf einen demonstrativ zur Schau gestellten, gelungenen Assimilationsprozeß des Kollegen hin?

Christian Bromberger (Bromberger et al. 1995) hat eindrucksvoll nachgewiesen, daß das (Glaubens)Bekenntnis zu OM den sozialen Zement darstellt, der das Haus Marseille zusammenhält. Keine Frage, OM ist das „(...) einigende weiß-blaue Band für eine Stadt und eine ganze Region (...)“ (TAZ, 23.07.1993), die unter einer starken Arbeitslosigkeit leidet und als eine Hochburg Le Pens angesehen werden konnte und kann. Starke Zuwanderungen aus dem gesamten Mittelmeerraum kennzeichnen die Geschichte Marseilles seit mehr als 2000 Jahren. Die ethnische Vielfalt wird immer wieder offensiv ins Feld geführt und als signifikantes Merkmal für die Stadt und den Fußballverein herangezogen: Man ist hier anders, die lokale Perspektive erweitert sich in Richtung Mittelmeer, und man kümmert sich schon gar nicht um das kulturelle und politische Zentrum Paris. Eindrucksvolles Beispiel für diese ethnische Vielfalt sind die vielen Amateurclubs, wie z.B. der AS Tunisiens oder der CS Algériens [1] etc. Diese Vereine entstanden im Rahmen der Zuwanderung von Süditalienern in den 30er Jahren und vor allem durch die Zuwanderung von Kabylen und Maghrebinern seit den 50er Jahren. Gerade die italienischstämmigen Einwanderer zeichnen sich durch eine starke Identifikation mit OM und Juventus Turin aus, doch die Generationen, wenn die Nationalmannschaften Frankreichs und Italiens aufeinander treffen. Feuert die ältere Generation noch begeistert die Azzuri an, identifiziert sich die jüngere eindeutig mit der französischen Nationalmannschaft.

Besondere Identifikationsfigur für die Beurs [2] , die Nachfahren arabischer Auswanderer der zweiten und dritten Generation, ist Zinedine Zidane. In La Castellane, einem Vorort von Marseille geboren, ist er zumindest seit seinen beiden Toren im WM-Finale 1998 die Ikone der Integration [3] und bestes Beispiel für die positiven Folgen des Schmelztiegels [4] , als der Marseille schon immer gilt und dessen Spiegelbild OM ist.

Die viel bemühte Metapher des Schmelztiegels, die auf den integrativen Aspekt des Fußballs verweist, kann in Marseille auch auf das Stade Vélodrome übertragen werden. Im Sinne Brombergers kann das Stadion als eine „lebendige Karte für die Geographie der Stadt angesehen“ (TAZ, 23.07.1993) werden. Unterschiedlichste soziale Gruppen haben dort ihren angestammten Steh- oder Sitzplatz. [5] So stehen die Ultras in der Südkurve. Sie sind eine perfekt organisierte Fangruppe, deren Mitglieder zumeist den schickeren Vororten entstammen. Von diesen unterscheiden sich die Winners, zumeist Schüler, Studenten und Arbeiter, die vereint mit Maghrebinern aus den trostlosen HLMs der Vororte im Norden in der Nordkurve stehen. Auch beide Sitzplatz-Tribünen unterscheiden sich: ist die Ganaytribüne den Angestellten und vor allem den „echten“ Marseillaisern vorbehalten, so findet sich auf der Tribüne Jean Bouin die politische und kulturelle Prominenz zum Spiel ein. [6] Führt man sich diese Heterogenität vor Augen, so kann der Metapher des Fußballs als gesellschaftlichem Zement hier sicherlich zustimmt werden. Dem entspricht auch die durchgehende Berichterstattung von Le Provençal, einer überregional in Marseille, in den Départements Vaucluse, Lubéron und Camargue erscheinenden Zeitung, die ihre Sportberichterstattung vornehmlich OM widmet. Bis zu zehn Redakteure sind im Dauereinsatz, um immer das Aktuellste berichten zu können. Eine ähnliche Präsenz ist im Internet festzustellen: Hier gibt es Umfragen zu OM, Links zur Homepage des Vereins, kaum zählbare Liebhaberseiten von Fans, Fanclubs und Statistiken aller Art.

Woher kommt diese starke Identifikation mit dem Verein, die quer durch alle politischen Lager von der kommunistischen Tageszeitung der Provence bis zum eher konservativen Le Provençal nur ein Argument kennt: „Paris hat etwas gegen uns.“ Fußball hat in Marseille eine starke identitätststiftende Funktion und die Zugehörigkeit zu OM scheint die sozialen Unterschiede zu nivellieren.

Mit Marseille sind zudem unterschiedlichste Stereotype verbunden, die, zu Autostereotypen gewandelt, große Akzeptanz finden. Positive Charakteristika wie z.B. Weltoffenheit finden ihren direkten Reflex in Äußerungen wie „die Gegenwart des Anderen ist ein Reichtum und ein Ehre“ und  sie sind tief in der Mythologie der Stadtgründung verankert. [7] Der Verein hat schon immer diesem kosmopolitischen Aspekt durch die Verpflichtung von ausländischen Spielern entsprochen. Berühmtestes Beispiel ist Ahmed Ben Bella, der 1940 mit OM das französische Cupfinale bestritt und 20 Jahre später Präsident der Republik Algerien wurde. [8] Gleichzeitig wird Marseille – bzw. werden die Marseillaiser, schon allein aufgrund ihres Akzents - vom Rest des Landes belächelt. Den Rücken eher Frankreich zugewandt und angeblich mehr am Pastis als am landespolitischen Geschehen interessiert, ist Marseille Anziehungspunkt für Angst und amüsiertes Beileid zugleich. Diese Vorurteile haben zum victimisme (Opferhaltung) geführt, der durch einen ausgeprägten lokalen Stolz und in Form einer hohen Identifikation mit OM kompensiert wird. Umgekehrt unterstreicht jegliche Entscheidung gegen OM und jede Niederlage das Sündenbock-Image. Der Spielstil der Mannschaft, charakterisiert durch die Devise „direkt auf’s Tor zu“, entspricht der Eigenwahrnehmung nicht nur der Marseillaiser, sondern auch dem Führungstil Bernard Tapies, der von 1986–1994 Präsident des Vereins war. Diese schillernden Persönlichkeit beanspruchte für sich die Devise Rêve, Risque et Rire (Träumen, Risiko und Lachen). [9] Die Geschichte Bernard Tapies steht im Folgenden im Mittelpunkt der Ausführungen von Fußball, Politik und Identität. Hierzu geben wir im folgenden Kapitel eine Übersicht über die Person Tapie, mit besonderem Schwerpunkt auf seine saga marseillaise. Wir stark sich die Fans mit dem Verein identifizieren soll daraufhin anhand von Leserbreifen an Le Provençale dargestellt werden. Diese lokale Perspektive wird um die überregionale erweitert, die sich auf die Presseberichterstattung über Tapies Auftreten im Rahmen des Bestechungsskandals von Valenciennes konzentriert. Den Beitrag schließen einige Überlegungen zu Fußball, Fußballpräsidenten und Fußball und Politik ab.

2. Die saga marseillaise des Bernard Tapie

Die Erfolgsgeschichte von Olympique de Marseille (OM) in den achtziger und den frühen neunziger Jahren ist unmittelbar mit einem Namen verbunden: Bernard Tapie, der Anfang 1986 die Präsidentschaft des Vereins übernahm. Die Verbindung des für die lokale Identität so wichtigen Fußballvereins und dem bis dato in Marseille nicht erschienenen Geschäftsmann aus Paris mag erstaunen, eine gewisse Affinität von OM und Tapie liegt dennoch nahe. Dies erklärt sich aus seiner biographischen Vorgeschichte:

Bernard Tapie war 1986, als der damalige Bürgermeister von Marseille, Gaston Defferre, ihm die Übernahme der Clubpräsidentschaft nahegelegt hatte, in Frankreich kein unbeschriebenes Blatt. Bereits in den achtziger Jahren war er eine höchst medienbekannte Persönlichkeit. Zum einen gelang es ihm, seit Ende der siebziger Jahre ein hohes Vermögen dadurch zu erwirtschaften, daß er konkursbedrohte Unternehmen unterschiedlichster Branchen aufkaufte, sie - häufig durch Entlassungen - sanierte und anschließend zu einem wesentlich höheren Preis wieder verkaufte. Zum anderen - und dies begleitete seinen Aufstieg - zeichnete er sich durch eine glänzende Selbstdarstellung in den Medien aus. Diese stützte sich auf zwei Fundamente: Erstens baute er sich ein Image des sozialen Aufsteigers vom Arbeitersohn aus der Pariser Vorstadt zum Multimillionär auf. Sein Aufstieg verlief in der Tat jenseits des für Frankreich klassisch reglementierten Systems von Elitenbildung und Staatsadministration. Zweitens drängte er sich mit unterschiedlichsten Aktivitäten in das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Bereits Ende der sechziger Jahre trat er unter dem Namen „Tapy“ als Schlagersänger auf, in den achtziger Jahren unterhielt er teilweise eine eigene Fernsehshow [10] , Buchveröffentlichungen - sein erstes Werk trug den Titel Gagner „Siegen“ - machten ihn bekannt. Zudem trat er in den achtziger Jahren als Chef eines eigenen Rennstalls bei der Tour de France in die Öffentlichkeit. Die Toursiege von Greg Lemond und Bernard Hinault Mitte der 80er sind mit dem Namen Tapie verbunden, der seine Fahrer nicht nur bezahlte, sondern er erteilte ihnen - so ist überliefert - persönliche Anweisungen zum strategisch richtigen Rennverhaltens. Kurz: Tapie galt als Held der Medien, als erfolgreicher dynamischer Geschäftsmann, dessen direkter Stil sich stark vom herrschenden Diskurs der politischen Klasse unterschied. Er war - so würden wir heute wohl im Deutschen formulieren - der etwas andere Patron. Das Image des untypischen und unkonventionellen Geschäftsmanns und Medienstars, der sich gerne in Gegensatz zur führenden politischen Klasse stellt, passt somit zum Bild von OM als populärer Kontrast zum in den 80er Jahren ansonsten eher biederen französischen Fußball. Die mangelnde regionale Verankerung seiner Person konnte Tapie durch Anti-Pariser Rhetorik erfolgreich kompensieren.

Mit dem Einstieg bei OM war simultan auch eine neue biographische Etappe eröffnet: Tapie ging in die Politik. Die Bitte des Bürgermeisters von Marseille, Gaston Deferre, an Tapie, die Präsidentschaft bei OM zu übernehmen, beinhaltete die politische Option, langfristig auch das Amt des Stadtoberhaupts zu übernehmen. OM und Rathaus galten auch schon 1986 als die zwei Machtzentren Marseilles. Der Einstieg Tapies in Marseille gehorchte zugleich auch einem übergeordnetem politischen Kalkül, hinter dem vor allem der damalige Staatspräsident François Mitterrand stand: Angesichts des sich überwiegend in der Provence manifestierenden Aufkommen des rechtsextremen Front National ist der Ruf Tapies als unkonventioneller, einen populistischen Diskurs pflegender Neu-Politiker mit der Hoffnung verbunden, die Demagogie Le Pens zu stoppen. Insbesondere in Marseille suchte Le Pen Ende der 80er Jahre einen Einstieg ins politische Establishment - ihm wurden sogar einige Ergfolgsaussichten auf den Posten des Marseillaiser Bürgermeisters eingeräumt -, so daß die bislang unangefochten regierende Linke eine Gegenoffensive mit dem gleichsam populistisch auftretenden Tapie plante. Der Antagonismus Le Pen-Tapie zeigte sich symbolisch im stade vélodrome, welches zu zwei unterschiedlichen Anlässen ausverkauft war: den Spielen von OM und den Wahlkundgebungen des Front National.

Der Aufstieg Tapies in Marseille vollzieht sich parallel auf der sportlichen und der politischen Bühne. Schnell stellte sich mit Finanzspritzen aus dem Unternehmenskonsortium und öffentlichen Subventionen sportlicher Erfolg ein. Von 1989 bis 1993 wird OM fünffacher französischer Meister und etabliert sich spätestens mit dem in Bari unglücklich im Elfmeterschießen gegen Roter Stern Belgrad verlorenen Europapokalfinale 1991 im exklusiven Kreis der europäischen Spitzenklubs. Zugleich gelangt Tapie 1989 in einer Nachwahl als Abgeordneter in die Nationalversammlung. In Regionalwahlen etabliert sich die von Tapie angeführte Liste Énergie Sud als wichtige politische Kraft der Provence, 1992 wird er zum ministre de la ville in der Regierung Bérégovoy ernannt. Politisch protegiert vom Staatspräsidenten - der die Karte Tapie auch gegen den ungeliebten Parteirivalen Rocard ausspielt - und finanziell abgesichert durch großzügige Kredite des Crédit Lyonnais garantiert Tapie politische Popularität - unter anderem durch seine Attitüde des populistisch-unkonventionell agierenden Machers und seine wirtschaftliche Potenz, die ihm enorme Investitionen in OM gestatten. Er wird somit nicht nur Präsident, sondern mit 180 Mio. FF Miteigentümer von OM; er ist Alleinherrscher des Fußballs, verpflichtet nach Gutdünken Trainer und Spieler - u.a. nach der WM 1990 mit zweifelhaftem Erfolg Franz Beckenbauer - und übernimmt - z.T. mit offenen Drohungen und Wutausbrüchen - die Rolle des großen Motivators in der Umkleidekabine. OM unter Tapie ist ein dynastisch-paternalistisch geführter Verein - Bernard Tapies kleiner Bruder Jean-Claude darf nach Manier Bonapartes die Handballabteilung führen -, dessen Erfolge unmittelbar mit dem großen Vorsitzenden assoziiert werden.

Bei allem Erfolg ist der Aufstieg Tapies sowie der von OM beständig mit kleineren Affären und Skandalen verbunden. Im Dezember 1990 werden unsaubere Finanztransaktionen des Vereins ruchbar: Steuerhinterziehungen und schwarze Kassen dienen offenbar dazu, den hohen Geldbedarf zu zügeln. Im Januar 1991 und im Februar 1993 wird Tapie wegen „unsportlichen Verhaltens“, d.h. Einschüchterungsversuchen des Schiedsrichters, ein Kabinenverbot erteilt, weshalb er kurzzeitig den Rücktritt erklärt, nach einer Schmollwoche jedoch wieder auf seinen Posten zurückkehrt. Im März 1992 verurteilt ihn ein Zivilgericht wegen Beleidigung von FN-Funktionären zu einer - allerdings symbolischen - Geldstrafe, und nach sechs Wochen als Minister muß er aufgrund eines gegen ihn laufenden Ermittlungsverfahrens wegen Unterschlagung Ende Mai 1992 wieder zurücktreten. Im Juli 1992 zeigt sich, daß er sich mit der 1990 vollzogenen Übernahme der Sportartikelfirma adidas finanziell übernommen hat. Mit Verlust gibt er das Prestigeprojekt auf.

Im Frühjahr 1993 steht für Tapie einiges auf dem Spiel: Seine Investitionen in OM, schon immer mit dem Ziel eines europäischen Landesmeistertitels verbunden, können nach dem gescheiterten ersten Anlauf zum Ziel führen. Auf der politischen Bühne ist der März 1993 ebenfalls ein Wendepunkt, denn mit dem überwältigenden Sieg der Rechten wird die sozialistische Regierung abgewählt, und die Kämpfe um die führende Stellung innerhalb der Linken brechen verstärkt aus. Tapie tritt einer bislang kleinen Partei bei, dem MRG (mouvement des radicaux de gauche), um sich in dieser Auseinandersetzung eine politische Basis - vor allem gegen die Rocardiens (Anhänger des Mitterrand-Intimfeinds Michel Rocard) - zu verschaffen. Langfristig wird er sogar mit Ambitionen auf das Amt des Staatspräsidenten in Verbindung gebracht. In Marseille selbst bildet sich eine politische Front zwischen dem sozialistischen Bürgermeister Robert Vigouroux und dem OM-Präsidenten Tapie. Der Kampf um den Landesmeistertitel ist folglich mehr als ein sportlicher Wettkampf: Politische und ökonomische Ambitionen des ehrgeizigen Vereinspräsidenten stehen auf dem Spiel. Die in der öffentlichen Wahrnehmung vorhandene Metonymie [11] OM IST TAPIE macht den lang ersehnten Europapokalsieg im Fußball zur Bedingung seines weiteren Aufstiegs. Dieses Fundament wurde jedoch schnell durch die Bestechungsaffaire von Valenciennes unterhöhlt. Angeblich hatte Tapie, um der Mannschaft von OM ein Erfolgserlebnis vor dem anstehenden Finale der Landesmeister 1993 in München zu bescheren, einen Spieler des Abstiegskandidaten Valenciennes bestochen. OM gewann das Meisterschaftspiel mit 1:0 und kurz danach wurden erste Bestechungsvorwürfe laut. Diese verdichteten sich und führten zu einer Sperre im Cup der Landesmeister durch die UEFA, und später sogar zu einem Zwangsabstieg OMs durch die Féderation Française de Football (FFF) in die 2. Division. Auf den Zwangsabstieg folgte der sofortige Wiederaufstieg.

 

3.  Die lokale Perspektive und deren Medien: Le Provençal als Medium für die Identifikation mit OM

In Folge der Sanktionen die gegen OM zuerst von der UEFA, und dann vom nationalen Verband der FFF ausgesprochen wurden, startete die regionale Zeitung Le Provençal eine Kampagne, in der sie die Fans von OM dazu aufrief, öffentlich Stellung gegen die Sperren OMs zu beziehen. 36000 Leser aus Marseille und dem Einzugsgebiet der Provence antworteten auf die von Le Provençal veröffentlichten Fragebögen, die später als Petition an die nationalen Gremien des französischen Fußballverbandes weitergeleitet wurden. Gleichzeitig erhielt Le Provençal unaufgefordert 1200 Briefe, die auf sehr persönliche Weise Betroffenheit über die Sanktionen zum Ausdruck brachten. Gerade diese Briefe [12] gewähren tiefen Einblick in die – metaphorisch gesprochen - Seele der Fans, da sie das individuelle Erleben und die Identifikation mit dem Club verdeutlichen. Da es sich besonders bei Gefühlen um abstrakte Sachverhalte handelt, die nur durch den Umweg von Vergleichen verbalisiert werden können, bietet sich hier für uns als Sprachwissenschaftler die Analyse der Metaphern an. Hierzu sind einige kurze methodische Ausführungen notwendig.

Grundsätzlich ist es so, daß die Metapher nicht mehr als reines Stilmittel der poetischen Sprache verstanden wird, sondern ein allgegenwärtiges Phänomen der Alltagssprache ist. Unterschiedlichste linguistische Theorien [13] haben dies als grundlegend anerkannt und stimmen ebenfalls in der Aussage überein, daß Abstrakta durch Metaphern erfahrbar gemacht werden. In diese Konzeptualisierungen gehen z.B. Aspekte der physischen Körperlichkeit oder kulturelle Erfahrungen ein. Im folgenden soll nun die sprachlich-metaphorische Konstruktion der Identifikation der Fans mit dem Fußballclub und der Stadt ausgelotet werden, die Zielpunkt einer politischen Instrumentalisierung durch Bernard Tapie war. Es geht also um die Rolle des metaphorischen Argumentierens in diesem Spannungsfeld [14] zwischen Fußball, Identität und Politik.

Welche indentitätstiftende Rolle der Verein Olympique de Marseille gerade für die Stadt und die an sie angrenzenden Départements spielt, wird in besonderem Maße aus den erwähnten Leserbriefen deutlich. Unterschiedliche metaphorische Konzepte verdeutlichen hier die starke Bindung an den Verein. Diese Bindung erscheint sprachlich in nahezu erotischen Charakterzügen. Metaphern der Liebe verdeutlichen, wie stark die Bindung der Fans an ihren Verein – man möchte sagen an ihre Auserwählte – ist. Deutlich wird dies in den folgenden Beispielen:

(1)   Je veux crier notre amour pour le club. [Ich möchte unsere Liebe für den Klub herausschreien.]

(2)   L’OM, c’est la moitié de ma vie. [OM ist die Hälfte meines Lebens.]

Im ersten Beispiel handelt es sich nicht nur um eine Liebeserklärung für den Verein, vielmehr wird durch das Verb schreien eine kämpferische Haltung eingenommen, die an den Schlachtruf oder das Kampfgeschrei einer Schlacht erinnert, in der es in diesem Falle um den Verbleib der Geliebten in der 1. Division geht. Das zweite Beispiel verdeutlicht den temporalen Aspekt, wie er für eheähnliche Verhältnisse kennzeichnend ist: durch die Metapher wird der Verein nicht nur als Hälfte der Lebenszeit, sondern implizit als bessere Hälfte beschrieben. Das ambivalente Verhältnis zwischen Mann-Fußball und Mann-Frau-Fußball/Geliebte zeigt das folgende Zitat:

(3)   Aucune femme ne m’a donné autant de plaisir que l’OM. Pourtant j’aime et j’ai beaucoup aimé les femmes. [Kaum eine Frau hat mir derart viel Lust bereitet wie OM. Und dennoch liebe ich und habe die Frauen sehr geliebt.]

Plaisir bezeichnet hier sicherlich nicht nur den Begriff der Freude, sondern spielt auch auf die erotische Stimulation und die sexuelle Befriedigung an. Frau und Fußball treten in Konkurrenz um die Rolle der „wahren Geliebten“.

Die emotionlae Betroffenheit über die Disqualifizierung OMs wird durch die Identifikation des Vereins mit dem eigenen Körper Ausdruck verliehen:

(4)   J’ai les jambes coupées. [Man hat mir die Beine amputiert/abgeschlagen.]

Der Verlust eines Körperteils wird hier als Metapher dazu benutzt, den Ausschluß mit der Verstümmelung des eigenen Körpers gleichzusetzen. Die Überblendung von eigenem Körper und Verein könnte kaum stärker ausfallen, und sie ist gleichzeitig eindringliches Indiz für die metaphorische Integration des Vereins in den eigenen Körper. Jegliche gegen ihn ausgerichteten Eingriffe betreffen somit auch die Unversehrtheit und das Wohlbefinden seiner Fans.

Neben diesen Beispielen, die gerade in Bezug auf Entscheidungsträger unspezifisch sind, bezeugen die nächsten Beispiele eine weitere Ausdifferenzierung, denn die Verletzung durch Geschosse und Stichwaffen setzt immer jemanden voraus, der diese abgeschossen oder verwendet hat.

(5)   C’est comme si j’avais reçu une flèche en plein cœur. [Es ist so als ob mich ein Pfeil mitten in's Herz getroffen hätte.]

Wer für solche Taten verantwortlich zu machen ist, ist klar: Paris. Man vergegenwärtige sich: Marseille war schon immer eine Stadt, die sich vor allem durch die Abkehr von Paris – dem kulturellen und politischen Zentrum Frankreichs – und durch eine Ausrichtung gen Mittelmeer auszeichnete. Das folgende Beispiel

(6)   [..] parisianisme bourgeois qui vous fait aller au stade comme on va au cinéma ou au théâtre. [...der bourgoise Parisianismus, der euch ins Stadion führt, so wie man ins Kino oder ins Theater geht.]

hebt nicht nur auf die mit Paris verbundenen Stereotypen wie Bourgeoisie und inszenierte Kultiviertheit ab, sondern ganz bewußt wird hier die Formulierung aller au stade in der Verbindung mit den kulturellen Attributen Cinéma und Théâtre verwendet und aus der lokalen Perspektive Marseilles besonders durch das Suffix isme in Parisianisme negativ markiert. Denn in Marseille sagt man nicht on va au stade und schon gar nicht faire aller au stade, sondern on va à l’OM! Die treibende Kraft des Stadionbesuches entspringt der (wahren) Identifikation mit dem Verein und ist nicht durch einen modisch-kulturalistischen Habitus im Sinne des Parisianisme konditoniert. Der Skandal ist zudem eine von Paris angezettelte „Schlammschlacht“, eine

(7)   [..] magouille parisien (...),

und man fühlt sich von den Parisern „verarscht“ bzw.,

(8)   On est enculé des Parigots (...)

„in den Arsch gefickt.“ Der umgangssprachliche Pejorativ Parigots für die Bewohner des kulturellen und politischen Zentrums Frankreichs verdeutlicht die starke Antipathie der Peripherie Marseille gegen das Zentrum Paris.

Herrschaftsmetaphern spielen in diesem Zusammenhang ebenfalls eine tragende Rolle, und die nationalen und internationalen Entscheidungsträger und Agitatoren im Skandal um OM werden mit den entsprechenden Metaphern bedacht. Schwingt noch in

(9)   [par] des monarches absolus (...). [...durch absolute Monarchen...)

eine Kritik am durch König Ludwig XIV. ins Leben gerufenen und politisch durchgesetzten Zentralismus ein Rolle, so erweitert sich der metaphorische Fokus im folgenden Beispiel auf prototypische Diktatoren und deren Handlanger. Man fällt

(10)      [par des] führers, des despotes du foot (...). [...den Führern, den Despoten des Fußballs.)

Die Wucht, mit der hier auf die drohende Disqualifizierung und den drohenden Zwangsabstieg reagiert wird, ist eindrucksvoller Beweis der Identifikation mit OM. Die oft bemühte Relevanz eines Fußballvereins für die Identität einer Region trifft hier in besonderem Maße zu, da die Region Marseille bis heute unter einer schweren ökonomischen Rezession leidet und zudem die sozialen Probleme des multikulturellen Marseille vor allem dem Rechtsradikalismus um Le Pen sehr zuträglich sind. Dem Rückzug der staatlich sozialen Einrichtungen folgte ein weiterer Anstieg der Arbeitslosenzahlen und des sozialen Elends. Treffender als im folgenden Beispiel kann die Rolle OMs gerade für die Region nicht bezeichnet werden:

(11)      C’est [OM] un rayon de soleil dans le marasme social qui pèse sur la région, le lien qui permettait à toutes les ethnies de communier, un stimulant de la vie économique. [OM ist der Hoffnungschimmer im sozialen Siechtum, das schwer auf der Region lastet, die Verbindung, die es allen Ethnien erlaubt miteinander zu kommunizieren, ein Stimulus für das ökonomische Leben.]

OM ist Lichtstrahl, Lichtblick und damit Hoffnungsträger im implizit angedeuteten Dunkel des sozialen Siechtums. Dem Verein wird eine sozial integrative Kraft zugesprochen, die durch das nächste Zitat noch übertroffen wird:

(12)      Touche pas à mon OM! [Finger weg von meinem Olympique de Marseille]

Diese Anthropomorphisierung spielt auf die Kampagne der antirassistischen Vereinigung SOS-Racisme an, deren Motto Touche pas à mon pote! [Mach meinen Kumpel nicht an!] sich gegen gewalttätige Übergriffe auf Ausländer richtet. In diesem Kontext überträgt die Metapher Aspekte dieser Kampagne auf OM und rekurriert gleichzeitig auf Marseille, eine Stadt, die als die Einwandererstadt Frankreichs bekannt ist. Die hier angelegte Lesart bezieht sich also auf mehrere Ebenen: Auf die von Marseille als signifikant ausgewiesene Immigrationsstadt, auf die Stadt Frankreichs mit einem äußerst hohen Wählerpotential im rechtsradikalen Spektrum um Le Pen und auf die Stadt, deren Fußball Verein Opfer einer unterstellt rassistischen Attacke durch die Parigots werden. [15] Die metonymische Beziehung zwischen Fußballverein und Stadt ist grundlegend und immer wieder für die Identifikation. Beispiele wie

(13)      On veut démolir une équipe de foot mais surtout une ville. [Man möchte nicht nur eine Fußballmannschaft, sondern eine ganze Stadt zerstören.]

oder

(14)      On en veut à la seconde ville de France et tous les moyens sont bons pour mettre l’OM plus bas que terre. [Man ist auf die zweite Stadt Frankreichs sauer, und alle Mittel, um diese zu aufs Kreuz zu legen, sind angemessen.]

machen klar, das jede Attacke gegen den Verein auch als bewußt gerichtete Attacke gegen die Stadt und damit gegen ihre Bewohner verstanden wird. Die zweitgrößte Stadt Frankreichs, auf die man es abgesehen hat, kann nur zu Fall gebracht werden, indem man den Fußballverein zu Fall bringt. Plus bas que terre [tiefer als auf den Boden] bezieht sich in diesem Kontext jedoch auf das Unterirdische, OM soll also zu Grabe getragen werden, und vielleicht auch die ganze Stadt.

Einer der Hauptprotagonisten und Hauptschuldigen des Skandals, Bernard Tapie, der damalige Präsident von OM, ist Ziel unterschiedlichster Beschreibungen und Aufmunterungen durch die Fans. Eher selten sind die Beispiele, in denen es zu einer Vermischung von Sport und Politik kommt. Politische Ausrufe wie

(15)      Vive Tapie, notre futur maire! [Es lebe Tapie, unser zukünftiger Bürgermeister!]

sind eher selten, verweisen jedoch auf die starke Verbindung von OM und Rathaus. Gleiches gilt für die im folgenden implizit angedeutete Metapher des Kapitäns Tapie, der das Schiff OM führt und vermeintlich kurz vor dessen Aufgabe steht:

(16)      [...] ne abandonnez pas le navire du club (...) [...gib' das Schiff des Klubs nicht auf...]

Kapitäns- und Steuermannsmetaphern [16] für Personen in führenden Positionen sind sehr geläufig und scheinen ein adäquates Mittel zur Beschreibung von hierachischen Verhältnissen zu sein. Die metaphorische Konzeptualisierung des Fußballclubs als Schiff evoziert zudem die Analogie zwischen Staat und Schiff zum Staatsschiff. Die metonymische Relation zwischen OM und Marseille, Marseille und Region wird durch die Schiffsmetapher hergestellt und die Rolle Tapies als Kapitän für dieses Staatsschiff herausgestellt. Dieser nahtlose Übergang zwischen Sport und Politik spielte für Tapie als Präsident von OM gerade politisch eine besondere Rolle: In dieser sportpolitischen Krise versuchte er das symbolische Kapital des Fußballs offensiv für seine politischen Ambitionen zu nutzen.

4.  Die politische Instrumentalisierung des sportlichen Siegs. Die Berichterstattung in Le Monde

Fußball ist für Tapie - dies geht aus der gesamten Vorgeschichte des Einstiegs bei OM hervor - kein Selbstzweck. Der Fußball hat ein enormes symbolisches Kapital, das Tapie zu nutzen versteht, wobei hier natürlich auch der Grundsatz gilt, daß eine allzu offen gezeigte Verbindung von Vereinsaktivität und politischer Ambition in eine nicht-intendierte Richtung umschlagen kann. Eine platte Ummünzung des sportlichen Erfolgs in Wählerstimmen funktioniert nicht, der Prozeß ist komplizierter, wie die Umfragen Brombergers zum Wahlverhalten der Olympique Fans zeigen: 70% der Fans sahen in Tapie einen guten Vereinspräsidenten, aber nur 25% von ihnen gaben ihm auch als Politiker 1991 ihre Stimme.

Le Monde jedoch spricht bereits am 28.5.93 (erste Ausgabe nach dem Sieg) von den arrières-pensées commerciales ou surtout électorales (LM 28.5.93, 1) [kommerziellen und vor allem politischen Hintergedanken] des Bernard Tapie. In erster Linie jedoch ist der sportliche Erfolg immanent notwendig zum Imagelifting. Tapie galt lange Zeit als ein windiger Spekulant, der aus der Zerschlagung von günstig erworbenen Unternehmen – in einer Art sportlicher Ambition - ein Vermögen erwirtschaftet. Jetzt zeige er, daß er nicht nur destruktiv erfolgreich ist, sondern ein gestecktes Ziel konstruktiv erreichen kann:

Der Erfolg Tapies beruht auf einer Assimilerung des Vereins mit seiner Person. Dies führt zu einer für deutsche Fußballvereine ungewöhnlichen Anziehungskraft des Vereinspräsidenten für das Medieninteresse:

(17)      Le triomphe de Munich arrive surtout pile pour bâillonner les sceptiques, faire taire les critiques. Il va surtout replacer Bernard Tapie à la place qu'il affectionne : au centre des micros et des caméras. (LM 28.5.93, 1) [Der Triumph von München kommt vor allem gerade richtig, um die Skeptiker eines Besseren zu belehren und die Kritiker zum Schweigen zu verdonnern. Vor allem aber bringt er Bernard Tapie an den Ort zurück, der ihm am Liebsten ist : in den Mittelpunkt der Mikrophone und Kameras.]

Der Ausdruck le triomphe de Munich muß hier übrigens für französische Ohren als historische Anspielung verstanden werden, steht doch bis heute un Munich im Französischen in Erinnerung des Münchener Abkommens von 1938 als Metapher für die Kapitulation vor der Stärke eines Unrechtregimes. Die Erwartung der französischen Medien geht also in Richtung einer klaren politischen Instrumentalisierung des Sieges. Tapie „steigt auf das Podium“, das ihm seine Fußballmannschaft errichtet hat (LM 31.5.93) und das stade vélodrome wird zur Bühne seiner Medienwirksamkeit.

Tapie wird über Körpermetaphern im spezifischen Marseillaiser Dreieck von Politik, OM und Bürgermeisteramt bildlich verankert. Untrennbar wie sein Körper sind politische und sportliche Ambition miteinander verbunden. Aus einem Rückblick auf seinen ersten Wahlkampf 1989 wird deutlich, wie diskret Tapie seinen fußballerischen Erfolg für seine politische Wahlwerbung vor Ort instrumentalisierte:

(18)      Au cours de sa première campagne électorale, il n'a pas négligé d'annoncer la venue au club de la dernière vedette de l'équipe de France, le défenseur Manuel Amoros. Même s'il se défend de mélanger les genres, le champion de la lutte contre le Front national sait que la réputation des footballeurs peut rapporter des voix. Un pied en politique, l'OM bien en main, un œil sur la mairie : Bernard Tapie est désormais bien campé dans le paysage marseillais (LM 31.5.93). [Schon in seinem ersten Wahlkampf hat er nicht darauf verzichtet, den Neuzugang des Verteidigers und Jungnationalspielers Manuel Amoros zum Verein anzukündigen. Selbst wenn er sich dabei zurückhält die beiden Genres zu vermischen, weiß der Champion im Kampf gegen den Front National nur zu gut, daß das Renommee der Fußballer Stimmen bringen kann. Einen Fuß in der Politik, OM fest in der Hand, mit einem Auge auf das Rathaus schielend: Bernard Tapie ist gut in Marseille eingerichtet.]

Eine ganz direkte Nutzung des aus dem Fußball gewonnenen Gewinner-Images Tapies zeigt sich  in seinem Beitritt zur maßgeblich von ihm veränderten politischen Formation des MRG. So wird auf der Titelseite der MRG-Zeitschrift Bernard Tapie mit dem Europapokal abgebildet. Seine neue Partei rühmt sich mit dem sportlichen Erfolg ihres prominenten Neu-Mitglieds.

Der Bestechungsskandal verhinderte dann eine weitere offensive Nutzung des sportlichen Sieges. Die Vorwürfe fehlender Lauterkeit drohten das gerade frisch geliftete Bild Tapies als konstruktiver Siegertyp in sein Gegenteil zu verkehren. Das symbolische Fußballkapital drohte in eine Schuldenfalle zu führen.

5.      Das Umschlagen des Triumphes im Skandal

Die Siegesstimmung war nicht von Dauer. Zu kurz war der Zeitabschnitt, in dem unangefochten gejubelt werden konnte. Bereits am Tag des Europapokalfinales gab es Gerüchte, denen zufolge der wenige Tage zurückliegende Sieg gegen Valenciennes in der Meisterschaft gekauft worden sei. Die Bestechungsvorwürfe bestanden seit der Halbzeitpause am 20. Mai. In das Bewußtsein der Öffentlichkeit gelangten sie etwa einen Monat später, wobei unmittelbar nach dem Sieg der Tapie-Elf aus einzelnen Passagen in der Presse eine Skepsis gegen die Methoden des Klubbosses zum Erfolg deutlich wird. Generelles Mißtrauen besteht gegen Tapie vor allem aufgrund kleinerer Skandale seit Beginn der neunziger Jahre. Bereits im Januar 1991 wurde er nach wegen „schwerer Verfehlungen gegen die sportliche Moral“ vom französischen Fußballverband suspendiert.

Der Fußballskandal eröffnet in sehr unterschiedlicher Weise Möglichkeiten, Tapie zu attackieren. Die vermeintliche „Unseriosität“ des Fußball-Spektakels wird als Argument für den Vorwurf mangelnder Ernsthaftigkeit seiner politischen Ambitionen angeführt. Die seriöse Politik werde durch den Show-Charakter des Fußballs degradiert. Darüber hinaus werden seitens der politischen Gegner Tapies soziale Ressentiments gegen den hochbezahlten Fußballbetrieb als Gegenstrategie zur sportlich-politischen Vereinnahmung eingesetzt. Bezeichnend hierfür ist etwa der Diskussionsbeitrag des Marseillaiser Kulturdezernenten, der sich in seiner Opposition gegen städtische Subventionen für OM freilich in der Minderheitenposition befindet:

(19)      gegen Subventionen (Christian Poitevin, adjoint à la culture [Kulturdezernent]): “Croyez-vous qu'au moment où il y a plus de trois millions de chômeurs, l'argent des contribuables doive servir à verser des salaires mensuels de 1 million de francs?(LM 26.5.93, 30) [Finden Sie, daß angesichts von mehr als drei Millionen Arbeitslosen das Geld des Steuerzahlers für Monatsgehälter von einer Million FF (ca. 150.000 Euro) ausgegeben werden sollte?]

Der erklärte Gegner Tapies, der Chef des rechtsradikalen Front National Jean-Marie Le Pen, schlägt später - nach dem UEFA-Bann gegen OM - in dieselbe Kerbe:

(20)      Dans un pays où il y a six millions de chômeurs, je suis plus angoissé par le devenir de ceux qui gagnent 3 000 francs par mois plutôt que par le devenir de ceux qui gagnent 300 000 francs. " (LM 9.9.93, 22) [In einem Land, in dem es sechs Millionen Arbeitslose gibt, mache ich mir mehr Sorgen um das Schicksal derer, die 3000 FF monatlich verdienen, als um die mit einem Gehalt von 300.000 FF]

Die sich innerhalb des selben politischen Lagers befindlichen Sozialisten - die freilich in den Tapieschen MRG-Eskapaden im Kontext von 1993 eine existenzielle Bedrohung sehen müssen - nutzen den Fußballskandal politisch subtiler. So erklärte auf einem Regionalparteitag der Sozialisten deren Generalsekretär

(21)      que son rôle n'était pas " de placer le parti soit à la remorque d'une Coupe d'Europe, soit à la merci de la déclaration d'un joueur ". (LM 29.6.93, 10) [daß es weder seine Rolle sei, die Partei ins Schlepptau eines Europapokals zu nehmen noch die, sie von der Erklärung eines Fußballspielers abhängig zu machen.]

Die Affäre dient als Grund - oder je nach Perspektive als Vorwand -, eine offizielle politische Besprechung zwischen PS und MRG abzusagen:

(22)      M. Rocard revient sur l'annulation de la rencontre PS-MRG - Michel Rocard (..) a confirmé (..) que le report de la rencontre PS-MRG, annulée (..) jeudi 8 juillet, était dû à l'affaire OM-Valenciennes. Il a précisé : « Compte tenu de l'éclatement de l'affaire, la rencontre prévue (..) n'était plus une rencontre entre le MRG et le PS. Elle devenait une conférence de presse commune Bernard Tapie et Rocard sur l'OM. On a voulu éviter cela. » Exprimant sa « tristesse de voir mise en cause la loyauté d'un sport magnifique », M. Rocard a estimé que « la société du spectacle est en train de polluer tout ce qu'elle touche », ajoutant qu'elle « devient un danger pour la démocratie ». [M. Rocard kommt auf die Absetzung der Begegnung zwischen PS und MRG zurück - M.R. hat bestätigt, daß die Verlegung der Begegnung PS-MRG - abgesagt am Donnertag, den 8.7. - mit der Affäre OM-Valenciennes zu tun hat. Er präzisierte : „Angesichts der Ausweitung der Affäre wäre die Begegnung (..) nicht mehr eine zwischen den beiden Parteien MRG und PS, sondern eine gemeinsame Pressekonferenz von Bernard Tapie und Rocard über OM geworden. Das wollten wir vermeiden“. Er bedauere, daß „die Ehre eines großartigen Sports in Frage gestellt sei“ und meinte, daß „die Showgesellschaft dabei sei, alles zu vergiften, was sie in ihren Bann ziehe“. Sie werde folglich zu einer „Gefahr für die Demokratie“.]

Fußballkritik - in Form einer Ablehnung der société du spectacle - wird so zur Kulturkritik, wird zum subtil geführten Angriff gegen die Unseriosität Tapies. Dabei wird nicht der Fußballsport an sich Gegenstand der politischen Angriffe, sondern einzelne Auswüchse - deren Verantwortlichkeit indirekt Tapie zugeschoben wird - werden als Gefahr für die Demokratie hochstilisiert.

6.      Die Verteidigungsstrategie Tapies

Interessant hinsichtlich des symbolischen Kapitals und Gegenkapitals des Fußballs sind die von Tapie angenommenen Verteidigungsstrategien. Steht am Anfang ein klares Dementi, demzufolge die Spieler von OM es einfach nicht nötig hätten, ihren Gegner zu bestechen (LM 26.6.93, 16), wendet sich die Verteidigung hin zu Komplottvorwürfen, wie sie auch schon in den Leserbriefen zu finden waren. Hier könnte auch eine Beziehung zum Victimisme hergestellt werden, dessen sich Tapie bewußt bedient. Er sieht sämtliche Vorwürfe als Teil einer Strategie nicht näher benannter Kräfte, die ihn zu Fall zu bringen. Eine Hetzjagd mit dem Ziel, ihn zu „töten“, werde da veranstaltet:

(23)      « Ce que je trouve anormal, c'est que pour atteindre ça, on n'hésite pas à fracasser, à détruire, un club, et en partie le football français » (LM 10.7.93, 11) [Was ich anormal finde ist, daß man hierzu [die Jagd auf Tapie] nicht davor zurückschreckt, einen Verein und damit zum Teil den französischen Fußball zu zerstören.]

Der symbolische Wert OMs für den gesamten französischen Fußball wird hier von Tapie in der Pose des kämpfenden Opfers ins Spiel gebracht, frei nach dem Motto: Trefft mich, bringt mich zur Strecke, aber laßt OM in Frieden! Das - nach dem Europapokalsieg auch nationale -Prestige des Fußballvereins wird als Schutzschild vor persönliche Verfehlungen gehalten.

Konkreter werden Tapies Verschwörungsvorwürfe, wenn er den Untersuchungsrichter Bernard Beffy und den amtierenden konservativen Justizminister Méhaignerie als Urheber der gegen ihn laufenden Ermittlungsverfahren sieht. Deutlich wird die Erklärung der fußballerischen Bestechungsvorwürfe durch angebliche politische Manöver auch in einem Interview, das Tapie der Zeitung Le Monde im September 1993 gab. Die Vorwürfe seien Teil einer bataille de Marseille, einer (Schlamm-)Schlacht um die politische Vorherrschaft in der OM-Heimatstadt. Verantwortlich sei die Rechte sowie die Michel Rocard nahestehenden Kräfte im Parti socialiste (LM 9.9.93, 1), die in seiner (Tapies) Popularität eine gefährliche Konkurrenz sähen.

Neben dem politischen Gegner spielen die Medien eine entscheidende Rolle. Sie seien, so Tapie, von einer gewissen Paranoia besessen, was sich nicht zuletzt daran zeige, daß der Affäre ein höherer Stellenwert zugemessen worden sei als dem Golfkrieg:

(24)      LM- Mais vous ne pouvez quand même pas répondre toujours sur le thème du complot. C'est un peu facile, non ? Bernard Tapie- Complot ? Si vous pensez que constater que les médias ont donné plus d'importance à l'affaire OM-Valenciennes qu'à la guerre du Golfe, c'est de la parano, libre à vous. (LM 9.9.93, 1) [LM - Aber Sie können doch nicht ständig mit dem Komplottvorwurf antworten? Damit machen Sie es sich etwas einfach, oder? BT - Komplott? Wenn Sie finden, es sei eine Paranoia, wenn man feststellt, daß die Medien der Affäre OM-Valenciennes mehr Bedeutung beimessen als dem Golfkrieg, dann denken Sie, was Sie wollen.]

An dieser Stelle ist bereits eine Kapitulation Tapies erkennbar. Wenn der Medienliebling, der wie kaum ein anderer die Tribüne des Fußballs politisch zu nutzen verstand, den einst so herbeigesehnten Medien die Schuld für aktuelles Unglück zuschiebt, hat der Fußball sein symbolisches Kapital verspielt. Die Ummünzung OMs in politischen und ökonomischen Erfolg verkehrt sich ins Gegenteil.

7.      Der grüne Rasen des Elysée - Tapie als metaphorisches Attraktionszentrum

In der Biographie Bernard Tapies sind Vermengungen fußballerischer, ökonomischer und politischer Ambitionen unverkennbar. Für den Sprachwissenschaftler stellt sich hier grundsätzlich die Frage, durch welche sprachlichen Strategien etwa in den Medien die Verbindungen verdeutlicht werden. Die Durchsetzung des Fußballs mit Metaphern etwa aus dem Kriegswesen oder der Politik ist bekannt (Gabriel 1998; Gil 1998), und daß auch die Politik nicht fußballfern ist, zeigt sich z.B. nach gar nicht seltenen politischen „Eigentoren“ von Politikern. In diesem Sinne soll hier kurz dargelegt werden, mit welchen Mitteln der métaphorisations mutuelles [17] [gegenseitigen Metaphorisierungen] (Settekorn 1997; Döring/Osthus 2000) die französischen Medien den Skandal, der zwar vordergründig ein sportlicher war, bei dem hintergründig aber immer auch eine gewichtige politische Dimension mitschwang, geschildert haben. Exemplarisch haben wir die politische Berichterstattung der wohl renommiertesten Tageszeitung Frankreichs Le Monde untersucht.

Wichtigstes Zeugnis für die metaphorische Überlagerung der Politik durch den Fußball - Zeichen nicht nur für metaphernspielerisches Geschick (Osthus 1998; Osthus 2000:336-341) von Le Monde, sondern für die Präsenz des Skandals im öffentlichen Bewußtsein -, ist der Bericht über die alljährlich am 14 Juli stattfindende garden party des Präsidenten. Die Textsorte Spielbericht dient hier als Ausgangsbereich für die Berichterstattung des präsidialen Empfangs:

(25)      Pelouse humide, ciel gris et bas, match sans grande passion, environ cinq mille spectateurs, recette nulle. En ce 14 juillet 1993, l'affiche, pourtant, s'annonçait de qualité pour la célèbre garden-party (..) offerte, sur son terrain, par le président de la République : il s'agissait du match retour de la cohabitation sur le gazon de l'Elysée. [Feuchter Rasen, grauer Himmel, ein ohne besondere Leidenschaft geführtes torloses Unentschieden vor ca. 5000 Zuschauern. An diesem 14. Juli 1993 versprach die Ankündigung jedoch Qualität für das berühmte Gartenfest, das auf heimischem Terrain vom Präsidenten der Republik gegeben wurde. Es handelte sich um das Kohabitations-Rückspiel auf dem Rasen des Élysée.]

Die damalige Cohabitation wird als Fußballspiel zweier Mannschaften, der équipe des roses und der équipes des blancs auf dem Rasen des Élysee-Palastes geschildert:

(26)      [..] Au terme de la rencontre aller, entre 1986 et 1988, l'équipe des roses (..) l'avait emporté sur une équipe des blancs, légèrement désunie et conduite par un capitaine trop rigide dans ses relances. [Am Ende des Hinspiels - zwischen 1986 und 1988 - hatte die rosa Mannschaft das nicht immer geschlossen agierende weiße Team besiegt, das zudem von einem Kapitän, der zu hart in seinen Rückpässen agierte, angeführt wurde.]

Die Vertreter der politischen Formationen werden als Anhänger der gegnerischen Mannschaften metaphorisiert:

(27)      A sept ans de distance, le nouveau meneur de jeu des blancs, Edouard Balladur, s'est montré très rapide - il est arrivé dans l'enceinte avec cinq minutes d'avance sur l'horaire officiel, semant la panique parmi les organisateurs, - mais fugace. Les supporters du premier ministre n'ont pu apprécier longuement sa prestation sur le terrain. A dire vrai, les membres sélectionnés de son équipe (gouvernementale) ont joué à l'économie, évitant le contact avec leurs adversaire (..). [Mit sieben Jahren Abstand erwies sich der neue Spielführer der Weißen, Edouard Balladur, als sehr schnell - er ist 5 Minuten vor dem offiziellen Spielbeginn bereits auf dem Feld erschienen, was eine Panik unter den Organisatoren zur Folge hatte -, jedoch auch als sehr flüchtig. Die Anhänger des Premierministers haben nicht lange seine Anwesenheit auf dem Terrain bewundern können. In der Tat spielten die ausgewählten Mitglieder seiner (Regierungs-)Mannschaft ökonomisch, indem sie den Kontakt zu ihrem Gegner vermieden.]

Daß hier nicht nur ein zufälliges Stilmittel der Pressesprache verwendet wird, sondern daß er das Attraktionszentrum der reziproken Metaphorisierungen ist, wird an der Stelle des Artikels deutlich, an der Bernard Tapie - als gefragter Star und Autogrammgeber - auf dem Spielfeld des Élysée erscheint:

(28)      " Marqué à la culotte " par son coéquipier et président de parti, Jean-François Hory, Bernard Tapie a été pressé de donner des autographes, de se soumettre à la traditionnelle photo des fans et de répondre aux sollicitations de la presse, qui a été priée d'aller se rhabiller, car le président de l'OM ne parle pas aux gens qu'il ne connaît pas. [„Eingeführt“ durch seinen Mannschaftskollegen und Parteivorsitzenden Jean François Hory hatte Bernard Tapie es eilig, Autogramme zu geben, sich für das traditionelle Fanfoto zur Verfügung zu stellen und den Interviewwünschen der Presse nachzukommen, die dann aber gebeten wurde, schon einmal unter die Dusche zu gehen, denn der Vereinsvorsitzende von OM spricht nicht mit Leuten, die er nicht kennt.]

Ein taktisch guter Spielzug gelingt Tapie, wenn er vor den Augen der Kameras die Hand François Mitterrands schütteln darf:

(29)      Au terme d'un " joli geste technique " qui lui a permis, avec la complicité de la défense composée d'une escouade de gardes républicains, d'approcher François Mitterrand, M. Tapie a pu, enfin, à 14 heures 54, serrer la main du président. Heureusement, une caméra était là pour saisir ce moment historique. [Als Ergebnis einer schönen Balltechnik, die es ihm erlaubt hat - unter tätiger Mithilfe der aus einer kleinen Gruppe von gardes républicaines bestehenden Verteidigung - sich François Mitterrand zu nähern, konnte Monsieur Tapie endlich - um 14 h 54 - die Hand des Präsidenten schütteln. Glücklicherweise war eine Kamera vor Ort, um diesen historischen Moment einzufangen.]

Mitterrand indes tritt in einem Interview zum 14. Juli mit einigen Aussagen in die Linie der Verteidiger Tapies. Diskret spielt er einerseits die Bedeutung des Skandals - vor allem die Beteiligung Tapies - herunter und stellt sich mit präsidialem Gestus als Sympathisant von OM („Moi l'OM je l'aime bien“, LM 16.7.93, 3) - und somit auch Tapies („C'est quand même une grande équipe, qui doit en effet beaucoup à Bernard Tapie“, ibid.) - dar.

Im Feld der Fußballmetaphorik bleibend, wird Mitterrand daraufhin als nicht ganz unparteiischer Schiedsrichter im Skandal metaphorisiert:

(30)      L'arbitre n'a donc pas caché ses préférences. Le hors-jeu sifflé par François Mitterrand dans l'affaire OM-Valenciennes ne souffrirait pas la critique s'il n'avait été que de principe. (LM 17.7.93, 1) [Der Unparteiische hat also seine Vorlieben nicht versteckt. Der Abseitspfiff von François Mitterrand in der Affäre würde nicht in Kritik geraten, wenn er nur prinzipieller Natur gewesen wäre.]

Die Assimilation der politischen Karriere Bernard Tapies mit dem Erfolg von OM und selbstverständlich auch die Gefährdung von Tapies Rolle im Umfeld des Skandals macht ihn zu einem metaphorischen Attraktionszentrum zwischen Fußball und Politik. In vielen Pressezitaten wird spielerisch die Polysemie - in der Linguistik bezeichnet dieser Begriff die mögliche Mehrdeutigkeit eines Wortes - einzelner Begriffe ausgenutzt. So z.B. frz. rencontre, das sowohl eine sportliche Begegnung als auch ein politisches Treffen bezeichnen kann. Andere Schlüsselbegriffe sind in diesem Zusammenhang frz. équipe (sportliche und politische Mannschaft), défense (Verteidigung im Fußball und vor Gericht) oder auch arbitre (Schiedsmann und sportlicher Schiedsrichter).

Die angeführten Beispiele zeigen, wie ein Fußballskandal politisch aufgeladen wird und sich daraus ein „Sprach- und Metaphernspiel“ entwickelt, daß immer neue „Übertragungen“ freisetzt und damit eine Eigendynamik in Gang bringt. Das nicht zuletzt von Tapie initiierte „Sprachspiel“ , indem er sich das symbolisch metaphorische Kapital nutzbar macht, entgleitet seiner Kontrolle und wendet sich gegen ihn.

8.  Fußball und Politik: Aspekte einer komplizierten Beziehung 

Wie wir gesehen haben, dienen nicht nur Sport-, sondern im besonderen Maße Fußballmetaphern der Erfassung und Darstellung politischer Sachverhalte in der Presseberichterstattung. Ebenfalls ist der Fußball Ziel unterschiedlichster Metaphorisierungen, die den Zusammenhang zwischen Vereinsbindungen und Identitätsstiftungen eindrucksvoll vor Augen führen. Die von glühenden OM-Adepten gestalteten Liebhaberseiten des Internets bieten einen reichen Fundus u.a. an religiösen Intertextualitäten, Körper- und Kampfmetaphorik. Eine Vergleich mit analogen Angeboten aus Kreisen der PSG-Fans würde die spezifisch Marseillaiser Spielart des Clubkultes noch deutlicher sichtbar werden lassen.

Einzigartig an dem Beispiel OM ist die Intensität der Bindungen sowie das hohe Maß an Instrumentalisierungen. Das symbolische Kapital wird – das geht aus den Geschehnissen rund um den Skandal hervor – eingesetzt für politische und persönliche Ambitionen.

Auffallend ist die Kongruenz von Vereinstypus und persönlichem Profil des Präsidenten Tapie. Fraglich ist daher, ob eine vergleichbare saga marseillaise so in anderen Ländern möglich wäre. Welcher deutsche Vereinspräsident ist schon gleichzeitig reich, exzellenter Mediendarsteller, voller politischer Ambitionen und windig genug, um sich sportlichen Erfolg mit „unkonventionellen Methoden“ zu verschaffen und nutzbar zu machen? Und welcher deutsche Verein, welche Stadt hat die Rolle Marseilles inne? Aus dieser Perspektive erscheint die Symbiose von Tapie und OM einzigartig, wobei die Untersuchung von Analogien zu Entwicklungen in Spanien (Gil y Gil) oder Italien (Berlusconi) gewiß reizvoll wäre.

Was bleibt? OM glänzte auch ohne Tapie in der Championsleague und spielt momentan gegen den Abstieg. Tapie war nach seiner Verurteilung auf Bewährung aus dem Knast entlassen und spielte im Anschluß gleich die Hauptrolle in einer Pariser Theaterinszenierung von „Einer flog über das Kuckucksnest“. Von der Wirtschaft in den Fußball in die Politik und ins Gefängnis, von der Tribüne auf die Bühne: Aus einem windigen Fußballpräsidenten ist so heute ein Kulturschaffender geworden. Vieles spricht dafür, daß er schon in Kürze auch wieder eine wichtige Rolle im französischen Fußball spielen wird. Zur Europameisterschaft 2000 richtete er sich eine eigene Webseite zum Thema (http://www.free-goal.com) ein, in der er als Experte in Punkto Fußball, Zukunft des Fußballs und ... Olympique de Marseille glänzt. Im Herbst 2000 ist er gar erneut zum Präsidenten dieses Vereins akklamiert worden. Wie der Franzose sagt: Honni soit qui mal y pense! Ein Narr, der böses dabei denkt. Kultur des Fußballs – Fußballkultur: eine bessere Ambivalenz für diese Dichotomie als Tapie ist nicht in Sicht. Allez OM!

Literatur

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[1] Vgl. Bromberger, C. et al. 1995, Le match de football. Ethnologie d'une passion partisane à Marseille, Naples et Turin, Paris, S. 78.

[2] Der Begriff beur ist durch das Verlan, ein von der Jugend oft gebrauchtes Register, das sich durch den Positionswechesel der Silben auszeichnet, entstanden. Aus Arabe wurde durch die Substitution des ersten und zweiten Vokals Beur.

[3] So Die Welt am 14.7.1998.

[4] Vgl. Döring, M./Osthus, D. im Druck, "Bleu, Blanc, Beur. Metaphorische Identität, identische Metaphern? Formen und Funktionen der Metaphorik in der französischen und deutschen Tagespresse zum Mondial 1998."

[5] Vgl. die skizzierten Fanwanderungen von Bromberger (Bromberger et al. 1995:213 ff).

[6] Ein besondere Fangruppe innerhalb dieser Gruppierung Prominenter sind die Apie Boys, ursprünglich Tapie Boys genannt. Begründet von einem Unternehmer, der durch geschäftliches Geschick und Glück den sozialen Aufstieg aus den Vororten Marseilles schaffte, benannte er seinen Fanclub nach dem Clubpräsidenten. Dieser bat jedoch, bei aller Begeisterung für seine Person, um die Umbenennung des Fanclubs, da doch eher der Fußball im Zentrum des Interesses stehen solle. Die Apie Boys halten sich in den VIP-Logen des Vereins auf und geben sich durch Anzug und Fanclub-Kravatte bewußt kultiviert. Im Zentrum der Stadt ist ein Café ihr Treffpunkt bei allen Auswärts- und Heimspielen (Vgl. Bromberger et al. 1995: 86 ff).

[7] Marseille wurde dem Mythos zufolge vom phönizischen Steuermann Protis gegründet, der die Tochter Gyptis des lokalen Königs heiratete. Beide Figuren finden sich auf Medaillen von Olympique-Fans wieder. (Vgl. Bromberger et al. 1995: 159-160)

[8] Vgl. zu Ben Bella auch das ganz andere Schicksal des algerischen Fußballspielers Mekloufi in: Lanfranchi, P. 1994, "Mekloufi, un footballeur français dans la guerre d'Algérie", in: Actes de la Recherche en Sciences sociales (Les Enjeux du Football), 1994, 1994, Nr. 103, 70-74.

[9] Bromberger (Bromberger et al. 1995:131) nennt dieses Motto auch die drei R, mit denen Männlichkeit und lokales Colorit verbunden werden.

[10] Die Sendung trug den Titel Ambitions! In dieser Show kamen junge Aufsteiger, Erfinder, Ingenieure zu Wort, für deren Geschäftsideen Finanziers gesucht wurden. Tapie war hier in seinem Element, förderte er doch diejenigen, die seinem Winnertypus entsprachen und konnte er sich gleichzeitig durch die Show selbst aufwerten.

[11] Die Metonymie ist in der klassischen Rhetorik eine der wesentlichen Stilfiguren (z.B. ein Teil steht für das Ganze; das Ganze steht für ein Teil). Die in der Metonymie vollzogene Identifikation von OM und Tapie ist ein stilistisches. Als linguistische Fachliteratur zur Metonymie wäre etwa auf Radden, G./Panther, K.-U. 1999, Metonymy in Langauage and Thought, Amsterdam/Philadelphia zu verweisen.

[12] Sämtliche Belege finden sich in Bromberger, C. et al (1995), S. 366 ff. Bromberger zitiert hier aus den erwähnten Briefen, verzichtet jedoch auf eine linguistische Analyse, wie wir sie in diesem Falle vornehmen.

[13] Zu einem guten Einblick in die Diskussion zur Metaphorik vgl. Ortony, A. (Ed..) 51995, Metaphor and Thought. Second Edition, Cambridge M.A. und Haverkamp, A. (Ed.)1983, Theorie der Metapher, Darmstadt. Grundlegend sind auch die Bibliographien von Noppen/Knop/Jongen et al. (Edd.) 1985, Metaphor. A Bibliography of post 1970 Publications, Amsterdam/ Philadelphia und Noppen, J.v./Hols, E. (Edd.) 1990, Metaphor II. A Classified Bibliography of Publications 1985 to 1990, Amsterdam. Die hier verwendete Methode der Metaphernanalyse basiert vor allem auf den Arbeiten von Weinrich, H., 1977, Sprache in Texten, Stuttgart, Weinrich, H. et al. 1968, "Die Metapher (Bochumer Diskussion)", in: Poetica 2 (1968), S. 100-130, Jäkel, O. 1997, Metaphern in abstrakten Diskurs-Domänen – Eine kognitiv-linguistische Untersuchung anhand der Bereiche Geistestätigkeit, Wirtschaft, Wissenschaft, Frankfurt/Main, Lakoff, G. /Johnson, M. 1980, Metaphors We Live By, Chicago und Settekorn, W. 1997, Métaphorisations mutuelles, mise en scène et médias: invitation à l’induction, in: Communication et Organisation 12 (1997), 203-226.

[14] Vgl. zum Themengebiet Metapher und Argumentation u.a. Pielenz, M. 1993, Argumentation und Metapher, Tübingen und Pirazzini, D. 1998, "Der Staat ist ein Unternehmen. Wie können wir schon etablierte Metaphern widerlegen", in: Gil, Alberto/Schmitt, Christian (Hgg.): Kognitive und Kommunikative Dimensionen der Metaphorik in den Romanischen Sprachen. Akten der gleichnamigen Sektion des XXV. Deutschen Romanistentages Jena (28.9.-2.10.1997), Bonn, S. 167-186.

[15] Nach Aussagen der marseillaiser Fans zeichnen sich u.a. besonders die Anhänger von PSG (Paris Saint Germain) durch einen racisme marseillais aus. Ständige Übergriffe während der Spiele beider Mannschaften und die entsprechende Polemik beider Seiten im Internet scheinen dies zu belegen.

[16] Vgl. zum Gebiet der Steuermanns- und Kapitänsmetaphorik u.a. Peil, D. 1983, Untersuchungen zur Staats- und Herrschaftsmetaphorik in literarischen Zeugnissen von der Antike bis zur Gegenwart, München, Beller, M. 1980, "Staatsschiff und Schiff des Lebens als Gleichnisse der barocken Geschichtsschreibung", in: Arcadia Nr. 15/1980, S. 1-13 sowie Blumenberg, H. 1997, Schiffbruch mit Zuschauer, Frankfurt/Main.

[17] Unter gegenseitigen Metaphorsierungen wird ein gegenseitiger Austausch von Metaphern zwischen zwei Inhaltsbereichen verstanden. So etwa zwischen Fußball und Wirtschaft. Einserseits können - im übertragenen Sinne - die Aktien eines Spielers schlecht stehen, andererseits kann ein Unternehmen in die zweite Liga absteigen. Es wäre höchst interessant, den gegenseitigen Metapherntausch des Fußballs mit anderen Bereichen in seiner historischen Perspektive weiter zu untersuchen. S.a. Gabriel in diesem Band!

 

 

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ISSN 1618-2006 (für das Journal)

zuletzt bearbeitet am 20.12.11