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Der
folgende Text ist die überarbeitete Version eines Beitrags, der auf dem
Romanistentag 1997 in Jena gehalten wurde. In gedruckter Fassung ist er
erschienen unter Gabriel, Klaus: "Zur Metaphorik in der italienischen
Fußballberichterstattung", in: Gil, Alberto / Schmitt, Christian (edd.)
Kognitive und kommunikative Dimensionen der Metaphorik in den romanischen
Sprachen (Akten der gleichnamigen Sektion des XXV. Deutschen Romanistentages,
Jena, 28.09.-02.10.1997), Bonn 1998, 57-85.
Zur Metaphorik in der italienischen Fußballberichterstattung
(Klaus
Gabriel, Bonn)
1 Zum Untersuchungsgegenstand
Es
darf als allgemein bekannt vorausgesetzt werden, daß der Fußballsport
besonders in Italien einen herausragenden Stellenwert genießt. Als ein
eindrucksvolles Indiz für die große Beliebtheit dieses Sports kann u.a.
neben der Existenz von drei großen, täglich erscheinenden
Sporttageszeitungen die sehr ausführliche Presseberichterstattung in diesen
Zeitungen sowie in den Montagsausgaben der allgemeinen Tageszeitungen
angesehen werden. Daß letztere nicht erst seit kurzem Aufmerksamkeit bei
Lesern und Linguisten erregt haben, illustriert das aus dem Jahre 1939
stammende Zitat von Giacomo Devoto, der dem bereits zu jener Zeit immensen
Umfang der italienischen Fußballberichterstattung allerdings mehr als
skeptisch gegenübersteht:
„Il giornale del lunedì ha
la sua fisionomia. Le notizie di carattere politico, singolarmente succinte,
fanno da prefazione alla parte interna del giornale in cui le cronache
sportive, e specialmente calcistiche, si diffondono senza preoccupazione per
lo spazio, intorno ai particolari delle partite“ (Devoto 1939:17).
Wenn
es auch gewiß heute noch jene Kritiker geben wird, die, wie Devoto an
gleicher Stelle anführt, „schwermütig die Verschwendung von Papier und
Adjektiven beweinen“
[1]
, so lassen die Zahlen zur Auflagenstärke der Sporttageszeitungen
und zum Umfang der Berichterstattung in der italienischen Tagespresse jedoch
eindeutig auf eine breite Akzeptanz der Fußballberichterstattung in der
italienischen Bevölkerung schließen
[2]
. Die
linguistische Beschäftigung mit diesem Phänomen erscheint also bereits aus
rein quantitiven Gründen logisch und verspricht - wie zahlreiche Studien
bereits zeigen konnten (cf. z.B. Schweickard 1987) - wertvolle
Erkenntnisse zu verschiedensten Aspekten der italienischen Sprache, aus
welchen hier die in den bisher vorliegenden Arbeiten zur italienischen
Fußball- bzw. Sportberichterstattung nur unzulänglich untersuchte Verwendung
von Metaphern ausgewählt wurde.
Nach einleitenden Ausführungen zum Wesen der Metapher sowie einem
kurzen Überblick über grundlegende linguistische Merkmale der zugrunde
liegenden Textsorte sollen die unter besonderer Berücksichtigung der
kognitiven und kommunikativen Dimensionen der Metaphorik ausgewählten Typen
und Leistungen von Metaphern mit Korpusbeispielen belegt und analysiert
werden. Dabei sollen diese dahingehend untersucht werden, in welchen Maße sie
die drei Grundfunktionen mediensprachlicher Texte, Informationsvermittlung,
Meinungsbildung und Unterhaltung (cf. z.B. Lüger 21995),
widerspiegeln. Eine
abschließende, über die italienische Sprache hinausgehende Betrachtung der
Internationalität und Omnipräsenz von Metaphern in der, aber auch aus der
Fußballsprache soll weitere interessante, der Vielfältigkeit der Metaphorik
gerecht werdende Forschungsmöglichkeiten skizzieren.
2
Charakteristika, Typen und Leistungen von Metaphern
Die
vor allem in den neueren Untersuchungen immer wieder betonte Abkehr von der
eindimensionalen Auffassung der Metapher als rhetorisches Stilmittel und
schmückendes Element in der ‘Schönen Literatur’ sowie die damit
einhergehende Charakterisierung der Metapher als ein das menschliche Denken
und Handeln umfassende Phänomen (cf. z.B. Lakoff/Johnson 1980, Weydt 1988)
führt zu einer mehrdimensionalen Betrachtungsweise. So werden der Metaphorik
u.a. kognitive, kommunikative, argumentative und soziokulturelle Dimensionen
zugeschrieben, die sich anhand bestimmter Typen und Leistungen von Metaphern
aufzeigen lassen. Dabei wird die Metapher als ein konterdeterminiertes Wort
betrachtet, dessen unerwartete, außerhalb des Bedeutungsumkreises liegende
Meinung erst durch den Kontext bestimmt wird (Weinrich 1976:320). Dies
impliziert seitens des Rezipienten eine heuristische Leistung, da er die auf
Analogien zwischen zwei eigentlich nicht zusammengehörenden Sinnbereichen
basierende Bedeutungsübertragung nachvollziehen muß (Schmitt 1988:114). Auf
semantischer Ebene können vier Typen dieser Übertragung (dynamisierende,
konkretisierende, personifizierende und sensorische) unterschieden werden
(Reger 1977:259ff.). Eine Klassifizierung anhand dieses Kriteriums darf sich
freilich nicht auf rein quantitative Aspekte beschränken, sondern muß
insbesondere die vielschichtigen und sich häufig überschneidenden Leistungen
(Funktionen und Wirkungen) aufzeigen. Die
folgende Auflistung zeigt eine Kategorisierung der wichtigsten, in
zahlreichen neueren Arbeiten zur Metaphorik immer wieder aufgegriffenen
Funktionen und Wirkungen, wobei hier die drei Hauptaspekte pressesprachlicher
Texte als Gliederungspunkte gewählt wurden
[3]
:
1.
INFORMATION
(heuristische bzw. erkenntnisfördernde Leistungen): -Benennung
neuer Gegenstände oder Sachverhalte, für die es kein verbum proprium gibt (Weydt 1988:305ff.), -Explanativität
und Prädikativität (Keller 1995:190f.), -Veranschaulichung
der Darstellung durch Vereinfachung und somit leichteres Textverständnis
(Reger 1979:263ff.)
[4]
, -Bedürfnisorientierung
(Schmitt 1984:124).
2.
MEINUNG
(meinungsbildende wie ideologische Leistungen): -Emotionalisierung
(Reger 1979:263) und Affektuierung (Schmitt 1984:121), -Akzentuierung
und Pointierung von Information und Stellungnahme (Reger 1979:271), -Manipulation
(Schmitt 1988:116f.) und Verschleierung (ebd.:123; Lüger 21995:38), -Interessenorientierung
(Schmitt 1984:124).
3.
UNTERHALTUNG:
-Leseanreiz
bieten (Reger 1979:263), -komische,
ironisierende und satirische Effekte hervorrufen (Lüger 21995:35;
Reger 1979:268), -auflockern
(Lüger 21995:38) und überraschen (Keller 1995:190f.).
Neben
den bereits angeführten Arten der Übertragung stehen weitere Kriterien zur
Verfügung, mit denen die hier genannten Leistungen näher bestimmt werden
können. Anhand
einer Gegenüberstellung der mit Hilfe von Analogie in Verbindung gebrachten
Sinnbereiche des Bildspenders und -empfängers lassen sich zunächst einmal
Erkenntnisse hinsichtlich der Informationsleistung der Metaphorik gewinnen. Es
kann so gezeigt werden, welche Sinnbereiche zur Bildung fußballsprachlicher
Termini herangezogen werden. Hiermit eng verbunden sind zwei weitere
Charakteristika:
- Aus argumentatorischer Sicht ist dies nach Pielenz die
selbstverständliche und somit mit meinungsbildenden Intentionen verbundene
Verwendung einzelner tokens
(Vorkommnisse) zu bereits bekannten Bildtypen, die zuvor erfolgreich als types
eingeführt wurden (Pielenz 1983:71ff.). Auch spielt der Transfer von
Klischees und Stereotypen von der Bildspenderebene zu dem
Bildempfängerbereich hinsichtlich der meinungsbildenden Leistung eine
beachtliche Rolle. -
Aus textlinguistischer Sicht ist dies die Bildung von Isotopieebenen durch
Metaphern gleicher Bildspenderbereiche (cf. Ricœur 1975).
Die Unterhaltungsleistung von Metaphern hängt sehr stark ab von ihrer
Kreativität bzw. Habitualisierung. Metaphern mit hohem Kreativitäts- und
niedrigem Habitualisierungsgrad wird grundsätzlich eine hohe
Unterhaltungsleistung zugesprochen. Allerdings ist die ideologische Leistung
bereits verbreiteter und wenig überraschender Metaphern nicht zu
unterschätzen (Schmitt 1994:512). Die
Metapher darf jedoch nie als isoliertes Element in den ausgewählten Texten
betrachtet werden (cf. u.a. Weinrich 1976). Stets muß die
Kontextabhängigkeit und somit auch das Zusammenspiel mit weiteren
sprachlichen Phänomenen betont werden. Daher
sei der Analyse eine kurze Zusammenfassung der grundlegenden
linguistischen Merkmale der fußballsprachlichen Pressetexte des Italienischen
sowie der Forschungsergebnisse zum Stellenwert der Metaphorik in dieser
Textsorte vorangestellt.
3
Zur Sprache der italienischen Fußballberichterstattung 3.1 Grundlegende linguistische
Merkmale
Betrachtet
man die vorliegenden Studien zur Sprache der italienischen
Fußballberichterstattung, so lassen sich auf textueller, syntaktischer,
lexikalischer und stilistischer Ebene folgende Hauptmerkmale herausfiltern,
die, das bisherige Forschungsinteresse widerspiegelnd, sich weitgehend auf die
Bereiche Lexik und Stilistik beziehen
[5]
. Was
die Textebene betrifft, so lassen sich als grundlegende Charakteristika eine
deduktive Gedankenführung, Tempusvariationen, häufige Rückgriffe auf den
zeitlichen Rahmen des Spiels als Strukturgrundlage sowie explizite Hinweise
des Autors zum Aufbau des Berichtes feststellen (Schweickard 1987:168). Auf
syntaktischer Ebene fällt „die Dominanz einer logisch linearen und
additiven Strukturierung" (ebd.) auf. Des weiteren dominieren nominale
Strukturen, die, dem Prinzip der syntaktischen Ökonomie folgend, eine hohe
semantische Dichte aufweisen und zur Steigerung der Expressivität beitragen
(ebd.). Das
Lexikon zeichnet sich vor allem durch einen starken Einfluß des Englischen
aus
[6]
. Eine
hohe Rekurrenz weisen Technizismen auf, die, da sie häufig aus der
Gemeinsprache kommen, erst durch den Kontext als solche erkennbar sind (Stella
1973:145)
[7]
. Hinsichtlich der Wortbildungsverfahren spiegelt die cronaca calcistica aktuelle Tendenzen des Italienischen wieder, so
z.B. häufige Bildung von Komposita und Abkürzungen sowie attributiver und
auch substantivischer Gebrauch von ursprünglichen Präfixen (Schweickard
1987:168f.). Die
Verwendung von Metaphern, Metonymien, Synekdochen bei der Synonymbildung zum
Zwecke der stilistischen Variation wurde ebenso wie der häufige Einsatz von
Hyperbeln und Ellipsen sowohl als lexikalisches als auch gleichzeitig als
stilistisches Merkmal der italienischen Fußballberichterstattung ermittelt (Nascimbeni
1992:111ff.; Schweickard 1987:169). Hinsichtlich
des Stils können neben dem allgemeinen Trend zur Bildhaftigkeit, der sich
u.a. in der starken Verbreitung von Tierbezeichnungen für Mannschaften zeigt
(cf. Nascimbeni 1992:109), insbesondere individuelle Eigenschaften der
einzelnen Berichterstatter festgestellt werden (ebd.:108ff.).
Die häufig angeführte Bezeichnung il
calcese (cf. z.B. Nascimbeni 1992:112ff; De Fiore u.a. 1990:VII ff.) ist
ein Indiz dafür, daß sich die Sprache der italienischen
Fußballberichterstattung aufgrund der bisher herausgearbeiteten
individualisierenden Charakteristika von anderen Systemen der italienischen
Sprache abgrenzen läßt. Die zuvor referierten Merkmale lassen es angemessen
erscheinen, die Sprache der Fußballberichterstattung als “Subklasse der
Textsorte Printmedien“ (Gil 1998:273) anzusehen.
3.2 Fußballberichterstattung und
Metaphorik
In
den vorliegenden Arbeiten zur italienischen Fußballberichterstattung wird die
Metaphorik stets als ein das Lexikon und den Stil betreffendes Phänomen
erfaßt.
[8]
Der textlinguistische Ansatz bleibt ebenso wie die kognitive und
kommunikative Dimension weitgehend unberücksichtigt. Auch werden keine
systematische Typologie und keine umfassenden Aussagen zur Funktionalität
beabsichtigt. Die
Metapher wird - gemäß der aristotelischen Metaphernauffassung - primär als
rhetorisches Stilelement betrachtet, das zumeist als Synonym für einen
bereits bestehenden Terminus gewählt wird. Sie kann jedoch auch, der "economia
semantica“ (Stella 1973:145) folgend, bei der Bildung der
Fußballterminologie herangezogen werden
[9]
. Als
primärer Bildspenderbereich wird das Militär- bzw. Kriegswesen angegeben (Nascimbeni
1992:113; Schweickard 1987:145f.), das aufgrund der "strukturellen
Entsprechungen zwischen dem militärischen und sportlichen Bereich“
(ebd.:145) besonders für die Bildübertragungen geeignet erscheint (cf. auch
Reger 1979:269)
[10]
. Dieser, wie auch die anderen rekurrenten Bereiche erlauben
"Rückschlüsse auf tragende Prinzipien des Fußballspiels“ (ebd.).
Wie
auch schon bei der Betrachtung der allgemeinen stilistischen Merkmale erwähnt
wurde, ist der Gebrauch der Metaphern ebenfalls stark von dem jeweiligen
Berichterstatter abhängig
[11]
. Des weiteren soll darauf hingewiesen werden, daß bestimmte zu
Stereotypen gewordene und immer wiederkehrende Metaphern und Floskeln nach
einer bestimmten Zeit keine Verwendung mehr finden (Nascimbeni 1992:111). Da
eine sicherlich lohnenswerte Behandlung der sich hieraus ergebenden Frage nach
einem "Lebenzyklus" von Metaphern und der Isolierung seiner
einzelnen Phasen den Rahmen dieser Studie jedoch übersteigen würde,
beschränken wir uns in der nun folgenden Korpusanalyse auf die zuvor
dargelegten Fragestellungen.
4
Korpusanalyse 4.1 Das Korpusmaterial:
Fußballsprachliche Pressetexte aus
italienischen Tageszeitungen
Die
Grundlage dieser Analyse bildet ein 320 Metaphern umfassendes Pressekorpus,
das bei einer Analyse von Fußballberichten dreier italienischer
Tageszeitungen zusammengestellt wurde
[12]
. Insgesamt wurden 37 Artikel (36 Spielberichte und 1 Kommentar)
aus dem Zeitraum 12.05. - 29.05.97 untersucht. Die Angabe des Zeitraumes ist -
wie die Analyse zeigen wird - nicht unerheblich, da es sich um die Endphase
der Saison 96/97 der Serie A
(Entscheidungen um Meisterschaft, UEFA-Cup-Qualifikation und Abstieg) sowie um
die entscheidende Phase der internationalen Wettbewerbe (Champions-League und
UEFA-Cup) handelt.
4.2 Bildspender und Bildempfänger
Eine
Kategorisierung der ermittelten Metaphern nach der Herkunft des Bildes ergibt
eine breitgefächerte Palette an unterschiedlich rekurrenten
Bildspenderbereichen:
Tab. 1a:
Bildspenderbereiche (1-20)
[13]
Hinsichtlich
der Bildspenderbereiche lassen sich zwei Hauptergebnisse festhalten. Sie
betreffen die hohe Rekurrenz der traditionellen Bereiche sowie die immense
Vielfalt der bildspendenden Sinnbereiche.
Zunächst bestätigt diese Auflistung die Rekurrenz der für die
Fußballberichterstattung generell als traditionell angesehenen Sinnbereiche,
wobei auch im Italienischen die Bilder aus dem Militär- und Kriegswesen
eindeutig zahlenmäßig herausragen
[14]
; neben den die Grundstruktur des Fußballspiels bestimmenden
Metaphern wie etwa difesa ‘Abwehr’
(GS 29.05. 3)
[15]
,
attacco ‘Angriff’ (GS 29.05. 3),
truppa ‘Mannschaft’ (GS 26.05.
10) und vittoria ‘Sieg’ (RE
12.05. 41) werden die Bilder aus diesem Sinnbereich auch auf einzelne
Spielsituationen, Personen und deren Handlungen übertragen:
(1)
piomba in picchiata ‘einen
Angriff nach dem anderen durchführen’ (CO 12.05. 29), sconfitta
con le sue stesse armi ‘mit den eigenen Waffen geschlagen’ (GS 29.05.
3), il bomber ‘Torschütze,
torgefährlicher Spieler’ (CO 12.05. 29), il
siluro ‘sehr fester Schuß’ (RE 12.05. 39), una dignitosa
contraerea ‘gekonnte Abwehraktion‘ (CO 12.05. 29).
Einen
breiten Raum nehmen ebenfalls die Metaphern aus dem Sinnbereich „Mensch“
ein. Dabei werden für den Menschen typische Tätigkeiten, Charakteristika und
Fähigkeiten auf zumeist die Mannschaft als Ganzes betreffende Handlungen und
Eigenschaften übertragen
[16]
.
Fußball wird jedoch in der italienischen Presse nicht nur als
kämpferische Auseinandersetzung zweier zumeist personifizierter Teams
dargestellt, sondern auch als Show und Unterhaltung mit künstlerischen und
kreativen Momenten. Davon zeugen die Metaphern aus den Bereichen „Schauspiel/Theater/Film/TV“
und „Kunst und Literatur“: Der Verlauf eines Spieltages ist Il
film della [...]
giornata (RE 19.05. 41), der beste Spieler il protagonista della partita (RE 12.05. 43)
[17]
, die gute Leistung eines Spielers wird als spettacolo
(RE 12.05. 43) und die 34 Spieltage umfassende Saison als romanzo di 34 capitoli (GS 26.05. 7) bezeichnet.
Der allgemeine Trend der Verwissenschaftlichung von Sportereignissen
zeigt sich nicht nur in den zahlreichen Hintergrundinformationen und Analysen,
deren Umfang besonders bei der TV-Berichterstattung stetig zugenommen hat und
die Dauer der Spiele selbst nicht selten übertrifft, sondern auch in dem in
der Pressesprache nachzuvollziehenden Versuch, die Geschehnisse als
wissenschaftlich fundierte Tatsachen erscheinen zu lassen und - als
gegenläufige Tendenz zur zuvor festgestellten Anthropomorphisierung - den
menschlichen Aspekt der Anstrengungen und Leistungen der Spieler durch die
Benennung mit einem technischen Terminus zu mechanisieren. Zur
Veranschaulichung dienen die folgenden Korpusbelege:
(2)
clonare lo splendido primo tempo
‘die Leistungen der hervorragenden 1. Halbzeit wiederholen’ (GS 22.05. 3),
esaurito il rodaggio ‘nach
Beendigung der Gewöhnungszeit (CO 12.05. 27), verrá
riciclato nel ruolo di centrale ‘wird [diesmal] eingesetzt in der zentralen Position’ (CO 12.05.
28).
Wie
hier angedeutet wurde, dienen Metaphern dazu, das Geschehen auf dem Platz mit
menschlichen oder wissenschaftlich-technischen Attributen zu erfassen. Dennoch
bleibt ein recht großer Komplex, der den Fußballsport bewußt als vom
Schicksal gelenktes Glücksspiel umschreibt, dessen Ausgang - allen taktischen
Überlegungen vor dem und praktischen Anstrengungen in dem Spiel zum Trotz -
angeblich nicht durch den Menschen (hier: Trainer, Spieler, Schiedsrichter,
Zuschauer) beeinflußt werden kann. Hier finden sich vor allem Bilder aus dem
überdurchschnittlich rekurrenten Bereich „Spiel/Glücksspiel/Kartenspiel“
wie z.B.
(3) mischiare
le carte ‘die
Aufstellung ändern’ (RE 19.05. 42),
della famosa lotteria dei rigori ‘der
berühmten Lotterie des Elfmeterschießens’ (RE 22.05. 46)
und il poker ‘vier Tore in einem Spiel’ (GS 26.05. 20),
aber
auch aus den weniger häufig im Korpus belegten Sinnbereichen „Gewalt/Katastrophe/Unglück“,
z.B.
(4)
poi ai rigori il disastro ‘dann
das schwere Unglück beim Elfmeterschießen’ (RE 22.05. 46),
und
Mythologie/Fabel/Zauberei, z.B.
(5)
una magia ‘hervorragende
Leistung, die zu einem sehr schönen Tor führt’ (CO 29.05. 29).
Anhand
der Beispiele wird deutlich, daß mit Hilfe von Metaphern dieser Bereiche zum
einen Verantwortung für Mißerfolg verleugnet werden kann, indem negative
Ergebnisse auf das Schicksal oder auf andere höhere Gewalten zurückgeführt
werden
[18]
. Zum anderen werden die Leistungen von Spielern und Trainern durch
unangemessene Reduktion ihrer von mehreren Faktoren abhängigen Handlungen
nicht adäquat beschrieben
[19]
. Auch können die Metaphern dieser Bereiche überspitzt wirken
(z.B. il disastro) und somit einen
gewissen Leseanreiz darstellen.
Als zweites Hauptergebnis soll festgehalten werden, daß zusätzlich zu
den in Tab. 1a aufgeführten und zuvor zum Teil mit Beispielen belegten
Sinnbereichen, aus denen zwei Drittel aller Korpusbelege stammen, weitere
vierzig Sinnbereiche ermittelt werden konnten (cf. Anhang Tab. 1b). Diese
Vielfalt der Bildspender, die in der Fachliteratur oft zugunsten der
rekurrenteren traditionellen Bereiche zu kurz kommt, zeugt zunächst einmal
von dem Bestreben der Berichterstatter, die Ereignisse möglichst
abwechslungsreich zu schildern. So entsteht aber auch ein Bild von dieser
Sportart, das geprägt ist von Abwechslungsreichtum und Vielfältigkeit,
obwohl diese in der Realität aufgrund des relativ unkomplizierten Regelwerks
und der wenig komplexen Grundstruktur (Ziel und Ablauf des Spieles) eher recht
beschränkt sind.
Die folgenden Überlegungen zu den Bildspenderbereichen beschäftigen
sich mit der Metaphorik aus textlinguistischer und argumentatorischer Sicht. Die
mehrfache Verwendung von Metaphern des gleichen Bildspenderbereichs führt zur
Bildung von Isotopien. Sie dient dem Berichterstatter zur durchdachten
Textstrukturierung und somit dem Rezipienten zum leichteren Textverständnis.
Insgesamt konnten 73 (21,8 %) isotopiebildende Metaphern im Korpus ermittelt
werden. Dies zeugt von einem durchaus bewußten Einsatz der Metaphern als
textstrukturierendes Element. Die
mehrfache Verwendung von Bildern des gleichen Bildspenderbereichs kann jedoch
auch aus argumentatorischen Gründen geschehen: Da die Bilder aus den
traditionellen Bildspenderbereichen bereits fest in der Sprache der
Fußballberichterstattung verankert sind, kann der selbstverständlich
erscheinende und dem Leser nicht direkt bewußt werdende Einsatz weiterer
Metaphern aus diesen Bereichen dazu vorgenommen werden, zum einen weitere
Strukturen und tatsächliche Charakteristika, zum anderen aber auch allgemein
verbreitete Vorstellungen und Klischees von dem entsprechenden Bereich auf das
Fußballspiel zu übertragen. Hiermit verbunden sind häufig Verschleierung
und überspitzte, inadäquate Darstellung der tatsächlichen Ereignisse (cf.
Beispiele Fußnote 19).
Auch die umgekehrte Perspektive - d.h. der vom Bildempfänger
ausgehende Blick - ermöglicht weitere Aussagen zur Funktionalität der
Metaphorik in den italienischen Fußballberichten. Eine Einteilung des
zugrunde liegenden Korpusmaterials nach Bildempfängerbereichen ergab
folgendes Ergebnis:
Tab. 2:
Bildempfängerbereiche
Die
bei Gil (1998: 275ff.) für das Französische, Spanische und Katalanische
ermittelten Ergebnisse können anhand dieser Tabelle für das Italienische
grundsätzlich bestätigt werden: Die empfangenden Sinnbereiche stellen zu 80
% gar keine oder zumindest keine konkrete Handlung dar. Die verwendeten Bilder
betreffen vorwiegend die Mannschaften als Einheit (15,6 %), Grundelemente des
Fußballsports wie Sieg und Niederlage (9,4 %), allgemeine Aspekte des Spieles
(9,1 %) sowie generelle Aussagen zu Spielern (8,4 %).
Diese Ergebnisse lassen sich auf drei Hauptgründe zurückführen: -
In den drei untersuchten Zeitungen geht der Schilderung der wichtigsten
Spielszenen zumeist ein sehr allgemein gehaltener einleitender Teil voraus,
der sich mit den Mannschaften und dem Spiel als Ganzes befaßt. -
Der hohe Anteil der Metaphern im Bereich „Sieg und Niederlage“ ist zum
großen Teil auf die schon eingangs erwähnte Auswahl der Pressetexte
(Endphase der Saison) zurückzuführen. -
Neben diesen rein faktischen Gegebenheiten spielt der sprachfunktionale Aspekt
jedoch eine gewichtige Rolle: Metaphern werden in den o.g.
Bild-empfängerbereichen verwendet, um grundlegende Elemente und abstrakte
Sachverhalte möglichst plastisch und somit für den Leser leicht
verständlich und interessant darzustellen.
Die Resultate der Makroanalyse lassen sich hinsichtlich der Rekurrenz
der Bildspenderbereiche auch mikroanalytisch darstellen:
Tab. 3:
Mikroanalyse Bildspender-Bildempfänger
Aus
den Bereichen „Militär- und Kriegswesen“ und „Mensch“ werden
zahlreiche Bilder auf die Mannschaft übertragen. Während bei dem ersten
Sinnbereich die aufgrund ähnlicher struktureller Grundlagen naheliegende
Verknüpfung Kriegspartei-Fußballmannschaft im Vordergrund steht, soll mit
den Übertragungen aus dem Bildspenderbereich „Mensch“ die Mannschaft
(bzw. ein Mannschaftsteil) als ein mit menschlichen Eigenschaften und
Handlungen ausgestattetes Individuum dargestellt werden. Die
Personifizierung führt einerseits zur leichteren Identifikation des Lesers
mit der Mannschaft und dem Verein. Andererseits kann sie auch für stark
vereinfachende bzw. verallgemeinernde und somit Verantwortung verschweigende
Benennungen verwendet werden. Die folgenden Beispiele illustrieren diese
beiden meinungsbildenden Aspekte:
(6) La
Juve prende [...]
in
mano la partita ‘Juve
nimmt das Spiel in die Hand’ (GS 29.05. 3), dorme
la difesa ‘die Abwehr schläft’ (RE 19.05. 37), Il Verona dà l’addio alla A ‘Verona verabschiedet sich aus der
Serie A’ (RE 19.05.42), non ha più
nemmeno carattere ‘sie [die
Mannschaft von Napoli] hat nicht einmal mehr Charakter’ (RE 12.05. 43).
Metaphern
aus den Bereichen „Schauspiel/Theater/Film/TV“ und „Kunst und Literatur“
beziehen sich zum größten Teil auf das Spiel und seine Phasen. Dabei werden
allgemein bekannte Formen und Elemente von künstlerisch-literarischen Werken
zur Charakterisierung (prova generale
‘Generalprobe [letztes
Spiel vor UEFA-Cup Endspiel]’ RE 19.05. 37) und Strukturierung (scena ‘Spielszene’ GS 26.05. 10) des Fußballspiels
herangezogen. Die
bereits in diesem Abschnitt skizzierten Leistungen der Metaphorik in der
italienischen Fußballberichterstattung sollen in dem nun folgenden Teil
dieser Studie anhand ausgewählter Typen von Metaphern präzisiert werden.
4.3 Typen und Leistungen von
Metaphern
Das
Wesen der Metapher ist bestimmt durch die durch den Kontext determinierte
Bedeutungsübertragung (cf. Kap. 2; Weinrich 1976). Nach der Art der
Übertragung lassen sich vier Typen von Metaphern bestimmen, deren
zahlenmäßige Verteilung im untersuchten Korpus wie folgt aussieht:
[21]
Tab. 4:
Übertragungsarten
Die
Leistungen der konkretisierenden Metaphern als rekurrentester Typ
[22]
sollen anhand der folgenden Korpusbeispiele aufgezeigt werden:
(7)
le montagne russe ‘Achterbahn,
Unbeständigkeit einer Mannschaft’ (CO 12.05. 39), Il gol [...]
è l’apriscatole ‘Das Tor ist
der Dosenöffner, die Spielentscheidung zugunsten einer Mannschaft’ (GS
26.05. 12), la sua cassaforte ‘ihr
Panzerschrank, sichere Abwehr’ (GS 29.05. 3), il
preludio ‘Präludium, Anzeichen‘ (RE 12.05. 42).
Mit
Hilfe der konkretisierenden Metaphern gelingt es dem Berichterstatter,
Begriffe und Sachverhalte präzise wiederzugeben, ohne jedoch verkürzend oder
verallgemeinernd zu wirken. Im Vordergrund steht die adäquate, verständliche
und somit lesemotivierende Schilderung der Ereignisse. Lediglich
vorangestellte Adjektive verleihen den Metaphern dieses Typs auch affirmativen
oder wertenden Charakter, wie z.B. bei
(8) il
triste capolinea dell’Inter
‘die traurige Endstation von Inter, Endspielniederlage’ (GS 22.05. 3).
Auch
bei den personifizierenden und dynamisierenden Metaphern steht
Veranschaulichung durch den Textproduzenten und leichteres Verständnis
seitens des Rezipienten im Mittelpunkt.
Dynamisierende Metaphern, wie z.B.
(9)
rimettendo in pista ‘auf
die Siegerstraße zurückbringend’ (Co 12.05. 29), i tifosi juventini esplodono di gioia ’die Juve-Fans explodieren
vor Freude’ (GS 29.05.3) und la Juve
prende il largo ‘Juve sticht in See, entscheidet das Spiel für sich’
(RE 12.05. 39),
übernehmen
die Funktion, die Dynamik des Spiels als den besonders für den heutigen
Fußball zentralen Aspekt zu vermitteln. Auch spitzen sie die Geschehnisse -
häufig übertreibend - zu und bieten so eine Auflockerung der Berichte.
Wie die bereits angeführten Beispiele zur Anthropomorphisierung zeigen
(cf. Kap. 4.2), können personifizierende Metaphern auch unzulässige
Vereinfachungen beinhalten. Zudem sind vor allem die folgenden, die Spieler
umbenennenden Metaphern dieses Typs wie etwa
(10)
cerbero ‘Zerberus,
Torhüter’ (Co 12.05.28), i „baby“
‘junge Spieler’ (GS 26.05. 12), controllore
‘Kontrolleur, direkter Gegenspieler’ (RE 19.05. 42)
und il piccolo principe ‘der
kleine Prinz, Roberto Baggio’ (RE 12.05. 42)
semantisch
aufwertend bzw. komisch/amüsant-unterhaltend.
Die selten belegten sensorischen Metaphern werten die Aussage, wobei
sie zuspitzend und bisweilen auch ironisierend wirken können, z.B.:
(11)
passata indietro dolcemente
‘vorsichtig zurückgepaßt’ (RE 19.05. 36).
Eine
nun noch vorzunehmende Unterscheidung der Metaphern hinsichtlich der
Kreativität und des Habitualisierungsgrades verspricht weitere Erkenntnisse
zu Funktionen und Wirkungen der Metaphorik. Da
die häufig vorzufindende Klassifizierung in kreative (lebendige),
konventionelle und lexikalisierte (tote) Metaphern (cf. z.B. Ickler 1993:96;
Reger 1979:261) allerdings stark von dem Sprachbewußtsein und von der
Sprachkenntnis des Rezipienten abhängt und diese Klassen zudem fließende
Übergänge aufweisen (ebd.), beschränken wir uns in dieser Studie auf die
von Gil (1998:274ff.) vorgeschlagene vereinfachende Einteilung in kreative und
konventionelle Metaphern, wobei bei den letzteren die relativ objektiven, wenn
auch durchaus problematischen Kriterien der Lexikalisierung und hohen
Rekurrenz herangezogen werden
[23]
. Die
Korpusanalyse ergab die folgende Verteilung
[24]
:
Tab. 5:
Kreativität und Habitualisierung
Die
relative Häufigkeit der kreativen Metaphern mit neuen und somit
überraschenden Bildern zeigt bereits das offenkundige Bestreben der
Berichterstatter, die Schilderung der im Prinzip immer wiederkehrenden
Situationen möglichst interessant und unterhaltend zu gestalten. Den
qualitativen Aspekt der Bildhaftigkeit kreativer Metaphern illustrieren
eindrucksvoll die folgenden, ausgewählten Korpusbeispiele:
(12)
Ferrara prende l’ascensore
‘Ferrara nimmt den Aufzug, steigt zum Kopfball hoch’ (RE 12.05. 39), una di queste amnesie ‘eine von diesen Gedächtnisschwächen,
Abwehrfehlern’ (CO 12.05. 30), la
cavatina di ‘der Sologesang von, das Solo von’ (RE 12.05. 39), due tennista di domenica contro Sampras e Becker ‘zwei
Hobby-Tennisspieler gegen Sampras und Becker, zwei eindeutig unterlegene
Manndecker gegen zwei sehr gute Stürmer’ (GS 26.05. 7).
Da
konventionelle Metaphern dem Leser aufgrund des hohen Habitualisierungsgrades
weniger auffallen und somit auch weniger reflektiert werden, eignet sich
dieser Typ grundsätzlich dazu, Interessen und Meinungen der Reporter bzw. der
Zeitung in verkleideter Form weiterzugeben. In den zugrunde liegenden
Spielberichten geschieht dies vor allem bei den Spielen auf internationaler
Ebene: Die dort übliche Parteinahme für italienische Mannschaften wird
angedeutet durch Metaphern, welche die Sichtweise des Reporters erkennen
lassen, wie z.B.
(13)
la prima mazzata ‘der erste
Schlag, Tor gegen Juve’ (RE 29.05. 42) und i tedeschi
strappano la Coppa alla Juve ‘die Deutschen entreißen Juve den Cup’
(CO 29.05. 1).
Ein
bisher in der Fachliteratur kaum berücksichtigter Aspekt, der hier lediglich
exemplarisch vorgestellt werden soll, ist das Zusammenspiel der Metaphorik mit
weiteren sprachlichen Elementen. Wie
bereits in diesem Kapitel angedeutet wurde, können vorangestellte Adjektive
den metaphorischen Ausdrücken wertenden Charakter verleihen. Ebenfalls
können sie hyperbolische Bilder weiter verstärken:
(14)
autentiche autostrade ‘echte
Autobahnen, weite Räume’ (RE 19.05. 40), un
vero e proprio ciclone ‘ein wahrhaft regelrechter Wirbelsturm,
Kauf/Verkauf mehrerer Spieler’ (CO 12.05. 30)
[25]
.
Besonders
auffallend sind Metaphern dort, wo sie als Element eines rhetorischen
Stilmittels (z.B. bei Alliterationen) eingesetzt werden:
(15)
Una zampata di Zamorano ‘ein
[erfolgreicher] Torschuß von Zamorano’ (GS 22.05. 1).
Die
in der Korpusanalyse ermittelten Ergebnisse zum Italienischen bilden im nun
folgenden Kapitel die Grundlage für eine übereinzelsprachliche Betrachtung
der Metaphorik in der Fußballberichterstattung. Anhand ausgewählter
Beispiele aus Presseberichten und TV-Reportagen sollen sprachvergleichende,
weitgehend noch zu erforschende Aspekte der Metaphorik skizziert werden.
5
„Die La-Ola Welle schwappte
durch das Rund“ - Ausgewählte
Aspekte zur Internationalität und
Omnipräsenz von Metaphern in und aus der
Fußballsprache
Trotz
national (und z.T. auch regional) unterschiedlicher Spielauffassungen und
Spielsysteme läßt vor allem das international gültige Regelwerk der FIFA
(Fédération Internationale de Football Association) den Fußballsport in
aller Welt grundsätzlich einheitlich erscheinen. Ist aber auch das Sprechen
mit Bildern über das weitgehend „genormte“ Spiel ebenso homogen? Ein
Vergleich der zuvor referierten Ergebnisse mit denen der Studie von Gil (1998)
soll grundlegende Aspekte dieser Fragestellung für den südwesteuropäischen
Sprachraum beantworten
[26]
. Zudem sollen unter Berücksichtigung der deutschen
Fußballberichterstattung Perspektiven der ‘Eurometaphorik’ dargelegt
werden.
Ein Sprachenvergleich des Italienischen mit dem Spanischen,
Französischen und Katalanischen ergibt eine weitgehende Konvergenz der
Bildspender- und Bildempfängerbereiche
[27]
. Hinsichtlich
Kreativität und Isotopiebildung der Metaphern weichen die für das
Italienische ermittelten Werte nur unerheblich von denen des Spanischen ab. Generell
läßt sich sagen, daß sich diese romanischen Sprachen weitgehend
gemeinsamer, wenn auch unterschiedlich rekurrenter types
bedienen. Hinsichtlich der tokens
ist jedoch - abgesehen von international verbreiteten und durchweg
konventionellen Metaphern, welche zumeist die Grundstruktur des Spiels
erfassen - eher von einer sprachspezifischen Verwendung auszugehen (cf. auch
Gil 1998:282).
Als ein spezielles Phänomen der Eurometaphorik, die - wie zuvor
angedeutet wurde - für die
Sprache(n) der Fußballberichterstattung nur in beschränktem Maße zutrifft,
kann die Bildung von Metaphern durch lexikalische Entlehnung angesehen
werden. In
einem Vergleich der italienischen und deutschen Fußballsprache stößt man
auf folgende Belege:
-Italienisch
> Deutsch:
catenaccio ‘Abwehrriegel,
Abwehrtaktik’, -Deutsch
> Italienisch:
il bomber ‘Torschütze,
torgefährlicher Spieler’, il bunker
‘sehr defensive Abwehrtaktik’, il
panzer ‘robuster Spieler mit Durchsetzungsvermögen’.
Im
Gegensatz zu Bunker und Panzer
ist Bomber durchaus auch in deutschsprachigen Fußballberichten
geläufig. Wähend panzer in
italienischen Berichten hauptsächlich auf deutsche Spieler bezogen verwendet
wird (cf. De Fiore u.a. 1990:91),
wird catenaccio in deutschen Texten
fast ausschließlich für die Beschreibung des Abwehrverhaltens italienischer
Mannschaften herangezogen
[28]
. Was
die Verbreitung lexikalisch entlehnter Metaphern in den europäischen Sprachen
betrifft, so ist auch hier die Sonderstellung des Englischen hervorzuheben
[29]
. Eine in den europäischen Kultursprachen verbreitete Metapher
stammt jedoch aus dem Spanischen: Span. la
ola als das wellenähnliche Auf und Ab der Zuschauer auf den Rängen
konnte zumindest für das Italienische und Deutsche belegt werden
[30]
. Die Verbreitung des Phänomens
[31]
umfaßte hier auch gleichzeitig das in dem Ursprungsland zu dessen
Bezeichnung verwendete Bild. Wenn
auch lexikalische Entlehnungen sowie Lehnprägungen durchaus häufig ermittelt
werden konnten, bringt die Übersetzung von Bildern der Fußballsprache
erhebliche, auch für andere Bereiche immer wieder betonte Probleme mit sich
[32]
. Diese zeigen sich beispielsweise eindrucksvoll bei den
internationalen Pressestimmen in den deutschen Tageszeitungen
[33]
. Lösungen
für die Übersetzungsproblematik bei Fußballmetaphern können aber
wohl erst dann erfolgversprechend angegangen werden, wenn auf der
Grundlage umfangreicher Korpora das Wesen und die Leistungen der Metaphorik
allgemein sowie in der jeweiligen Textsorte (hier: Fußballberichte) für
Ausgangs- und Zielsprache bestimmt worden sind. Dabei werden gewiß
Paralleltexte (z.B. mehrere italienische und deutsche Spielberichte zu
einem bestimmten Spiel) behilflich sein.
Die Metaphorik der Fußballsprache stellt allerdings nicht nur ein
international verbreitetes und somit für den Sprachvergleich interessantes
Phänomen dar, sondern ist auch innerhalb einer Sprache omnipräsent. Der
Massensport Fußball ist ein zumindest im Profibereich durch die Massenmedien
bestimmter Sport geworden. Die stets zunehmende Anzahl der Fußballspiele auf
regionaler, nationaler und internationaler Ebene geht einher mit der stetigen
Zunahme der Live-Übertragungen, Fußballsendungen,
Berichterstattungen in der Tages- und Sportpresse sowie mit der damit
verbundenen enormen Produktion und Rezeption fußballsprachlicher Texte
[34]
. Der Zuschauer bzw. Leser wird sich bei der stets wachsenden
Anzahl der konkurrierenden Anbieter vor allem für das Medium entscheiden, das
die Fußballberichte möglichst interessant und unterhaltsam gestaltet, wobei
- so wurde hier für die italienische Sportpresse gezeigt - den
Berichterstattern die Bildhaftigkeit der Sprache als ein bedeutendes Mittel der Unterhaltung zur Verfügung steht. Daß
die ständige Präsenz der Sprache der Fußballberichterstattung nicht spurlos
an der jeweiligen (Gemein-)Sprache vorbeigeht, sieht man u.a. an der hohen
Frequenz von Bildern, die, aus der Fußballsprache kommend, in andere Bereiche
übertragen wurden. Im Deutschen kann eine Lösung eines politischen Problems
als Befreiungsschlag (WDR Hörfunk,
20.05.97) und die Einführung des
EURO als ein Steilpass in das nächste Jahrhundert (Westfälische Rundschau, 18.04.97) bezeichnet werden. Im
Italienischen findet sich die Fußballterminologie vor allem im Bereich der
Werbung wieder: So wird z.B. das zur Abdichtung von Balkonen und Terassen
verwendbare Produkt PLASTIVO der
Firma VOLTECO als squadra
antiacqua (GS 10.04. 32) angepriesen
[35]
.
6
Ergebnisse und Forschungsperspektiven
Metaphern
beschreiben den Fußballsport als Kampf- und Glücksspiel. Sie vermitteln
gegenläufig erscheinende Phänomene dieses Massen(medien)sports: Einerseits
wird die Mannschaft und nicht der einzelne Mensch (Spieler) in den Mittelpunkt
gestellt, andererseits werden dem Team wiederum menschliche Eigenschaften und
Fähigkeiten zugesprochen, die Leistungen einzelner Spieler aber werden
mechanisiert dargestellt. Aus
kognitiv-kommunikativer Sicht kann für die Metaphorik in der italienischen
Fußballberichterstattung von einer Multifunktionalität gesprochen werden.
Metaphern stellen die Geschehnisse auf dem Platz präzise, leicht
verständlich und somit lesemotivierend dar. Sie können jedoch auch
Information verschleiern und Komplexität und Verantwortung verschweigen. Die
große Anzahl an kreativen Metaphern aus verschiedensten Bildspenderbereichen
betont den hohen Unterhaltungswert der metaphorischen Ausdrücke. Auch soll
nochmals auf die Textfunktion (Bildung von Isotopien) sowie auf die
sprachökonomische Dimension aufmerksam gemacht werden. Der
Blick über die Grenze des Italienischen hinaus legt zentrale Perspektiven
für die moderne Metaphernforschung offen. Auf der Grundlage
einzelsprachlicher Analysen versprechen sprachvergleichende, vor allem auch
soziokulturelle Aspekte der Metaphernverwendung berücksichtigende Studien
wichtige Erkenntnisse zu Wesen und Leistungen dieses sprachlichen Phänomens,
dessen Vielschichtigkeit hier anhand italienischer Fußballberichte aufgezeigt
werden sollte. Für diese Textsorte ist die Metapher das, was die Tore für
das Fußballspiel sind, nämlich: Das Salz in der Suppe.
7
Bibliographie 7.1 Korpus
CO
= Corriere della Sera (Ausgaben vom
12.05.97 und 29.05.97).
GS
= La Gazetta dello Sport (Ausgaben
vom 22.05.97, 26.05.97 und 29.05.97).
RE
= La Repubblica (Ausgaben vom
12.05.97, 19.05.97, 22.05.97 und 29.05.97).
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8 Anhang: Tabelle
Tabelle 1b:
Bildspenderbereiche (1-61)
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[1]
Cf. Devoto
(1939:17): „persone malinconicamente deploranti lo sciupio di carta e di
aggettivi“. [2] Die folgenden Zahlen belegen diese Tatsache: Die Gazzetta dello Sport ist als reine Sporttageszeitung die italienische Tageszeitung mit der drittgrößten Auflage (cf. Brütting 1995:774). Dem Champions-League Endspiel zwischen Juventus Turin und Borussia Dortmund am 28.05.97 widmet sie am 27.05.97 insgesamt 3,5 Seiten und am 29.05.97 sogar 5,5 Seiten (Werbung jeweils abgezogen). Die
hohen Auflagen der italienischen Zeitungen sowie die ausgiebige
Berichterstattung der Medien
widerlegen eindeutig die von Angelo Stella (1973:147) aufgestellte Prognose:
„Oggi (1971) il baccano sportivo - in singolare contrasto con
approssimazioni e silenzi su altri argomenti - ha toccato limiti di
assordamento esperante: più che sperabile, una riduzione di volume è
certa.“
[3]
Es sei darauf hingewiesen, daß
die hier vorgestellten Leistungen sowie die in diesem Kapitel angeführten
Dimensionen und Typen nur jene Teilaspekte der Metaphorik abdecken, die für
diese pressesprachliche Untersuchung als relevant erachtet wurden und in der
Korpusanalyse untersucht werden. [4] Inhaltliche Verkürzung und Vereinfachung (cf. Reger 1979:275) kann jedoch auch zu Ungenauigkeit oder Oberflächlichkeit führen und somit - häufig bewußt - zur Meinungsbildung herangezogen werden (cf. Schmitt 1994:510). [5] Die der Fachliteratur entnommenen Charakteristika konnten tendenziell bei einer stichprobenartigen Kontrolle der zugrunde liegenden Zeitungstexte bestätigt werden. [6] Cf. hierzu u.a. Devoto (1939:18ff.), Stella (1973:141ff.), Schweickard (1987:62ff). Der Einfluß aus dem Englischen beruht auf den Tatsachen, daß England der Ausgangspunkt der Verbreitung des Fußballsports in Europa ist und das Englische nicht nur, aber vor allem im Sport als internationale Verkehrssprache dient (Schweickard 1987:168). Dieser Einfluß könnte sich in den kommenden Jahren weiter verstärken, da der englische Fußball mittlerweile wieder in Europa einen äußerst hohen Stellenwert genießt. Dagegen könnte jedoch sprechen, daß der sprachliche Einfluß des Italienischen auf andere europäische Sprachen während der großen Zeit des italienischen Fußballs in den 80er Jahren sehr gering war. Lediglich der berühmte italienische Abwehrriegel catenaccio sowie tifosi als Bezeichnung für die Fans finden sich beispielsweise in der deutschsprachigen Berichterstattung wieder. [7] Zu einzelnen Technizismen und zur Terminologie cf. Devoto (1939), Graziuso (1973 a, b), Marri (1983), De Fiore u.a. (1990). [8] So verwundert es auch nicht, wenn bei Schweickard (1987:127ff.) die Metaphorik als Unterpunkt zum Kapitel "Stilistische Besonderheiten der «cronaca calcistica»" abgehandelt wird. [9] Schmitt (1988:114) betont ebenfalls diesen sprachökonomischen Aspekt der Metaphern, wenn er feststellt, daß durch ihre Vewendung die Produktion unmotivierter Zeichen entscheidend eingegrenzt wird. [10] Schweickard (1987:147ff.) spricht von Herkunftsbereichen und führt neben dem Militärwesen die folgenden Hauptbereiche an, die er ohne Aussagen zu deren Frequenz mit Beispielen belegt: Andere Sportarten und Spiele; Theater, Film, Artistik, Musik und Tanz; Technik, Verkehr und Kommunikation. [11] Stella (1973:147ff.) hebt die Präferenzen einzelner Berichterstatter hinsichtlich bestimmer Bildspenderbereiche hervor. [12] Es handelt sich dabei um die allgemeinen Tageszeitungen Corriere della Sera (CO) und La Repubblica (RE) sowie um die Sporttageszeitung La Gazzetta dello Sport (GS). Die im einzelnen untersuchten Ausgaben sind im bibliographischen Teil dieser Studie aufgelistet. [13] Tab. 1a zeigt lediglich die ersten zwanzig Ränge der Bildspenderbereiche. Die Anzahl der unter „sonstige Bildspenderbereiche“ subsumierten Sinnbereiche beläuft sich auf 40 (cf. Anhang, Tab. 1b). [14] Da der metaphorische Gehalt eines Ausdrucks graduell ist und von mehreren Faktoren bestimmt wird, sollen die in dieser Studie dargelegten statistischen Angaben zur Rekurrenz bestimmter Metapherntypen lediglich als ein erster, rein quantitativer Anhaltspunkt verstanden werden (cf. auch Weydt 1988:304).
[15]
(GS 29.95. 3): La Gazzetta dello Sport vom 29.05.97, Seite 3. [16] Weitere Ausführungen und Beispiele zur Anthropomorphisierung cf . Kap. 4.3. [17] Mit protagonista wird auch eine überragende Mannschaft (GS 26.05. 11) bezeichnet. [18] Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß harte Kritiken und persönliche Schuldzuweisungen dennoch überaus häufig in der italienischen Sportpresse zu finden sind. [19] Cf. die angeführten Korpusbeispiele: Bei der Aufstellung einer Mannschaft (hier sehr reduzierend als ‘Kartenmischen’ bezeichnet) spielen Aspekte wie z.B. Fitness und Form der Spieler, Spielsystem des Gegners, eigene Taktik und Zielsetzung etc. eine entscheidende Rolle. Auch ist das Elfmeterschießen wesentlich realistischer als eine ‘Lotterie’: trainierbare Fähigkeiten von Schütze und Torwart (z.B. Balltechnik/Schußgenauigkeit u. Konzentrationsfähigkeit des Schützen sowie Reaktionsfähigkeit des Torwarts) minimieren die zur stets wiederholten Stereotype gewordene Glücks- oder Zufallskomponente des Elfmeterschießens doch erheblich. [20] Zur Aufschlüsselung cf. Tab 2, Spalte 1. [21] Zur Definition der einzelnen Typen cf. Reger (1973:262ff.) [22] Auch Reger (1973:264) betont die hohe Rekurrenz dieses Metapherntyps in der Pressesprache und insbesondere in der Sportberichterstattung. [23] Auf die Problematik der Lexikalisierung von Metaphern macht insbesondere Schmitt (1995:321) aufmerksam. [24] Als Kriterien wurden die Hinweise zur möglichen figurativen Verwendung der Korpusbelege im relativ aktuellen Wörterbuch LO ZINGARELLI (121996) herangezogen. [25] Eine Abschwächung von hyperbolischen Bildern liegt vor bei la mini-revoluzione ‘Mini-Revolution, Einwechslung von drei Spielern‘ (CO 12.05. 30) und la sua piccola guerra ‘seine kleine Auseinandersetzung’ (RE 19.05. 41). [26] Da die vorliegende Studie sowie auch jene von Gil auf einem recht begrenzten Korpusmaterial basiert, können die folgenden Ergebnisse lediglich als vorläufig angesehen werden. [27] Bildspender- und Bildempfängerbereiche unterscheiden sich in diesen Sprachen lediglich hinsichtlich ihrer Rekurrenz. [28] Cf. auch die sehr verbreiteten Metaphern Abwehrriegel, Abwehrkette, die das gleiche Bild wie itl. catenaccio vermitteln. [29] Cf. z.B. derby und k | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||