Das bewaffnete Auge. Zur poetischen Metaphorik von Mikroskop und Guckkasten

                                                                                            Philosophieren können sie alle, sehen keiner.
                                                                                                                                               (Lichtenberg, Sudelbücher E 368)


Abstract

Mikroskop und Guckkasten werden in diesem Beitrag als gegensätzliche poetische Metaphern vor allem des 18. Jahrhunderts vorgestellt. Das optische Vergrößerungsgerät erschließt eine bislang unbekannte Welt im Kleinen. Für deren Beschreibung muss eine deutende Sprache erst gefunden werden, die den erstmals unter der Oberfläche der Dinge gesehenen Bildern und Strukturen gerecht wird. Die Wahrnehmung schwankt dabei zwischen ungläubiger Skepsis und überwältigendem Staunen. Hinzu kommt die Einsicht, dass immer tiefere Einblicke auch eine ausschließende Verengung der Perspektive bedeutet. Das optische Instrument des Guckkastens verspricht das gegenläufige Prinzip. Hier kommen Details zu einer Synthese, Einzelbilder verschmelzen in einer magischen Box zu einer Reihe und Geschichte. Dieser ‚Fern-Seher‘ der frühen Neuzeit, der ferne Welten in die Provinz bringt, fungiert als Metapher poetischer Erfindungskraft, der Erinnerung oder eines assoziativen Seelentheaters. Kurz: Das Mikroskop wird zum metaphorischen Hilfsmittel für den analytischen Scharfblick des Dichters, der Guckkasten hingegen zum metaphorischen Werkzeug der sukzessiven, geschmeidigen Verknüpfung von Einzelbildern, die dann im Film auch optisch zum Laufen gebracht werden.

In this paper the microscope and peep-show of the 18th century are presented as opposing poetic metaphors. The optical enlarger enables us to see the world in the smallest detail. A language that does justice to the description and interpretation of this hitherto undiscovered world of pictures and structures must first be found. The observer’s perception fluctuates between scepticism and astonishment, and at the same time he understands that deep insights might also mean a narrow and even exclusive perspective. The peep-show offers the opposite principle: In this magic box details are synthesized and single images combine to form a continuous story. This ‘tele-vision’ of the early modern era brings distant worlds to every small town. It functions as a metaphor for the inventiveness of man, for memory as well as for associations created in the imagination. In short: the microscope becomes an metaphorical instrument of poetic analysis whereas the peep-show provides a tool for the smooth combination of successive images which then find their optical realisation in the medium of film.

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Seite 53