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Es handelt sich hier um einen Beitrag der in Schriftform erschienen ist in der Festschrift für Marius Sala, Bukarest 2000 (in Deutschland fast nicht zugänglich); verfasst wurde der Beitrag Ende 1997.

 

Semantische Struktur und Textfunktion – das Schwein im Französischen und Deutschen

(Dietmar Osthus, Bonn)

 

 

1. Problemstellung der Analyse

Eines der nützlichsten Tiere ist das Schwein. Es verschafft Nahrung, Leder, Haarbür­sten, Gelatine und Saumagen und wird seit frühgeschichtlichen Zeiten geschlachtet und verspeist. Schon Steinzeitmenschen züchteten gezielt ursprünglich wild lebende Schweine und führten sie der Nahrungskette zu. Schriftliche Zeugnisse über die Schweinezucht finden sich bei Aristoteles, Plinius und Thomas von Aquin; kultische Bedeutung erlangte es im Orient durch ägyptische, jüdische und isla­mische Nah­rungstabus. Wie sehr das Schwein dem Menschen Glück und Freude bereiten kann, verdeutlicht ein altes Scherzwort in der Ile de France (Guillemard 1990 :117):

« Si tu veux être heureux un jor,

Marie toi donc,

Si tu veux être heureux huit jors,

Tue ton cochon »

Im europäischen Mittelalter darf das Schwein noch vor Rind und Schaf als wich­tigster Fleisch und Fettlieferant gelten (Hägermann 1994:1640), und bis zum tra­gischen Un­falltod des französischen Kronprinzen Philippe, des äl­testen Sohns Ludwigs des Dicken, dessen Reitpferd am 3. Oktober 1131 über ein um­herirrendes Schwein stolperte (Lar du XIXe s. IV, 511), genossen die Pariser Schweine das Privileg des freien Streunens in den Straßen der Hauptstadt [1] .

Neben der ökonomischen Nutzung ist das Verhältnis des Menschen zum Schwein aller­dings durch eine einseitige und ungerechtfertigte Verachtung des Tieres bestimmt. Das Schwein dient als metaphorischer Bildspender für sexuelle, hygienische oder morali­sche Ausschweifungen und kann schon früh in idiomatischen Wendungen als Synonym für verachtenswerte menschliche Charakterzüge belegt werden. In einem doppelten Metaphorisierungsprozeß wird das Schwein zuerst anthropomorphisiert, um anschlie­ßend den Menschen zum metaphorisches Schwein zu machen. So schrieb Buffon über das Schwein­, daß „il est l’animal le plus brut; que toutes ses habitudes sont grossières, tous ses goûts immondes“ [2] , womit er sowohl die hohe Lernfähigkeit, den fein ausgebil­deten Ge­ruchssinn und ein ausgeprägtes Sozialverhalten des Nutztieres unterschlägt.

Die hohe Bedeutung des Schweins im menschlichen Alltag spiegelt sich in der Gemein­sprache, der deutschen wie der französischen, wider. Für eine kontrastive deutschfran­zösische Semantik ist das Schwein ein hochinteressantes Betrachtungsobjekt, da es zum einen zumindest innerhalb der euroasiatischen Kulturgemeinschaft seit mehreren Jahr­tausenden eine kulturelle Universale darstellt, insofern ein ideales Bezugsobjekt refe­renzsemantischer Vergleiche ist, und zum anderen als multilingualer Bildspender für metaphorische Ausdrücke und idiomatische Syntagmen belegt werden kann. Das Schwein ist Teil der von Weinrich (1976:287) postulierten „abendländischen Bildfeld­gemeinschaft“. Nichtsdestotrotz kann ein semantischer Sprachenvergleich nicht bei die­ser schon aus lexikographischen Werken zu gewinnenden Einsicht stehenbleiben, son­dern muß neben einer detaillierten Gegenüberstellung semantischer Strukturen Ge­brauchsfrequenzen und Textfunktionen der jeweiligen lexikalischen Einheiten berück­sichtigen, um auf die von Weigand (1997:129) gestellte Leitfrage pragmatischer Unter­suchungen nach der „Rolle der Wörter im Sprachgebrauch“ angemessen antworten zu können. Neben der abstrahierten Systembedeutung eines Lexems gilt es, textsemantisch seine Funktion im Sinne der „pragmatisch bestimmten Auslotung sprachlicher Zeichen“ (Schmitt 1997:125) zu erschließen.

 

2.1 Das Wortfeld „Schwein“

Der in den 30er Jahren durch Jost Trier (1931) geprägte WortfeldBegriff gilt späte­stens seit den Studien Coserius (1973) und Geckelers (1971) zumindest innerhalb der romanischen Sprachwissenschaften als das zentrale Paradigma der strukturellen lexika­lischen Semantik, als „structure fondamentale du lexique“ (Geckeler 1997:93), wobei sich ein erheblicher Wandel der Wortfeldkonzeptionen beobachten läßt von einem klarumgrenzten, als Wortmosaik gedachten Sinnbezirk (Trier 1973:50) hin zu flexibleren Darstellungsformen, welche graduelle und hierarchische semantische Über­lagerungen einschließen können (Coseriu 1973:5557) und somit auch komplexeren Strukturen Geltung verschaffen. Für konkrete Nomina setzte sich die Darstellung in Form einer Merkmaltabelle durch, welche auf der Annahme einer Parallelität phonolo­gischer und semantischer Strukturierungsmuster basiert. Zwischen den einzelnen Gliedern eines Wortfelds, die sich sämtlich durch ein Bündel gemeinsamer Inhalts­merkmale auszeichnen, werden semisch beschreibbare Minimaloppositionen als Gliederungs­struktur des onomasiologischen Kontinuums angenommen.

Für die im Deutschen und im Französischen gewöhnlichsten Bezeichnungen für das Schwein ist eine semantische Feldgliederung anhand der semantischen Opposi­tionen Geschlecht, Generationenzugehörigkeit sowie biologischer Status (Bezeichnung des lebendes Tieres vs. Bezeichnung des verwertbaren Fleischs) auszumachen, wie fol­gende Tabelle (nach PRob) zeigt:

deutsche Bezeichnungen

 

männlich (m)/

weiblich (w)

Eltern (e) /Kind (k)

lebendig (l)/tot (t)

Schwein

0

0

0

Sau

w

e

l

Eber

m

e

l

Ferkel

0

k

0

französische Bezeichnungen

cochon

0

0

l

porc

0

0

0(t)

truie

w

e

l

verrat

m

e

l

goret

0

k

0

porcelet

0

k

0

 

Im Deutschen wie im Französischen wird das Wortfeld durch Archilexeme bestimmt. Dem Deutschen Schwein stehen als französische Äquivalente cochon und porc gegen­über, wobei cochon auf die gesamte biologische Gattung der Schweine, also auch der Wildschweine (frz. sanglier bzw. cochon sauvage) Anwendung finden kann, während porc für das gezüchtete Hausschwein steht. Auf dieser semantischen Differenzierung kann auch die übliche Bezeichnung des Schweinefleischs als porc begründet sein, wäh­rend viande de cochon zumindest als Produktbezeichnung in Metzgereien unüblich ist. Präzise semantische Entsprechungen ergeben sich in der strukturellen Analyse der ge­schlechtsmarkierenden Bezeichnungen der Elterntiere, zwischen dt. Sau und frz. truie, sowie zwischen dt. Eber und frz. verrat. Konvergenzen zeigen sich in den Vergleichs­sprachen auch zwischen den Bezeichnungen für Jungtiere. Dem deutschen Ferkel ste­hen die französischen Entsprechungen porcelet und das seltener verwendete goret ge­genüber.

Aus referenzsemantischer Perspektive ergibt sich also eine weitgehende Übereinstim­mung der deutschen und französischen Wortfeldstrukturen. Die geringfügig höhere Dichte des französischen Felds kann zudem im Deutschen mithilfe des höheren Wort­bildungspo­tentials im Bereich der Komposition ausgeglichen werden. Übersetzungs­probleme erge­ben sich kaum, die interlinguale Kommunikation mit Bauer und Metzger stellt keine nennenswerten Probleme.

 

2.2 Metaphorisierung und Textfunktion

Eine textfunktionale Analyse des dargelegten Wortfelds erfordert  die Beschrei­bung der vom Bildspender „Schwein“ ausgehenden Metaphorisierungsprozesse auf der Basis einer kontrastiven, auf authentischen Paralleltexten [3] gegründeten Korpusanalyse, ist doch in der Gemeinsprache die metaphorische Verwendung des Schweins fre­quenter als die nichtmetaphorische. Grundlage der ausgewerteten Korpora sind auf elektronischen Datenträgern (CDROM) erschienene Jahrgangsausgaben der deutschen und französi­schen überregionalen, in der jeweiligen Hauptstadt erscheinenden Tages­zeitungen die tageszeitung (taz) sowie Le Monde (LM).

Einschränkend zu metaphorischen Verwen­dungen des Schweins in der Pressesprache ist der restriktive Gebrauch insbesondere von diffamierenden Kraftausdrücken im journali­stischen Kommentar anzumerken. Gleich­wohl finden sich selbst in Le Monde, der sich um einen gepflegten Sprachstil bemüht, in wörtli­chen Zitaten, der Textsorte Glosse so­wie in indirekter Rede auch idiomatische, metaphorische Wendun­gen, die in der Lexi­kographie als populär­sprachlich oder gar vulgär markiert sind. Sie widersprechen folg­lich nur bedingt den akzeptierten Textsortenkonventionen.

Bevorzugter Bildempfängerbereich der Schweinemetaphorik ist menschliches Verhal­ten, wobei die moralische Wertung im Vordergrund steht. Als Element einer diffamie­renden Beleidigung finden sich sowohl deutsche als auch französische Belege:

(1)     Der einzige WerderSpieler, der in der nächsten Saison in einem europäischen Wett­bewerb spielt, ist Mario Basler, und der ist bekanntlich dann kein WerderSpieler mehr, sondern wie die SchalkeFans geschmacklos gröhlten ein "BayernSchwein". Das ist er natürlich nicht. (tazHB 20.5.96, 24)

(2)     Daß sein Vater der Grund für die seinerzeitige Flucht aus seinem Heimatort war, wurde Pericle schon wenige Tage danach klar [..] ; Mutter weinte nur immer vor sich hin und sagte, "sie werden uns alle umbringen", der ältere Bruder (..)  schrie, daß er das schon besorgen werde, wenn der ihm unter die Finger käme, "dieses Schwein, dieser Verrä­ter"  worunter er seinen Vater verstand. (taz 23.5.96, 11)

(3)     Bei derartigem Fußballkonsum wird die Rolle des TVKommentatoren durch sachlich präzise Anmerkungen des Kneipenpublikums ("Faule Sau, die!") angenehm ausge­blendet. Stell dir vor, es ist Rubenbauer, und keiner hört ihn! (taz 18.4.96, 18)

(4)     Montesquieu donne le ton dans le douzième livre de l'Esprit des lois : "L'espionnage serait peutêtre tolérable s'il pouvait être exercé par d'honnêtes gens; mais l'infamie nécessaire de la personne peut faire juger de l'infamie de la chose." Plus tard, Balzac parlera de l'espionnage comme d'un "affreux métier", Stendhal comme d'un "mot infâme" et, dans la Débâcle, Zola stigmatisera encore "le sale cochon d'espion". (LM 7.5.94, 8)

(5)     M. Demjanjuk (..) avait quitté sa prison de TelAviv mardi soir et avait été conduit à la porte d'un Boeing 747 assurant un vol direct pour NewYork, où ses gardiens lui avaient enlevé ses menottes. Lorsqu'il a pénétré dans l'avion, plusieurs passagers ont conspué l'ancien nazi, le traitant de "meurtrier", de "porc" ou de "nazi". (LM 24.9.93, 13)

In ihrer beleidigenden Funktion entsprechen den deutschen Schwein und Sau die franzö­sischen porc und (sale) cochon, wohingegen die im Deutschen vollzogene Charakteri­sierung eines Menschen als Schwein eine weitaus gravierendere moralische Verurtei­lung beinhaltet als die Zuschreibung eines caractère de cochon, mit dem die Eigen­schaft der Sturheit und des mitmenschlich schwierigen Umgangs umschrieben wird:

(6)     Irische Politiker warfen der Polizei daraufhin empört Parteilichkeit vor. Wo waren diese Leute bloß in den vergangenen 30 Jahren? Was ist von einem Schwein anderes zu erwarten als ein Grunzen? Schließlich hat die RUC ein erhebliches Interesse an diesem Konflikt: Es geht für sie um Jobs, Überstunden und Gefahrenzulage. (taz 15.7.96, 10)

(7)     [Über Simone Veil] Très vite, il est manifeste qu'elle a "son" caractère. Un caractère de cochon, en vérité. Ses colères deviennent célèbres, même à l'étranger. Si elle tombe sous le charme de Fidel Castro (elle qui est viscéralement anticommuniste), il lui arrive d'être odieuse, notamment avec les membres du corps diplomatique. (LM 22.6.93, 1)

In beiden Vergleichssprachen belegt werden konnten ebenso metaphorische Projizierungen des Schweins auf das menschliche Sexualverhalten, wobei im Französischen das auch adjektivisch verwendbare cochon stärker auf Obszönität und frequente sexuelle Aktivität referiert, während die deutschen Schwein und Sau in Verbindung mit als kon­kret schmutzig oder moralisch verwerflich empfundenen Sexualpraktiken gebraucht werden:

(8)     [Sexuelle berufliche Abhängigkeiten] Alles wie im richtigen Leben: Der Professor ist ein Schwein, der die Meriten einheimst, während die anderen sich die Labornächte um die Ohren schlagen. Die Doktorandinnen sind bezaubernd und huschen neckisch är­schelnd über die Flure. (taz 22.5.96, 10)

(9)     Madonna hat einen in KühlschrankBlautönen gehaltenen Auftritt als HighTechPuffmutter, Naomi Campbell teilt sich einen CrackJoint mit Girl 6, Halle Berry schnauzt einen imaginären Klienten zusammen, "du Sau, läßt du schon wieder deinen Schwanz tropfen!". (taz 23.5.96, 15)

(10)  [L’Encyclopédie du nu au cinéma] Il en va des livres sur le nu et ses représentations (au cinéma, entre autres) comme du nu luimême : tout est affaire de point de vue. Entre l'opuscule cochon et l'ouvrage savant, la différence passe par la position adoptée par l'auteur, et celle qu'il requiert du lecteur. (LM 28.4.94, 6)

(11)  On avait annoncé un peu partout qu'avec le passage de Madonna à Bercy un séisme érotique allait nous faire grimper très haut dans l'échelle du Cochon émoustillé. Des associations de bienpensants conservateurs avaient informé la presse qu'un procès était en cours contre la chanteuse, accusée de pervertir la jeunesse (..). (2.10.93, 23)

(12)  [Filmtitel] Du plus noble ("Vampyr", de Carl Dreyer, 1932) au plus drôle ("le Bal des vampires", de Roman Polanski, 1967), en passant par les plus délirants  "Blacula, Spermula, Deafula" (pour les malentendants), "Dracula me pompe!" (deux versions, dont une porno), "Ce vieux cochon de Dracula",  les vampires et leur prince occupent une place de choix sur les écrans. (LM 7.1.93, 33)

Eine im französischen Korpus nicht belegte Verwendung von Schweinemetaphorik projiziert das tierische Verhalten des Schlammwühlens auf die von Menschen erzeugte Umweltverschmutzung mit Hilfe des Lexems Ferkel, welches darüberhinaus vorwie­gend im Sinne das Geschmacksempfinden störender mangelnder Reinlichkeit Anwen­dung findet:

(13)  Während in den letzten Tagen von taz bis Bild, von Grün bis zum CSUGeneralsekre­tär zum Boykott gegen Shell aufgerufen wird, stehen Sie plötzlich im Abseits. Just in jenem Augenblick, wo das Land gegen die britischen ÖlbohrFerkel keine Parteien mehr kennt. (tazBerlin 16.6.95, 21)

(14)  "Mensch, Jürgen, du frühstückst wie ein Ferkel. Guck mal hier, wie du wieder ge­kleckert hast." Regina HammerSchmidt nimmt einen Lappen und wischt den Teefleck von dem Tisch des Aufenthaltsraums. (tazBerlin 20.2.95, 28)

(15)  Männer sind pflegeleichter, und das war schon immer so. Ich weiß jetzt auch, daß sie häufig eine Glatze haben. Muß ich mal drauf achten. Auch die freie Wahl eines Troc­kenhaarschnitts wird vielfach abgelehnt  aus hygienischen Gründen. Die meisten sind doch Ferkel  ohne jede geschlechtliche Differenz. (taz 21.10.95, 32)

Neben der Projizierung angeblich schweinischer Verhaltensmuster auf menschliche Charakter­eigenschaften tritt in den belegten metaphorischen Wendungen das Schwein auch als bedauernswerte Kreatur, als prototypisches Schlachtopfer, in Erscheinung. Das deutsche und das französische Korpus unterscheiden sich hier jedoch anhand der durch festge­fügte lexikalische Solidaritäten geprägten metaphorischen Syntagmata. Während das arme Schwein bzw. die arme Sau  eine relativ weite semantische Extension vorwei­sen und auf jegliche Form bedauernswerter Kreaturen, metaphernspielerisch sogar auf Schweine selbst, mit hoher Expressivität Anwendung finden, ist der cochon de payant lediglich aufgrund finanzieller Verpflichtungen zu bemitleiden:

(16)  Im Zoo und der freien Wildbahn bestimmt das weibliche Geschlecht, wo's langgeht. [..] So gesehen ist auch "Henry" ein armes Schwein. Als einziger Mann von fünf chinesi­schen Maskenschweinen, die der Tierpark Friedrichsfelde vor kurzem aus Warder in SchleswigHolstein erhalten hat, steht ihm kurz oder lang die Rolle zu, Vater des ersten "hauseigenen Wurfes" zu werden. (tazBerlin 1.6.96, 27)

(17)  Horst Paschke, genannt Horschti, ist eine arme Sau. Bademeister in einem Kinderbad, das wahrscheinlich demnächst schließt beziehungsweise bereits dicht ist  nichts Ge­naues weiß man nicht, aber man kennt das; Paschke hat es nicht geschafft. (taz-Berlin 4.4.96, 27)

(18)  [Interviewfrage] Im letzten "Tempo" fordert eine Leserin: "Wann schmeißt ihr diesen vernagelten Besserwisser endlich aus dem Heft?" Wie fühlten Sie sich, jeden Monat die Sau sein zu müssen? (taz 13.4.96, 17)

(19)  Hélas! à l'encontre de son prédécesseur Goodbye Jumbo, Bang! quitte par moments ces hauteurs stratosphériques pour sombrer dans la facilité. La facilité de Wallinger pourrait servir de talent à bien de ses confrères, mais après tout, le cochon de payant peut bien se permettre aussi quelques exigences morales. (LM 27.5.93, 33)

(20)  Après tout, le piratage est l'hommage du vice à la qualité. Et on ne saurait mettre un flic derrière chaque téléviseur. La chaîne fit donc avec, en se souvenant que derrière l'audience officielle, le cochon d'abonné, vous et moi, il y avait la grande masse fantomatique des bidouilleurs de décodeurs. (LM 13.9.94, 27)

Eine wesentliche funktionale Komponente, die mit metaphorischen Verwendungen von Gliedern des Wortfelds „Schwein“ verbunden ist, ist die der Expressivität. Da das menschliche Verhältnis zum Schwein, als Projektionsfläche für verdammenswerte Ver­haltensweisen wie für das Bedauern in der Opferrolle des Schlachttieres, durch hohe Emotionalität bestimmt ist, lebt das Schwein als frequentes Element ausdrucksstarker Kollokationen oder idiomatischer Wendungen. Die Verwendung der Schweinemetapho­rik gehorcht hier emotiven Bedürfnissen auf der Ebene der Symptomfunktion von Spra­che (Bühler 1934). So drückt das deutsche Syntagma kein Schwein bzw. keine Sau die Enttäuschung über menschliches Desinteresse aus:

(21)  Die Studenten sind wirklich arme Würstchen. Ob sie einen Vierundzwanzig-Stunden-Marathon rund um den Ernst-Reuter- Platz veranstalten (..) oder ihre Prüfungsarbeiten mit dem linken Fuß verfassen, damit sie in der rechten ein Transparent halten können - eigentlich interessiert das kein Schwein. (taz-Berlin 21.5.96, 21)

(22)  Auch hierzulande sind es vor allem von der Kirche unterstützte Gruppen, die bei­spielsweise den Mut (..) aufbringen, Strafgefangene zu besuchen. Dafür lohnt es sich, unter anderem Kirchensteuer zu zahlen. Auch für epd-Entwicklungspolitik oder Der Überblick, kritische (..) Mediendienste über die Probleme der armen Länder, die sonst keine Sau mehr thematisiert. (taz 10.4.96, 10)

Im französischen Korpus, in dem keine Entsprechung zum deutschen kein Schwein er­faßt ist, konnte dagegen cochon als ausdrucksstarke Phrasemkomponente frequenter idiomatischer Wendungen, wie cochon qui s’en dédit, das in der Regel einen privaten Schwur begleitet, oder copain (ami) comme cochon belegt werden:

(23)  Cochon qui s'en dédit, ils assurent également retenir la leçon de ces temps d'euphorie, où ils s'étaient laissés prendre au piège de la surqualification, par rapport au poste proposé, parce que des jeunes diplômés se trouvaient massivement à la recherche d'un emploi. (LM 7.9.93, 1)

(24)  [Neu-Kaledonischer Politiker] Et qu'on ne vienne pas soupçonner Jean-Charles de "racisme" ! Son père adoptif était un Canaque et sa belle-sœur est également canaque. Il est copain comme cochon avec le maire indépendantiste du village, militant du Palika, la branche "dure" du FLNKS, et dont il est le cousin issu de germain. Mais l'indépendance, non ! (LM 2.2.93, 1)

Insgesamt ist die Tendenz zu beobachten, daß im Deutschen Schwein und Sau als meta­phorisch eingliedrige Elemente Verwendung finden können, die allerdings bevorzugte, meist adjektivische lexikalische Solidaritäten eingehen können (keine Sau, faule/fette Sau, armes Schwein, (bluten) wie Sau (taz-Berlin 8.8.96, 28), während im Französi­schen cochon vor allem als Element mehrgliedriger Kollokationen belegt ist wie tête de cochon, caractère de cochon, mauvais comme un cochon (LM 15.7.93, 16), saigner le cochon à tout bout (LM 26.5.94, 24), (émission) entre lard et cochon (LM 18.1.93, 19). Trotz ähnlicher Metaphorisierungstendenzen und im großen und ganzen vergleichbarer Metaphernfunktionen im Deutschen und Französischen ist das Formeninventar der Schweinemetaphorik recht divergent. Präzise formal wie funktionale 1:1-Entsprechun­gen auf der Textebene bilden die Ausnahme.

 

3. Ergebnisse und Perspektiven

Die Gegenüberstellung der systemlinguistischen Wortfeldstrukturen und der kontrastiv-textsemantischen Betrachtung ergibt eine hohe strukturelle Konvergenz bei divergieren­den metaphorischen Gebrauchsformen und -funktionen. Während im Vergleich des Wortfelds „Schwein“ problemlos Entsprechungen zwischen deutschen und französi­schen Formen ermittelt werden konnten, erlaubt die knappe Korpusanalyse der deut­schen und französischen Schweinemetaphern den Schluß zum Teil erheblich divergie­render Textfunktionen. Neben der semantischen Differenz zeigt sich aber auch eine un­ter­schiedliche metaphorische Gebrauchsfrequenz der einzelnen Wortfeldglieder:

deutsche Begriffe

metaphorische Gebrauchsfrequenz

französische Begriffe

metaphorische Gebrauchsfrequenz

Schwein

21

cochon

29

Sau

22

porc

7

Ferkel

7

truie

1

Eber

0

goret, porcelet

1

 

verrat

0

 

Während Schwein und cochon ähnlich häufig metaphorisch im Text verwendet werden, liegen deutliche Unterschiede im metaphorischen Potential der Bezeichnungen für das weibliche und für das nicht-ausgewachsene Schwein. Den 22 Belegen für einen metaphorischen Gebrauch des deutschen Lexems Sau steht nur ein Beleg für die idio­matische Verwendung von frz. truie („grosse comme une truie“, LM 14.3.94, 25) ge­genüber. Während im Deutschen Ferkel immerhin sieben metaphorische Belege auf­weist, konnten goret und porcelet nur ein einziges Mal metaphorisch, und zwar in der Bedeu­tung von „Sparschwein“, im französischen Text (LM 31.8.93, 24) nachgewiesen werden.

Eine pragmatisch-textlinguistische Sprachbeschreibung kann also beispielhaft  zur Er­fassung wesentlicher zwischensprachlicher Unterschiede führen, die bei einer aus­schließlichen Konzentration auf systemlinguistische Fragestellungen unentdeckt blie­ben. Die Untersuchung zeigt, daß gerade sehr stark konventionalisierte Metaphern, die in beiden Vergleichssprachen sogar ähnliche Bildfeldstrukturen aufweisen, auf der funktionalen und syntagmatischen Ebene stark divergieren können. Jemandem, der im Deutschen als Charakterschwein tituliert werden könnte, würde kein Franzose einen caractère de cochon zuschreiben. Im Rahmen eines anwendungsorientierten Sprachver­gleichs, der sich als Hilfsmittel der Fremdsprachendidaktik wie der Übersetzungswis­senschaften (Schmitt 1991, Klein 1990) begreift, besteht daher ein hohes Bedürfnis nach einer kontrastiven Metaphorik, welche nicht bei der Diagnose abendländi­scher Bildfelder oder weitgehend universaler conceptual metaphors (Lakoff/Johnson 1980) stehenbleibt, sondern auf der Ebene der Sprachverwendung den Grad interlin­gualer kommunikativer Äquivalenz ermittelt und so mögliche zwischensprachli­che In­terferen­zen zu vermeiden hilft.

Überschreitungen der reinen wortsemantischen Betrachtung sind hier zwingend sowohl in Richtung der kontrastiven Textsemantik, welche im Zusammenspiel mit der kontra­stiven Phraseologie die Frage nach kollokativer Fixiertheit von Einzelmetaphern beant­worten müßte, als auch in Richtung einer kontrastiven Morphosemantik, die beispiels­weise funktionale Entsprechungen zu deutschen metaphorischen Präfixoid- oder Suf­fixoidbildungen ermitteln könnte – ein Komplex, der in dieser Kurzstudie ver­nachläs­sigt werden mußte, gerade im Bereich des Bildspenders „Schwein“ aber ein weites Un­tersuchungsfeld verspricht, etwa auf dem Gebiet der Gradation (sauwohl, schweinekalt) oder des expressiven Sprechens (Frontschwein) - .

Nicht alle Fragen lassen sich indes mit den Mitteln der Linguistik beantworten. So wird es der Klärung durch kommende gender-studies vorbehalten bleiben, weshalb zwar die Sau, nicht aber der Eber metaphorisch auf den Menschen projiziert wird. Was allerdings auch immer künftige Studien ergeben werden, so ist schon jetzt klar, daß aufgrund der Vielfalt der zu beob­achtenden Gebrauchsweisen des Bildspenders „Schwein“, der hohen Einsatzmöglich­keiten der Schweinemetaphorik in der alltäglichen Kommunikation die­ses zu Unrecht verachtete Tier dem Menschen nicht nur vielfältige nahrhafte, sondern auch mannigfa­che kommunikative Verwertungsmöglichkeiten bietet. Und dies gilt in Frankreich wie in Deutschland.

 

Literaturverzeichnis

1. Das Korpus

LM: Le Monde, Paris (Zitierweise: Tagesausgabe, Seitenzahl).

taz: die tageszeitung, Berlin (Zitierweise: Tagesausgabe, Seitenzahl).

2. Aufsätze und Monographien

 

Arntz, R. 1990, „Überlegungen zur Methodik einer ‘Kontrastiven Textologie’“, in: Arntz/Thome, 393-404.

Arntz, R./Thome, G. (edd.) 1990, Übersetzungswissenschaft - Ergebnisse und Perspek­tiven. Festschrift für Wolfram Wilss zum 65. Geburtstag, Tübingen

Bühler, K. ²1965 [11934], Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache, Jena.

Coseriu, E. 1973, Probleme der strukturellen Semantik, Tübingen.

Geckeler, H. 1971, Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie, München.

Geckeler, H. 1997, „Le champ lexical, structure fondamentale du lexique“, in: Hoin­kes/Dietrich (ed.), 93-103.

Guillemard, C. 1990, Les mots de la table et de la cuisine, Paris.

Hägermann, D. 1994, „Schwein“, in: Lexikon des Mittelalters VI, 1640.

Hoinkes, U./Dietrich, W. (ed.) 1997, Panorama der Lexikalischen Semantik, Tübingen.

Klein, J. 1990, „Possibilités et limites de la contrastivité dans l’apprentissage de l’opération traduisante“, in: Arntz/Thome, 416-429.

Kühlwein, W./Thome/ Wilß, W. (edd.) 1981, Kontrastive Linguistik und Übersetzungs­wissenschaften, München.

Lakoff, G./Johnson, M. 1980, Metaphors We Live By, Chicago.

Rein, K. 1983, Einführung in die kontrastive Linguistik, Darmstadt.

Schmitt, Ch. 1991, „Kontrastive Linguistik als Grundlage der Übersetzungswissen­schaft“, in: ZFSL, 227-241.

Schmitt, Ch. 1997, „Bedeutung, Pragmatik und Lexikographie“, in: Hoinkes/Dietrich (ed.), 115-127.

Spillner, B. „Textsorten im Sprachvergleich - Ansätze zu einer kontrastiven Textolo­gie“, in: Kühlwein/Thome/Wilss 1981, 239-251.

Trier, J. 1931, Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes, Heidelberg.

Trier, J. 1973, Aufsätze und Vorträge zur Wortfeldtheorie, Den Haag.

Weigand, E. 1997, „Semantik und Pragmatik in der lexikalischen Beschreibung“, in: Hoinkes/Dietrich (ed.), 129-145.

Weinrich, H. 1976, Sprache in Texten, Stuttgart.

 

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[1] Das Straßenbild der meisten europäischen Städte wurde langezeit durch streunende Schweine maßgeblich mitbestimmt. In Berlin wurden die Schweine erst 500 Jahre nach dem Pariser Verbot verbannt (Lar du XIXe s. IV, 511). 

[2] zitiert nach Lar du XIXe s. IV, 510.

[3] Mögliche Kriterien von Paralleltexten im Rahmen einer kontrastiven Textologie nennen Spillner (1981) und Arntz (1990)

 

 

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ISSN 1618-2006 (für das Journal)

zuletzt bearbeitet am 20.12.11