Daniel Fulda/Walter Pape (edd.), Das andere Essen - Kannibalismus als Motiv und Metapher in der Literatur, Freiburg im Breisgau 2001, Rombach, 548S.

Abstract:


Die Metapher kann sich als wissenschaftliches Thema wahrlich nicht über mangelnden Zuspruch beschweren. Da mutet es manchmal erstaunlich an, wenn Sprachwissenschaftler immer noch ihre Herangehensweise mit dem Nimbus der Neuerung versehen, empirische Studien anmahnen und konzeptuelle metaphorische Netzwerke zu beschreiben suchen, wenn andererseits viele sehr empirisch vorgehende literatur- und kulturwissenschaftliche Metaphernforschungen linguistisch ungenutzt bleiben. Umgekehrt trifft der Vorwurf natürlich in gleichem Maße, wenn vielfach von der Literaturwissenschaft durchaus praktikable linguistische Kategorisierungen weitgehend ignoriert werden. Der vorliegende von Daniel Fulda und Walter Pape edierte Sammelband enthält vielfältigste Erkenntnisse zum Metapherngebrauch, und dies vor allem, weil er Metaphorik und Motivforschung, Prozesse der Legendenbildung und Wissenstransformationen thematisch miteinander verbindet. Die gemeinsame Klammer des Sammelbands ist das Thema des Kannibalismus, das seit der Antike in Legenden, geographischen Traktaten, Reiseberichten genauso wie in Literatur, Theater, bildender Kunst und Kino auftaucht. Die lapidare Bezeichnung des Titels Das andere Essen lässt dementsprechend fragen, ob es sich bei Kannibalismus-Diskursen nicht vielfach auch um eine andere Essensmetaphorik handelt. Diese Frage - also die nach Formen, Funktionen und Funktionsweisen der Anthropophagie in metaphorischen Prozessen - soll im Vordergrund dieser Besprechung stehen, was keine Herabwürdigung der vielen anderen im Sammelband angesprochenen Fragestellungen sein soll, sondern dem genuinen Schwerpunkt vonmetaphorik.de sowie den Kompetenzen des Rez. entspricht. Besonders gewinnend ist hier  vor allem die linguistische Auseinandersetzung mit den literaturwissenschaftlichen Einsichten in die Kulturgebundenheit des vielfach metaphorischen Kannibalismus-Motivs. Immerhin mag für die Begegnung mit Menschenfressern wie mit Metaphern das Attribut der Alltäglichkeit gelten, nur dass die Menschenfresser uns kaum jemals im ‚wirklichen Leben’, dafür umso präsenter als Kino-, Fernseh- und Romanfiguren oder als Märchenmotiv begegnen. Menschenfressen hat eine wirkungsmächtige metaphorische Dimension.

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Seite 111