Problemgeschichte in Metaphern. Am Beispiel der Elektrizitätslehre um 1800“

Benjamin Specht

Benjamin Specht (benjamin.specht@ilw.uni-stuttgart.de)

 

Abstrakt

Im späten 18. Jahrhundert expandieren Konzepte der Elektrizitätslehre aus der Physik in Physiologie sowie Psychologie, als Metaphern zudem auch in das allgemeine Gefühlsvokabular, besonders auf dem Terrain einer neuen Inspirations- und Liebessemantik. Diese Konjunktur lässt sich dadurch erklären, dass die Elektrizität als Versprechen gilt, zentrale Desiderate der Anthropologie und Naturlehre der Aufklärung einzulösen und inhärente konzeptionelle Spannungen zu beheben (Einzelnes und Naturganzes, Organik und Anorganik, Geist und Materie). An diesem historischen Einzelbeispiel zeigen sich allgemeine Kapazitäten von Metaphern in Bezug auf epochale ‚Probleme‘: Sie können die sprachlichen Mittel an eine neue Problemsituation anpassen, eine implizite Heuristik von ‚Lösungen‘ geben, an der Bildung von neuen Modellen mitarbeiten, Probleme kontextualisieren und dämpfen, zuweilen aber auch ausweiten und forcieren. Aufgrund dieser Eigenschaften, die schon Metaphern zukommen, in der germanistischen Diskussion aber oft erst literarischen Texten zugeschrieben werden, kann der metaphorologische Zugriff die Methodologie der ‚literaturwissenschaftlichen Problemgeschichte‘ vertiefen und ergänzen.

 

Abstract

In the late 18th century, scientific concepts of electricity expand from physics to physiology and psychology, in metaphorical form even into the general vocabulary used to communicate new notions of feelings, especially regarding artistic inspiration and love. This trend may be explained by the common prospect that electricity would fulfill major promises of the Enlightenment and help to resolve inherent conceptual tensions in anthropology and natural philosophy (connections of singular phenomena and the whole of nature, organic and anorganic nature, matter and spirit). This historical example showcases the general capacity of metaphors in terms of epoch-specific ‘problems’: they can adapt the vocabulary to new ‘problematic’ constellations, imply ways to ‘resolve’ them, participate in building new models, contextualize and moderate problems, but also escalate and reinforce them. Due to these qualities possessed of metaphors, but often exclusively awarded to literary texts, the ‘metaphorological’ approach may methodologically deepen and complement literary studies of epoch-specific ‘problems’.

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Seite 11

1. Zum Beispiel: Kleists Allerneuester Erziehungsplan (1810)

Im Herbst 1810 veröffentlicht Heinrich von Kleist in seiner Zeitschrift Berliner Abendblätter eine fünfteilige satirische Serie unter dem Titel Allerneuester Erziehungsplan. Hier postuliert ein fiktiver Konrektor namens Levanus mit allzu großer Geste ein elektrisch fundiertes „gemeine[s] Gesetz des Widerspruchs“ (2001:330). In exakter Analogie zum physikalischen Phänomen der elektrostatischen Induktion treibe auch in der ‚moralischen Welt‘ jede Position ihre Negation hervor: Aus Minus resultiere stets Plus, aus Plus werde Minus. Und da dieses Prinzip so universal zu veranschlagen sei, dass sich die komplette Charakterbildung des Menschen nach ihm vollziehe, sei es ein Gebot der Stunde, die konventionelle Pädagogik zu verabschieden und stattdessen eine auf dem Muster elektrischer Influenz basierende ‚Lasterschule‘ einzurichten, besser gesagt: eine „Schule der Tugend durch Laster“ (2001:334). Er selbst erkläre sich dabei gerne persönlich bereit, Geiz, Spiel, Trunk, Faulheit und Völlerei zu unterrichten, damit seine Schüler dadurch ex negativo zu besonderer Sparsamkeit, zu Fleiß und Abstinenz erzogen würden. Seine Frau hingegen übernehme die Fächer Unreinlichkeit, Streitsucht sowie Verleumdung.

Zu diesem höchst raffinierten literarischen Text selbst gäbe es konkret vielerlei zu bemerken,[1] im Zusammenhang dieser Untersuchung muss es allerdings genügen, ihn nur zur Exemplifikation eines allgemeineren Sachverhalts zu nutzen. Kleists Rollenprosa wird in ihrer gedanklichen Stoßrichtung nämlich nur adäquat verständlich, wenn man die auf den ersten Blick etwas angestrengt witzige Engführung von Physik und Psychologie als parodistisches Beim-Wort-Nehmen eines um 1800 bereits breit etablierten ‚elektrischen‘ Junktims betrachtet. In den Jahren seit 1770 expandieren elektrische Konzepte in die unterschiedlichsten fremden Kontexte, parallel zum Aufstieg der Elektrizitätslehre als Forschungsfeld und mit dem Übergang von der Epoche der Aufklärung in die der sog. Goethezeit. Ihre Begrifflichkeiten reichen aus der Physik bis in die Physiologie und Psychologie und greifen von hier aus – nun in Form von Metaphern – in das allgemeine Gefühlsvokabular der Zeit hinüber. Bis heute hat diese Konstellation ihre Spuren hinterlassen: Noch immer sind wir in freudig-gespannten Situationen ‚elektrisiert‘, fühlen, dass es zwischen zwei Menschen ‚knistert‘, oder wir stehen manchmal ‚unter Strom’ bis der ‚Funke überspringt‘. Mit seiner ganz offenkundigen Überbeanspruchung dieses ‚Bildfeld-Komplexes‘[2] rückt Kleist jedoch einige Probleme in den Vordergrund, für die die Elektrizität eigentlich nach gängiger Meinung des späten 18. Jahrhunderts eine Lösung in Aussicht stellte.

Diese Probleme bestehen allesamt, wie ich im Folgenden zeigen möchte, in der Vermittlung vieler für das Welt- und Menschenbild der Aufklärung typischen und virulenten Dualismen, und hier schließen auch die populären elektrischen Metaphern an, die signifikanterweise gleichzeitig mit dem Vormarsch der Elektrizitätsforschung aus der wissenschaftlichen Peripherie ins Zentrum der Naturforschung des 18. Jahrhunderts entstehen (3.). Um aber nicht nur am historischen Einzelfall, sondern auch in abstrakterer Systematik umreißen zu können, wie Metapherngebrauch und epochale Problemkonstellationen miteinander korreliert sein können, möchte ich am Anfang kursorisch in die in der germanistischen Literaturwissenschaft jüngst wieder neu diskutierte Methodologie der ‚Problemgeschichte‘ einführen (2.),[3] damit ich im dritten Teil meiner Argumentation beides zusammenführen und einige systematische Beobachtungen und Schlussfolgerungen zur Beziehung von ‚Problemen‘ und Metaphern anstellen kann (4.).

 

2. Problemgeschichte

Von einer problemgeschichtlichen Herangehensweise erhoffen sich viele Literaturwissenschaftler eine Möglichkeit, die Funktion und den Wandel von Literatur im Ensemble der Kulturtechniken in einem gehaltvolleren Sinne zu erklären oder mindestens integrativer zu beschreiben. ‚Probleme‘ können dabei zunächst ganz allgemein – wie Eibl (2010:240) definiert – als Differenzen von „Sollwert und Istwert“ verstanden werden, wobei die Wahrnehmung solcher Spannungen zugleich auch eine Aufforderung beinhaltet, diese Dissonanz zu beheben. ‚Probleme‘ setzen, damit es sie überhaupt in diesem Sinne geben kann, stets ein übergreifendes System von expliziten Argumentationen und impliziten Plausibilitäten voraus,[4] in dem sie als Störungen auftreten und nach dessen Regeln sie zunächst gelöst werden sollen, solange dies eben geht.[5] Sie sind Unverträglichkeiten von gängigen Überzeugungen und provozieren zur Störungsbehebung Reaktionen, die aber keinesfalls nur ‚Lösungen‘ im starken Sinne des Wortes sein können, sondern auch schlicht provisorische Bewältigungsversuche, Reformulierungen, Verschiebungen oder auch Kaschierungen.[6] Die ‚Lösungsoptionen‘ können also sehr vielfältig ausfallen – und sie werden es gerade in modernen, pluralistischen und funktional differenzierten Gesellschaften auch tun. In ihnen gibt es schließlich kein breites geteiltes Set von leitenden Überzeugungen und Normen der Problembehandlung mehr wie in vormodernen stratifikatorischen Gesellschaften, aber dennoch kann freilich noch immer nicht auf Konsensbildung verzichtet werden.

Mit Hilfe eines problemgeschichtlichen Zugriffs lassen sich nun, so die Hoffnung, explanatorische Zusammenhänge auch zwischen auf den ersten Blick entfernten Texten und Kontexten herstellen, ohne sie schlicht nebeneinander zu stellen (wie in manchen neueren Vorstellungen vom Zusammenspiel verschiedener kultureller ‚Diskurse‘) oder umgekehrt nur einsinnige ‚Einflüsse‘ anzunehmen (wie etwa in der älteren Sozialgeschichte). Stattdessen muss es sich, um erklärende Kraft zu haben, stets um eine zweigliedrige Relation handeln, bei der explanans und explanandum in keiner Tautologie zueinander stehen dürfen, ihre genaue Beziehung aber sehr unterschiedlich ausfallen kann: kausal, final, adaptiv etc. Die Vermittlung über geteilte Probleme soll diese im Einzelfall sehr variable Korrelation eines Textes und seiner verschiedenen – intellektuellen, institutionellen, lebensweltlichen – Kontexte ermöglichen,[7] so dass sowohl Einseitigkeiten und Erklärungsdefizite eines rein immanenten form-, geistes-, ideen- oder motivgeschichtlichen Zugriffs vermieden sind, ebenso aber auch die Kurzschlüsse einer unmittelbaren ‚Beeinflussung‘ oder ‚Widerspiegelungstheorie‘. Der eine Ansatz kann das Passungsverhältnis von Artefakt und Kontext nur beschreiben, nicht erklären, der andere reduziert es ‚quasi-kausal‘ auf seine biographischen, soziologischen oder psychologischen Voraussetzungen.

Um kultur- und literaturwissenschaftlich relevant und repräsentativ zu sein, sind natürlich nicht alltägliche Probleme einzelner Individuen gemeint – selbst wenn Literatur auch für deren Klärung zuweilen nützlich sein mag –,[8] auch nicht zwingend nur der relativ kleine Katalog an ‚ewigen‘ Problemen, der sich aus der physischen und psychischen Natur sowie der generellen kulturellen Disposition des Menschen ergibt (also etwa Liebe, Gerechtigkeit, Krankheit und Vergänglichkeit, Naturverhältnis etc.)[9] –, sondern solche, die für eine historische Situation von mittlerer Reichweite allgemein gelten, die größere Bedeutung haben innerhalb des Wissens und der Normen einer ‚Epoche‘, d.h. eines zeitlich und räumlich eingegrenzten Systems von Plausibilitäten, für das sich aus kulturellen Artefakten (meist Texten) relativ konstante Prämissen, Themen und Repräsentationsformen rekonstruieren lassen.[10]

Probleme können manchmal zuerst in anderen – philosophischen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen, alltagspraktischen – Zusammenhängen auftreten und erkannt werden. Seit dem späten 18. Jahrhundert bildet Literatur aber einen eigenen, relativ autonomen Bereich aus und wird – neben der Wissenschaft und zunehmend im Ersatz für Religion und philosophische Metaphysik – zu einem zentralen Schauplatz der Problemidentifikation und ‚Lösungserprobung‘ unserer Kultur.[11] Durch ihre neu errungene relative Eigenständigkeit gegenüber religiösen, moralischen, politischen und ästhetischen Rücksichten eröffnen sich ihr Spielräume, über die sie vorher nicht in gleichem Maße verfügte.[12] Sie kann nicht mehr nur Lösungen für in anderen kulturellen Bereichen aufgetretene Schwierigkeiten erschließen, bestätigen, verstärken oder verknüpfen, sondern Probleme überhaupt erst sichtbar machen, zuspitzen oder sogar in ihrer Unlösbarkeit reflektieren. Mit dem zunehmenden Autonomiegewinn seit dem späten 18. Jahrhundert muss sich Literatur nicht mehr konstruktiv und affirmativ in das Werte- und Wissenssystem einer Epoche einfügen, wie dies in vormodernen Kulturen der Regelfall war (und freilich auch in modernen weiterhin möglich und gängig bleibt), sondern kann sich auch quer zu den tragenden Plausibilitäten der Zeit positionieren, ohne allzu direkte Sanktionen oder minderen Erfolg und geringere Beachtung fürchten zu müssen.

Literarische Texte sind in problemgeschichtlicher Betrachtung aufgrund dieser Spielräume folglich manchmal erste Schritte der Versprachlichung von begrifflich noch schwer zu fassenden Problemlagen, sie dienen ihrer Fokussierung und Modellierung, der Bewertung und Gewichtung, ihrer besseren ‚Handhabung‘ durch Komplexitätsreduktion, ebenso der Einbettung und dem Transfer in fremde Zusammenhänge, der Heuristik und Erprobung von Reaktionsweisen, der Prüfung auf mögliche Folgeprobleme hin etc. Diese Aspekte hat die problemgeschichtliche Literaturwissenschaft bereits immer wieder herausgearbeitet. Am Ende dieses Aufsatzes möchte ich allerdings in Ergänzung zu diesen Überlegungen argumentieren, dass sich bereits an normalsprachlichen Metaphern, mittels derer sich die Kommunikation über Probleme realisiert, eine Reihe von eben diesen Möglichkeiten andeuten, die man in der germanistischen Debatte meist speziell erst der Literatur zuschreibt.[13]

 

3. Problemgeschichte der Elektrizität im 18. Jahrhundert

Wie bereits angedeutet, erscheint Elektrizität im kulturellen Wissen des 18. Jahrhunderts als verheißungsvolles Versprechen, zentrale Desiderate der Anthropologie und Naturlehre der Aufklärung auf ‚wissenschaftlich‘ gesichertem Wege einzulösen.[14] Dass die relevanten Probleme und möglichen Lösungen im wissenschaftlichen Kontext formuliert werden, ist durchaus signifikant: Die Beantwortung von Fragen, die den Natur- und Persönlichkeitsbegriff betreffen, erwartet man schon im späten 18. Jahrhundert häufig nicht mehr zuerst von Religion oder Metaphysik, sondern eben von der Naturwissenschaft. Dabei darf man aber nicht übersehen, dass manche Probleme überhaupt erst durch diese Verwissenschaftlichung entstanden sind. Auch die Elektrizität soll – wie sich zeigen wird – Lücken schließen, die sich im Grunde erst durch den wissenschaftlichen Zugriff aufgetan haben. Im Groben betrifft dies drei Problemzusammenhänge: zwischen der einzelnen Naturerscheinung und ihrer Anbindung an das Naturganze, zwischen der anorganischen und der organischen Natur sowie zwischen Geist und Materie. Auf all diesen Gebieten stellt die Elektrizität eine Überwindung von im Laufe der Aufklärung virulent gewordenen Problemen in Aussicht, und diese Erwartungshaltung wird auch an den Metaphern deutlich, die sie als Bildspender stimuliert.

In Bezug auf den ersten Aspekt – den Zusammenhang oder consensus der Naturerscheinungen – ist Elektrizität zu Beginn des Jahrhunderts aber selbst zunächst noch mehr Problem als Lösung. Die bis dato bekannten elektrostatischen Phänomene (Aufladung, Anziehung, Abstoßung, Influenz und Funkenschlag) lassen sich nur schwer in den cartesischen Impuls-Mechanismus der Zeit integrieren, der im frühen 18. Jahrhundert die bestimmende Theorie der Natur darstellt, wie etwa Kondylis (2002:172) zeigt. Sie sind als actiones in distans kaum durch das simple Muster von Druck und Stoß erklärbar – Elektrizität zieht schließlich auch an, und sie wirkt ohne sichtbare Berührung der beteiligten Körper. Beides ist aber eigentlich unmöglich gemäß der Schulmeinung, die auf zwei Prämissen beruht: der qualitativen Homogenität jeglicher Materie und der quantitativen Konstanz der Bewegung.[15] Schon die übliche deutsche Übersetzung des Begriffs ‚Elektrizität’, nämlich ‚Wahlanziehung’ (im Ensemble mit magnetischen Phänomenen), demonstriert diese konzeptionelle Schwierigkeit. Sie impliziert einen Stoff, der nicht stößt, sondern anzieht, und nicht universal wirkt, sondern sich bestimmte Materialien ‚erwählt’.

Im Zuge der steigenden Akzeptanz eines induktiven Wissenschaftsstils im Laufe des Jahrhunderts gereicht gerade diese theoretische Widerständigkeit der Elektrizitätsforschung jedoch zunehmend zum Vorteil, wie Stichweh (1984:252-317) rekonstruiert hat. Elektrizität ist ohne Zweifel empirisch nachweisbar und dennoch nahezu grenzenlos agil und vielseitig. So hofft man, sie könne das unterkomplexe Druck-und-Stoß-Modell überwinden. Dies zeigt sich etwa bei Johann Gottfried Herder (1989:174), der notiert, nur Elektrizität könne der Stoff sein, der ganz organisch, nicht impulsionistisch, „alle Kräfte der Natur vereinigt“. Und auch laut Pierre Bertholon (1788:28), einem besonders radikalen Elektrizitätsforscher der Zeit, sind alle Dinge in einen unsichtbaren elektrischen Ozean versenkt, der sie von innen und außen in Beziehung setzt, alles mit allem verbindet und so das Wirkungskontinuum der Natur garantiert auf eine nicht mehr kausalmechanische Art und Weise. Wenn es dann allerdings daran geht zu erläutern, wie Elektrizität den Zusammenhang der Naturerscheinungen im Detail bewerkstelligt, dann vertagen sich Herder (1989:38) wie Bertholon auf einen künftigen fortschrittlicheren Wissensstand, denn noch liege die genaue Funktionsweise im Dunkeln. Elektrizität sei, wie auch der Herausgeber des diskursbestimmenden physikalischen Wörterbuchs, Johann Samuel Traugott Gehler (1798:720), notiert, ein Mittel, „um etwas anzuzeigen, das man nicht kennt und doch oft nennen muss, und wird gebraucht, wie man in der Algebra die Buchstaben X und Y zu gebrauchen pflegt“.

Auch in Bezug auf das zweite Desiderat – die Vermittlung von organischer und anorganischer Natur – lässt sich eine solche Vertagung der Problemlösung beobachten. Hier wird die Elektrizität häufig zum Bezugspunkt für Physiologen, die einerseits eine mechanistische Identifizierung von belebter und unbelebter Natur wie bei Descartes nicht akzeptieren wollen, zugleich aber andererseits auch eine allzu strikte Antithese der Naturreiche ablehnen, wie sie sich etwa bei Albrecht von Haller findet, dem Begründer der modernen Physiologie.[16] Dieser behauptet, die organische Natur funktioniere nach ganz anderen Gesetzen als die anorganische, was die Einheit der Natur zu untergraben droht. Elektrizität ist aber ein Phänomen, das in beiden Naturreichen gleichermaßen anzutreffen ist, im geriebenen Glas ebenso wie im Zitteraal. So kann sie einen Zusammenhang zwischen den Naturreichen wahrscheinlich machen, ohne dabei eine Identität zu behaupten, so dass die Einheit der Naturgesetze zum einen garantiert und zum andern die Probleme des Mechanismus gelöst erscheinen. Diese Hoffnung wird etwa explizit, wenn wiederum Herder (1994:331) in seiner erfolglosen Preisschrift Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele (1778) betont, dass sich mit der Elektrizität schon im anorganischen Reich mutmaßlich eine erste Form der Apperzeption abzeichne, die sich schließlich bis hinauf zum reizbaren Fäserchen der organischen Materie sublimiere.

Drittens wird die Elektrizität auch für die Vermittlung des Dualismus von Materie und Geist bzw. Körper und Seele herangezogen. Damit übernimmt sie eine wichtige Funktion zur Lösung eines der zentralen Probleme der dualistischen aufklärerischen Anthropologie, nämlich der Frage, ob und wie eine psychophysische Wechselwirkung, ein commercium mentis et corporis, möglich sein könnte.[17] Descartes‘ strikte Trennung in eine ‚denkende‘ und eine ‚ausgedehnte‘ Substanz (res cogitans und res extensa) lässt keine Kommunikation zwischen den Körpern und Seelen zu. Die Quantität der Bewegung müsste in die Qualität der Empfindung transformiert werden, was prinzipiell unmöglich scheint. Die Elektrizität kann dagegen Indizien liefern, dass es sehr wohl ein Medium geben kann, das eine Konversion der Substanzen leistet. Außer der Elektrizität sei schließlich kein Stoff bekannt, der zugleich materielle und immaterielle Eigenschaften aufweise, der scheinbar nicht schwer und überaus agil ist, aber sich dennoch isolieren und zweifelsfrei wissenschaftlich nachweisen lässt. Nur dieser Zwischenstatus der Elektrizität sei annähernd vergleichbar mit der Fähigkeit, den Sprung zwischen Leib und Seele zu vollziehen. „Entweder hat die Wirkung meiner Seele kein Analogon hinieden, […] oder es ist dieser himmlische Licht- und Feuergeist“, bemerkt Herder (1989:174). Allerdings findet sich wiederum allenthalben der Verweis, dass die Elektrizität zwar mittelfristig eine Lösung des commercium-Problems in Aussicht stelle, aber dass bis dahin noch etliche Wissenslücken zu schließen seien.

Aufgrund dieser mutmaßlichen Einflüsse auf Körper und Geist etabliert sich im späten 18. Jahrhundert ein ganzer Zweig innerhalb der Medizin, der sich mit den Wirkungen der Elektrizität auf den Stoffwechsel befasst. Für viele Ärzte der Epoche gilt sie dabei nicht nur als Therapeutikum für physische Leiden, sondern auch psychische. Für Pierre Bertholon (1789:37,45) lassen sich etwa verschiedene Gemütslagen linear mit körperlichen Elektrizitätsniveaus erklären: Wer zur Wut neigt, weist zu viel eigene Körperelektrizität auf, wer an Heimweh leidet, bewegt sich in einer ungewohnten Atmosphäre. Und nicht nur individuelle und temporäre Gemütsveränderungen sind darauf zurückzuführen. Wie später satirisch bei Kleists Konrektor Levanus hängen bei Bertholon (1788:88), und auch bei Herder, ganz generelle Charakterdispositionen, ja ganze Nationalcharaktere „vom Himmelstriche, und folglich von der Elektrizität der Atmosphäre […] ab.“[18]

Vor dem Hintergrund dieser in den Wissenschaften generierten und diagnostizierten, vielschichtigen Problemsituation kann die Elektrizitätslehre mit ihrer Fülle von empirischen und experimentellen Daten bei gleichzeitigem geringen Ursachen-Wissen somit allerlei Hoffnungen erwecken,[19] die auch die Bildung und den Erfolg elektrischer Metaphern im 18. Jahrhundert stimulieren.[20] Diese kommen vor allem bei der Veranschaulichung von zwei abstrakten Bereichen zur Anwendung, von denen markanterweise exakt im gleichen Zeitraum aus der genannten Problemlage heraus auch neue begriffliche Konzepte entstehen: künstlerische Inspiration sowie Liebe und Erotik. Dabei ist es durchaus bemerkenswert, dass wir auch heute – wie die eingangs zitierten Beispiele von ‚Geistesblitzen‘ und ‚knisternder Spannung‘ zeigen – immer noch für genau diese Felder gerne elektrische Metaphorik verwenden.

Die Inspirationstopik kann sich im 18. Jahrhundert dabei auf einen wissenschaftlichen Zusammenhang von Kreativität und Elektrizität berufen. Wiederum Bertholon (1788:87) notiert:

 

Alle, welche sich mit den bildenden Künsten, der Dichtkunst, Mahlerey und Musik beschäftigen, können hier unsre Gewährsleute seyn, und uns bezeugen, daß sie ihre Meisterstücke nur in solchen Zeiten verfertigt haben, welche für die Elektrizität des Dunstkreises die vortheilhaftesten waren.

 

Dabei ist v.a. die Spontaneität und Unberechenbarkeit des elektrischen Funkens für die Analogie verantwortlich, entsprechen sie doch auch den Attributen des künstlerischen ingenium, wie man es seit dem Sturm und Drang neu konzipiert.[21] Nicht mehr vom studium, von erworbener Gelehrsamkeit und Übung, soll nun kreative Leistung abhängen, sondern von der naturgegebenen und spontanen Fähigkeit, individuelle Erfahrungen möglichst verlustfrei über das Medium des Kunstwerks zu kommunizieren. Zur Illustration dieses neuen Kreativitätsmodells bieten sich elektrische Metaphern ganz besonders an – auch, weil sie recht umstandslos die überkommene mythologische Inspirationsmetaphorik des Feuers und des Blitzes modernisieren können. Der Künstler soll – so Herder (1989:38) – „als ein zweiter Prometheus den elektrischen Funken vom Himmel holen“. An anderer Stelle erklärt Herder (1989:275), dass der Geist des Künstlers „aus seinem Herzen gleichsam ins Herz“ gehe, „aus dem Genie ins Genie [...] wie der elektrische Funke sich mitteilt.“ Wie Elektrizität von Raum und Zeit unabhängig zu sein scheint, so durchdringt und produziert also das Genie in einem Augenblick eine ganze Welt und gibt diese Erfahrung unmittelbar an den Kunstbetrachter weiter. Beide – Genie und Elektrizität – setzen damit die üblichen Regeln außer Kraft, hier die der mechanischen Bewegung, dort die der aufklärerischen Regelpoetik.

Auch bei der Liebessemantik sind es Durchdringungskraft und Spontaneität des elektrischen Funkenschlages, die als ‚Ähnlichkeitsgesichtspunkte‘[22] des metaphorischen Transfers herangezogen werden, vor allem aber Polarität und Attraktion. Buchstäblich in Szene gesetzt wird dieses Junktim von Elektrizität und Geschlechtlichkeit in der gereimten Schilderung des sehr verbreiteten sogenannten Venus electrificata-Experiments durch seinen Erfinder Georg Mathias Bose (1744:29), einen Hallenser Politiker und Polyhistor der Jahrhundertmitte, der in einem langen Lehrgedicht von der Elektrisierung einer schönen jungen Frau berichtet.

 

Berührt ein Sterblicher etwan mit seiner Hand

Von solchem Götter-Kind auch selbst nur das Gewand,

So brennt der Funcken gleich, und das durch alle Glieder.

So schmerzhaft als es that, versucht er’s dennoch wieder.

[…] Und kommt er näher hin, gleich sengt die helle Flamme

Er findet, daß ihn die zur Sclaverey verdamme.[23]

 

Derartige ‚Liebe’ im Zwischenfeld von physischer und psychischer ‚Anziehung’ ist der gängigste Referent elektrischer Metaphern im 18. Jahrhundert, und Experimente, wie das bei Bose beschriebene, sind wichtige Zwischenschritte bei ihrer Durchsetzung und Verbreitung. Die ‚Liebe als Elektrizität‘ ist aber nicht mehr wie in der frühaufklärerischen Affektenlehre eine per se tugendhafte, der Sympathie und Philanthropie verwandte Emotion, die oft geradewegs in die Institution der Ehe hinüberführt,[24] sondern eine spontane, eruptive und manchmal irrationale und schmerzhafte Passion. Dies macht schon Boses Szene deutlich: Das elektrische Hin und Her von Anziehung und Abstoßung, von Lust und Schmerz, wird hier zum Sinnbild eines paradoxe amoureux, bei dem die Unerfülltheit des Begehrens zugleich Bedingung dafür ist, dass die Faszination erhalten bleibt. Elektrizität ist sowohl Allegorie für die Leidenschaft, der der zur Hingabe verdammte Mann passiv ausgeliefert ist, als auch der Sanktion seiner moralischen Übertretung, die der Leidenschaft zwangsläufig folgt.

Bemerkenswert ist nun, dass exakt diese Felder – Kreativität und Liebe – in großer Homogenität auch dann noch elektrisch metaphorisiert werden, wenn überhaupt kein physikalischer Bezug mehr erkennbar ist. Dies können zahlreiche Bezugnahmen auf die junge Disziplin belegen, die sich vorzugsweise in literarischen Texten finden, auch solchen der avanciertesten Autoren der Zeit. Bei Jean Paul, Kleist und Lichtenberg finden sich elektrische Inspirationsmetaphern in Hülle und Fülle, zuweilen ganz ohne im strengen Sinne physikalische Kontexte. Novalis versinnbildlicht mit der Elektrizität v.a. die stets zugleich persönliche und kosmische Liebe, E.T.A. Hoffmann dagegen, bei dem sich besonders viele elektrische Liebesmetaphern finden, eine dämonische und höchst subjektive Leidenschaft.[25] Diese in der Literatur besonders elaborierte, aber bis heute auch normalsprachliche kulturelle Assoziation der Elektrizität und des Verhältnisses von Mann und Frau, wirkt um 1800 zudem sogar in die wissenschaftliche Terminologie zurück. So spricht sich z.B. der Jenaer Professor für Naturlehre Johann Heinrich Voigt (1793:11) für die Begriffe ‚weibliche’ und ‚männliche’, statt der mittlerweile üblichen von ‚Plus-’ und ‚Minus-Elektrizität’ aus, „weil beyde bey ihrer Paarung etwas, nämlich die Wärme, erzeugen, sich dabey nähren, etwas consumiren, ihr Geschlecht fortpflanzen und dann sterben.“

 

4. Problemgeschichte in Metaphern

Diese historischen Beobachtungen zur Metaphorisierung des Natur- und Menschenbilds um 1800 können als Anhaltspunkt dienen für abstraktere Überlegungen darüber, was Metaphern auch schon außerhalb genuin literarischer Äußerungszusammenhänge in Bezug auf epochale ‚Probleme‘ leisten.[26] Sie weisen, wie ich zeigen möchte, in vielerlei Hinsicht auf die Spielräume voraus, die literarische Texte hinsichtlich epochaler Probleme aufweisen.[27] Wenn man den wissenschaftlichen Blick so bereits auf die Metaphern lenkt, und nicht erst auf ganze Texte, kann einer Schwierigkeit problemgeschichtlicher Kontextualisierungen besser vorgebeugt werden: dass sich die Rekonstruktionsarbeit unwillkürlich zu sehr auf Konzepte konzentriert, die in der Epoche bereits relativ ausgearbeitet sind und in den Texten elaboriert zu Tage liegen. Dies würde den kulturhistorischen Zugang von vornherein verkürzen, indem die weniger expliziten und unbegrifflichen, nichtsdestotrotz für das Denken, Meinen, Fühlen und Werten einer Zeit oft tragenden Plausibilitäten übersehen werden.[28] Ein Einbezug der Metaphorologie kann somit – bei aller Vorsicht und gebotenen methodischen Kontrolle –[29] den problemgeschichtlichen Zugriff in der Literaturwissenschaft erweitern und vertiefen.

Die problembezogenen Potenziale der Metapher, die sich am ‚elektrischen‘ Bildfeld-Komplex erkennen lassen und – ganz im Sinne der genannten Justierungen – auch für andere Epochen und Problemkonstellationen anwendbar sein dürften, lassen sich ohne Anspruch auf Vollständigkeit folgendermaßen pointieren: (1.) ihre Fähigkeit, die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten an eine Problemsituation anzupassen, (2.) eine implizite Heuristik von Problemlösungen zu geben, (3.) darauf aufbauend einen Beitrag zur Bildung problemlösender kognitiver Modelle zu leisten, (4.) der integrativen Kontextualisierung von Problemen zuzuarbeiten, (5.) sie zuweilen aber auch auszuweiten und zu verschärfen.

Zu 1.: Metaphern entspringen oft schon der Suche nach einem geeigneten Vokabular zur Versprachlichung von Problemen, nicht erst zu deren verbaler Darstellung, wenn sie gedanklich bereits ‚fertig‘ vorliegen. Sie können probeweise Formulierungen und Ausdrucksoptionen für Sachverhalte sein, über die sich ansonsten mit dem Lexikon einer Zeit noch nicht gut reden lässt. So trägt um 1800 etwa der metaphorische Transfer elektrischen Vokabulars in den psychologischen Bereich erst dazu bei, ein neues Kreativitäts- und Liebeskonzept zu verbalisieren, das die aufklärerischen Vorstellungen abgelöst hat. Die Begriffssprache der etablierten ‚Erfahrungsseelenkunde‘ des 18. Jahrhunderts ist noch überwiegend auf die alten Modelle der vernünftig geregelten Einbildungskraft und der tugendhaften Zuneigung zugeschnitten.[30] Ohne Metaphern könnten die neuen Vorstellungs- und Gefühlskomplexe de facto also gar nicht ‚zur Sprache‘ kommen und sich folglich auch nicht zu immer größerer Deutlichkeit und Intersubjektivität ausprägen.

Diese sprachinnovative Leistung der Metapher hat bereits Hans Blumenberg (2001:149) – der überhaupt schon früh auf Zusammenhänge von Problem- und Metapherngeschichte aufmerksam gemacht hat – in seinem allerersten Beitrag zum Thema, der kleinen Studie zum Licht als Metapher der Wahrheit (1957), skizziert. Hier demonstriert er für eine Reihe historischer erkenntnistheoretischer Konzepte seit der Antike, wie die Metaphern für die Vorstellungen von ‚Wahrheit‘ den Begriffen und philosophischen Rechtfertigungssystemen oft voraus sind. In der Metapher kann eine veränderte Wirklichkeitsauffassung „nicht nur sich manifestieren, sondern allererst sich selbst für sich selbst zur Artikulation bringen.“[31] In den Paradigmen zu einer Metaphorologie (1960) führt Blumenberg (1998:12) diesen Gedanken noch weiter aus: Metaphern springen in ‚logische Verlegenheiten‘ ein, können „faßbar machen, mit welchem ‚Mut‘ sich der Geist in seinen Bildern selbst voraus ist“. Sie indizieren und versprachlichen die oft noch unbegrifflichen, aber dennoch „fundamentalen, tragenden Gewissheiten, Vermutungen, Wertungen, aus denen sich die Haltungen, Erwartungen, Tätigkeiten und Untätigkeiten, Sehnsüchte und Enttäuschungen, Interessen und Gleichgültigkeiten einer Epoche“ regulieren – und man darf wohl ergänzen: auch ihre Probleme.

Zu 2.: Zugleich können Metaphern aber natürlich auch der Heuristik von Lösungen zu den Problemen dienen, nicht nur zu ihrer ‚bloßen‘ Verbalisierung. Darauf macht wiederum schon Blumenberg (1998:15) aufmerksam: Die Metapher artikuliere nicht nur eine ‚Frage‘, d.h. die Versprachlichung eines Problems, sondern enthalte auch die Antizipation einer ‚Antwort‘, „die zwar in den Systemen nicht formuliert enthalten, wohl aber impliziert durchstimmend […] gegenwärtig und wirksam gewesen ist.“ Metaphern sind folglich nicht nur Adaptionen der Sprache an den aktuellen Problemstand, sondern sie können gleichzeitig auch unser konzeptuelles System differenzieren und verändern. Da Denken und Sprechen per se miteinander verbunden sind, arbeiten Metaphern nicht selten auch der Herausbildung neuer mentaler Verknüpfungen in statu nascendi zu. Dies bewerkstelligen sie, indem sie vage Wissensstrukturen projizieren und somit neue gedankliche Muster abduzierbar machen.

Wiederum kann die Untersuchung elektrischer Metaphorik um 1800 diesen Gedanken stützen. Über Liebe und künstlerische Kreativität spricht man seit dem späten 18. Jahrhundert schließlich nicht nur anders als zuvor, sondern denkt sie auch anders, und das verdanken wir nicht zuletzt ihren ersten metaphorischen Entwürfen. Die Liebe, in elektrischen Metaphern betrachtet, ist nicht mehr der tugend- und vernunftkonforme Affekt, als der sie zuvor konzipiert wurde, und das kreative elektrische Feuer des Prometheus brennt anders als das alte gewöhnliche aus Holz und Kohle. Auch mittels ihrer Metaphern wird Liebe so zur heftigen Leidenschaft, die vernünftiger Kontrolle beraubt ist und wie elektrische Anziehung spontan, quasi-naturgesetzlich und nicht selten schmerzhaft wirkt. Und auch der Künstler leitet sein Schaffen nun nicht mehr von technischen Fähigkeiten und erworbenem Wissen her, sondern von einer unverfügbaren Inspiration, die mit der Plötzlichkeit eines Funkenschlags über ihn kommt.

Zu 3.: Metaphern dienen aufgrund dieser impliziten Heuristik zuweilen der Vorbereitung und Bildung von expliziten Modellen, mit denen Probleme verhandelt und gelöst werden sollen. Sie fokussieren Vorstellungen auf musterhafte Art und Weise und projizieren eine Art integrativer Leitvorstellung. Sie führen – so erneut Blumenberg (1998:16) – zu „ganz elementaren Modellvorstellungen“. Diese werden zwar in einzelnen Metaphern sehr viel undeutlicher und unverbindlicher ausfallen als in ganzen Texten, aber sie lassen sich nichtsdestotrotz mit Vorsicht auch aus ihnen extrapolieren, nicht zuletzt dann, wenn nicht nur singuläre Metaphernokkurenzen in den Blick geraten, sondern ganze ‚Bildfelder‘.[32] Und nicht nur bei Blumenberg, auch in der aktuellen kognitiven Theorie der Metapher, wird etwa von Jäkel (1997:18) betont, dass Metaphern „oft kohärente kognitive Modelle: komplexe Strukturen der Wissensorganisation mit Gestaltcharakter als pragmatische Simplifizierungen einer noch komplexeren Realität“ bilden, und so könnten sie als „kulturelle Denkmodelle gelten, die das Weltbild einer Sprachgemeinschaft unbewußt bestimmen.“  

Auch dieses modellbildende Potenzial lässt sich wiederum an der elektrischen Metaphorik um 1800 verdeutlichen. Auf all den Terrains, auf denen sie zum Einsatz kommen, spielt sie ein analoges Grundmuster ein. Dieses besteht in der Figur einer Einheit und Differenz entgegengesetzter Pole, sei es – wie gezeigt – zwischen organischer und anorganischer Natur, Geist und Leib, Mann und Frau. Sie bietet das Schema einer ‚Einheit von Gegensätzen‘, und mit dieser polaren Struktur, bei der Plus und Minus aufeinander bezogen, aber nicht identifiziert werden, offeriert sie auch für zahlreiche nicht-physikalische Bereiche eine Figur der Vermittlung, ohne dass dabei das Trennende in der Einheit aufgelöst würde oder umgekehrt völlig beziehungslos erschiene.

Zu 4.: Indem sie derart Ähnlichkeit zwischen den diversen Kontexten ihres Vorkommens projizieren, sind Metaphern wichtige Instrumente der Kontextualisierung eines Problems, seiner Einordung und Bewertung. In seinem Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit (1979) attestiert Blumenberg (2001:193) ihnen, als Form der „Erfassung von Zusammenhängen“ in einer „noch nicht konsolidierten Situation“ fungieren zu können. Durch den Transfer der bildlogischen Leitidee in unterschiedlichste Bereiche suggerieren Metaphern eine Kongruenz zwischen ihnen, ohne diese Behauptung aber begrifflich fixieren zu müssen, einen tatsächlichen argumentativen Anschluss zu leisten – weil sie ja per se von der Beweispflicht für die ihnen zu Grunde liegenden Prädikationen entlastet sind.[33] Dadurch können Metaphern zuweilen der Wahrung von konzeptueller Stabilität in einer Epoche zuarbeiten, Problemdruck aus dem System herausnehmen.

Um wieder das bekannte Beispiel zu bemühen: In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts steht, wie gezeigt, noch immer die intellektuelle Option im Raum, dass Metaphern wie der ‚Liebesfunken’ oder ‚Geistesblitz’ auf ganz faktische Ähnlichkeitsgesichtspunkte verweisen könnten, dass sie mehr Metonymie als Metapher sind. Nur sind die genauen Zusammenhänge eben (noch) nicht in festes Wissen geronnen. So supponieren sie mutmaßliche Zusammenhänge und eine Kompatibilität von Physik, Anthropologie, Affektenlehre und Ästhetik, ohne dass diese belegt werden könnte oder müsste. Die elektrische Metaphorik dient damit der Erzeugung von Kohärenz zwischen verschiedenen kulturellen Bereichen um 1800, der Suggestion von Homogenität des Wissenssystems der Epoche. Damit wird auch eine Lösung für ein zentrales Problem, eben das des commercium zwischen Geist und Leib, in Aussicht gestellt, und die Metaphern beglaubigen diese Lösung durch ihren alltäglichen gewohnheitsmäßigen Gebrauch. So lange mit gutem Gewissen geglaubt werden kann, dass das Problem in Zukunft gelöst werden wird – und die Metaphern unterstützen diesen Glauben –, sind die Akteure nicht gezwungen, das dualistische Menschenbild der Aufklärung prinzipiell in Frage zu stellen. Metaphern schaffen somit durch ihre Kontextualisierungsleistung Akzeptanz für die Vertagung des Problems, und sie verschleiern seine Virulenz.[34]

Zu 5.: Allerdings kann metaphorischer Transfer das bestehende Denksystem nicht nur derart stabilisieren, sondern ganz im Gegenteil Probleme auch ausweiten und auf Folgeprobleme hindeuten. Dafür kann wieder der Erziehungsplan von Kleist als Beispiel dienen. Dessen gebrochener Umgang mit dem konstitutiven Bildfeld-Komplex scheint vor allem zu einem zu dienen: die Probleme wieder sichtbar zu machen, für die Elektrizität eigentlich die Lösung sein sollte. Indem Kleist nämlich die schon im Verblassen begriffene Metaphorik szenisch wiederbelebt und beim Wort nimmt, rekontextualisiert er sie zugleich in der anthropologischen Diskussion um Körper und Geist. Er macht – um mit Titzmann (2010:309) zu sprechen – aus dem ‚latenten‘ Problem ein ‚manifestes‘, indiziert damit einen sich ankündigenden weiteren System- und Epochenwechsel.[35] Und nur vor diesem Hintergrund wird die weltanschauliche Spitze des scheinbar so harmlos-humorigen Vorschlags einer Lasterschule erkennbar. Das Bildfeld wird von Kleist ironisiert, und damit auch der Versuch, physische und moralische Welt im Zeichen der Elektrizität als ein System zu denken. Der Text deckt dadurch auf, wie problematisch das zu Grunde liegende Naturmodell Anfang des 19. Jahrhunderts geworden ist.

Und dies zieht nun auch auf anthropologischem Terrain weitere Kreise. Die Plausibilität des elektrischen Junktims basierte, wie gezeigt, auf dem Versprechen, den Zusammenhang von Geist und Leib als harmonische Übereinstimmung von Einheit und Differenz zu denken – weder als materialistisch-mechanistische Identität noch undurchlässigen Dualismus. Kleist (2001:330) zeigt aber nun, dass dadurch das Problem nicht behoben, sondern nur verschoben ist: Selbst wenn man das Verhalten des Menschen nicht nach einem Naturbegriff modelliert, der nur die kausalmechanischen Kategorien kennt, sondern mit einem dynamischen, wie die Elektrizität ihn offeriert, so wäre der Mensch aber auch dann nicht weniger determiniert. Es herrschte nur eben ein „Gesetz des Widerspruchs“, das aber ebenso zwingend wäre. Eine substanzielle Lösung für das commercium-Problem kann so jedenfalls nicht aussehen, und Kleists Text erklärt letztlich überhaupt alle Versuche für obsolet, die Entwürfe von Menschenbildern durch Rekurs auf die Natur, das Sollen durch das Sein, begreifen wollen.

All dies kann Kleists Rollenprosa aber nur deshalb leisten, weil vorgängig bereits eine Metaphorik existiert, auf die er aufbaut und die er ausspielen und persiflieren kann. Als Zeichensystem zweiter Stufe kann Literatur, um diese Beobachtung zu verallgemeinern, die Aporien verstärken, die bereits in den alltagssprachlichen Metaphern angelegt sind. Deshalb können und sollen auch Metaphern dem Kultur- und Literaturhistoriker als wichtige Problemindikatoren dienen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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[1] Einzeluntersuchungen zum Text finden sich bei Borgards (2005), Gamper (2009:203-211) und Specht (2010:359-372).

[2]  Ein Bildfeld-Komplex ist die Verbindung mindestens zweier Bildfelder, deren Bildempfänger durch einen gemeinsamen Bildspender verschränkt sind. Siehe dazu avant la lettre Weinrich (1976:286).

[3] Die ältere Problemgeschichte wurde durch Rudolf Ungers Studie Literaturgeschichte als Problemgeschichte (1924) geprägt, die neuere Debatte setzte allerdings erst wieder an bei Michael Titzmann und v.a. Karl Eibl in dessen methodologischer Untersuchung Kritisch-rationale Literaturwissenschaft. Grundlagen zur Erklärenden Literaturgeschichte (1976). Jüngst wurde die Debatte durch einen Aufsatz in der Zeitschrift Scientia Poetica (2009) von Dirk Werle wieder angefacht.

[4] Titzmann (1991:408) spricht diesbezüglich von ‚Denkstruktur‘ und ‚Wissenssystem‘, die zusammen das ‚Denksystem‘ einer Kultur ausmachten.

[5] Titzmann (2010:315) ist sich des heuristischen Status dieser Annahme bewusst, betont aber, es sei „sinnvoll, bis zum Beweis des Gegenteils eine ‚Systemrationalität‘ zu unterstellen.“ Diese Annahme bedeutet, dass die einzelnen ‚Wissenselemente‘ in einer Epoche sich im Idealfall systematisch-geordnet zueinander verhalten. Wo es aber zu Störungen dieser Ordnung kommt (bzw. wenn die Akteure diese Störung wahrnehmen), ergibt sich ein Problem. Dieses soll zunächst mit möglichst geringem Aufwand und möglichst geringem Risiko für das Gesamtsystem behandelt werden. Zu diesen Annahmen ist allerdings – durchaus auch im Sinne Titzmanns – klarzustellen: Beim ‚Wissenssystem‘ handelt es sich um eine lediglich erkenntnisleitende Hypothese, und es betrifft auch nicht nur das ‚Wissen‘ im engeren Sinne, sondern ebenso das Meinen, Empfinden, Vermuten etc.

[6] Werle (2009:299): „Manche Probleme kann man lösen, manche immerhin bewältigen, manche nur kompensieren, manche Probleme kann man verschieben, besprechen, verdrängen oder umdeuten, manche erledigen sich unter veränderten historischen Voraussetzungen.“

[7] Karl Eibl (1996:12) nennt allerlei Möglichkeiten von Korrelationen: Kausal-, Intentional-, Steuerungs-, Regelungs-, Anpassungs-, Selektionsverhältnisse.

[8] Dieses trivialisierende Missverständnis bei Carlos Spoerhase (2009:318f.) weist Katja Mellmann (2010:253f.) zu Recht zurück, indem sie auf den Unterschied zwischen einem alltags- und einem wissenschaftssprachlichen Problembegriff aufmerksam macht. Freilich weist Spoerhase aber insofern auf einen wichtigen Aspekt hin, als es tatsächlich zentral ist, Problemkontexte nicht zu weit oder zu eng zuzuschneiden, weil beide Male die Erklärungskraft leidet: entweder durch Verengung oder Überdehnung. Das richtige Maß wird dabei stark vom Einzelfall abhängen und mitunter Ermessenssache sein, über die wissenschaftliche Kontroversen zu führen sind.

[9] Diesem Sachverhalt widmet sich Philip Ajouri (2010:273) und erklärt die Tatsache ‚ewiger‘ Probleme daher, dass es „über mehrere Epochen und Gesellschaftstypen konstante Umweltbedingungen gibt“.

[10] So in etwa schon Titzmann (1991:405).

[11] Die Funktion von Literatur in Bezug auf Probleme im Allgemeinen pointiert Eibl (2010:252) als Probehandeln durch Virtualisierung vitaler Risiken: „Das kognitive ‚Spiel‘ Dichtung ermöglicht es, diese Regeln auch ohne aktuellen Entscheidungsdruck ständig zu aktivieren und durch Übungen in einem risikofreien, von der Vitalsphäre abgekoppelten Quarantäneraum an Attrappen zu erproben, ohne dass ein Fehlschlag letale Folgen hätte.“ So schon Eibl (1996:26): „Schon immer muß der Homo sapiens wirkliche Welt und virtuelle Welten ständig unterscheiden, und zwar so, daß bei Bedarf auch das Virtuellen vorrätig Gehaltene in die wirkliche Welt geholt werden kann. […] In der Moderne spielt sich das weithin im flexibleren Medium der Literatur (und ihrer Nachfolgeinstanzen) ab. “

[12] Siehe z.B. Eibl (1995:136). Damit ist natürlich nur eine Tendenz zunehmender Autonomisierung bezeichnet, die heute im Zeichen des expliziten juristischen Schutzes ‚künstlerischer Freiheit‘ noch einmal fortgeschrittener ist als im 18. Jahrhundert, aber natürlich noch lange nicht am Ende ist.

[13] Werle (2009:271f.) streift bei seiner ausgreifenden Synopse der Forschungsgeschichte des Paradigmas auch die Metaphorologie Blumenbergs, ohne dem aber größere Aufmerksamkeit zu schenken. Sonst ist dieser Aspekt im Allgemeinen gar nicht berücksichtigt.

[14] Diese Zusammenhänge habe ich detaillierter als im vorliegenden Beitrag entfaltet in Specht (2012), allerdings ohne den problemgeschichtlichen und metaphorologischen Fokus.

[15] Dazu Specht (2010:38-40).

[16] Descartes (1992:246) kennt keine eigenständige Theorie des Lebens und behauptet in seinen Prinzipien der Philosophie (1644), es sei „der aus diesen und jenen Rädern zusammengesetzten Uhr ebenso natürlich, die Stunden anzuzeigen, als es dem aus diesem oder jenem Samen angewachsenen Baum natürlich ist, diese Früchte zu tragen.“  Erschöpfen sich bei Haller (1759: o.P.) die organischen Gesetze nicht in den anorganischen, bleiben aber prinzipiell kompatibel, verschärft sich die Antithese im Laufe des Jahrhunderts. Im Vitalismus der 1780er und 1790er Jahre werden sie gar in ein dezidiert kontradiktorisches Verhältnis gesetzt.

[17] Dazu Zelle (2001:5-10), sowie Riedel (2004:3-11).

[18] Bei Herder (1989:30) lautet das Argument dann so: „Wie der elektrische und magnetische Strom unsre Erde umfließt? [...] das alles gibt sichtbare Schlüsse auf die Beschaffenheit und Geschichte jeglicher Menschenart“.

[19] Siehe hierzu eingehend Gamper (2009:13-68).

[20] Es geht hier explizit nicht um Metaphern innerhalb der Elektrizitätslehre, sondern  um aus ihr stammende. Thema ist also nicht die Art und Weise, wie Metaphern schon der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung, theoretischen Modellbildung und Experimentalpraxis dienen, sondern ‚nur‘, wie wissenschaftliche Konzepte durch Metaphern popularisiert, veranschaulicht und in andere Bereiche transferiert werden.

[21] Siehe zu diesem neuen Kreativitätskonzept, nämlich der Genie-Ästhetik, z.B. Schmidt (2004:150-192).

[22] Dabei ist zu berücksichtigen, dass eine lebendige Metapher ein Auftrag zur Findung oder Konstruktion von solchen Ähnlichkeiten ist, nicht (notwendig) die Feststellung einer Überschneidung von vorgängigen semantischen oder gar ontologischen Eigenschaften. Worin die Ähnlichkeitsgesichtspunkte bestehen, ist in der Metapher nicht dezidiert mit ausgesagt, sondern muss aus Kontext und/oder Konvention eigens konstruiert werden, so dass es eine Fülle von möglichen Varianten geben kann.

[23] Geht der verliebte Mann noch weiter und versucht gar, sie zu küssen, schlägt es ihm fast die Zähne aus dem Mund. Siehe Bose (1744:30).

[24] Siehe z.B. Eibl (1995:129).

[25] So werden etwa bei Novalis im sog. ‚Klingsohr-Märchen‘ im 9. Kapitel seines Romanfragments Heinrich von Ofterdingen (1800) zahlreiche elektrische Versuche genauestens nachgestellt, so dass die Handlung eine motivische und szenische Ausfaltung der gängigen elektrischen Liebesmetaphorik der Zeit darstellt: Die Erlösung Freyas durch den Kuss Eros‘, d.h. der Natur durch die Liebe, etwa erweist sich als Folge von Aufladung, Verstärkung, Speicherung und Funkenschlag und die gesamte Rahmenhandlung in Arcturs Palast – bezeichnenderweise unter einer gläsernen Kuppel – als Inszenierung der physikalischem Abläufe in einer Leidener Flasche, einem frühen elektrischen Kondensator. Die Erweckungen des Vaters und Atlas‘ geschieht ganz entsprechend zu den galvanischen Versuchen der befreundeten Physikers Johann Wilhelm Ritter (siehe dazu Specht (2010:208-308)). Auch bei Hoffmann tauchen elektrische Metaphern und Motive, v.a. die unterhaltenden Homo-electrificatus-Experimente, noch immer in den identischen Kontexten auf, die schon im 18. Jahrhundert elektrisch konnotiert waren, allen voran erotische Anziehung. Ein Beispiel ist die Berührung Hedwiges und Kreislers im Kater Murr (1819/21), bei der die Prinzessin aufgrund des einem elektrischen Schlag entsprechenden Gefühls von Hoffmann (1992:156) sogar dezidiert als ‚Leydner Flasche‘ metaphorisiert wird, oder der „Gymnotus Electricus“ Chiara (ebd.:188).

[26] Genauer befasst sich mit der Korrelation von Epochen und ihren typischen Metaphernkomplexen ein von mir herausgegebener Band Epoche und Metapher. Systematik und Geschichte kultureller Bildlichkeit (2014).

[27] Sie tun dies oft nur noch einmal weniger explizit, weil eine einzelne Metapher oder auch ein Metaphernkomplex im Vergleich zu einem literarischen Text das in ihrem Hintergrund stehende Modell noch verkürzter manifest macht, zudem weniger bedeutungslimitierenden Kotext aufweist, also auch kontextoffener ist.

[28] Literarische Texte bieten oft aber nicht bereits fertige Ideen und Lösungen, sondern eröffnen Probleme oft erst, nicht selten auf verdeckte und implizite Art und Weise, so dass erst einmal Diagnosearbeit geleistet werden muss. Diese Korrektur bringt Matthias Löwe (2009:304) gegenüber Dirk Werle (2009:288f.) ein, der sich zu sehr auf „Kontexte für in Texten thematisierte Ideen“ (Hervorhebung von mir, BS) konzentriere. Literatur kann allerdings auch auf unexplizite Art und Weise, nicht durch auf der Textoberfläche manifeste (in Form von expliziten Ideen, Themen, Stoffen, Motiven) auf Probleme reagieren.

[29] Im Anschluss an Titzmann sieht Löwe (2009:316) eine „Schwierigkeit fehlender methodologischer Regeln für die Rekonstruktion von Problemszenarien und die Gefahr willkürlicher Hypothesenbildung über Problemkontexte“ und schlägt als Ausweg vor, zunächst den (weitgehend) unvoreingenommenen und bewährten Techniken der literaturwissenschaftlichen Textanalyse zu vertrauen, um die Problemkonstellationen, auf die sie deuten, möglichst unverzerrt zu identifizieren. Für die Metapherngeschichte ist noch einmal mehr Vorsicht geboten, weil es noch weniger interpretative Praktiken gibt, die Intersubjektivität bei der Deutung garantieren, und auch noch variablere Kontexte, die Art und Verhältnis von Bildspender und -empfänger bestimmen. Deshalb gilt hierfür noch mehr, was Titzmann (1991:428) schon für die Untersuchung literarischer Texte fordert: „Die Frage nach der Funktion von Literatur in einer kulturellen Phase kann somit erst nach der Rekonstruktion des Literatursystems und des Denksystems beantwortet werden“, also durch begleitende begriffsgeschichtliche Studien.

[30] Siehe dazu z.B. Sauder (1974:106-132).

[31] Ganz ähnlich pointiert auch Titzmann (1991:427), allerdings für literarische Texte: „Literatur wird zwar im Rahmen eines bestimmten Denk- und Wissenssystems produziert, aber sie trägt selbst auch zu diesem bei: In ihr kann u. U. empfunden, gedacht, geredet werden, was im Denk- und Wissenssystem nicht mehr oder noch nicht empfunden, gedacht, geredet werden kann.“

[32] Siehe Weinrich (1976: z.B. 283-285).

[33] Dies ist im Übrigen eine normalsprachliche und noch unterhalb der Textebene liegende Parallele zur Fiktionalität von literarischen Werken.

[34] Titzmann (2010:318): „Wenn Probleme nicht gelöst werden können oder sollen oder dürfen, bietet sich die Verschleierung des Problems an. Dafür gibt es diskursive Praktiken der Scheinrationalität, die das Problem zu behandeln und zu lösen vorgeben.“

[35] Irgendwann können Probleme so groß werden, dass sie nur durch ein Folgesystem, in dem das Problem nicht mehr existiert, abgelöst werden können. Siehe Titzmann (2010:325).