Vorwort 09/2005

Deutsch

Die neunte Ausgabe von metaphorik.de verdeutlicht die anhaltende Relevanz von Fragestellungen rund um die Metapher als sprachliches, kognitives und philosophisches Problem. In insgesamt fünf Beiträgen werden praktische und theoretische Fragen des Metapherngebrauchs diskutiert. Dabei scheint sich ein gewisser Trend abzuzeichnen, Metapherntheorie und Metaphernpraxis wechselseitig zu verzahnen. Als Redaktion sind wir gerade über diesen Umstand erfreut, entspricht er doch von Beginn an auch der Ausrichtung unserer Zeitschrift. Aus textbasierten Studien zum Gebrauch von Metaphern ergeben sich weitergehende Einsichten auch in die grundlegenden Mechanismen des metaphorischen Prozesses, und die in den gängigen Metapherntheorien vorausgesetzten Theoreme erfahren – selbstverständlich metaphorisch gesprochen – ihren Lackmustest anhand ausgewählter authentischer Betrachtungen der sprachlichen Wirklichkeit. Textanalysen verdeutlichen in erster Linie Funktionen und Wirkungsweisen der Metapher in Alltags- und Fachsprache, die Adäquatheit eines metapherntheoretischen Ansatzes indes zeigt sich auch daran, inwiefern die sich offenbarenden Funktionen angemessen erfasst und erklärt werden können.

Monika Bednarek beleuchtet die Rolle konzeptueller Metaphern im Zusammenhang mit weiteren journalistischen Stilmitteln in der 'Konstruktion' von medial vermittelten 'Ereignissen'.  Juliana Goschler hinterfragt die in der kognitiven Metapherntheorie seit Johnson (1987) verankerte Vorstellung des metaphorischen Embodiment anhand einer Analyse von Körper- und Körperteil-Metaphorik. Die Betrachtung des Körpers sowohl als metaphorischer Quell- als auch als Zielbereich darf als Plädoyer gegen eine zu schematische Vorstellung des Embodiment begriffen werden. Ralph Müller verbindet ebenfalls theoretische und praktische Aspekte der Metaphernforschung. Die Untersuchung zu kreativen Metaphorisierungstendenzen in Schweizer politischen Reden führt zu weitergehenden theoretischen Überlegungen zum Fragekomplex der metaphorischen Kreativität. Der Beitrag liefert umfangreiche Anregungen zur stilistischen Analyse von Metaphern, die zwar in der klassischen Rhetorik üblich war, in ’modernen’ Metapherntheorien jedoch bislang lediglich ein Schattendasein fristet. Die Untersuchung von Felicity Rash zur Metaphorik in Adolf Hitlers Mein Kampf stellt eine umfassende Studie zu den metaphorischen Modellen dar, auf denen die rassistische und tödliche NS-Ideologie beruht. Rash liefert einen fundamentalen Beitrag zum Verständnis sowohl der manipulativen Mechanismen der NS-Sprache als auch der untergründigen Schemata, derer sich diese Ideologie bedient. Das Funktionieren der sprachlichen Manipulation beruht schließlich auf der Ausnutzung bekannter, im sprachlichen und kognitiven Alltag fest etablierter Denkmodelle. Hanna Skorczynska Sznajder und Jordi Piqué-Angordans untersuchen die Verwendung von metasprachlichen Metaphernmarkern zum einen in Fachtexten der Wirtschaftssprache, zum anderen in eher alltagssprachlichen Zeitungstexten mit ökonomischer Thematik. Der unterschiedliche Rekurs auf explizite Metaphernmarker erweist sich als konstitutiv für die jeweilige metaphorische Durchdringung unterschiedlicher Textsorten. Jutta Muschard und Rainer Schulze schließlich regen in einem Beitrag zur Diskussion darüber an, in welchem Maß die Virulenz metapherntheoretischer Auseinandersetzungen konstitutiv ist für bestimmte Epochen. Erfreuen sich in Zeiten mentaler und wissenschaftlicher Umbrüche Mertaphern nur ‘zufällig’ eines großen theoretischen Interesses, oder steckt System dahinter? Der Essay liefert wertvolle Anregungen für diese Debatte.

Unbeschadet der Frage, in welchem Maß für die Gegenwart ein epochaler Umbruch diagnostiziert wird, freuen wir uns über den anhaltend großen Zuspruch für metaphorik.de. Den Lesern, Nutzern, Freunden und kritischen Begleitern unseres Angebots wünschen wir anregende Lektüre, einen guten Jahreswechsel und ein gelingendes Jahr 2006.

Bonn, im Dezember 2005

 
Hildegard Clarenz-Löhnert
Martin Döring
Klaus Gabriel
Katrin Mutz
Dietmar Osthus
Claudia Polzin-Haumann
Nikola Roßbach

 

English

The ninth issue of metaphorik.de focuses – again – on the linguistic, cognitive and philosophical aspects of metaphor. All papers published in this issue address applied as well as theoretical questions of metaphor in use. We are convinced that this reflects to a recent trend in research on metaphor in which theoretical and applied studies of metaphor are brought together and enhance each other. The editorial staff of metaphorik.de is delighted to foster this development with the current issue, as it neatly fits into the original scope of our journal. metaphorik.de was intended to encourage text based studies of metaphor that rely on data taken from the ‘real world’ and offer empirical insights into the mechanisms and theories of metaphor. Thus, the investigation of texts mainly provides insight into the ways in which metaphor functions in everyday language as well as in technical language while theories can be corroborated by demonstrating their capacity to detect and explain empirical phenomena.

Monika Bednarek analyses the role that conceptual metaphors play in the event construal in news stories. The second paper, written by Juliana Goschler, scrutinizes the notion of embodiment used in Cognitive Linguistics since Johnson (1987) by analyzing metaphors framing the body and body parts. Her investigation of the body and its physicalness as a source and a target domain makes a pledge for a careful use of the notion of embodiment. Ralph Müller’s contribution combines theoretical and applied aspects of research on metaphor: His analysis of the use of metaphor in Swiss policy speeches contributes to theories of creativity and metaphor. Müller actually fills a gap in current metaphor research by emphasizing the relevance of stylistics for the study of metaphor, a topic that was explored by classical rhetoric but has – somehow – been neglected right from the beginning by so-called ‘modern’ theories of metaphor and their advocates. Felicity Rash’s research on Adolf Hitler’s Mein Kampf is a comprehensive study of metaphorical models that frame racist NS-ideologies. Her article is a fundamental contribution that reveals manipulative and inhuman schemata inherent in NS rhetoric which relies on well-known or easily accessible models of thought. Hanna Skorczynska Sznajder and Jordi Piqué-Angordans provide insight into the use of meta-metaphorical markers in specialised texts on commercialese and the news coverage on economic issues. Their research shows that the explicit appeal of meta-metaphorical markers is constitutive for pervasive metaphor use in different types of texts. The final paper, written by Jutta Muschard and Rainer Schulze, questions whether the interest in metaphor is a constitutive aspect of certain eras. Do metaphors accidentally attract interest in times of mental and economic change or is there a more systematic driving force at stake? The essay provides a valuable stimulus for debate.

We are glad about the continuing support for metaphorik.de and we would like to thank our readership, friends and critical companions for their valuable feedback. We wish you a merry Christmas and happy new year 2006!

Bonn, December 2005

Hildegard Clarenz-Löhnert
Martin Döring
Klaus Gabriel
Katrin Mutz
Dietmar Osthus
Claudia Polzin-Haumann
Nikola Roßbach

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