Cornelia Müller (2008): Metaphors Dead and Alive, Sleeping and Waking. A Dynamic View, Chicago/London: University of Chicago Press

Judith Visser

Einleitung

Die vorliegende Studie zur Unterscheidung zwischen toten und lebenden Metaphern basiert auf der Habilitationsschrift der Verfasserin, die 2004 an der Freien Universität Berlin eingereicht und angenommen wurde. Der Text ist unter Verweis auf die mangelnde Rezeption deutscher Arbeiten zur Metaphernforschung in der internationalen Fachdiskussion auf Englisch verfasst. Das erste Verdienst der Autorin, die in ihren Ausführungen viele Forschungslinien ausführlich und mit großer Sachkompetenz nachzeichnet, ist damit ihr Beitrag zu einer stärkeren Verbreitung dieser Arbeiten in der internationalen Fachwelt.17

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Cornelia Müller (2008): Metaphors Dead and Alive, Sleeping and Waking. A Dynamic View, Chicaco/London: University of Chicago Press.

Judith Visser, Bonn (jvisser@uni-bonn.de)

Die vorliegende Studie zur Unterscheidung zwischen toten und lebenden Metaphern basiert auf der Habilitationsschrift der Verfasserin, die 2004 an der Freien Universität Berlin eingereicht und angenommen wurde. Der Text ist unter Verweis auf die mangelnde Rezeption deutscher Arbeiten zur Metaphernforschung in der internationalen Fachdiskussion auf Englisch verfasst. Das erste Verdienst der Autorin, die in ihren Ausführungen viele Forschungslinien ausführlich und mit großer Sachkompetenz nachzeichnet, ist damit ihr Beitrag zu einer stärkeren Verbreitung dieser Arbeiten in der internationalen Fachwelt.
Kritischer Ausgangspunkt der Analyse Müllers ist, wie aus dem Titel abzulesen, die traditionelle Dichotomie der toten und lebenden Metapher. Das Ziel der Studie, das sich im Untertitel widerspiegelt, ist die Überwindung dieser eher statischen Einteilung dank eines integrativen Ansatzes, der linguistische, semiotische, philosophische und psychologische Herangehens- weisen kombiniert. Dieser soll zu einem dynamischen Modell führen, in dem die Dichotomie dead/alive von einer durch fließendere Übergänge gekenn- zeichneten Einteilung in sleeping und waking abgelöst wird, die den graduellen Charakter von Metaphorizität stärker hervorhebt. Die Arbeit wird verstanden als Brücke zwischen konzeptuellen und klassischeren Metapherntheorien.
Kapitel eins (Metaphors and Cognitive Activity: A Dynamic View) ist der Auseinandersetzung mit den vier der Studie zugrunde liegenden Annahmen gewidmet: Metaphors are Based on a Cognitive Activity (Kap. 1.1), Metaphors Are Based on a Triadic Structure (1.2), Metaphors Are Modality-Independent (1.3), Metaphors Are A Matter of Use (1.4). Die Verf. hebt hervor, dass der Fokus ihrer Untersuchung nicht auf dem P r o d u k t Metapher, sondern dem P r o z e s s der Etablierung von Metaphorizität liegt. Diesen Prozess unterteilt sie in die Elemente „establishing metaphoricity as cognitive activation“, „activating a triadic structure, that is, seeing C in terms of B“, „speaking and writing“ (39).
Das Produkt Metapher wird allerdings nicht ausgeblendet: Hier gilt das

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besondere Augenmerk der Tatsache, dass Metaphern nicht nur auf der Ebene der Kognition und in der Sprache angesiedelt sind, sondern sich auch in Bildern und Gesten manifestieren. Etablierten Metapherntheorien, die, angeregt durch die Arbeit von Lakoff/Johnson, bei der Untersuchung von Metaphern eine Abwendung von der literarischen Sprache hin zur Allgemeinsprache vorgenommen haben, wirft Müller eine nicht hinreichende empirische Verankerung sowie eine zu starke Konzentration auf die Ebene des kollektiven Systems statt auf den individuellen Sprachgebrauch vor.
In Kapitel zwei (Metaphors in Thought and Language: Fundamental Issues) erfolgt ein ausführlicher Überblick über linguistische und kognitive Theorien zur Metapher, an dessen Ende das Ergebnis formuliert wird, dass Metaphorizität als kognitiver Prozess mit multimedialen Produkten verstanden werden muss. Als weiteres Ziel der Untersuchung wird das Sammeln von Hinweisen formuliert, „that provide support for assuming a differentiation between structures of general conceptualization and language-specific conceptual structures“ (48).
Kapitel drei (Realms of Metaphors: Activation in Language Use) widmet sich der Aktivierung der Metapher auf konzeptueller, verbaler, bildlicher und gestischer Ebene und mündet in der Schlussfolgerung, dass ‘tote’ Metaphern im Sprachgebrauch ‘leben’ können. Die Untersuchung von Gesten, die beispielsweise eine Sprachäußerung begleiten, die eine in klassischer Terminologie als ‘tot’ eingestufte Metapher beinhaltet, zeigt, dass diese Metapher auf der Ebene der Gestik ‘leben’ kann1. Insgesamt ist die Untersuchung dieser Gestik, die in traditionellen Studien zur Metapher wenig Berücksichtigung findet, als ein großer Pluspunkt der vorliegenden Studie zu werten.
In Kapitel vier (The Core of Metaphors: The Establishment of a Triadic Structure) wird die triadische Struktur einer Metapher diskutiert. Dieser für den Leser auf den ersten Blick etwas überraschende ‘Rückschritt’ in eine Art Forschungsüberblick wird von der Verf. damit begründet, dass die Aus-

1 In dem betreffenden Beispiel ist zu beobachten, dass in einem Gespräch über depressive Stimmungen in einer Beziehung die Sprecherin mit einer nach unten deutenden Handbewegung die konzeptuelle Metapher ‘sad is down’, die sich etymologisch hinter dem Lexem depressiv verbirgt, aber für den Sprecher wohl kaum transparent sein dürfte, nachzeichnet.

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führungen in Kap. drei eine vertiefende Beschäftigung damit notwendig machen, was sich hinter dem Stichwort Aktivierung im Zusammenhang mit einer Metapher verbirgt. Verschiedene triadische Strukturen aus kognitiven und linguistischen Metapherntheorien werden – oftmals mit Schaubildern veranschaulicht – vorgestellt. Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass die triadische Struktur das Herzstück von Metapherkonzepten darstellt, auch wenn das Wesen und die Rolle der drei Elemente unterschiedlich gesehen werden: „Basically, the divergence concerns the question of whether metaphor is supposed to be a phenomenon of linguistic or of general cognitive organization“ (132). Während der CMT [scil. kognitive Metapherntheorie(n), J.V.] eine Reduzierung der Metapher auf kognitive Prinzipien vorgeworfen wird, konzentriert sich die Kritik an der LMT [scil. linguistische Metaphern- theorie(n), J.V.] auf eine fehlende systematische Auseinandersetzung mit nicht-sprachlichen Metaphern. Aus diesen Forschungsdesiderata leitet die Verf. die Notwendigkeit ab, sich umfassender der Aktivierung von Metaphorizität beim Sprechen und Schreiben zu widmen.
Darauf beruht die Konzipierung von Kap. fünf (Mixed Metaphors: Selective Activation of Meaning), in dem mit Hilfe verschiedener methodischer Ansätze mixed metaphors analysiert werden sollen. Dieses Untersuchungsgebiet erscheint Müller geeignet, die verbreitete Meinung, bei der Aktivierung einer sprachlichen Metapher würden beide Bedeutungsebenen gleichermaßen aktiv sein, zu widerlegen. Der Untersuchung der mixed metaphors liegen die Fragen zugrunde, warum diese Metaphern Sinn ergeben bzw. warum sie es nicht tun. Bei der Diskussion dieser Fragestellungen führt die Verf. vorhandene, bis- weilen etwas stereotyp wirkende Auffassungen über die Eigenschaften gemischter Metaphern an und analysiert vor diesem Hintergrund ver- schiedene Fallbeispiele. Die exemplarischen Untersuchungen sollen Aufschluss darüber geben, warum bestimmte Metaphernkombinationen möglich erscheinen und andere nicht und in welcher Hinsicht die Kombinationsmöglichkeiten eingeschränkt sind (Widersprüche auf der Ebene der wörtlichen oder übertragenen Bedeutung, Probleme im Bereich der formalen Strukturen bzw. der Syntax). Auf der Basis der Beispielanalysen kommt die Verf. zu dem Ergebnis, dass Metaphorizität selektiv aktiviert werden kann, d.h., dass Sprecher bei mixed metaphors nur bestimmte
Bedeutungselemente aktivieren und andere ausblenden. Angesichts der

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differenzierten Fallanalyse erscheint die Antwort Müllers auf die einleitende
Frage nach dem Sinn oder Un-Sinn gemischter Metaphern etwas banal:
„[T]hey make no sense from the perspective of language experts […], whereas they do (did) make sense from the viewpoint of the speaker/writer at the moment of speaking“ (177).
In Kap. sechs (Sleeping and Waking Metaphors: Degrees of Metaphoricity) erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der dead-alive-Unterscheidung. Die Verf. nimmt eine Unterscheidung zwischen Metaphern auf der Ebene des (kollektiven) Sprachsystems und Metaphern auf der Ebene des individuellen Sprachgebrauchs vor. Daraus ergeben sich für sie mehrere Fragen: „[C]an a conceptual metaphor newly arise in one individual?“; „how are these individual conceptual metaphors related to the collective ones?“; „how are they related to language as a collective system?“ (195). Innerhalb des dynamischen Metaphernkonzepts, dass sie in ihrer Studie vorschlägt, misst sie der Graduierbarkeit von Metaphern eine besondere Bedeutung zu.
Die dead-alive-Unterscheidung erscheint Müller deshalb problematisch, weil sie nicht miteinander kompatible Kriterien mischt: Die Vorstellung von Vitalität basiere auf verschiedenen Kriterien: dem Konventionalisierungsgrad, der Transparenz und der Bewusstheit. Die ersten beiden Aspekte bezögen sich auf die Ebene des Sprachsystems, der dritte auf die kognitive Aktivierung von Metaphern beim individuellen Sprecher. Ausgehend von der Kritik an einer Metapherneinteilung, die auf einer unsystematischen Unterscheidung zwischen der individuellen und der kollektiven Ebene beruht, schlägt die Verf. eine statische Klassifizierung verbaler Metaphern vor, die auf Transparenz und Konventionalisierungsgrad beruht, und unterscheidet zwischen historical entrenched – novel. Hinzu kommt eine zweite, dynamische Einteilung, die auf dem Aktivierungsgrad der Metaphorizität basiert, die bei einem bestimmten Sprecher zu einem bestimmten Zeitpunkt gegeben ist. Diese führt zu einer Kategorisierung from sleeping to waking; die Formulierung unterstreicht den dynamischen und graduierbaren Charakter der Einteilung.
Im abschließenden Kap. sieben (The Refutation of the Dead versus Alive Distinction: A New Approach and Some of Its Implications) diskutiert die Autorin schließlich die von ihr etablierte Distinktion mit Blick auf ausgewählte Theorien der Metapher und hebt hervor, dass eine Untersuchung von Metaphern im Sprachgebrauch eines dynamischen Modells bedürfe.

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Die Ausführlichkeit, in der Müller in diesem Schlusskapitel noch einmal auf verschiedene Ansätze der Fachliteratur eingeht, hätte ggf. eher im Forschungsüberblick ihren Platz gehabt. Dies hätte möglicherweise auch zur Transparenz des Argumentationsgangs beigetragen, die, obwohl die Verf. stets darauf achtet, ihre Schritte zu begründen, in der Beispieldiskussion und vor allem in bisweilen für das Leseverständnis unnötig häufig repetierten Kernthesen etwas verloren geht. Die abschließende Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand macht außerdem deutlich, dass einige Erkenntnisse der Studie etwas weniger innovativ sind, als es die vorangehenden Kapitel suggerieren.
Trotz dieser im Gesamtbild geringfügigen Kritik ist die Studie von Müller zusammenfassend als theoretisch sehr fundierter und aufschlussreicher Beitrag zu Metaphernklassifikationen zu werten. Gerade die Arbeit mit nonverbalen Metaphern und die ausführlichen Beispieldiskussionen führen zu wertvollen Denkansätzen hinsichtlich der ‘Lebendigkeit’ von Metaphern und machen die Arbeit zu einer interessanten Überprüfung tradierter und offenbar nicht hinreichend bzw. nur aus bestimmten Perspektiven in Frage gestellter Dichotomien.

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