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Dunkel ist’s im Zauberwald – zur Verwendung von Metaphern in NLP-Ratgeberliteratur

Peter Gansen, Gießen (petergansen@gmx.de)

1. Kurzrezension/Zusammenfassung[1]

Das Buch Alles Einbildung. Neue therapeutische und pädagogische Metaphern von Alexa Mohl enthält 40 kurze Geschichten, die zwei vorausgegangene Publikationen ergänzen − das Metaphern-Lernbuch und Der Wächter am Tor zum Zauberwald. Therapeutische und pädagogische Metaphern. Alexa Mohl ist Psychologin und arbeitet selbständig als Coach, psychologische Beraterin sowie als Personal- und Führungstrainerin. Sie verwendet in ihren Seminaren die Methoden des NLP (Neurolinguistisches Programmieren) und vermittelt diese auch in einer sogenannten NLP-Master-Ausbildung weiter. In den verschiedenen Seminaren werden „Metaphern-Geschichten“ benutzt und entwickelt. Dabei geht es „immer um echte individuelle Probleme, zu deren Lösung eine Metapher geschrieben wird“ (S. 8). Ein großer Teil der im vorliegenden Buch zusammengefassten Geschichten ist also von Seminarteilnehmern unter Anleitung geschrieben worden, für andere Geschichten bzw. „Metaphern“ – die Begriffe werden von Mohl synonym verwendet – dienten die Probleme von Klienten als Grundlage. Offensichtlich hat die Autorin die meisten Texte auf ihre Therapieziele hin und von ihren „NLP-Formaten, -Konzepten oder Kategorien“ ausgehend entwickelt bzw. ausgewählt − denn nach diesen sind „nicht wenige der Geschichten aufgebaut“ (ebd.) −, um sie in das eigene Kursprogramm einzupassen und sie für dieses nutzbar zu machen. Dabei wird darauf verzichtet, die Metaphern zunächst zu beschreiben, zu analysieren und auf dieser Grundlage die psychologischen und pädagogischen bzw. therapeutischen Implikationen zu klären.

Bei fast allen Geschichten kann man hinsichtlich der Figuren und Motive sowie der sprachlichen und formalen Erzählweise den Bezug zu bestimmten literarischen Formen wie Fabeln, Märchen, Sagen und Mythen feststellen: Es agieren in den Texten in fabelhafter (also anthropomorphisierender) Weise Bären, Gänse, Störche, Hasen, Hamster, Schmetterlinge und Schweine. Daneben ist von adligen Herrschern, Prinzen und Prinzessinnen, Feen, Engeln, Hexen und Zauberern, Dornröschen, dem steinernen Lieserl und anderen märchenhaften Gestalten die Rede, die „Vor Zeiten...“, „In einem fernen Königreiche...“ oder „Vor langer Zeit in einem großen Wald...“ einmal waren und läuternde Geschichten erlebten. Außerdem treten bekannte mythische Protagonisten wie Amor, Sisyphos und Prometheus auf (sogar ein sagenhafter Samurai aus dem alten Japan), die sich in Prüfungen als Helden erweisen müssen.

Liest man die Verwendungshinweise zu den Texten, so wird deutlich, dass es sich hier um Mustergeschichten handelt, die den Klienten therapeutisch auf für ihn vermeintlich geeignete metaphorische Selbstkonzepte und Erzählungen lenken sollen – Psychologen würden vielleicht von handlungsorientierenden Skripts, Schemata oder kognitiven Modellen sprechen. Auf dem Weg der Identifikation mit den Protagonisten wird eine Selbsterkenntnis, -heilung und -optimierung zum erklärten Ziel. Mohl spricht im Klappentext im Hinblick auf die Form der Geschichten einerseits von NLP-Standard-Formaten, NLP-Konzepten und -Kategorien und stellt andererseits den Bezug zu klassisch-mythischen Heldengeschichten und deren typischen Erzählmustern her[2].

Das vorliegende Buch von Alexa Mohl liefert den Lesern keine definitorische Eingrenzung des leitenden Metaphernbegriffs. Es entsteht allerdings insgesamt der Eindruck eines sehr weit gefassten und unscharfen Metaphernverständnisses[3]. Es wird keine Literatur zur Metapherntheorie herangezogen und nirgendwo erfolgt eine theoretisch-systematische Auseinandersetzung mit den Themen Metaphorik und biographisches Erzählen. Zur Nutzung der Texte in NLP-Zusammenhängen werden sehr kurze, allgemein gehaltene und – sicher nicht nur für Nicht-NLPler – oft unklare Angaben gemacht, zu den dort aufgegriffenen Problemen werden jedoch keine entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen, pädagogischen oder identitätstheoretischen Grundlagen präsentiert.

Es liegt hier also eine Sammlung von zur Sinnstiftung anregenden Gleichnisgeschichten vor, die zum Einsatz für verschiedene persönliche, soziale und kommunikative Probleme gedacht sind. Rudolf Schmitt (2001) spricht in einem sehr lesenswerten Aufsatz zur Metaphorik in der Psychologie mit einem kurzen Blick auf anwendungsbezogene, therapeutische Metapherngeschichten-Bücher von Gordon (1985), Bacon und Mohl (1998) von „mehr oder minder ausgebauten Beispielgeschichten, also Allegorien“, in denen Metaphern „zwanglos als suggestive Mittel“ benutzt werden. Er erwähnt in diesem Zusammenhang ausdrücklich einen Gegenentwurf von Kopp (1995), der sich in seiner „metaphor therapy“ konsequent an die Metaphern seiner Klienten hält (vgl. Schmitt 2001, S. 10).

Der Rezensent möchte nach diesem kurzen Überblick für eine eingehendere Analyse der Geschichtensammlung zunächst drei der Texte und die dazugehörigen Verwendungshinweise vorstellen, um den „Metapherngehalt“ und den impliziten Metaphernbegriff (oder wenigstens das Metaphernverständnis) der Autorin herauszuarbeiten. Anschließend wird eine Geschichte ausführlicher dargestellt, die auch für die Master-Ausbildung im NLP genutzt wird und damit ein Leitbild für das professionelle Selbstverständnis von Mohl und ihren Mitstreitern liefert. Die NLP-Werke der Autorin sollen dabei in Bezug auf Forschungszusammenhänge zur Metaphorik beurteilt werden. An einigen Beispielen, insbesondere an dem Begriff bzw. methodischen Konzept des „Reframings“, wird auch die implizite Metaphorik des NLP sprachkritisch untersucht.

2. Satyr[4] und Samurai – alles Einbildung?

2.1 Samurai

Im Text „Samurai“ (Mohl 2001, S. 90 f.) hat ein „hochgeachteter“ und eifriger Protagonist, der zu der im Titel genannten Spezies gehört, den großen Traum in die Leibgarde des großen Clanführers aufgenommen zu werden. Um dorthin zu gelangen, muss der Samurai sich einer schwierigen Aufnahmeprüfung unterziehen, deren einzelne Teile er mit Bravour meistert, bis schließlich die alles entscheidende finale Prüfung durch den Clanführer selbst bevorsteht. Der von jenem verehrte und geliebte Meister verlangt nun, dass der Samurai sein Schwert gegen ihn erheben und ihm einen Hieb versetzen solle. Unser Titelheld befindet sich also in einem Dilemma: Befehlsverweigerung und Versagen oder konsequentes Handeln und den Tod des Führers riskieren. In diesem Zwiespalt durchlebt er alle Kampfsituationen seines Lebens noch einmal, und ihm wird klar, dass er sein Schwert niemals zu Unrecht gebraucht hat. „Mit dieser Gewissheit und dem Mut der Verzweiflung [...] befolgt der Samurai seine innere Stimme“ (Mohl 2001, S. 91) und entschließt sich, den Befehl zu befolgen. Der Meister pariert und macht ihn zum ersten Kämpfer der Leibgarde. Und der Erzähler ist sicher: „Kein Clan kann ohne solche Männer leben...“ (ebd.)

In dem Schlussteil des Buches, in dem auf die Verwendungszwecke der Geschichten hingewiesen wird, heißt es zu „Samurai“: „Eine Geschichte für Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich mit geliebten anderen Menschen auseinander zusetzen, aus Angst, sie zu verletzen“ (ebd., S. 110)

Ob der Plot der Geschichte als Leitbild für die hiermit anvisierte Klientel tatsächlich so hilfreich ist, erscheint fraglich. Dies angemessen zu beurteilen, übersteigt die Kompetenz des Rezensenten und sei daher therapeutisch versierten Psychologen überlassen. Unter dem Aspekt der Metaphorik betrachtet bietet der Text jedenfalls wenig und ist damit bezeichnend für die ganze Sammlung: Es liegt eine recht simple, auf einen bestimmten Konflikt hin angelegte gleichnishafte Geschichte vor, die sich um etwas sagenhaftes, pittoreskes Beiwerk bemüht – hier ist es das Kolorit des alten Japans. Weder die  Gesamtidee noch die sprachliche Ausführung im Einzelnen bieten eine interessante Metapher. Vielmehr soll wohl die Dilemmasituation des Helden gleichsam als metaphorisches Modell zur Identifikation anregen, um die im Hinweis angesprochenen Personen zu belehren und damit zur Änderung ihres gewohnten Verhaltens zu bewegen, im Sinne von: Tu es dem Samurai gleich! Die Absicht und Moral der Geschichte sind eindimensional und eindeutig und werden diskursiv-literal dargeboten, das eigentlich Reizvolle an einer (innovativen) Metapher fehlt; denn die „Metapher Samurai“ gibt kaum etwas zu denken. Sie ist, um der Terminologie des Metaphernforschers Max Blacks zu folgen, weder emphatisch noch erzeugt sie Resonanz[5].

2.2 Sisyphos und die Hamster

Die Geschichte „Sisyphos und die Hamster“ ist für „Workaholiker“ geschrieben worden (Mohl 2001, S. 106). Der Hamster Paulchen hadert zu Beginn der Geschichte mit seinem Schicksal des ständigen Im-Rad-Laufens. Er spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „Tretmühle“[6]. Zu diesen beiden bekannten Metaphern kommt eine dritte bedeutungsähnliche: Freund Max schildert dem klagenden Paulchen das Dasein seines mythologischen Schicksalsverwandten Sisyphos. Paulchen, noch erregter ob solcher Sinnlosigkeit, insistiert im Fortgang des Dialogs auf der Frage nach dem Warum. Max versucht mögliche Gründe für Sisyphos’ Verhalten anzugeben: Er füge sich in die Strafe der Götter, finde aber vielleicht auch Gefallen an seiner Aufgabe, wolle schlicht nicht aufhören, tue es zum Gottgefallen und eben, weil es bedeute Sisyphos zu sein usw. Paulchen will nichts von dem gelten lassen und tut alles als absurd ab, bis Max schließlich auf die erneute Frage nach dem Warum entnervt und den anderen verblüffend meint:

„Vielleicht hat er das nur gemacht, weil er keine Lust hatte über sein Leben nachzudenken. [...] Du müsstest es ja wissen, [...] ,du rennst doch auch dauernd in deinem Rad, was das Zeug hält und kannst nicht mal behaupten, das sei eine Strafe der Götter.“

Am Ende der Geschichte stellt ein Hamster dem anderen in Form der Sisyphos-Geschichte also direkt den Spiegel vor bzw. zwischen beider Tun eine Analogie her.

Der Mythos von Sisyphos wird als Metapher herangezogen, der Hamster Paulchen bietet sich für den Leser stellvertretend zum Vergleich an. Das Bild von Sisyphos und seinem monotonen Schicksal regt seit der Antike zum Nachdenken und zur Identifikation an und provoziert von jeher die Frage nach dem Warum. Auch hier wird durch Hamster Max der Versuch unternommen, gute Gründe für dieses Verhalten oder Handeln zu finden.[7] In seinem Versuch, Antworten zu finden, liegt hier auch Trost und Erklärung für das sinnlose Dasein, fast im Sinne des berühmten Schlussspruchs Camus’ unter der Überschrift ’Fluch und Seligkeit’: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“ (Camus 1997, S. 128, Hervorhebung im Original). Außerdem wird als Gegenpol Kritik an einem eventuell gedanken- ja bewusstlosen Weitermachen geübt, indem die Möglichkeit eines Durchbrechens des ewigen Kreislaufs angedeutet wird.

Der Mythos von Sisyphos ist ein wirklich starkes Bild und kann noch immer eine nachdenklich stimmende Metapher für den Menschen der (reflexiven oder Post-)Moderne sein[8]. Es fragt sich im vorliegenden Falle nur: Was sollen die Hamster? Diese haben offensichtlich nur eine Stellvertreterfunktion. Der antike Mythos wird durch sie in keiner Form bereichert. Sie denken für den Leser nicht in analogischen Prozessen (Grundlage jeder Metaphorik) weiter und suchen nach Parallelmetaphern. Sie brechen nicht in die Geschichte ein, um sie fortzuspinnen, zu verändern oder variierend das Bildfeld[9] zu erweitern (Berg, Stein, Rollen etc.). Kurz: Alles, was an dieser Geschichte anspricht, ist in dem Mythos schon enthalten, jede innovative Auseinandersetzung mit diesem unterbleibt.

2.3 Der erstarrte Jüngling

Die Geschichte „Der erstarrte Jüngling“ soll als Metapher die „Satir-Kategorie Rationalisierer“[10] beschreiben und Personen, die zu dieser Kategorie gehören, zur Änderung ihrer Einstellungen und Verhaltensweisen bewegen (vgl. Mohl 2001, S. 107).

Der Plot: Ein Findling wächst bei einem Baron auf. Er ist intelligent und hat „gute charakterliche Anlagen“ (ebd., S. 43). Man lässt ihm eine aristokratische Erziehung angedeihen, um den ehrgeizigen Jüngling schließlich in die Gesellschaft einzuführen, in der er sich erfolgreich und anerkannt bewegt. Allerdings empfindet der starre Jüngling seine ungeklärte Herkunft als Makel. Er fühlt sich nicht zugehörig und im Bewusstsein seiner Pejorität versucht er stets besonders gut zu sein, überkorrekt und übervernünftig. Er hat für alles eine rationale Erklärung, ist sehr auf Konventionen fixiert, innerlich immer vom Urteil anderer abhängig („Über-Ich-gesteuert“, wie der Psychoanalytiker schließen würde), wirkt dadurch gehemmt und ist unbeliebt. Er ist also eigentlich nicht er selbst, in den Begriffen des NLP leidet er an einer Form der „Inkongruenz“ und gehört zum Typ „Rationalisierer“. Plötzlich erfährt der erstarrte Jüngling nun, dass er ein Grafensohn ist. Dies führte augenblicklich zu einer Verwandlung:

„Die Starrheit, in die er seinen Körper und seine Gedanken eingesperrt hatte, fiel von ihm ab. Er wurde beweglich. Sein Gang wurde geschmeidig, seine Gesten lebendig. Seine Rede bekam Witz. Sein Geist sprühte...“ (ebd., S.44).

Wiederum liegt der „Metapherngeschichte“ keine wirklich prägnante und innovative Metapher zugrunde. Lediglich das Phänomen Starrheit wird als metaphorisches Symptom für eine gleichnishafte NLP-Fallgeschichte verwendet[11], literal weitergeführt und in einem wenig bildhaften Text ausgebreitet, der – wie andere – mit märchenhaften Elementen angereichert wird. Der metaphorische Gehalt der Geschichte, die diskursiv und detailliert typische Einstellungen und Handlungsweisen beschreibt, ist gering. Der „erstarrte Jüngling“ selbst ist ebenso wenig wie der Samurai eine Metapher i.e.S., er gibt anscheinend lediglich eine Merkhilfe für die Satir-Kategorie „Rationalisierer“ ab. Als „großförmige“ Metapher gelesen gibt der Text ein sehr eindeutiges Bild ab und regt wenig zum Nachdenken an. Metaphorisch interessante Ideen werden den Zwecken des NLP geopfert. Denkbare Fragen zur Metaphorik der Ausgangsidee wären z.B.: Wie wäre das metaphorische Konzept weiterzuspinnen? Welche Formulierungen gehören noch dazu? Was wäre das entgegengesetzte Konzept zu RATIONALITÄT IST STARRHEIT? Wie würde ein „erstarrter Jüngling“ selbst sprachlich agieren? Was bietet die sprachkritische Literatur dazu?[12] Welche Metaphern verbergen sich in der für die Geschichte zentralen „Verwandlung“? Metaphern und Mythen der Metamorphose könnten interessant sein u.Ä.

3. NLP oder die Kunst des Teppichwirkens

Das Neurolinguistische Programmieren[13] kann als eine Methode zur Verhaltensänderung verstanden werden (eine Einordnung in das anerkannte Fachgebiet der Verhaltenstherapie verbittet sich die Psyhologenzunft). Es werden die Wahrnehmungs- und Erinnerungsprozesse, das Denken und die Kommunikationsweisen der Klienten analysiert, ihr Umgang mit Problemen usw. Die Therapiepatienten oder Management- und Führungstrainingkandidaten können anhand einiger Tests in bestimmte Typologien und Kategorien eingeordnet werden. Mit verschiedenen Übungen nach NLP-eigenen Konzepten werden sie dann auf Verhaltensänderungen hin trainiert. Sie werden in die Lage versetzt, ihre alltäglichen Einstellungen, Verhaltensweisen, ihre Körpersprache und Gefühle nicht nur zu erkennen, sondern so zu ändern, dass sie das Gelernte selbstgesteuert anwenden können bzw. in ihre Persönlichkeit integrieren (ob es darum geht, Ängste zu überwinden, schlechte Gewohnheiten aufzugeben oder erfolgreicher im Beruf zu werden) – ja „NLP ermöglicht einem Menschen nicht nur der zu werden, der er sein könnte, sondern darüber hinaus, der zu werden, der er sein möchte“ (Mohl 2003, S. 16). Es wäre sicher eine interessante Aufgabe und eine eigene wissenschaftliche Arbeit wert, die „implizite Metaphorik“ des aus Versatzstücken der Neurobiologie und Kognitionspsychologie entwickelten NLP mit dem geeigneten metaphern- und wissenschaftstheoretischen Rüstzeug[14] zu untersuchen. Dies kann hier nur in Ansätzen geschehen: Systemkonstitutiv und handlungsleitend scheint ein informationstheoretisches Modell des menschlichen Geistes zu sein. Das metaphorische Konzept GEHIRN/GEIST IST EIN COMPUTER herrscht vor, teils explizit, teils im Hintergrund. Es bildet den Ausgangspunkt bei den Kanälen der sinnesspezifischen Erfahrungen (visuell, auditiv, kinästhetisch usw.), also den Medien der Wahrnehmungen und Erinnerungen, mit dem Ziel einer in Selbststeuerung übergehenden Manipulation des Klienten bezüglich seiner Denkprozesse und Verhaltensweisen. - Im analogen Modell bzw. dem metaphorischen Konzept DER GEIST IST EIN COMPUTER: Umstrukturierung der gespeicherten Daten und der Verarbeitungsmechanismen, teilweise Löschung dieser, Einspeicherung neuer, Festigung durch wiederholtes Abrufen usw.

Die rationalistische Computermetaphorik dieses pseudowissenschaftlichen Programms steht allerdings in krassem Widerspruch zu den blumigen Werken zur Sprache und Metaphorik aus dem Umkreis des NLP, an die das vorliegende anschließt. Schon in Buchtiteln und Klappentexten häuft sich die buchstäblich esoterische Metapher des „Zauber(n)s“, was zwar zu den aufgebauten Ansprüchen und den hier besprochen pittoresken Allegorien mit Märchencharme passt, aber angesichts der skizzierten Hintergrundmetaphorik dieser ach so kognitivistischen und klaren Therapie- und Beratungsschule seltsam anmutet: Dort sind Titel zu finden wie Der Zauberlehrling – Das NLP Lern und Übungsbuch, Der Zauberlehrling II, Der Wächter am Tor zum Zauberwald, Das Metaphernlernbuch – Geschichten und Anleitungen aus der Zauberwerkstatt, Geschichten mit Zauberkraft oder Triffst du `nen Frosch unterwegs...NLP für die Praxis. Offensichtlich überwiegt hier die Überzeugung von zauberhaften positiven Kräften des Metaphorisierens (und Identifizierens) in Geschichtenform als eine therapeutische Lenkung des Klienten auf für ihn geeignete metaphorische Selbstkonzepte und Erzählungen. NLP in toto und die dazugehörigen „Metapherntexte“ sind gleichsam psychologische Allzweckwaffen gegen Kettenrauchen, Übergewicht Minderwertigkeitskomplexe, Partnerschaftsprobleme, Jobversagen etc.

Alexa Mohl liefert in dem vorliegenden Buch nirgendwo Informationen zu ihrem Metaphernverständnis und -begriff, allerdings bietet die Geschichte „Die Teppichwirker“ einen anschaulichen Einblick in das (metaphorische) Selbstverständnis der Neurolinguistischen Programmiererin Mohl und das ihrer Zunft. In dem Verwendungshinweis heißt es dazu:

„Diese Metapher ist als Einleitung für meine NLP-Master-Ausbildung geschrieben. Sie soll auf metaphorischer Ebene die Lernziele deutlich machen, die NLP vermitteln kann, insbesondere auch die sekundären Lernziele wie die Achtung des anderen in seinem Anderssein wie auch ein neues menschliches Miteinander“ (Mohl 2001, S. 106).

Auch die Teppichwirker-Geschichte kommt nicht ohne märchenhaften Kontext aus. Zwillingsgeschwister, Prinz und Prinzessin, zogen nach der vortrefflichsten Ausbildung am Hofe in die Welt hinaus; denn, so der Prinz: „Es muss im Leben mehr zu erreichen sein, als einem gegeben werden kann…“ (Mohl 2001, S. 32). Nach langer Reise und Suche standen sie schließlich vor einer Handwerksgilde, einer „Teppichwirkerei“, und traten ein, um die Kunst des Teppichwirkens zu erlernen. Was aber lernten sie dort?

„Zuerst lernten sie, feine Garne zu spinnen und zu färben. Dann übten sie ihre Augen im Erkennen und Unterscheiden von Mustern. Denn in dieser Werkstatt wurden Gewebe von besonderer Feinheit und Zartheit hergestellt. Und bevor man sie an die Webstühle führte, lehrte man sie einen besonders behutsamen Umgang mit dem Gewebe. Danach erwarben sie die Fähigkeit, alte Teppiche und Gobelins auszubessern, Knoten zu lösen, dünne Stellen zu verstärken, neue Fäden einzuziehen und Flecke und Verfärbungen zu entfernen. Erst dann unterrichtete man sie im Entwerfen neuer Teppiche. Und sie lernten weben, ein jedes Stück nach einem einzigartigen Muster“ (ebd., S. 32 f.).

Im Fortgang der Geschichte gelangten unsere Helden in den großen Saal, wo alle Teppichwirker in bester Laune an einem riesengroßen Gobelin saßen:

„Jeder wirkte ein anderes Muster. Aber wie durch Zauberhand verbanden sich die Muster zu einem herrlich farbigen Tuch von ausgesuchter Kunst“ (ebd.).

Hier vollendeten die Zwillinge ihr Kunsthandwerk. Als sie in die Heimat zurückkehrten, waren sie nicht dieselben:

„Mit wem immer sie zusammenkamen, dessen Antlitz erhellte sich, dessen Gestalt richtete sich auf, dessen Bewegungen wurden leicht und beschwingt (...) wie durch Zauberhand verbanden sich die Gesten der Menschen, ihre Worte und die Werke ihrer Hände zu einem harmonischen Ganzen“ (ebd.).

Vom König angesprochen, was sie denn in der Fremde gelernt hätten, entgegnet der Sohn:

„Wir haben gelernt, Muster zu lieben in all ihrer Vielfalt, sie zu entdecken, sie zu vervollkommnen, neue zu entwerfen und zu wirken. Und dabei haben wir gelernt, überall im Leben hervorzubringen, was ein gnädiges Schicksal nur selten gewährt“ (ebd.).

Überhören wir zunächst das messianische Selbstbild des von der Kunst des Teppichwirkens erfüllten Prinzen und analysieren die Geschichte hinsichtlich ihres Metapherngehalts, so wird deutlich, dass sie die anderen hier skizzierten (und alle übrigen des Buches) weit übertrifft. Das „Teppichwirken“ ist, wenn auch hier wieder analogisch von NLP-Zwecken her konzipiert, als Metapher durchdacht. Es liegt eine konsistente Metaphorik vor, die tatsächlich fast die gesamte Erzählung durchzieht. Das „Teppichwirken“ zeigt sich als emphatisch und resonant (s.o., Note zu Black), es dient als eine einprägsame Leitmetapher für die Geschichte und als ein Leitbild für den NLP-Meister in spe. Von ihr ausgehend entspinnt sich ein ganzes Bildfeld, das detailreich und nachvollziehbar ausgebreitet wird. Diese Metaphorik ist anschaulich und verständlich, aber nicht zu trivial und regt zur Auseinandersetzung an. Sie scheint als Bild für das professionelle Selbstverständnis von Personen in einer Reihe von sozialen und pädagogischen Berufen denkbar zu sein[15]. Kurz: Diese allegorische Geschichte hat wirklich einen metaphorischen Kern und scheint für eine anregende Beschäftigung sehr hilfreich zu sein. Allerdings wäre auch hier zumindest in der „Bedienungsanleitung“ eine weitergehende Analyse und damit auch kritische Distanz wünschenswert gewesen. Solange über Metaphorik geforscht und geschrieben wird (also etwa seit Aristoteles) ist es eine Binsenweisheit, dass die Metapher – Vorsicht Metapher! – janusköpfig ist. Zunächst einmal gibt es nicht nur gute, sondern ebenso auch schlechte (oder böse...-) Metaphern[16]. Dann aber, unabhängig von jeder normativen Betrachtung, kann eben jede Metapher auch nur so wertvoll sein wie das metaphorische Denken, das sich an ihr entfalten kann. Die Zweischneidigkeit der Metapher haben Lakoff und Johnson auf eine sehr treffende solche gebracht, nämlich die des  „Highlighting and Hiding“ (vgl. Lakoff/Johnson 1998, S. 10 ff.): Eine Metapher fokussiert in einer bestimmten Perspektive einen ausgewählten Teil eines Gegenstands, macht uns Aspekte auf eine Weise deutlich und prägnant wie es eben nur diese Metapher kann. Das bedeutet jedoch zwangsläufig, dass andere Aspekte ausgeblendet werden und im Dunkeln bleiben. Nimmt man das zur Kenntnis, sollte man wohl wissend um das potentiell manipulative Funktionieren von Metaphern nicht mehr so oberflächlich und unreflektiert mit ihnen umgehen wie im vorliegenden Buch und dem „System“ NLP. Angesichts dieses typischen Charakteristikums der Metapher und seiner Implikationen ist eine kritische Distanz im Umgang mit den eigenen Metaphern geboten und stets auch die Frage, was eine Metapher nicht zeigt bzw. verstellt, welche falschen, scheinbaren Selbstverständlichkeiten sie einem suggeriert[17].

Im vorliegenden Fallbeispiel wäre demzufolge zu fragen:

Welche Erweiterungen im Bildfeld des Teppichwirkens gibt es noch? Wo sind die Grenzen des „Teppichwirkens“=NLP – und damit der Manipulation? Was bedeuten die aus dem Bildfeld abgeleiteten Metaphern im Einzelnen? Welches Menschenbild ist aus ihnen ableitbar? Welche Alternativmetaphern, welche grundsätzlich anderen Auffassung und metaphorischen Beschreibungen vom pädagogischen oder therapeutischen Umgang mit Menschen sind denkbar?

4. Metaphors we reframe by

Das “Reframing” (als „Sixstep-Reframing“) gehört zu den zentralen Methoden des NLP. Eine Veränderung des Verhaltens soll sich dabei in sechs Schritten vollziehen (vgl. Mohl 2000, S. 51 sowie dies. 2003, S. 191 ff.), auch „Metapherngeschichten“ werden zur Veranschaulichung dieses Konzepts verwendet (vgl. Mohl 2000, S. 51). Die Methode als solche soll hier nicht detailliert erläutern werden. Allerdings lohnt es sich, an diesem wichtigen Begriff nochmals exemplarisch die implizite Metaphorik des NLP zu betrachten – was übrigens auch für andere zentrale Begriffe wie „Kalibrieren“, „Ankern“ etc. interessant wäre. Grundsätzlich geht es beim „Re-framing“, wie der Name schon sagt, darum, etwas „neu zu rahmen, in einen anderen Rahmen“ zu setzen, in einem weiteren metaphorischen Sinne bedeutet es dann auch etwas „umzudeuten“:

„[...] eine Vorgehensweise, in der ein Zusammenhang, ein Verhalten oder ein Problem in der Tat in einer anderen Art und Weise oder in einem anderen Rahmen wahrgenommen wird und damit eine neue Bedeutung erhält“ (Mohl 2003, S. 191)

Nach der Argumentation von Mohl ist das Reframing nötig, weil viele Probleme nur durch „kreative Lernprozesse“ zu lösen seien, bei denen der „Rahmen bekannter Lösungsalternativen zu sprengen“ ist (vgl. ebd.). Diese Metapher wird mehr oder weniger weiter verfolgt. Im Prinzip gehe es um eine Problemlösung zweiter Ordnung bzw. auf der Metaebene. Es wird davon gesprochen, dass bei Kommunikationsproblemen „die Ebene der Auseinandersetzung“ verändert werden müsse, für individuelle Schwierigkeiten müssten – durch die „Rahmenveränderung“ – neue „Sichtweisen“ und Blickwinkel gefunden werden. Bei diesem Reframing wird häufig gezielt am negativen Selbstkonzept des Klienten gearbeitet; seine Überzeugungen vom Selbst und den alltäglichen Problemen werden verändert, indem sie in einen anderen „Rahmen“ gestellt bzw. umformuliert werden, um schließlich die gewünschten Einstellungs- und Verhaltensänderungen zu erzielen. Letztlich dient das „Reframing“ als eine Leitmetapher, und die Methode, die therapeutisch beschritten wird, gleicht einem metaphorischen Prozess, an dessen Endpunkt eine neue Metapher gefunden wird – analog zur kognitiven Metapherntheorie des „metaphors we live by“ bzw. „metaphors we die by“ (vgl. Lakoff/Johnson 1998, Goatly 2000) könnte man also schließen: „metaphors we reframe by“.  Metapherntheoretisch betrachtet wären den oft unklaren Umschreibungen dieses NLP-„Wegs“ in sechs Stufen, auf dem fast jedes Problem lösbar zu sein scheint, die Arbeiten von zwei der wichtigsten Sprachphilosophen des 20. Jahrhunderts anzutragen, deren Lektüre den NLP-Metaphern-Autoren nachdrücklich zu empfehlen wäre: Zum einen an die Basisdefinition der einflussreichen Interaktionstheorie von Max Black[18] und die Untersuchungen zur Metapher als Perspektive bzw. als ein „Sehen-als“ von Ludwig Wittgenstein, die uns auch unsere Gefangenheit durch Bilder deutlich machen[19]. Einmal mehr wird hier jedoch auf einen selbstkritischen Umgang mit den eigenen Begriffen sowie auf jeglichen Theoriebezug zur Überprüfung der Behauptungen verzichtet.

Aufgrund dieses Mangels erscheinen die Metaphern-Gleichnisgeschichten aus der „Zauberwerkstatt“ im Zusammenhang mit der NLP-„Theorie“ in Bezug auf eine therapeutische und pädagogische Verwendung fragwürdig. Für die berechtigten Anliegen, sich mit metaphorischen Vorstellungskonzepten von Menschen in psychischen und sozialen Problemlagen zu beschäftigen und die oft bildhafte Verfasstheit von autobiographischen Erfahrungen zu verstehen und/oder therapeutisch zu beeinflussen, liegen eine Reihe von Publikationen weniger werbewirksamer, aber wissenschaftlich solide arbeitender Psychologen und Psychiatern vor, die den interessierten Lesern empfohlen seien (vgl. Buchholz 1993, Kopp 1995, Straub 1998, Schmitt 2000, Moser 2001).

Darüber hinaus ist nach Auffassung des Rezensenten das gesamte scheinbar so logisch konzipierte und geschlossene Gedankengebäude des NLP – um, sensu Lakoff, in dem metaphorischen Konzept THEORIEN SIND GEBÄUDE zu bleiben – bei nur leichtem kritischen Kratzen und prüfendem Bohren höchst einsturzgefährdet. In der Konstruktion desselben scheinen die Neurolinguistischen Programmierer Opfer ihrer eigenen (metaphorischen) Denkzwänge geworden zu sein. Mohl drückt ihr Bedauern darüber aus, dass das NLP „für die akademische Zunft immer noch anrüchig“ sei. Um das zu ändern, so ist zu erwidern, wäre ein gründliches, theoretisch fundiertes „Reframing“ dieser Psychotechnik erforderlich - metaphorisch gesprochen v.a. ein Spielen mit offenen Karten. Von persönlichem Unbehagen, ethischen Bedenken und Sprachkritik abgesehen: Es gibt bisher keine einzige ernst zu nehmende Studie, die die behaupteten, willkürlich aus kognitionspsychologischen Theorieversatzstücken und Plattitüden zusammengesetzten Prämissen des NLP bestätigt, noch eine, die die so marktschreierisch angepriesene Effizienz und schnelle Wirksamkeit beweist.

5.1 Besprochene Werke

Mohl, Alexa (2003[1993]), Der Zauberlehrling. Das NLP Lern- und Übungsbuch, Paderborn.

Mohl, Alexa (2001), Alles Einbildung. Neue therapeutische und pädagogische Metaphern, Paderborn.

Mohl, Alexa (2000[1998]), Metaphern-Lernbuch. Geschichten und Anleitungen aus der Zauberwerkstatt, Paderborn.

5.2 Weitere Literatur

Black, Max (1977), “More about Metaphor”. In: Haverkamp, Anselm (edd. ²1996 [1983]): Theorie der Metapher, Darmstadt, S. 379-413.

Buchholz, Michael B. (1993): Metaphernanalyse, Göttingen.

Campbell, Joseph (1953), Der Heros in tausend Gestalten, Frankfurt/M.

Camus, Albert (1997[1959]), Der Mythos von Sisyphos, Hamburg.

Danneberg, Lutz  u.a. (1995), Metapher und Innovation. Die Rolle der Metapher im Wandel von Sprache und Wissenschaft, Bern.

Debatin, Bernhard (1996), Die Rationalität der Metapher, Berlin.

Draaisma, Douwe (1999), Die Metaphernmaschine. Eine Geschichte des Gedächtnisses, Darmstadt.

Finke, Peter (2003), „Misteln, Wälder, Frösche: Über Metaphern in der Wissenschaft“. In: metaphorik.de 04/2003 (Themenheft „Ökologie und Metapher“), S. 45-65.

Fromm, Erich (1981), Märchen, Mythen, Träume. Eine Einführung in das Verständnis einer vergessenen Sprache, Reinbek bei Hamburg.

Heuermann, Hartmut (1994), Medien und Mythen. Die Bedeutung regressiver Tendenzen in der populären Medienkultur, München.

Jung, Carl Gustav (1984), Archetyp und Unbewußtes, Grundwerk C.G. Jung, Bd. 2, Olten.

Keller, Evelyn Fox (1998), Das Leben neu denken. Metaphern der Biologie im 20. Jahrhundert, München.

Kopp, Richard R. (1995), Metaphor Therapy. Using Client generated Metaphors in Psychotherapy, Bristol.

Kron, Friedrich W. (1996), „Sechs Bilder von der Erziehung“. In: Ders.: Grundwissen Pädagogik, München, S. 195-206.

Lakoff, George/Johnson, Mark (1998 [Orig.1980: Metaphors we live by]), Metaphern, nach denen wir Leben. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, Heidelberg.

Moser, Karin, S. (2000), Metaphern des Selbst. Wie Sprache, Umwelt und Selbst zusammenhängen, Lengerich.

Röll, Franz-Josef (1998), Mythen und Symbole in populären Medien: der wahrnehmungsorientierte Ansatz in der Medienpädagogik, Frankfurt/M.

Schmitt, Rudolf (2001), „Metaphern in der Psychologie – eine Skizze“. In: Journal für Psychologie, Jahrg. 9, Heft 4, Dezember 2001, Heidelberg.

Schmitt, Rudolf (2000), „Metaphernanalyse und helfende Interaktion“. In: Psychomed. Zeitschrift für Psychologie und Medizin, Heft 3, 12. Jahrg., München, S. 165-170. Auch: http://www.inf.hs-zgr.de/~schmitt/aufsatz/Flick.htm.

Schulze, Theodor (1990),Das Bild als Motiv in pädagogischen Diskursen“. In: Lenzen, Dieter (Hrsg.): Erziehungswissenschaft auf dem Weg zur Ästhetik, Darmstadt, S. 97-120.

Straub, Jürgen/Sichler, Ralph (1989), „Metaphorische Sprechweisen als Modi der interpretativen Repräsentation biographischer Erfahrungen“. In: Alheit, Peter/Hoerning, Erika M. (Hrsg.), Biographisches Wissen. Beiträge zu einer Theorie lebensgeschichtlicher Erfahrung, Frankfurt/M.

Wittgenstein, Ludwig (1990), Tractatus logico-philosophicus, Tagebücher 1914-1916, Philosophische Untersuchungen, Band 1 der Werkausgabe, 7. Aufl.,  Frankfurt/M.


[1] Dieser Rezensionsbeitrag ist über der Arbeit an einer Kurzrezension für metaphorik.de entstanden (s. metaphorik.de 05/2003). Eigentlich stand nur das hier zuerst genannte Buch zur Debatte. Es hat sich jedoch erwiesen, dass für eine angemessene Beurteilung dieses Buches von Alexa Mohl das Heranziehen weiterer Werke der Autorin sowie ein Verständnis für die Grundbegriffe des NLP vonnöten ist. Deshalb nun diese –  angesichts des inzwischen reichhaltigen NLP-Marktes sicher ergänzungsbedürftige – Arbeit zur Verwendung von Metaphern in NLP-Ratgeberliteratur.

[2] Ihre einführenden Gedanken zu diesen „Zauberwerkstatt-Geschichten“ erinnern jedenfalls stark an die Formanalysen und Definitionen zur Grundstruktur des Mythos von dem Mythenforschers und Hollywood Co-Autoren Joseph Campbell (vgl. Campbell 1953).

[3] In einem anderen Werk der Autorin, dem Metaphern-Lernbuch. Geschichten und Anleitungen aus der Zauberwerkstatt, heißt es in der Einleitung dazu unbedarft pragmatisch: „Wenn ein Lehrer oder Berater eine Geschichte erzählt, in der Absicht, einen Lernprozess zu unterstützen, nennt man diese Geschichte eine Metapher“ (Mohl 2000, S. 14).

[4] Der Satyr hätte in diese Sammlung von märchenhaften Geschichten aus dem dunklen Zauberwald gut hereingepasst, weiß man doch bei ihm auch nicht so recht: Gibt es ihn wirklich? Welche Gestalt hat er? Was bedeutet er mir? etc.

[5] Der Sprachphilosoph Max Black beurteilt in seiner Interaktionstheorie der Metapher das Potential einer innovativen Metapher nach den Kategorien Emphase (Originalität und Grad der Unersetzbarkeit einer Metapher) und Resonanz (Vielschichtigkeit der mit ihr verbundenen Assoziationen und Interpretationsmöglichkeiten).

[6] Diese heute geläufige Metapher geht übrigens auf eine mittelalterliche Foltermethode aus Holland zurück. Bei dieser war das Laufen tatsächlich lebensnotwendig; denn es rettete vor dem Ertrinken, jedenfalls bis zur Erschöpfung.

[7] Die Frage, ob Sisyphos sich (nach der Weberischen Definition) lediglich verhält oder bewusst handelt, zielt wohl schon auf den Kern dieses Mythos`.

[8] Über die sinnstiftenden Potentiale, die in der Beschäftigung mit Mythen liegen können, ist viel Anregendes geschrieben worden (vgl. Jung 1984, Fromm 1981, Campbell 1953, Heuermann 1994; für die Pädagogik Röll 1998). Nichts davon wird hier aufgegriffen, obwohl auch in anderen Texten Anleihen bei der griechischen Mythologie genommen werden. 

[9] Harald Weinrich untersucht Metaphern in ihrem Kontext. Er hat gezeigt, dass Metaphern „stark kontextdeterminiert“ sind - und zwar auch und gerade von anderen Metaphern her. Oft lassen sich in einem literarischen Text eine ganze Reihe von benachbarten Metaphern finden, die einem gemeinsamen Bildfeld angehören. Das Bildfeld sei als die „semantische Heimat“ einer Metapher zu berücksichtigen (vgl. Weinrich 1976, S. 335). Den Bildfeldern sei dabei eine „immanente Logik“ eigen, die einen „Denkzwang“ ausübt. (ebd., S. 289). Metaphern haben, so heißt es weiter, „zumal, wenn sie in der Konsistenz von Bildfeldern auftreten, [...] den Wert von (hypothetischen) Denkmodellen“ (ebd., S. 294).

[10] Die Satir-Kategorien bilden, nach einem von Virginia Satir entwickelten Kommunikationsmodell, eine Typologie kongruenter und inkongruenter Kommunikationsformen, die sich durch eine besondere Körperhaltung, eine spezifische Gestik, begleitende Körpergefühle und eine besondere Sprache unterscheiden ließen. Die vier ersten Kategorien seien: das beschwichtigende, das anklagende, das rationalisierende und das ablenkende Muster (alles Formen von Inkongruenz). Es handele sich dabei nach Satir nicht um invariante Charakterstrukturen, sondern eher um Muster, wie Menschen unter Stress reagieren. (vgl. www.nlp.at/lexikon_neu, Seitenabruf am 26.09.2003).

[11] Gemäß der kognitive Metapherntheorie nach Lakoff & Johnson könnte man für die Charakterbeschreibungen des Jünglings ein metaphorisches Konzept formulieren (RATIONALITÄT IST STARRHEIT) und das dazugehörige Alltagsdenken- und sprechen untersuchen, Subkonzepte bilden etc. Aber diese wichtige Arbeit zur Metapherntheorie, die seit 20 Jahren jeder zu Kenntnis nehmen muss, der sich mit Metaphorik beschäftigt und deren Grundverständnis bei Mohl mitschwingt, wird hier nicht erwähnt geschweige denn eingearbeitet (vgl. Lakoff/Johnson 1980, 1998).

[12] Zu denken wäre hier zum Beispiel an den russischen Formalismus, der sich an erstarrten Sprachformen abarbeitete (vgl. z.B. Viktor Sklovskij), oder an sprachkritische Autoren der Gegenwart, die virtuos mit formelhafter (Alltags-)Sprache spielen, z.B. Handke, Jelinek oder Kunert.

[13] Wenn ich von dem NLP schreibe, stütze ich mich auf die Einführung von Mohl, die eine der wichtigsten Vertreterinnen im deutschsprachigen Raum ist. In ihrem NLP Lern- und Übungsbuch Der Zauberlehrling erhebt Mohl übrigens keinen geringeren Anspruch als den, dass mit NLP (um das niemand herumkomme, nicht einmal universitäre Forschung und Lehre) „nämlich ein Fortschritt in der Entwicklung der menschlichen Freiheit möglich [ist], den es bislang noch nicht gab“ (Mohl 2003, S. 13).

[14] Dazu könnten hervorragende Arbeiten zu Metaphorik & Wissenschaftstheorie herangezogen werden, z.B. von Danneberg 1995, Debatin 1996, Draaisma 1999, Keller 1998, Radman 1995 und als Überblick für die Psychologie Schmitt 2001.

[15] Für pädagogische Berufe gibt es einige interessante erziehungswissenschaftliche Arbeiten zu Leitbildern und Metaphern der Erziehung und „Bildung“ (Lenzen 1987, Kron 1988, Schulze 1990 und sehr grundlegend Bilstein  2000). Doch diese werden von Mohl nicht zur Kenntnis genommen, obwohl sie – meist in einem kritischen Zugang – eine Fülle von Alternativen aufzeigen, in denen Pädagogen über Erziehung bildhaft nachgedacht haben und nachdenken und die für die berufliche Weiterbildung und damit auch für NLPler von Interesse sein könnten.

[16] Zur Frage nach guten und schlechten Metaphern vgl. auch den Aufsatz von Peter Finke im Online-Journal 04/2003 von metaphorik.de.

[17] Denn: „Bei allem Selbstverständlichen wird auf das Verstehen einfach verzichtet“ (B. Brecht).

[18] Black hat in seiner Arbeit endgültig die aristotelische Substitutionstheorie überwunden. Er machte deutlich, dass beim Gebrauch einer Metapher zwei unterschiedliche Vorstellungen in einen aktiven Zusammenhang gebracht werden: Die Metapher bzw. der die Metapher initiierende Ausdruck, also der focus, und ihr Kontext, der frame, stehen in einem interaktiven semantischen Verhältnis; zwei „zusammenwirkende Vorstellungen“ liegen vor, die sich „wechselseitig erhellen“ (Black 1954, S. 69). Das Prinzip des Reframings weist Ähnlichkeiten mit Blacks Metaphernverständnis auf, es gibt jedoch keinen Hinweis auf ihn.

[19] Wittgenstein zeigt in seinen Philosophischen Untersuchungen, wie das Sehen sich seiner selbst bewusst wird, in seiner Hinsicht tritt zutage. Die Metapher als Perspektive führt uns vor Augen, dass das Angesehene so oder anders betrachtet werden kann - es kann auf unterschiedlichste Weise gesehen werden. Der Vorgang, den Wittgenstein als „Sehen-als“ beschreibt, stellt eine solche Bewusstwerdung über die Deutbarkeit der Dinge und über die Möglichkeit verschiedener Arten des Sehens dar. Dieses Sehen unterscheidet sich von dem normalen Objekt-Sehen und vom vergleichenden „Sehen-wie“. Es beruht auf dem Erkennen einer Ähnlichkeit, bei dem der Gegenstand als ähnlich und zugleich auch als anders erfahren wird. Bei dieser Erfahrung wird ein anderer Aspekt bemerkt, und eine neue Wahrnehmung vollzieht sich im Aspektwechsel zugleich mit der unveränderten Wahrnehmung (vgl. Wittgenstein 1990, S. 522f.). Das Sehen-als, das ein Zugleich von Änderung und Gleichbleiben in sich schließt, ist für Wittgenstein halb Denken, halb Erfahrung; denn man ist sich beim Sehen über die Deutbarkeit des Gesehenen bewusst: „Und darum erscheint das Aufleuchten des Aspekts halb Seherlebnis, halb ein Denken“ (ebd., S. 525). Bei Wittgensteins „Sehen-als“ findet also eine Bewegung statt zwischen Gleichem und Verschiedenem, die eine Ähnlichkeit hervorbringt, ein plötzliches, überraschendes Erkennen. Das „als“ ist als eine Distanz zu verstehen; es deutet den gesehenen Gegenstand, der nicht absolut aufgefasst werden kann, und es stellt eine persönliche Perspektive im Unterschied zu anderen Perspektiven heraus.

 

 

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ISSN 1618-2006 (für das Journal)

zuletzt bearbeitet am 26.07.10