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[PDF] Metaphern im Sprachkontakt – anhand von Beispielen aus dem französischen und spanischen InternetwortschatzSilke
Jansen (silkejansen@t-online.de) In
Sprachkontaktsituationen stehen dem Sprecher grundsätzlich mehrere Möglichkeiten
offen, mit fremdem Wortgut umzugehen. Nach Meinung der meisten Linguisten lassen
sich dafür, dass in manchen Fällen ein Lehnwort übernommen, in anderen
dagegen eine Lehnübersetzung oder ein freier Neologismus gebildet wird, keine
allgemeingültigen Gründe angeben. Eine Analyse des französischen und
spanischen Internetwortschatzes zeigt jedoch, dass Metaphern aufgrund ihrer
besonderen kognitiven, mnemotechnischen und ästhetischen Vorzüge grundsätzlich
durch Lehnübersetzung wiedergegeben werden. Nur dann, wenn eine Übersetzung
aus semantischen oder formalen Gründen nicht möglich ist, wird auf Lehnwörter
zurückgegriffen. In
language contact, speakers in principal have various possibilities to deal with
foreign word material. Today, most linguists agree that there is no general
explanation for the fact that speakers borrow a loan word in some cases while
they prefer a loan translation or an indigenous creation in others. However, the
analysis of French and Spanish Internet terms shows that in general metaphors
are rendered by loan translations because of their cognitive, mnemonic and
aesthetical advantages. Only in those cases in which a literal translation is
impossible for semantic or formal reasons, speakers use loan words. 0. EinleitungDie
menschlichen Kulturgemeinschaften stehen seit jeher in gegenseitigem
kulturellen, ökonomischen und sozialen Austausch. Auch ihre Sprachen werden
daher immer wieder aufs Neue mit dem Fremden konfrontiert. Ein isoliertes Dasein
einzelner Sprachen – sofern es so etwas jemals gegeben hat – ist im Zuge der
Globalisierung in Kultur, Wissenschaft und Technik kaum mehr möglich. Dabei führt
die Spitzenreiterposition der USA in Technik und Wissenschaft zu massiven Übernahmen
von Anglizismen in die Fachwortschätze nahezu aller Kultursprachen.
Gleichzeitig führen Lehnübersetzungen dazu, dass in zahlreichen europäischen
Sprachen die Bedeutungsspektren einzelner Lexeme, idiomatische Wendungen und
Phraseologismen zunehmend konvergieren. Diese gegenseitige innere Angleichung
tritt gerade im Metaphernschatz der europäischen Sprachgemeinschaften besonders
deutlich zutage. Der jahrhundertelange Kulturaustausch hat es mit sich gebracht,
dass bildhafte Ausdrücke in verschiedenen Sprachen in dem Maße übereinstimmen,
dass man von einer “abendländischen Bildfeldgemeinschaft” sprechen kann
(vgl. Weinrich 1976:287). Auf
welchen sprachlichen Mechanismen die Übertragung metaphorischer Ausdrücke
beruht und wie sie im Einzelnen vor sich geht, soll im Folgenden anhand des
französischen und spanischen Internetvokabulars dargestellt werden. Dieses
Wortschatzgebiet bietet sich aus unterschiedlichen Gründen besonders für eine
Untersuchung an. Zunächst entstehen hier durch den stetigen technischen
Fortschritt ständig neue Bezeichnungsbedürfnisse, denen die Sprache Rechnung
tragen muss. Durch die führende Rolle der angloamerikanischen Technologie sowie
die Funktion des Englischen als lingua franca der Computer- und
Internetbranche ist damit zu rechnen, dass der Neologismenbedarf zum großen
Teil durch Entlehnungen gedeckt wird. Da Metaphorisierung in der englischen
Internetfachsprache eines der zentralen Verfahren zur Terminologisierung
darstellt, findet man hier in den unterschiedlichen Replikasprachen eine Fülle
übersetzter Metaphern. Bevor
nun im Einzelnen auf die Behandlung der englischen Internetmetaphern im Französischen
und Spanischen eingegangen werden kann, ist es notwendig, einige allgemeine
Fragen der lexikalischen Innovation und der Auswirkung von Sprachkontakt auf den
Wortschatz zu klären. Anschließend soll das Verfahren der Metaphorisierung näher
beleuchtet werden, um die charakteristischen Unterschiede zwischen
fachsprachlichen Metaphern und nicht metaphorischen Termini herauszustellen. Vor
diesem Hintergrund kann schließlich anhand einer Korpusanalyse untersucht
werden, wie zwei große romanische Sprachen mit englischen Metaphern verfahren. 1. Lexikalische Auswirkungen von SprachkontaktEin
Kontakt zwischen zwei Sprachen kann niemals abstrakt stattfinden, sondern wird
stets durch zweisprachige Personen vermittelt, in deren Bewusstsein beide
Sprachsysteme koexistieren. In der Rede bilingualer Sprecher kann es nun
kurzfristig zu wechselseitigen Einflüssen der beteiligten Sprachen kommen, wenn
Formen und Strukturen, die eigentlich nur einem der beiden Systeme angehören,
akzidentell auf das andere übertragen werden. Solche spontanen
Sprachkontakterscheinungen werden als Interferenzen bezeichnet. Treten die
gleichen Interferenzen mit einer gewissen Häufigkeit auf, besteht die Chance,
dass sie von der gesamten Sprachgemeinschaft übernommen werden und somit als
langfristige Folge des Sprachkontaktes ein Sprachwandel eintritt. Ehemalige
Interferenzen, die sich in der Sprache institutionalisieren konnten, werden in
der Sprachkontaktforschung als ‚Entlehnungen‘ bezeichnet. Aus
der Sicht des Zweisprachigen kann man sich den lexikalischen Sprachkontakt in
etwa folgendermaßen vorstellen: Will ein französischer Computerspezialist, der
berufsbedingt über gute Englischkenntnisse verfügt und es gewohnt ist, sich in
dieser Sprache über sein Fachgebiet zu äußern, plötzlich in den gleichen
thematischen Zusammenhängen seine Muttersprache verwenden, so stellt sich ihm
zunächst das Problem, dass keine französischen Bezeichnungen für die
importierten Sachverhalte zur Verfügung stehen. Angesichts dieser Situation hat
er nun grundsätzlich folgende Möglichkeiten: Er kann entweder englische
Morpheme in französischen Äußerungen verwenden (z.B. internet), die
englischen Morpheme durch französische Übersetzungsäquivalente austauschen
(z.B. fenêtre statt window) oder aus den Möglichkeiten seiner
eigenen Sprache schöpfen und durch Wortbildung oder Bedeutungserweiterung bei
bestehenden Lexemen neue Bezeichnungen schaffen (z.B. pirate oder mouchard
für cracker). Diese drei Möglichkeiten sollen im Folgenden als Lehnwort,
Lehnübersetzung und unabhängiger Neologismus bezeichnet werden.
Dabei ist zu beachten, dass bei polymorphematischen Vorlagen unterschiedliche
Verfahren auf die verschiedenen Konstituenten des Modells angewandt werden können
(z.B. liste de signets nach hotlist). 2. Entstehung und Akzeptanz sprachkontaktbedingter NeologismenBei
einem stark vom angloamerikanischen Kulturkreis beeinflussten Wortschatzbereich
wie der Internetfachsprache ist davon auszugehen, dass sich in der Rede
zweisprachiger Spezialisten zahlreiche Sprachkontaktphänomene
in Form von Lehnwörtern und Lehnübersetzungen finden. Auf diese Art und Weise
entstehen Innovationen, die sich zum Teil zunächst in Fachkreisen, später u.U.
sogar in der gesamten Sprachgemeinschaft als Entlehnungen durchsetzen und die
französischen und spanischen Fachterminologien in hohem Maße prägen. Will man
die Herausbildung der französischen und spanischen Internetterminologie
untersuchen, muss man sich daher zunächst mit der Entstehung spontaner
Innovationen in der Rede Zweisprachiger auseinandersetzen. Anschließend kann
dann gefragt werden, weshalb sich einige der Interferenzerscheinungen dauerhaft
als Entlehnungen durchsetzen, andere dagegen vorübergehende Erscheinungen
bleiben. Grundlegende Motivation für lexikalische Innovationen ist –
zumindest was den hier untersuchten Wortschatzbereich betrifft – ein
Bezeichnungsbedürfnis: Für neu importierte Technologien stehen im Französischen
und Spanischen zunächst keine eigenen Termini zur Verfügung. Im Prinzip kann
dieses Bedürfnis durch alle drei oben genannten Formen der Innovation
befriedigt werden. Aus der Sicht des bilingualen Sprechers sind diese nun aber
von unterschiedlicher Effizienz: Den geringsten kognitiven Aufwand stellt
sicherlich das Lehnwort dar, denn hier nutzt der Zweisprachige einfach eine
Bezeichnung, die ihm bereits geläufig ist, wenn auch aus einem anderen
Sprachsystem. Bei der Lehnübersetzung ist bereits von einem höheren kognitiven
Aufwand auszugehen, da zwischensprachliche Identifikationen zwischen je einem
Zeichen der Ausgangs- und Zielsprache hergestellt werden müssen. Trotzdem ist
dieses Verfahren für den Zweisprachigen vergleichsweise ökonomisch, da er
bereits vorhandene Bezeichnungsmuster der einen Sprache auf die andere überträgt.
Der höchste kognitive Aufwand wird beim innersprachlichen Neologismus
geleistet, denn hier muss der Sprecher ein neues Konzept eigenständig
versprachlichen, ohne bereits ausgetretenen Pfaden folgen zu können. Vor
diesem Hintergrund ist es wahrscheinlich, dass sich gerade in der ersten Phase
des Sprachkontaktes deutliche Unterschiede bezüglich der Häufigkeit bestimmter
Innovationsformen ergeben. Um den kognitiven Aufwand möglichst gering zu
halten, werden die zweisprachigen Sprecher zunächst hauptsächlich englische
Termini verwenden – zumal sich die Computerspezialisten kurz nach dem Import
der neuen Technologien fast ausschließlich in Fachkreisen bewegen und davon
ausgehen können, dass ihr Gesprächspartner den englischen Ausdruck versteht.
Lehnübersetzungen und eigenständige Bildungen werden wahrscheinlich auch
auftreten, allerdings mit abnehmender Frequenz. Beim
Übergang von der individuellen Innovation zur Entlehnung treten neben der Frage
des kognitiven Aufwandes noch andere, vornehmlich kommunikative Faktoren in
Erscheinung: Der Vorgang der Lexikalisierung kann als ein Selektionsprozess
beschrieben werden, in dessen Verlauf die ehemals akzidentellen Innovationen
ihre Leistungsfähigkeit in der Kommunikation unter Beweis stellen müssen. Wird
eine Innovation nicht nur von einem einzelnen Sprecher, sondern von der gesamten
Sprechergemeinschaft als besonders nützlich empfunden, so neigt diese dazu, sie
in ihr Lexikon einzugliedern. Dabei
ist zu beachten, dass aufgrund des unterschiedlichen kognitiven Aufwandes Lehnwörter
und Lehnübersetzungen bessere Startvoraussetzungen besitzen als
innersprachliche Neologismen: Je häufiger eine bestimmte Innovation verwendet
wird, umso leichter wird sie verbreitet und umso besser sind ihre Chancen sich
dauerhaft in der Sprachgemeinschaft zu etablieren. 3. Metaphern und Metaphernfelder in der Terminologiebildung3.1.
Metaphern in der kognitiven Linguistik
Die
kognitive Linguistik hat gezeigt, dass es sich bei der Metapher nicht etwa nur
um eine oberflächliche sprachliche Erscheinung handelt, sondern dass diese ein
fundamentales Prinzip der Kognition darstellt, das sich durch die gesamte
menschliche Geistes- und Sprechtätigkeit zieht (vgl. v.a. Lakoff/Johnson 1980).
Bei der Metapher werden zwei eigentlich unvereinbare Sachbereiche aufgrund von
Similaritätsrelationen miteinander in Verbindung gebracht, wobei der
metaphorisch benannte Sachverhalt im Sinne des bildspendenden Konzeptes
verstanden wird: “Metaphor
is principally a way of conceiving of one thing in terms of another, and its
primary function is understanding”
(Lakoff/Johnson 1980:10). Da
sprachliches Wissen und Weltwissen als integriert angesehen werden, können die
durch metaphorische Übertragung entstehenden sprachlichen Isomorphismen als
Indikatoren für kognitive Isomorphismen gelten (vgl. Jakob 1991:23; Lakoff/Johnson
1980:7). Aus Sicht des Sprechers handelt es sich bei der Metapher um eine
“Einladung, eine bestimmte Sichtweise einzunehmen” (Wolf 1994:149): Dadurch,
dass z.B. die Computermaus ebenso bezeichnet wird wie ein kleines Nagetier, wird
er dazu angeregt, auf konzeptueller Ebene nach Ähnlichkeiten zwischen den
beiden Sachverhalten zu suchen, die ihm u.U. helfen das Neue besser zu
verstehen. Dabei werden notwendigerweise bestimmte Aspekte des neu benannten
Sachverhalts hervorgehoben (in diesem Fall die besondere Form der Computermaus),
während andere unberücksichtigt bleiben (z.B. die Funktion; vgl. Lakoff/Johnson
1980:10). Da Metaphern sich im Verhältnis zu nicht metaphorischen Bezeichnungen
durch einen höheren Grad an Expressivität auszeichnen, können sie außerdem
leichter behalten werden und bieten damit auch mnemotechnische Vorzüge. Häufig
zeigt sich, dass metaphorische Ausdrücke nicht isoliert auftreten, sondern in
größeren Einheiten organisiert sind, die von Lakoff/Johnson (1980:61ff.) als structural
metaphors bezeichnet werden.[1] Beispielsweise sind
anthropomorphe Metaphern in der Computerterminologie besonders häufig
anzutreffen (vgl. Abschnitt 3.2.1.), was darauf hinweist, dass auf einer
abstrakten Ebene der Computer als Person konzeptualisiert wird. Der übergeordnete
Bildspender fungiert dabei als komplexes gedankliches Modell, aus dem sich die
Einzelmetaphern ableiten (vgl. Weinrich 1976:294; Jakob 1991:41). Auf diese
Weise können komplette Wissensbereiche “mit Hilfe von Analogien zu
bestehendem Vorwissen und mit modellhaften Repräsentationen anderer
Wissensbereiche” (Jakob 1991:29) verstanden werden, wodurch auf kognitiver
Ebene der Zugang zu komplexen und wenig anschaulichen Gegebenheiten erleichtert
wird. Die
kognitiven und mnemotechnischen Vorteile der Metapher machen sie v.a. für die
wissenschaftlichen und technischen Fachsprachen unentbehrlich, da hier
einerseits der Bedarf an Neologismen besonders groß ist, andererseits die neu
zu versprachlichenden Sachverhalte häufig außergewöhnlich komplex und der
direkten menschlichen Wahrnehmung schwer zugänglich sind (vgl. Blank 1997:279;
Blank 1998:12). Dies gilt in besonderem Maße für den Bereich der Informatik:
Nur wenige Spezialisten durchschauen den Computer und seine inneren Rechenvorgänge,
so dass die moderne Technik mit dem Alltagswissen nicht mehr zu bewältigen ist
(vgl. Jakob 1991:85). Hier können Metaphern einen anderen, leichteren Zugang
schaffen. Über
ihre kognitiven und mnemotechnischen Vorteile hinaus sorgt auch die besondere
expressiv-affektive Wirkung der Metapher für ihre Beliebtheit bei den
Computernutzern. Das Internet ist nicht nur technisches Werkzeug und
Informationsmedium, sondern auch Ausdruck einer bestimmten Lebenskultur und
Weltanschauung seiner Nutzer, die sich nicht zuletzt in einer eigenen
Gruppensprache äußert: “The
popularity of metaphorical terms in computer language goes beyond this powerful
cognitive function, however. It is also related to the aesthetic function of
metaphor within the general ‚culture‘
of computing and the Internet. Cyberculture, as it is often called, is
driven by young, anti-authoritarian personalities, Steve Jobs and Bill Gates
being quintessential examples. This is a culture with a ‚language‘
of its own, which avoids heavy, scientific-sounding terms in favour of lexical
items that convey a sense of freshness and playfulness. In a small number of
cases, the aesthetic value of lexical items may even be to the detriment of
their conceptual clarity […]” (Mayer/Zaluski/Mackintosh 1997:4). 3.2.
Metaphernfelder im Internetwortschatz
Auch
bei den metaphorischen Internettermini lassen sich bestimmte thematische
Vorlieben beobachten. Einige von ihnen ergeben sich aus universellen Tendenzen
der Metaphernbildung (vgl. Abschnitt 3.2.1.). Andere Themen schließen an
Bereiche an, die bereits seit längerem in der allgemeinen Computerterminologie
als Bildspender fungieren (vgl. Abschnitt 3.2.2.), während wieder andere
ausschließlich im Zusammenhang mit dem Internet vorkommen und die Art und Weise
widerspiegeln, in der dieses von seinen Benutzern wahrgenommen wird (vgl.
Abschnitt 3.2.3.). 3.2.1.
Universelle metaphorische Tendenzen im Internetwortschatz
Computerprogramme
werden häufig mit Hilfe von nomina agentis als menschliche Wesen
konzeptualisiert, die bestimmte Aufgaben erledigen oder besondere Funktionen
innehaben (vgl. browser, navigator, server, agent, provider, viewer).[2]
Dabei wird der Computer als Diener oder Helfer betrachtet, der bestimmte
Arbeiten für seinen Benutzer verrichtet. Hier spielt nicht nur die menschliche
Neigung “Maschinen aller Art zu beleben, ihnen Namen zu verleihen, zu ihnen zu
sprechen oder sie gar gern zu haben” (Bülow 1985:102) eine Rolle – man muss
sogar vermuten, “daß es sich bei der anthropomorphen Metaphorik um ein
zentrales, vermutlich universales Programm der menschlichen Sprechtätigkeit
handelt, mit dem der Mensch natürliche und von ihm geschaffene Phänomene der
Welt kognitiv erfassen kann” (Blank 1997:180; in Bezug auf die
Computerterminologie vgl. Schmitt 1998:448). Schmitt führt die große Bedeutung
der Anthropomorphisierung im metaphorischen Computerwortschatz darauf zurück,
dass bereits die Bezeichnung für den Computer eine animistische Interpretation
der Maschine nahe legt. Im Spanischen, aber auch in anderen europäischen
Sprachen wird hier ein Derivativum verwendet, das gleichzeitig als nomen
agentis und nomen instrumenti aufgefasst werden kann: “Dabei
steht die Anthropomorphisierung wohl deshalb im Mittelpunkt der
Metaphernbildung, weil von Anfang an – vergleichbar dem deutschen Rechner für
Computer – mit computador und ordenador zwei Prototypen
vorlagen, die sowohl als mit dem Maschinen- und Gerätesuffix –ador wie
auch dem Personalsuffix –ador gebildete Ableitungen aufgefaßt werden
konnten. Auf der mit der Personalisierung des Geräts beginnenden Isotopieebene
konnten dann weitere anthropomorphisierende Metaphern angesiedelt werden”
(Schmitt 1995:321). Die
animistische Sichtweise auf den Computer spiegelt sich weiterhin in den Verben download
und upload wider, bei denen körperliche Tätigkeiten, die normalerweise
von Menschen verrichtet werden, metaphorisch auf die verschiedenen Möglichkeiten
der Datenübertragung durch den Computer bezogen werden.[3]
Auch Tätigkeiten, die der Benutzer selbst am Computer ausführt, können auf
metaphorische Weise bezeichnet werden. Bei drag and drop führt der
Computernutzer mit der Maus abstrakte Handlungen am Bildschirm durch, die jedoch
als konkrete körperliche Tätigkeiten konzeptualisiert werden. Ähnliches gilt
für hack. Auch diese Bildspender haben Vorläufer in der allgemeinen
Computerterminologie, in der nach Schmitt eine auffallend große Zahl
metaphorisch gebrauchter Verben der Bewegung zu verzeichnen ist (vgl. Schmitt
1995:318). 3.2.2.
Bildspender aus der allgemeinen Computerterminologie und anderen technischen
Fachsprachen
Einer
der ältesten und geläufigsten Bildspender im Computerbereich ist die so
genannte Desktop-Metapher, bei der der Computer als Arbeitsplatz im Büro bzw.
als Schreibtisch konzeptualisiert und so seine Funktion als Arbeitsgerät
hervorgehoben wird: “In
the DESKTOP metaphor, the computer screen is a virtual ‚desktop‘
with electronic ‚folders‘,‚documents‘,‚disk
icons‘
and a ‚trash
can‘
which are patterned after the physical objects in the physical office”
(Rohrer 1995). Auch
im Internetwortschatz wird dieses thematische Feld aufgegriffen. In diesem
Zusammenhang sind u.a. Metaphern wie list, bookmark, web page etc. zu
sehen. Besonderes Augenmerk wird auf die Funktion des Internet als Informations-
und Kommunikationsmedium gelenkt: Hier finden sich vor allem Metaphern, die in
den Bereich der Briefkorrespondenz und Printmedien fallen (vgl. web page,
bookmark, to browse/browser, im weitesten Sinne auch chat; vgl. Gozzi
1997/98:480). Das Versenden von Daten bzw. die Übermittlung von Informationen
wird dabei mit dem Verschicken von herkömmlicher Post verglichen (mail,
attachment; außerdem mailbox, send, etc.; vgl. Seewald
1998:370). Auch die Informationsübermittlung im Rahmen direkter menschlicher
Kommunikation dient dem Internetwortschatz als Bildspender (vgl. chat, forum,
welcome page, news groups etc.). Zur
Bezeichnung neuer technischen Errungenschaften werden in der
Computerterminologie, aber auch in anderen technischen Fachsprachen häufig ältere
technische Konzepte herangezogen (vgl. Debatin 2000). Auch hier besteht der
Vorteil der metaphorischen Ausdrucksweise darin, dass bereits Bekanntes für das
Verständnis des Neuen nutzbar gemacht wird. Wird ein überkommenes technisches
Verfahren durch ein neues ersetzt, so kann der alte Terminus metaphorisch auf
den neu zu bezeichnenden Sachverhalt übertragen werden, sofern seine Funktion
die gleiche bleibt: “[...]
avec l’avènement de la micro-informatique, l’ordinateur a remplacé la
machine à écrire, le calculateur, en incorporant leur vocabulaire. Il s’agit
en partie de métaphores: les presse-papiers, les corbeilles, les bibliothèques,
les sauts de lignes ne sont pas à comprendre de manière littérale: on fait comme
avec un presse-papiers… etc.” (Éloy/Humbley 1993:16-17; Hervorh. im Orig.). In
eine ähnliche Richtung weist die Übernahme von Bezeichnungen aus anderen,
teilweise verwandten Technikbereichen. Da die Informatik eine vergleichsweise
junge Technologie darstellt, die aus der Elektrotechnik und Mathematik
hervorgegangen ist, verwundert es nicht, dass ein großer Teil des
Computerwortschatzes ursprünglich aus diesen Disziplinen stammt (vgl. Nichols
1995:316). Auch die metaphorische Übertragung von Konzepten aus einem
wissenschaftlich-technischen Bereich in den anderen kann als Strategie
aufgefasst werden, die neuen Gegebenheiten besser zu verstehen und zu behalten
(vgl. z.B. socket und search engine, bei denen ältere technische
Konzepte aufgegriffen werden, um neue Computerprogramme zu bezeichnen). 3.2.3.
Charakteristische Metaphernfelder im Internetwortschatz
Gerade
die Bildspender des Internetwortschatzes, die keine Vorläufer in der
allgemeinen Computerterminologie haben, dienen dazu dem Benutzer eine
anschauliche Vorstellung dieses abstrakten und komplexen Sachverhaltes zu
liefern. Das Internet ist der menschlichen Wahrnehmung im Vergleich zu anderen
technischen Gegebenheiten besonders schwer zugänglich. Die wirklichen
technischen Abläufe durchschauen nur wenige Spezialisten, “es erschließt
sich den Benutzern lediglich unter Rückgriff auf eine Vielzahl von Metaphern
vermittels der am eigenen Computerbildschirm beobachtbaren Funktionen und
Wirkungen” (Seewald 1998:364). Zentral
in diesem Zusammenhang ist die Netz-Metapher, die schon in der Bezeichnung internet
anklingt. Sie bringt dem Benutzer auf zweifache Weise das Wesen des Internet
nahe: Einerseits technisch, als Gebilde durch Kabel miteinander verbundener
Computer; andererseits im Hinblick auf seine Funktionsweise, denn der
Internetuser bewegt sich über die Verlinkung der Seiten wie über die
Knotenpunkte eines Netzes von einem Site zum nächsten, wobei theoretisch
unendlich viele unterschiedliche Möglichkeiten bestehen, von einem Ort zum
anderen zu gelangen. Die Netz-Metapher bildet den Ausgangspunkt für nahezu alle
anderen Internetmetaphern: “Die
im Zusammenhang mit der Struktur des Internet verwendeten Metaphern [...] lassen
sich alle auf die Raummetaphorik eines (mindestens dreidimensionalen) Netzes und
der Bewegung in einer Landschaft zurückführen. Die Netzmetaphorik bezieht sich
auf den Aspekt der technischen, sozialen, politischen, [sic!] und
individuellen Verknüpfung, die Landschaftsmetaphorik beinhaltet Vorstellungen
von durch das Netz miteinander verknüpften Orten (‚sites‘), Häusern (‚homepage‘),
Plätzen (‚marketplace‘), und Siedlungen (‚global village‘). Davon
ausgehend lassen sich nun verschiedene Metaphernfelder unterscheiden, und zwar
in Abhängigkeit von den unterschiedlichen Konzepten von Raum, Landschaft und
Netz. Diese Metaphernfelder sind nicht voneinander isoliert, vielmehr berühren
oder überlappen sie sich häufig, was ihre erklärende und veranschaulichende
Leistung meist erhöht” (Debatin 2000; vgl. Seewald 1998:364). Das
Internet wird also als eigene, virtuelle Welt, als so genannter Cyberspace,
betrachtet. Hier klingt ein weiteres Metaphernfeld an, nämlich das des Raumes:
“Cyberspace is a
metaphor because it identifies the region where electronic communication occurs
as being a kind of space”
(Gozzi 1994:220). So ist es zu erklären, dass die
Internetmetaphern zum überwiegenden Teil auf Konzepten von Raum, Transport und
Architektur basieren (vgl. information highway[4],
cybernaut, address, site, homepage, gateway, frame, forum, domain, window,
navigator/to navigate, visit). Das Internet wird als virtueller Raum mit
einer festen Struktur konzeptualisiert, in dem sich der Nutzer – vorbei an
verschiedenen Arten von Bauelementen – von einem Ort zum anderen bewegt.
Zwischen den einzelnen geographischen Punkten finden sich architektonische
Verbindungskonstruktionen (gateway, portal etc.; vgl. Bruns 2001:183) und
auf den Transportwegen (information highway) werden mit hoher
Geschwindigkeit Daten übertragen (vgl. Seewald 1998:367). Einzelne
Einrichtungen – Häusern vergleichbar – sind durch Mechanismen gegen
Eindringlinge geschützt (firewall; vgl. Bruns 2001:183). Der
Raum wird dabei entweder als Ozean (vgl. navigator, surf, cruise etc.)
oder als unbekanntes Territorium aufgefasst, das es zu erkunden gilt (vgl. explorer,
cybernaut etc.; vgl. Millán 1998). Durch Anklänge an Bezeichnungen der
Raum- und Seefahrt wird nicht nur der Bildspenderbereich der Bewegung wieder
aufgenommen (vgl. Schmitt 1998:452), sondern gleichzeitig auf die Abenteuerlust
und den Pioniergeist der Internauten angespielt (vgl. navigator/to
navigate, to cruise/surf the Internet, to visit a web site sowie den
Produktnamen Internet Explorer). Weiterhin können Metaphern aus den
Themenbereichen Krieg (firewall, bombing) und Nahrungsmittel (spam,
cookie) sowie die zoomorphe Metapher web genannt werden. Bisweilen lässt
sich bei zusammengesetzten Ausdrücken oder Phrasen eine Vermischung der
Themenbereiche beobachten (vgl. homepage, mail-bombing, to surf/navigate/cruise
the web) (vgl. Mayer/Zaluski/Mackintosh 1997:11). 4. Metaphern im SprachkontaktAnhand
einer empirischen Untersuchung zum französischen und spanischen
Internetwortschatz soll nun ermittelt werden, wie die Sprecher mit den
englischen metaphorischen Ausdrücken verfahren. Sind die oben beschriebenen
kognitiven, mnemotechnischen und ästhetischen Vorteile der Metapher tatsächlich
so bedeutend, wie es scheint, so ist davon auszugehen, dass sich trotz der ungünstigeren
Startvoraussetzungen die Lehnübersetzungen gegenüber den Lehnwörtern
durchsetzen. Treten die Vorteile der Metapher dagegen hinter den Anforderungen
der Sprachökonomie in den Hintergrund, so wären im Korpus vor allem Lehnwörter
zu erwarten. 4.1.
Empirische Untersuchung eines Zeitungskorpus
Um
zu überprüfen, ob sich Regelmäßigkeiten bei der Behandlung von Metaphern im
Sprachkontakt finden lassen, wurde ein Korpus von jeweils fünf französischen
und mexikanischen Zeitschriften zum Thema Internet ausgewertet. Insgesamt 39
englische metaphorische Computertermini wurden auf ihre Behandlung im Französischen
und Spanischen hin untersucht. Die Auswahl der Termini entspricht dabei den in
den aktuellen Listen der französischen Terminologiekommissionen beanstandeten
Anglizismen.[5]
Ausgehend von einem onomasiologischen Ansatz wurde die Vorkommenshäufigkeit der
Anglizismen und der unterschiedlichen französischen und spanischen Ersatzwörter
ermittelt. Die
Ergebnisse lassen sich in der unten stehenden Auflistung ablesen. In der linken
Spalte sind die englischen Vorlagen aufgeführt, während sich in der mittleren
und rechten Spalte die Termini finden, die im Französischen und Spanischen am häufigsten
gebraucht wurden und daher offensichtlich das zentrale Lexem für den
bezeichneten Sachverhalt darstellen. Zeichnen sich keine eindeutigen Präferenzen
ab, so werden beide verwendeten Ausdrücke in die Liste aufgenommen. Fälle, für
die im untersuchten Korpus kein Beleg gefunden werden konnte, sind durch
“---” markiert: Behandlung
englischer Internetmetaphern im Französischen und Spanischen
Lässt
man die Fälle, in denen sowohl ein Lehnwort als auch eine Lehnübersetzung
verwendet werden, beiseite, so ergibt sich folgende Verteilung auf die
unterschiedlichen Kategorien:
Abb.
1: Behandlung metaphorischer Ausdrücke im Französischen
Abb.
2: Behandlung metaphorischer Ausdrücke im Spanischen 4.2.
Lehnübersetzung englischer Metaphern
Die
Korpusuntersuchung zeigt eindeutig, dass englische Metaphern im Französischen
und Spanischen zum überwiegenden Teil durch Lehnübersetzungen wiedergeben
werden. In der Regel handelt es sich dabei um exakte Übertragungen der
englischen Vorlagen; nur in zwei Fällen werden im Spanischen nicht alle
Bestandteile des Modells übersetzt (vgl. search engin und buscador
sowie download/upload und bajar/subir bzw. [des]cargar).
Wird keine Übersetzung vorgenommen, so übernehmen die Sprecher meist das
englische Lehnwort. Nur in einem einzigen Fall bildet das Französische ein
eigenes Ersatzwort (vgl. pirate). Durch
die Übersetzung erhält man in der Replikasprache wiederum metaphorische Ausdrücke,
denn das der Metapher zugrunde liegende Ähnlichkeitsverhältnis kann auch im
Französischen und Spanischen nachvollzogen werden: Ebenso wie die englischen
Sprecher werden auch die Sprecher des Französischen und Spanischen dazu
angeregt, aufgrund der sprachlichen Isomorphismen nach Ähnlichkeiten zwischen
den jeweiligen Konzepten zu suchen. Die Übertragung der Metaphern von einem
Sprach- und Kulturkreis in einen anderen bereitet in diesem Fall keine Probleme,
da die bildspendenden Konzepte in allen hier untersuchten Sprachgemeinschaften
existieren. Im Gegensatz zu anderen Fachsprachen, bei denen häufig
zwischensprachliche Divergenzen hinsichtlich der bevorzugten Metaphernthemen
festgestellt werden können (vgl. Reinart 1991:49), übernehmen das Französische
und das Spanische durch die wörtliche Übersetzung die im Englischen
vorherrschenden Themen. Bei synchroner Betrachtung sind die lehnübersetzten
Metaphern nicht von solchen Metaphern zu unterscheiden, die unabhängig im Französischen
und Spanischen entstanden sind.[6]
In
kognitiver Hinsicht bieten die übersetzten Termini die gleichen Vorteile wie
ihre englischen Vorbilder. Dadurch, dass auch für den französischen und
mexikanischen Sprecher die Ähnlichkeit zwischen einem neuen Konzept und einem
bekannten Sachverhalt nachvollziehbar ist, kann das Neue leichter verstanden und
behalten werden. Da die Übersetzungen häufig ähnlich expressiven Charakter
aufweisen wie ihre Vorbilder und notwendigerweise aus den gleichen
Themenbereichen stammen, entsprechen auch sie den besonderen expressiven Bedürfnissen
der Cyberkultur. Aus
der Sicht des bilingualen Sprechers kommen lehnübersetzte Metaphern dem
sprachlichen und kognitiven Ökonomiestreben eher entgegen als eigensprachliche
Bildungen, da keine eigenständige Lösung gefunden werden muss. Durch die wörtliche
Übersetzung entstehen zudem symmetrische Bezeichnungsmuster in beiden Sprachen,
die das Gedächtnis des Zweisprachigen entlasten. Werden ganze Metaphernfelder
übersetzt, so kann man sogar von der Übernahme kompletter kognitiver Modelle
von einem Sprach- und Kulturkreis in den anderen sprechen, mit denen
gleichzeitig bestimmte Sichtweisen und Erklärungsmodelle übertragen werden. 4.3.
Übernahme englischer Metaphern als Lehnwörter
4.3.1.
Metaphorisch verwendete Eigennamen
Nicht
immer basieren metaphorische Fachtermini auf gemeinsprachlichen Appellativa –
z.B. handelt es sich bei engl. spam ursprünglich um den Namen eines
Pressfleischproduktes in Dosen,[7]
wobei der metaphorische Gebrauch des Eigennamens im Englischen auf einen Sketch
der britischen Komikergruppe Monty Python zurückgeht. Dieser spielt in
einem Café, in dem jeder Eintrag auf der Speisekarte spam enthält und
der Besucher daher gezwungen ist, spam zu konsumieren – ob er will oder
nicht. Der Internetnutzer, der unverlangte Werbesendungen erhält, wird dabei
einem Cafébesucher gleichgesetzt, dem gegen seinen Willen immer wieder ein
bestimmtes Produkt serviert wird (vgl. Pershall 1998:1783). Offensichtlich
sprechen die Internetnutzer diesem nur eine äußerst zweifelhafte Qualität zu,
so dass die Metapher einen stark spöttischen Beigeschmack hat. Laut
Otman stammt spam dagegen aus dem amerikanischen Substandardenglischen,
wo die Bezeichnung in der Bedeutung ‚Müll‘ gebraucht wird (vgl. Otman
1998:360). Allerdings konnte dieser Gebrauch weder durch einschlägige Wörterbücher
noch durch Informanten bestätigt werden.[8]
Plausibler erscheint dagegen sein Hinweis auf die amerikanische Comicsprache, in
der spam onomatopoetisch verwendet wird, wenn schwere Gegenstände auf
den Boden fallen oder jemand eine schallende Ohrfeige erhält (vgl. Otman
1998:360). Spam
unterscheidet sich insofern von Metaphern wie forum, domain, web etc.,
als das zugrunde liegende Ähnlichkeitsverhältnis nicht von jedem Sprecher des
Englischen unmittelbar nachvollzogen werden kann, da zu seinem Verständnis
nicht nur das Wissen um die Bedeutung der Bezeichnung, sondern auch spezielles
außersprachliches Wissen (nämlich die Kenntnis des Sketches) notwendig ist.
Durch die lautmalerischen Qualitäten des Ausdrucks sowie den ironischen
Unterton überwiegt hier daher die ästhetische gegenüber der kognitiven
Funktion. Eine Lehnübersetzung von spam ist schon deswegen nicht möglich, weil Eigennamen und lautmalerische Interjektionen gar keine eigene Bedeutung besitzen und deshalb unübersetzbar sind. Da weder das Produkt noch der damit in Verbindung gebrachte Monty-Python-Sketch in Frankreich oder Mexiko sonderlich bekannt sind, handelt es sich außerdem um eine stark kulturspezifische Metapher, deren Entstehung innerhalb des französischen und hispanophonen Sprach- und Kulturraums nicht nachvollzogen werden kann. Selbst wenn eine Übersetzung möglich wäre, hätte diese daher wohl nur geringe Chancen, sich dauerhaft durchzusetzen. Für französische und mexikanische Sprecher, die mit der angloamerikanischen Sprache und Kultur vertraut sind, ist zudem auch das Lehnwort spam metaphorisch. 4.3.2. Vollständig verblasste MetaphernMit
fortschreitender Lexikalisierung können Metaphern schließlich soweit
abgeschliffen werden, dass ihr ursprüngliches Bezeichnungsmotiv synchron nicht
mehr erkennbar ist – dann kann “das Bewusstsein, dass es sich um eine übertragene
Bedeutung handelt, beim Sprachbenutzer völlig in den Hintergrund treten”
(Walther 1986:165). Da es sich beim Internet um eine recht junge Technologie
handelt, deren Terminologie erst seit relativ kurzer Zeit existiert, sind die
meisten Metaphern noch lebendig. Die einzige Bezeichnung, die als vollständig
lexikalisiert gelten kann, ist das Lexem cookie. Die Sichtung einschlägiger
Wörterbücher ergibt, dass der internetfachsprachliche Terminus wohl
metaphorisch auf cookie ‚Keks‘ zurückgeht, wobei jedoch das
eigentliche Bezeichnungsmotiv im Unklaren liegt. In der Literatur wird meistens
auf den Keks als Bildspender verwiesen, ohne jedoch den konkreten Grund für die
metaphorische Übertragung anzugeben, z.B. bei Kreutz: “La première
signification de ‚cookie‘ est ‚biscuit‘. Dans le jargon Internet, un
cookie est un petit fichier texte [...]” (Kreutz 2000:41). Der
Bezug zu cookie ‚Keks‘ scheint also in gewisser Weise noch lebendig
zu sein, auch wenn die eigentliche Similaritätsrelation nicht mehr
nachvollzogen werden kann. Möglicherweise ist der Ursprung der Metapher im
Grimm’schen Märchen Hänsel und Gretel zu suchen, in dem die beiden
Protagonisten ihren Weg mit Kekskrümeln markieren. Ebenfalls denkbar ist eine
Analogie zu chinesischen Glückskeksen, die in ihrem Innern eine geheime
Nachricht verbergen.[9]
Otman
nennt noch weitere mögliche Bezeichnungsmotive für engl. cookie, die
jedoch alle ebenso spekulativ bleiben: “En
anglais, un ‚cookie‘ est un petit gâteau sec. Mais l’origine de
l’emploi informatique est plutôt à chercher dans les sens argotiques de ‚cookie‘.
Ainsi, ‚a tough cookie‘ est un dur à cuire, ‚a smart cookie‘, un petit
malin est [sic!] ‚a hot cookie‘, une jolie fille. On trouve aussi des
outils de parade aux cookies dont les appellations conservent la métaphore,
en particulier ‚cookie monster‘, à la fois nom d’un personnage très
populaire de la série enfantine Sesame Street et terme employé en
informatique depuis 1991 pour désigner un programme de piratage d’accès à
un serveur” (Otman 1998:90). Die
Mehrheit der Teilnehmer an der Diskussionsliste LINGUIST List spricht sich für
einen Zusammenhang mit der Figur des Krümelmonsters (engl. cookie monster)
aus der US-amerikanischen Kindersendung Sesamy Street aus (vgl. http://www.linguistlist.org/issues/9/9-309.html,
Zugriff am 17.4.2002). Anlass für die Entstehung der Metapher sei ein
scherzhaftes Computerprogramm gewesen, das Anfang der 90er Jahre unter
Computernutzern zirkulierte und bei dem sich während der Arbeit am Computer
bisweilen ein Fenster mit der Forderung “Give me a cookie!” öffnete. Das
Programm gab erst dann wieder Ruhe, wenn der Benutzer das Wort cookie in
das Fenster eingab. Auch andere mögliche Bildspender werden hier genannt: So
belohnt man Kinder mit Keksen ebenso wie die Betreiber bestimmter sites
durch die cookies, die ihnen Informationen über die Internauten liefern,
belohnt werden. Bei einer gegensätzlichen Interpretation werden die Kekse als Köder
betrachtet, mit denen der Internetnutzer auf bestimmte Websites gelockt werden
soll. Ebenfalls ist es möglich, die Bezeichnung cookie in einen größeren
Zusammenhang mit anderen Nahrungsmittelmetaphern im Internet zu stellen: Da die
zugehörige Programmiersprache Java nach einer Kaffeesorte benannt ist,
wurden damit in Verbindung stehende Sachverhalte mit Bezeichnungen aus dem
gleichen Bildspenderbereich belegt. Inwieweit
es sich bei all diesen Interpretationen um die tatsächlichen Bezeichnungsgründe
oder um nachträgliche Reetymologisierungsversuche einer bereits undurchsichtig
gewordenen Metapher handelt (vgl. Closs Traugott 1985:35), sei dahingestellt.[10]
Es ist durchaus möglich, dass der englische Terminus cookie ursprünglich
auf ein anekdotisches Ereignis o.ä. zurückzuführen ist.[11]
Bei einer Ausbreitung der Bezeichnung über die Fachkreise hinaus geht das
Wissen um die metaphorische Ähnlichkeitsrelation in solchen Fällen schneller
verloren als in den Fällen, in denen die Metapher unmittelbar aus der
Anschauung des bezeichneten Objektes verständlich ist. Fest steht jedoch, dass
das ursprüngliche Bezeichnungsmotiv heute nicht ohne Weiteres erkennbar ist und
man es – synchron betrachtet – mit einem unmotivierten, allein auf
Konvention basierenden Lexem zu tun hat. Im
Sprachkontakt wäre bei cookie eine wörtliche Übersetzung theoretisch möglich,
da treffende französische und spanische Entsprechungen existieren (vgl. frz. biscuit
oder span. galleta). Trotzdem findet sich im untersuchten Textkorpus
keine Verwendung dieser Lexeme in der Bedeutung ‚Cookie‘. Es ist durchaus möglich,
dass die Lehnübersetzung in der parole aufgrund spontaner Verwechslungen
vorkommt[12]
– offensichtlich scheint sie sich jedoch nicht im System der untersuchten
Sprachen etablieren zu können. Die
Gründe für die Zurückweisung liegen auf der Hand: Das Bezeichnungsmotiv einer
möglichen Lehnübersetzung wäre für die französisch- und spanischsprachigen
Internetnutzer ebenso undurchsichtig wie für die englischen, womit die
kognitiven Vorteile metaphorischer Ausdrücke hinfällig werden. Während die
metaphorische Motivation von cookie im Englischen wahrscheinlich erst
wegfiel, als der Terminus bereits konventionalisiert war, wäre eine Lehnübersetzung
im Französischen oder Spanischen von Anfang an unmotiviert. Sie könnte sogar
irritierend wirken, da durch Assoziationen mit der gemeinsprachlichen
Bezeichnung eine Motivation suggeriert würde, ohne dass Ähnlichkeiten zwischen
den entsprechenden Sachverhalten festgestellt werden können. 4.3.3.
Kulturspezifische Metaphern
Wie
bereits angedeutet, beruht das sprachliche Verfahren der terminologischen
Metaphorisierung auf dem Vergleich neuer und unbekannter Sachverhalte mit
bekannten und nahe liegenden Konzepten. Da die Bildspender normalerweise der
unmittelbaren Erfahrung der jeweiligen Sprechergemeinschaft entstammen, wird für
die Metaphorisierung spezielles, kulturell geprägtes Wissen aktiviert. Diese
Tatsache kann nicht nur zu ganz erheblichen zwischensprachlichen Divergenzen in
der Metaphorik führen, sondern bewirkt darüber hinaus, dass Metaphern häufig
nur im Rahmen ihrer spezifischen Herkunftskultur überhaupt verständlich sind. Die
Untersuchung des Internetvokabulars bestätigt die Annahme, dass
kulturspezifische Faktoren eine Lehnübersetzung bei metaphorischen Ausdrücken
verhindern können. In diesem Zusammenhang sind vorrangig zwei Gründe zu
nennen: 1.
Das Konzept, das in der modellsprachlichen Sprachgemeinschaft als Bildspender
fungiert, existiert in der replikasprachlichen Sprachgemeinschaft nicht. 2.
Bereits bestehende Metapherntraditionen in den beteiligten Sprachgemeinschaften
sind inkompatibel, was die Übernahme bestimmter Bilder verhindert. Der
erste Fall wurde bereits im Zusammenhang mit der Behandlung metaphorisch
gebrauchter Eigennamen (spam) erläutert. Kulturell bedingte
Schwierigkeiten für das Verständnis verbinden sich mit der Metapher cookie,
wenn man einigen der oben genannten Erklärungen folgen will: Das Märchen Hänsel
und Gretel, die Kindersendung Sesamstraße oder die Kaffeemarke Java
müssen dem Sprecher bekannt sein, damit er die Metapher nachvollziehen kann. Je
nachdem, welcher Kulturkreis betrachtet wird, ist dies jedoch nicht unbedingt
der Fall. Divergierende
Metapherntraditionen spielen z.B. bei dem Terminus hotlist eine Rolle. Während
das Adjektiv hot im Englischen metaphorisch in der Bedeutung ‚fresh or
recent and therefore of great interest‘ gebraucht wird (“something that has
not had the time to cool down”; vgl. Pershall 1998:887), verweisen frz. chaud
und span. caliente – ebenfalls metaphorisch – auf Websites erotischen
Inhalts (vgl. Kreutz 2000:76).[13] Eine wörtliche Übersetzung
durch *liste chaude oder *lista caliente wäre wegen der
sprachspezifischen Divergenzen in der Metaphorik missverständlich, weshalb der
adjektivische Bestandteil der Zusammensetzung frei wiedergegeben wird.[14]
Dass
insgesamt jedoch der Großteil der Metaphern mühelos von der
angloamerikanischen in die französische und hispanophone Sprachgemeinschaft übertragen
werden kann, ist eine Folge der jahrhundertelangen engen kulturellen Beziehungen
zwischen den europäischen Kulturen und den von ihnen beeinflussten Kolonien,
durch die sich die Lebenswelten in hohem Maße angeglichen haben. Der aktuelle
Einfluss der USA in nahezu allen Lebensbereichen tut ein Übriges, um dieses Phänomen
weiter zu verstärken.[15] 4.3.4.
Übersetzungsmöglichkeiten
Offensichtlich
spielt auch der ‚Schwierigkeitsgrad‘ einer Übersetzung eine Rolle für die
Wahl des Wiedergabeverfahrens. Darunter soll in diesem Zusammenhang das Ausmaß
verstanden werden, in dem die Assoziationen zwischen einem modell- und einem
replikasprachlichen Lexem automatisiert sind – die Frage ist also, ob gängige
und damit unmittelbar abrufbare Wortgleichungen bestehen oder ob der kognitive
Aufwand durch eine längere Suche nach einem adäquaten Ziellexem erhöht wird.
Unter diesem Gesichtspunkt unterscheidet Humbley in der Computerterminologie
zwei Typen von Lehnübersetzungen: “Tantôt
il s’agit d’une traduction qui de toute évidence s’impose (anneau
représente une traduction élémentaire de ring), une espèce de
traduction transparente, même si les mots ne se ressemblent pas sur le plan du
signifiant. Tantôt il s’agit d’une traduction beaucoup moins directe, différente
à ce qu’on trouverait si on prenait le premier mot suggéré par un
dictionnaire bilingue (amorce de bootstrap; bascule de flip-flop ;
exécution pour run)” (Humbley 1987a:323-324; Hervorh. im
Orig.). Dementsprechend
stellt er fest, dass im Englischen selten gebrauchte Bezeichnungen meist nicht
übersetzt werden (vgl. Humbley 1987b:8). Auch im französischen und spanischen
Computer- und Internetwortschatz fällt die unterschiedliche Behandlung der von
Humbley genannten Typen hinsichtlich der gewählten Substitutionsmechanismen
auf. Wenn kein treffendes eindeutiges Äquivalent in der Replikasprache
existiert, wird der modellsprachliche Ausdruck mit hoher Wahrscheinlichkeit
nicht durch Lehnübersetzung wiedergegeben. Beispielsweise bedeutet engl. to
browse etwa ‚sich in einem Raum unsystematisch hin- und herbewegen‘
(vgl. to browse through a book, to have a browse around the shops oder the
cattle browses). Da dieser Bedeutung im Französischen und Spanischen kein
prägnantes Lexem entspricht, wird als Vorlage für die Lehnübersetzung das
englische Synonym to navigate bzw. das zugehörige Substantiv navigator
vorgezogen, bei dem zudem der lateinische Ursprung die Herstellung von Äquivalenzbeziehungen
zu frz. naviguer und span. navegar erleichtert. Ist
solch ein Ausweichen nicht möglich, kommt es durch den Rückgriff auf
verschiedene mögliche Übersetzungsäquivalente häufig zur Bildung
unterschiedlicher konkurrierender Lehnübersetzungen. In diesen Fällen hat das
Lehnwort größere Chancen auf Akzeptanz, da keine der Lehnübersetzungen mit
ausreichend großer Häufigkeit vorkommt, um es dauerhaft verdrängen zu können.
Beispielsweise sind von den acht möglichen französischen Entsprechungen für
engl. chat (vgl. causette, cyberdialogue, dialogue, dialogue en direct,
dialogue en ligne, discussion, discussion en direct, discussion en ligne)
vier nur ein einziges Mal im Korpus belegt. Wahrscheinlich ist es so zu erklären,
dass der Anglizismus chat weiterhin das zentrale Lexem im Französischen
darstellt. Bei
cracker verbinden sich mit der wörtlichen Übersetzung Schwierigkeiten,
da der Terminus schon in der Ausgangssprache hinsichtlich seiner Semantik und
seiner formalen Entstehung problematisch ist. Es könnte sich um eine Metapher
nach engl. safe cracker (vgl. Mayer/Zaluski/Mackintosh 1997:9) oder aber
um eine Wortkreuzung aus hacker und computer handeln (vgl.
Bergeron/Kempa/Verreault/Guilloton 1997). Selbst dann, wenn der Zweisprachige
einen Zusammenhang zu engl. safe cracker sieht, stehen ihm vielfältige Möglichkeiten
der Wiedergabe im Französischen und Spanischen zur Verfügung.[16]
Geht man bei cracker von einer Wortkreuzung aus computer und hacker
aus, so wird die Lehnübersetzung durch das für romanische Sprachen ungewöhnliche
Wortbildungsverfahren erschwert.[17]
Im
Gegensatz zu anderen nicht oder nur schwer übersetzbaren Metaphern stellt in
diesem Fall die Übernahme des englischen Lexems ins Französische keine
befriedigende Lösung dar, da cracker bereits in der Bedeutung ‚Kräcker‘
als Lehnwort existiert. Hier würden sich ganz ähnliche Schwierigkeiten ergeben
wie bei cookie: Durch die Übereinstimmung auf der Ausdrucksseite käme
es wahrscheinlich zu einer – allerdings volksetymologischen – Rückführung
der Metapher auf das bildspendende Konzept KRÄCKER. Auf diese Weise würde
durch die sprachlichen Isomorphismen eine Motivation suggeriert, die auf
konzeptueller Ebene nicht nachvollzogen werden kann. Da also sowohl das
Verfahren der Lehnübersetzung als auch die Übernahme des Lehnworts aus
formalen und semantischen Gründen ausscheiden, bevorzugen die Sprecher die
unabhängig im Französischen gebildete, ebenfalls metaphorische Bezeichnung pirate.[18]
Im Spanischen ist dagegen die Übernahme des Lehnworts unproblematisch, da das
Lexem cracker in der Bedeutung ‚Kräcker‘ nicht existiert. 4.3.5.
Bedeutungsdifferenzierungen
Bei
der Wiedergabe von engl. e-mail im Französischen und Spanischen lassen
sich keine eindeutigen Präferenzen für Lehnwort oder Lehnübersetzung
ausmachen. In beiden Sprachen können zur Bezeichnung elektronisch versandter
Nachrichten, der entsprechenden technischen Einrichtung sowie der E-mail-Adresse
sowohl das Lehnwort e-mail/mail als auch die Lehnübersetzungen frz. courrier
électronique bzw. span. correo electrónico verwendet werden. Dass
in diesem Fall bei einem metaphorischen, leicht zu übersetzenden Ausdruck
anstelle der Lehnübersetzung verhältnismäßig häufig ein Lehnwort verwendet
wird, lässt sich wiederum durch die besonderen sprachlichen Umstände erklären.
Werden neben der Übernahme eines Lehnworts in der Replikasprache Lehnübersetzungen
oder freie Neologismen gebildet, so führt dies zunächst zwangsläufig zur
Entstehung von Synonymie. Laut Gaudin kann es durch die parallele Verwendung
unterschiedlicher Termini zu einer “insécurité linguistique” kommen, die
sich darin äußere, dass den verschiedenen Termini von den Sprechern
unterschiedliche Bedeutungen unterstellt würden: “Ainsi,
la coexistence en français des formes recombinant et recombiné, emprunt de
traduction, conduit légitimement à opposer ces deux formes et donc à opérer
des distinctions notionnelles. […] Ce fait illustre bien le mouvement spontané,
et légitime, qui est d’établir une distinction sémantique entre deux formes,
deux signifiants proches. C’est là une loi linguistique élémentaire”
(Gaudin 1994:55; vgl. auch Reinart 1991:75). Laut
Le Guilly-Wallis lassen sich aus der jeweiligen Verwendung von Lehnwörtern und
Lehnübersetzungen im französischen Computerwortschatz bestimmte semantische
Grundtendenzen ableiten. Französische Ersatzwörter drücken ihrer Ansicht nach
grundsätzlich allgemeinere Bedeutungen aus als fachsprachliche Anglizismen:
“Il semblerait que les mots des deux langues sont utilisés, mais dans des
contextes différents. La tendance serait d’utiliser le français pour une
notion plus générale et l’anglais pour un concept plus précis” (Le
Guilly-Wallis 1991:119 und 122). Genau
dieses Phänomen scheint sich nun bei den französischen und spanischen Äquivalenten
zu engl. e-mail abzuzeichnen. Das Lexem ist innerhalb der
Modellsprache vieldeutig, da es sowohl für die technische Einrichtung (to
send something by e-mail), die Nachricht selbst (to send an e-mail),
die Email-Adresse (What’s your e-mail ?) und – als Verb – für den
Vorgang (to e-mail something) stehen kann. Im Unterschied zum Englischen
sind die semantischen Differenzierungen in den romanischen Sprachen auch auf der
Ausdrucksseite sichtbar, da die Wortarten im Zuge der morphologischen
Integration zugewiesen werden müssen (vgl. frz./span. un mail vs. frz. (e-)mailer
und span. emailear) und inhaltliche Unterschiede bei Lehnübersetzungen
durch die Wahl bestimmter replikasprachlicher Lexeme oder Affixe zum Ausdruck
gebracht werden können (vgl. frz. messagerie électronique/message électronique;
span. servicio de correo electrónico/mensaje de correo electrónico u.ä.).
Es scheint sich außerdem im Korpus eine Bedeutungsdifferenzierung zwischen
Lehnwort und Lehnübersetzung anzubahnen, die der Polysemie des Lehnworts
entgegenwirkt: Während in der Bedeutung ‚message électronique‘ das
Lehnwort e-mail bzw. mail deutlich überwiegt, werden in der
Bedeutung ‚messagerie électronique‘ und ‚adresse électronique‘
Lehnwort und Lehnübersetzung etwa gleich häufig verwendet. Damit entsteht im
Französischen und Spanischen eine feinere Differenzierung, als sie in der
englischen Modellsprache vorliegt. Es bleibt abzuwarten, ob sich die derzeitigen
Unterschiede im Gebrauch weiter verschärfen. Sollte sich wirklich eine stabile
Opposition zwischen dem Lehnwort e-mail/mail und seinen Lehnübersetzungen
herausbilden, so könnte dieser Umstand erklären, weshalb in diesem Fall ein
englischer metaphorischer Terminus nicht automatisch übersetzt wird, obwohl die
Metapher auch im Französischen und Spanischen funktioniert und keine formalen
oder semantischen Faktoren gegen eine Übersetzung sprechen. 4.3.6.
Zentrale und gut integrierte Anglizismen
Bei
den Lexemen (Inter)net und web ist zu beobachten, dass sie trotz
ihres metaphorischen Charakters im Französischen und Spanischen als Lehnwörter
beibehalten werden. Zwar werden auch Lehnübersetzungen wie frz. réseau
und toile oder span. red recht häufig verwendet – insgesamt
aber überwiegt das Lehnwort jedoch deutlich gegenüber Bildungen mit
eigensprachlichem Material. Das stark metaphorische telaraña taucht
sogar nur sporadisch als spanischer Ersatz für web auf. Im
Gegensatz zu den oben diskutierten Fällen bieten weder semantische noch formale
Faktoren in diesem Fall eine befriedigende Erklärung für die Bevorzugung der
Lehnwörter. Beide Lexeme können ohne größere Schwierigkeiten übersetzt
werden und die Metaphorik ist auch bei den Lehnübersetzungen ohne Weiteres in
der Replikasprache nachvollziehbar. Im
Fall von Internet mag die Akzeptanz des Lehnworts u.U. mit dem
lateinischen Bestandteil inter- zu tun haben, der sowohl im Französischen
als auch im Spanischen als gelehrtes Wortbildungsmorphem existiert. Einer der
zentralen Aspekte des Internet – nämlich die Verbindung über geographische
Grenzen hinweg – wird also für den Sprecher einer romanischen Sprache
ausreichend durch den Anglizismus zum Ausdruck gebracht, so dass man es hier mit
einem teilmotivierten Lehnwort zu tun hat. Bei Bildungen mit gelehrten Affixen
bedienen sich die romanischen Sprachen außerdem ebenfalls der eigentlich
untypischen Reihenfolge Determinans – Determinatum, so dass auch dadurch dem
nach germanischer Wortbildungsweise gebildeten Kompositum weniger Fremdartigkeit
anhaftet. Dazu
kommt, dass es sich bei Internet und web um so zentrale
Bezeichnungen des Internetwortschatzes handelt, dass man annehmen kann, dass sie
schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt übernommen wurden, als erste ihren Weg
von der Fach- in die Gemeinsprache gefunden haben und heute die weiteste
Verbreitung genießen. Dies trifft vor allem für Internet zu, das sowohl
im Französischen als auch im Spanischen die bei weitem am häufigsten
gebrauchte Bezeichnung im Korpus darstellt. Im Gegensatz zu allen anderen
Internetanglizismen können Internet, web und e-mail inzwischen
sogar als unveränderliche Adjektive verwendet werden (vgl. serveur web,
message e-mail, servicio internet etc.). Bei diesen zentralen Bezeichnungen
mögen daher die kognitiven Vorteile der Metapher weniger wiegen als die gute
Etablierung der Anglizismen im Sprachgebrauch. 5. FazitDie
Untersuchung eines Zeitungskorpus zum französischen und spanischen
Internetwortschatz hat gezeigt, dass die Auswahl des Substitutionsverfahrens im
lexikalischen Sprachkontakt keinesfalls willkürlich geschieht, sondern
bestimmten Regeln folgt, die sich aus den besonderen Eigenschaften der
fremdsprachlichen Vorlage ergeben. Im
Allgemeinen findet sich in Wortschatzbereichen, die stark vom
angloamerikanischen Kulturkreis beeinflusst sind, eine Fülle integraler
Entlehnungen aus dem Englischen. Obwohl Lehnwörter aus Gründen der Sprachökonomie
bessere Startvoraussetzungen haben als Lehnübersetzungen oder eigensprachliche
Bildungen, setzen sich bei metaphorischen Ausdrücken auf lange Sicht eher Lehnübersetzungen
durch. Da durch die wörtliche Übersetzung auch in der Replikasprache bildhafte
Ausdrücke entstehen, die den französischen und hispanophonen Sprechern den
Zugang zu neuen und wenig anschaulichen technischen Errungenschaften
erleichtern, sind die kognitiven und kommunikativen Vorteile der Lehnübersetzungen
so groß, dass sie die zahlenmäßig überwiegenden, aber unmotivierten Lehnwörter
fast vollständig verdrängen können. Die Tatsache, dass gerade Bezeichnungen
wie cookie, hacker und hotlist nicht wörtlich übersetzt werden,
sowie die Wiedergabe von cracker durch einen unabhängigen französischen
Neologismus unterstreichen die Bedeutung der Motiviertheit für die Wahl des
Ersatzverfahrens: Offensichtlich wird eine irreführende Motivation als so störend
empfunden, dass in diesen Fällen unmotivierte Lehnwörter vorgezogen werden.
Die kognitive Relevanz der Metaphorik ist wahrscheinlich auch dafür
verantwortlich, dass im Korpus keine unidiomatischen, “sklavischen” Lehnübersetzungen
lexikalisierter Komposita und Derivativa zu finden sind, denn englische
Bezeichnungen wie bookmark oder attachment sind nur dann im Französischen
und Spanischen ebenfalls metaphorisch, wenn man sie als lexikalisierte Einheiten
übersetzt. Wenn
eine wörtliche Übersetzung schwierig oder unmöglich ist (vgl. cookie,
hacker, spam), sorgt das Prinzip der Sprachökonomie dafür, dass der
englische Ausdruck unübersetzt in die Replikasprache übernommen wird. Nur in
einem einzigen Fall wird bei Übersetzungsschwierigkeiten trotz des höheren
kognitiven Aufwandes ein eigensprachlicher Neologismus dem Lehnwort vorgezogen,
da die Übernahme des Lehnworts zu einer störenden Polysemie führen würde:
Anstelle von hacker und cracker verwendet das Französische das
ebenfalls metaphorische Lexem pirate. Auch bei zentralen, bereits gut
etablierten Bezeichnungen des Internetvokabulars wird – wohl wegen der
besonderen Konnotationen des Lehnworts – bisweilen neben der Lehnübersetzung
ein Anglizismus verwendet (vgl. chat, web, mail). Lediglich bei der
Metapher firewall sowie bei der Entlehnung von frame ins Spanische
kann letztlich kein Grund dafür angegeben werden, dass keine Übersetzung
vorgenommen wird. Die
Vorteile der Lehnübersetzung bei Metaphern liegen damit nicht auf
kommunikativer, sondern auf kognitiver Ebene: Sie erleichtern nicht die Verständigung
zwischen verschiedenen Sprechern, sondern vielmehr das Verständnis der neuen
Konzepte beim einzelnen Sprecher. Bei nicht metaphorischen Bezeichnungen sind
dagegen die Vorteile der Motiviertheit zu unbedeutend, als dass sie eine im
Vergleich zum Lehnwort aufwendigere Übersetzung rechtfertigen würden. Dadurch,
dass die Lehnübersetzungen nicht nur Einzelmetaphern, sondern ganze
Wortschatzbereiche betreffen, findet nicht nur eine zwischensprachliche
Angleichung des Bedeutungsspektrums einzelner Lexeme statt, sondern die Übernahme
ganzer Bildspender von einer Sprach- und Kulturgemeinschaft in die andere. Die
fachsprachliche Lehnübersetzung ist damit ein weiterer Beitrag zur inneren
Angleichung der europäischen Sprachen: Bildhafte Ausdrücke, die vorwiegend im
angloamerikanischen Kulturraum geprägt werden, breiten sich durch sukzessive Übersetzungen
in andere Sprachgemeinschaften aus. Die Folgen dieses Diffusionsvorgangs gehen
weit über die rein sprachliche Ebene hinaus, denn die Bildhaftigkeit der Ausdrücke
bringt es mit sich, dass über die sprachlichen Isomorphismen auch kognitive
Isomorphismen von einer Kulturgemeinschaft in die andere übertragen werden.
Abstrakte, der menschlichen Wahrnehmung schwer zugängliche Sachverhalte werden
auf diese Weise überall mithilfe der gleichen mentalen Modelle
konzeptualisiert, verstanden und behalten. Auch für die modernen Fachsprachen
gilt daher, was Harald Weinrich bereits 1958 herausstellte: “Es gibt eine
Harmonie der Bildfelder zwischen den einzelnen abendländischen Sprachen. Das
Abendland ist eine Bildfeldgemeinschaft” (Weinrich 1976:287). 6. Literatur6.1. Aufsätze
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Rekonstruktion der Kognitionswissenschaft als Technologie, Bamberg. Woltjer,
Johanna (1984): “Computer Terminology and Its Influence on Language”, in: Geolinguistics
7, 127-132. Yong,
Liang (1987): “Mensch/Maschine-Konversion und Terminusbildung”, in: Muttersprache
97, 226-233. 6.2. Korpus
Französische
Zeitschriften
Internet
en action, Nr. 4, November 2000. Internet
pratique, Nr. 4,
November 2000. Net@cess,
Nr. 1, November 2000. Web
magazine, Nr. 19, November 2000. Yahoo
! Internet life,
Nr. 8, November 2000. Mexikanische
Zeitschriften
Internet
Advisor, Nr. 16, August 2001. Mundo
Internet, Nr. 6, Juni 2001. PC
Magazine en español, edición especial, September
2001. PC
Media, Nr. 6, Juni
2001. WWW
– Vivir en Internet,
Nr. 19, August 2001.
[1] In der europäischen Sprachwissenschaft findet man außerdem Bezeichnungen wie Metaphernthemen, Metaphernfelder, Metaphernsysteme, Bildfelder etc. (vgl. Polzin 1999:211). [2] Vgl. Woltjer 1984:129: “A remarkable phenomenon in computer terminology is that many programs and devices have been given functional names which formerly did refer to a person performing a task.” Zum metaphorischen Gebrauch von Personenbezeichnungen in der allgemeinen Computerterminologie vgl. Yong 1987; zur Bedeutung der anthropomorphisierenden Darstellung von Internet-Interaktionen vgl. Krämer 1997. [3] Zum Vergleich menschlicher Handlungen und maschineller Operationen durch Metaphern vgl. Schmitz 1988:162; zum mentalen Modell HANDLUNG in der Techniksprache vgl. Jakob 1991:66. [4] Rohrer sieht hier zusätzlich eine Formanalogie zwischen Autobahnen und Computerkabeln (vgl. Rohrer 1997). [5] Vgl. die Listen Termes relatifs au courrier électronique vom 2.12.1997 (einsehbar unter http://www.culture.fr/culture/dglf/cogeter/2-12-97-mel.htm), Vocabulaire de l’informatique et de l’internet vom 16.3.1999 (http://www.culture.fr/dglf/cogeter/16-03-99-internet-listes.html), Vocabulaire de l’informatique et de l’internet vom 1.9.2000 (http://www.culture.fr/dglf/cogeter/1-9-00-internet.htm). [6] Seewald (1998:376) sieht einen Unterschied zwischen innersprachlich entstandenen Metaphern und solchen bildhaften Ausdrücken, die durch Lehnübersetzung in die Nehmersprache geraten. Ihrer Ansicht nach muss man bei letzteren einen Vorgang der Rückerschließung annehmen: Nachdem die Metapher durch Sprachkontakt in die Replikasprache gelangt ist, stellen die Sprecher nachträglich eine metaphorische Verbindung her. Dazu ist jedoch zu sagen, dass eine Rückerschließung grundsätzlich auch bei innersprachlich entstandenen, innovativen Metaphern erfolgt. Nur derjenige Sprecher, der eine innovative Metapher prägt, wird selbst kreativ – wenn andere Sprecher diese aufnehmen und weiterverwenden, so müssen auch sie zunächst die zugrunde liegende Similaritätsrelation rekonstruieren. Die Umstände, die schließlich zur Verbreitung der Metapher oder zu ihrer Ablehnung führen, gleichen sich jedoch grundsätzlich in beiden Fällen: Entscheidend für den Erfolg der Metapher ist, dass diese intersubjektiv nachvollzogen werden kann. [7] Formal betrachtet handelt es sich bei dem Eigennamen spam um ein Akronym aus dem Syntagma shoulder of pork and ham oder auch spiced ham. [8] Das selten gebrauchte spanische Äquivalent correo basura ist wohl eher als Lehnübersetzung zu junk mail anzusehen. [9] Nach einer freundlichen Auskunft von Klaus Fahnenstich, Redaktionsteam Das Online Vokabelheft. [10] Die Tatsache, dass Hänsel und Gretel nicht Keks-, sondern Brotkrümel verstreuen, spricht z.B. gegen eine Rückführung auf das Grimm’sche Märchen. [11] Diese Art der Benennung ist im Internetwortschatz recht häufig anzutreffen. Neben spam kann als Beispiel u.a. die Bezeichnung bug für einen Computerfehler angeführt werden, die auf die Informatikerin Grace Hopper zurückgeht: Bei einem Testlauf stellte sie fest, dass der Computer deswegen nicht funktionierte, weil eine Motte zwischen zwei Kontakten eingeklemmt war. Solche Bezeichnungen sind natürlich nur dann für einen Sprecher durchsichtig, wenn ihm die zugrunde liegende Anekdote bekannt ist. [12] Die Verfasserin hat span. galleta in der Bedeutung ‘Cookie’ nur ein einziges Mal auf einer Internetseite entdeckt. Dabei handelte es sich jedoch offensichtlich um eine ironische Verwendung. Sie ist wohl nur zweisprachigen Sprechern verständlich, die eine Rückübersetzung vornehmen können. [13] Auch im Englischen kann hot diese metaphorische Bedeutung annehmen. Sie ist jedoch weniger zentral als im Französischen oder Spanischen. [14] Zu den metaphors of heat in der englischen Internetterminologie (hot web site, hot link, flame, flame war etc.) vgl. Gozzi 1997/98:480. [15] Sobald man jedoch über den europäisch-nordamerikanischen Kulturkreis hinausgeht, stellt man fest, dass auch in so neuen und stark amerikanisch beeinflussten Wortschatzbereichen wie der Computerterminologie deutliche kulturspezifische Eigenheiten in der Metaphorik bestehen können. In dieser Hinsicht ist u.a. eine Publikation von Diki-Kidiri/Mbodj/Baboya aufschlussreich, die sich mit der Computerterminologie verschiedener afrikanischer Sprachen befasst. Obwohl die untersuchten Kulturgemeinschaften hauptsächlich über die ehemalige Kolonialmacht Frankreich mit der Computertechnik in Kontakt kamen, findet man in diesen Sprachen Metaphern, die stark von der französischen Terminologie abweichen (z.B. für écran afrikanische Bezeichnungen, die sich durch ‘miroir ou lunette d’observation,’ ‘assiette d’observation’, ‘assiette d’exposition’, ‘ardoise d’exposition’, ‘ardoise de terre cuite’, ‘emplacement’, ‘mur’ etc. wiedergeben lassen; vgl. Diki-Kidiri/Mbodj/Baboya 1997:99). Schiefertafeln werden von den untersuchten Sprachgemeinschaften zum Kochen der Speisen verwendet und stellen damit einen zentralen Gegenstand ihrer Lebenswelt dar. [16] Mögliche französische Entsprechungen für engl. to crack wären je nach Kontext z.B. décoder, déchiffrer, fendre, casser, craquer. Für das Spanische kämen etwa romper, chasquear, cascar, quebrantar etc. in Frage. [17] Nur in seltenen Sonderfällen können solche blends in anderen Sprachen nachempfunden werden. Im Computerbereich ist hier z.B. das englische Lexem applet (gebildet aus application und dem Suffix –let) zu nennen, für das die offizielle französische Terminologiekommission das Ersatzwort appliquette vorschlägt. Die etymologische Entsprechung zwischen den einzelnen Bestandteilen erleichtert in diesem Fall die Nachahmung des Wortbildungsverfahrens, auch wenn das Ergebnis eigentlich im Französischen inkorrekt ist, da sich das Suffix –ette nur mit vollständigen freien Lexemen verbinden kann. [18] Es ist wahrscheinlich, dass auch pirate letztlich auf englischen Einfluss zurückgeht. Eine Sichtung mehrerer englischsprachiger Glossare zum Computer- und Internetwortschatz konnte zwar keinen Beweis für die Existenz einer englischen Vorlage *pirate erbringen – wohl aber existiert ein Lexem piracy, das die unbefugte Aneignung von Daten bezeichnet und in Form der Lehnübersetzung piraterie bzw. piratería ins Französische und Spanische übernommen wurde. Falls engl. *pirate ‘Hacker, Cracker’ nicht ohnehin früher einmal existiert und die Vorlage für frz. pirate abgegeben hat, mag es sich um eine innerfranzösische Ableitung handeln, die aufgrund ihres metaphorischen Charakters dem Lehnwort vorgezogen wurde. Letztlich bestätigt also auch dieses Beispiel die allgemeine Tendenz, metaphorische Ausdrücke unmotivierten Lehnwörtern vorzuziehen. [PDF] |
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