15 Fragen an Rudolf Schmitt

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Seite 59

15 Fragen über Metaphernforschung an Rudolf Schmitt1

Haben Sie eine oder mehrere Lieblingsmetapher(n)? Wenn ja, welche und warum?

'on the road' – als Gegensatz zu einer anderen, biographisch geprägten Metapher.

Wozu Metaphernforschung?

Die Metaphernforschung hat in den Sozial- und Kulturwissenschaften zur Rekonstruktion der semantischen Ordnung von Sinn- und Lebenswelten noch eine vielversprechende Zukunft.

Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Fragen in Bezug auf die aktuelle Forschung über Metaphern?

a) Sicherung der Zuverlässigkeit der Metaphernanalyse als qualitativer Methode;

b) Integration von Gestenforschung und der Analyse visuellen Materials in einer metaphernanalytischen Methodik, die elementaren Gütekriterien qualitativer Forschung nachkommt;

c) Ausdifferenzierung und Revision von Annahmen der kognitiven Metapherntheorie (Gender als Schema im Sinn der „kinaesthetic image schemas“; Hermeneutik als erkenntnistheoretischer Rahmen der kognitiven Metapherntheorie etc.).

Welche Trends oder Entwicklungspotenziale sehen Sie derzeit im Gebiet der Metaphernforschung?

Vor allem in der Soziologie treffen derzeit noch sehr unterschiedliche Konzeptionen des Metaphernbegriffs aufeinander – zu hoffen ist auf die Etablierung von Orten und Plattformen des Austauschs und der Diskussion.

Wie schätzen Sie das Verhältnis zwischen Metapher und Metonymie ein?

Ist die Unterscheidung relevant, wenn die Metaphernanalyse dazu genutzt wird, Sinnstrukturen zu rekonstruieren?

Welche Form der Metaphernforschung bewundern Sie und warum?

Die Gestenforschung – wegen des Auswertungsaufwands und der verblüffenden Ergebnisse.

Welche Form der Metaphernforschung sehen Sie eher kritisch und warum?

Es hat jede Form der Metaphernforschung ihre Berechtigung – für die Ziele einer Metaphernanalyse als qualitative, sinnrekonstruierende Methode spielen folgerichtig Korpusanalysen keine Rolle.

Wenn Sie für fünf Jahre Direktorin/Direktor eines Forschungszentrums „Metapher und Gesellschaft“ wären, was würden Sie tun?

Ich würde zunächst dem Arbeitskreis 'Soziale Metaphorik' in der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) und insbesondere seinem Gründer den Dank für die unerwartet erfolgreiche Arbeit am Thema aussprechen, die zur Einrichtung des Forschungszentrums führte. Die inhaltliche Arbeit bestünde dann darin, für alle sozialwissenschaftlichen Disziplinen (Soziologie, Politologie, Psychologie, Ethnologie, Soziale Arbeit, Gesundheitswissenschaften …) fachspezifische wie fachübergreifende Kontexte zur Förderung der Metaphernforschung nachhaltig zu entwickeln und mit den Mitteln des Forschungszentrums auch eigene Projekte, welche die disziplinäre Diskussion anregen, zu verwirklichen.

Welchen Bereich – außerhalb Ihres eigenen Forschungsgebietes – finden Sie besonders spannend?

Bindungstheorie (Bowlby).

Wer oder was hat Sie in Bezug auf die Erforschung der Metapher besonders geprägt?

Ein früher Aufsatz von Cornelia von Kleist zu Metaphern in Therapiegesprächen.

Wie würden sie Kindern das erklären, was Sie gerade tun?

Ich würde ihnen erklären, dass ich abends am Computer sitze, weil ich mit meinen Hausaufgaben noch nicht fertig bin.

 

Welches Wissen würden Sie jungen Menschen über Metaphern und deren Wirkung mitgeben wollen?

Ein Wissen über die Metaphern, in deren Bann sie (immer wieder) stehen. Oder besser: eine Methode, mit der sie diese Metaphern rekonstruieren können.

Welches Fachbuch lesen Sie gerade und warum?

Keller, Truschkat: Methodologie und Praxis der Wissenssoziologischen Diskursanalyse, um zu überlegen, wie Metaphernanalyse in diesen Rahmen sich integrieren lassen könnte.

Welchen Roman lesen Sie gerade und warum? Was gefällt Ihnen an diesem Roman?

Samuel Beckett: Disjecta. Bibliothek Suhrkamp – habe die späteren äußersten Verknappungen ein wenig besser verstanden ...


 

Prof. Dr. Rudolf Schmitt


 

Arbeitsort:

Hochschule Zittau/Görlitz, Fakultät Sozialwissenschaften.

Arbeitsschwerpunkte:

Beratung, soziale Arbeit mit psychisch kranken Menschen/ substanzgebundenen Abhängigkeiten, qualitative Forschungsmethodik, Metaphernanalyse.

Werdegang:

Diplom Psychologie 1985, Magister Germanistik 1988, von 1985-1989 Tätigkeit in sozialpädagogischer Einzelfall- und Familienhilfe, von 1990-1995 Psychologe in allgemeinpsychiatrischer Abteilung der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik Berlin, von 1995 bis 1997 Leitung einer Tagesklinik der Abteilung. Von 1990-1995 nebenberufliche Dissertation über metaphorische Muster der Selbst- und Handlungsbeschreibung in psychosozialer Arbeit. Verhaltenstherapieausbildung 1992 abgeschlossen, eine Ausbildung in systemischer Therapie 1993. Ab WS 1997/98 Professur Hochschule Görlitz.

Mitgliedschaften und Funktionen (Auswahl):

Sprecher der Fachgruppe Promotionsförderung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA); wissenschaftlicher Beirat der Zeitschriften: Psychotherapie und Sozialwissenschaf', Forum qualitative Sozialforschung (fqs) und Journal für Psychologie.

Wichtigste Publikationen (Auswahl):

2006 (zusammen mit Köhler, Bettina): „Kognitive Linguistik, Metaphernanalyse und die Alltagspsychologie des Tabakkonsums“, in: Psychologie und Gesellschaftskritik, 29 (3-4), 39-64.
Online: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-288126 [08.11.2012].

2007 „Versuch, die Ergebnisse von Metaphernanalysen nicht unzulässig zu generalisieren“, in: Zeitschrift für qualitative Forschung (ehemals: Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung (ZBBS)), 8(1), 137-156.

Online: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-277869.

2009 „Metaphernanalysen und die Konstruktion von Geschlecht [84 Absätze]“, in: Forum Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research, 10(1), Art. 16.

Online: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0902167.

2011a „Metaphernanalyse in der Erziehungswissenschaft“, in: Maschke, Sabine/Stecher, Ludwig (eds.): Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online. Fachgebiet: Methoden der empirischen erziehungswissenschaftlichen Forschung, Qualitative Forschungsmethoden, Weinheim, 1-34.

Online: http://www.erzwissonline.de/, DOI 10.3262/ EEO07110177.

2011b „(Nicht-)Wirkungen erkunden: Möglichkeiten und Grenzen der systematischen Metaphernanalyse in der sozialwissenschaftlichen Wirkungsforschung“, in: Eppler, Natalie/Miethe, Ingrid/ Schneider, Armin: Quantitative und Qualitative Wirkungsforschung. Ansätze, Beispiele, Perspektiven, Opladen, 185-201.

2011c „Methoden der sozialwissenschaftlichen Metaphernforschung“, in: Junge, Matthias (ed.): Gesellschaft und Metaphern. Die Bedeutung der Orientierung durch Metaphern, Wiesbaden, 167-184.

1 Es können alle Fragen, gerne aber auch ausgewählte Fragen, beantwortet werden. Es besteht keine Notwendigkeit, alle Fragen zu beantworten. Ein Teil der hier aufgeführten Fragen ist durch die Rubrik „12 Fragen an…“ der Zeitschrift GAIA inspiriert. Sie wurden thematisch verändert und um weitere Fragen ergänzt.